Ausgabe 
1.3.1873
 
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nach dem Ergebniß dieser Verhandlungen wird die zweite Kammer nochmals vor dem Zusammen⸗ tritt des Reichstags zur Abhaltung einer Sitzung veranlaßt sein.

Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 3. Februar den ordentlichen Professor Dr. Adalbert Merx zu

Tübingen zum ordentlichen Professor in der evangelisch theologischen Facultät der Landes- Universität zu ernennen und in der gedachten Eigenschaft zu berufen; am 20. Febr. den Hof bibliothekar, Cabinetsbibliothekdirector Dr. Alexan⸗ der Philipp Walther zum Director der Hofbibliothek zu ernennen.

Der von den Abgeordneten Mülberger, Matty und Gebhard in der zweiten Kammer ein- gebrachte Antrag über das Verhältniß von Kirche und Schule lautet:In Erwägung, daß die Er ziehung der Jugend in nach Confessionen getrennten Schulen durch Lehrer und Geistliche, welche in nach Confessionen getrennten Anstalten ihre Bil⸗ dung erhalten haben, nicht dazu dienen kann, den confessionellen Frieden und das Bewußtsein der untrennbaren Zusammengehörigkeit zu einem Volke zu fördern, vielmehr eine Gegenüberstellung, folge weise eine Anfeindung der verschiedenen Confessions⸗ gemeinschaften erzeugen muß, dadurch aber der Staat in Erreichung seiner Zwecke gefährdet ist und das zu erstrebende Ziel der Ausgleichung confessioneller Gegensätze immer mehr entfernt wird; in weiterer Erwägung, daß die unbestreitbar von ultramontaner Seite begünstigte Absonderung der Confessionsangehörigen bereits vielfach in's bürgerliche Leben übertragen worden und die Entwicklung unserer staatlichen Verhältnisse hindert; in endlicher Erwägung, daß diesen sich kund⸗ gebenden Uebeln nur allein dadurch gesteuert werden kann, daß man die Ursache, das ist die confesstons⸗ weise Erziehung des Volkes, die Absonderung der Jugend nach ihren Confessionen, die einseitige Heranbildung der Lehrer und Geistlichen zu Con⸗ fesstonszwecken beseitigt stellen wir den Antrag: die Kammer wolle großherzogliche Regierung er⸗ suchen, einen Gesetzentwurf vorzulegen, welcher die Bestimmungen hat; 1) die früher in Gießen be⸗ standene katholisch⸗theologische Facultät wieder herzustellen und keinen katholischen Geistlichen zur Anstellung und Amtsausübung gelangen zu lassen, der nicht wenigstens 2 Jahre lang eine deutsche Universität, auf welcher eine katholisch-theologischt Facultät besteht, mit Erfolg benutzt und sein Examen bestanden hat; 2) die beiden Schullehrer⸗ Seminarien in Friedberg und in Bensheim zu einer Anstalt zu vereinigen und keinen Lehrer zur Anstellung und Amtsausübung gelangen zu lassen, welcher nicht die vorgeschriebene Zeit hindurch biese Anstalt besucht und sein Examen bestanden hat; 3) als Volksschulen nur confessionslose Com- munalschulen zu dulden, den Volksschullehrern die Ertheilung des confessionellen Religionsunterrichts zu entziehen und solchen für Schüler und Schülerinnen vom 12. Jahre an den zuständigen Geistlichen zu überweisen; 4) behufs Handhabung der staat⸗ lichen Kirchenaussicht auch in Bezug auf Ver- waltung und Verwendung der Kirchenvermögen die früheren Rechte des Staates gegenüber der katholischen Kirche wiederherzustellen.

Berlin. DerReichsanzeiger meldet, daß der Reichstag am 12. März zusammentritt.

Der Kronprinz wird, wie dieKreuzztg. meldet, der Eröffnung des Reichstages beiwohnen.

Die Spezial ⸗Untersuchungscommission in Sachen Wageners ist, derSpener'schen Zeitung zufolge, zum ersten Male zusammengetreten. Die Sitzungen finden im Staatsministerial-Gebäude statt; als Protokollführer hat Assessor Kügler zu ungiren. Die Commission entwurf ihre Geschäfts⸗ Ordnung selbst.

Der Reichstags und Landtags Abgeord⸗ nete Domprobst Holzer aus Trier, geboren am 7. September 1800, beging am 24. d. M. sein 50jähriges Priester-Jubiläum. Präsident v. Forcken⸗ beck, in Begleitung mehrerer Abgeordneten, begab sich in die Wohnung des Jubilars, um ihn zu beglückwünschen. Der Cultusminister Dr. Falk überreichte Herrn Holzer, einem Geistlichen der

guten alten Zeit des kirchlichen Friedens und Toleranz, im Auftrage des Kaisers den Rothen Adlerorden II. Klasse mit Eichenlaub. Im Auf⸗ trage der Kaiserin überreichte die Palastdame Gräfin v. Hacke eine kostbare Vase mit dem Bildniß des Kaisers. Der Bischof von Trier sandte tele⸗ graphischen Glückwunsch. Die Fraction des Centrums hielt sich von jeder Kundgebung(Herr Holzer ge⸗ hört der Fraction nicht an) fern.

Wie zuverlässig verlautet, wird dem Bundes- rathe demnächst eine weitere finanzielle Vorlage zugehen, welche sich auf das Retablissement des Reichsheeres bezieht und beantragt, die Kosten desselben, welche sich auf ca. 106 Mill. Thaler belaufen, aus den bereitesten Mitteln der franzö⸗ sischen Kriegsentschädigung zu decken. Die Vor⸗ lage wird im Weiteren eingehende Bestimmungen über die Verwendung dieser Summe treffen. Ueber die Grundsätze, welche bei der Verwendung fest⸗ zuhalten sind, haben, wie erinnerlich, früher be⸗ reits Berathungen in den Ausschüssen des Bundes⸗ rathes stattgefunden.

Die Truppen sind bei Beförderung auf Eisenbahnen, bei Fahrten von langer Dauer, großen Beschwerden unterworfen, welche sich be⸗ sonders steigern, wenn dazu geschlossene Güter⸗ wagen benutzt werden, in welchen es an Luft und Licht mangelt. Auf Anregung des Kriegsministers ist daher von Seiten des Reichskanzleramtes der Handelsminister ersucht worden, die preußischen Bahnverwaltungen dahin anzuweisen, daß bei der Beförderung von Truppen im Frieden vermittelst Extrazügen, vorzugsweise Wagen 3. Classe zur Verwendung kommen und Güterwagen so viel als möglich ausgeschlossen bleiben. Der Handels- minister hat diesem Ersuchen durch eine neuer⸗ dings an die Eisenbahnverwaltungen und Eisen⸗ bahnkommissäre erlassene Verfügung entsprochen.

Gotha. Was bis jetzt noch mit keinem bie⸗ sigen Landtage möglich zu machen war, nämlich die totale, bezw. finanzielle Verschmelzung der Herzogthümer Coburg und Gotha, das wird mit dem gegenwärtigen Landtage zu bewerkstelligen sein. Die Wahlen zum gemeinschaftlichen Landtag sind, der Majorität nach, so ministeriell ausge⸗ fallen, daß hieran nicht länger zu zweifeln ist.

Konstanz. Da das Spital- Pfarramt eine verpflichtende Erklärung über die Einhaltung der seitens des Bezirks⸗Amtes festgesetzten Zeiten zur ge⸗ meinschaftlichen Benutzung der Spital-(Augustiner) Kirche verweigert, hat das Bezirks⸗Amt Besitz von der Kirche ergriffen und wird dieselbe den Alt⸗ katholiken für so lange zur Alleinbenutzung über- weisen, bis das Spital- Pfarramt sich den amtlichen Anordnungen unterwirft. Prof. Michelis, welcher heute Abend hier eintrifft, wird morgen den ersten altkatholischen Gottesdienst celebriren.

Ausland.

Schweiz. Der Bundesrath hat mittelst Note vom 24. d. die spanische Republik anerkannt, der⸗ selben eine Aera des Friedens und Gedeihens wünschend.

Bern. Der große Rath hat beschlossen, zur Berichterstattung über die Baseler Bisthumsfrage eine Commission niederzusetzen. Da aber bereits in einem von 90 Mitgliedern unterzeichneten An⸗ trage die Erwartung ausgesprochen ist, daß der Beschluß der Diöcesan⸗Conferenz gebilligt werde, so ist eine definitive Entscheidung in diesem Sinne schon in der gegenwärtigen Sitzung zu erwarten.

Von der Solothurner Regierung wurden zwei Auszugs⸗Bataillone und eine Scharfschützen⸗ Compagnie auf Piquet gestellt.

Frankreich. Sedan(so meldet dieCorr. Havas) wird ein befestigter Platz bleiben und fünf detachirte Forts erhalten, nämlich eines auf dem Mont Piot, gegenüber von Donchery, ein zweites auf den Höhen der Marfsce, ein drittes gegen La Moncelle, ein viertes bei Hoing oder Iffy und ein fünftes auf dem Mont d'Iges.

Spanien. Die Ordnung ist vollständig in Madrid, Barcelona und allen Provinzen mit Aus- nahme derjenigen Punkte, wo carlistische Banden existiten. Die Marschälle Serrano und Concha, sowie fast alle in Madrid ihren Sitz habenden

Generäle haben feierlich versprochen, der Reyn b

ihre Dienste zu weihen. Griechenland. Athen.

Die Kamm

ist am 26. Febr. durch den König eröffnet worden.

Die Thronrede betont die guten Beziehung den auswärtigen Mächten und hebt den Forts⸗ der Nation auf dem volkswirthschaftlichen Geh hervor. unberührt. spondenz desDagblad aus Petersburg, worin es heißt:Das jetzt bestehende Einvernehmen

zwischen Schweden und Rußland wird als eig

erfreuliche Umwandlung betrachtet. Besser ver, standene Handelsinteressen und eine lebhaftere Be rührung zwischen den Nationen haben viele V

urtheile zerstreut und dazu beigetragen, die Meinung

in Schweden zum Vortheile für Rußland un zuändern. 7

Gießen. Am Dienstag wurde von Cassel eine junge Frau eingebracht und im Bezirksgefängniß eingeheimft, welche im dringenden Verdacht steht, im vorigen Jahr hier in Gießen ihren alten, sehr an Asthma leidenden Mann durch Erdrosseln getödet zu haben, um sich in den rascheren Besitz eines ziemlich bedeutenden Vermögens zu setzen. Der im vorigen Jahre hier verhaftete Haupt⸗Spiz⸗ bube Silberberg, dessen kurze Biographie auch in diesem Blatte gegeben wurde, ist aus dem Zuchthause zu Ziegen⸗ hain entsprungen und hat man bis jetzt keine Spur von demselben.

Niedereschbach. Am vorigen Sonntag fand dahier eine zahlreiche Versammlung des landwirthschaftlichen Wan⸗ derkränzchens für Rodheim und Umgegend statt. Hert Rückert, Lehrer an der Ackerbauschule zu Friedberg, welcher auf Einladung des Vorstandes mit einem großen Theil der Zoͤglinge genaunter Anstalt der Versammlung bei⸗ wohnte, hielt einen eingehenden Vortrag überdie Grün⸗ dung landwirthschaftlicher Consum-Vereine, und betonte deren Wichtigkeit. Die Versammlung betraute eine Com⸗ mission mit der Frage:Ob und wie sich ein solcher Consum⸗Verein für den Sprengel des Wanderkränzchens eintichten lasse? und soll deren Gutachten der nächsten Versammlung vorgelegt werden. Schließlich sprach die Versammlung einstimmig den Wunsch aus, daß auf Ver⸗ anlassung eines Ausschreibens des Großherzoglich hessischen Ministeriums des Innern bezüglich der Mäusevertilgung, in Anbetracht der Wichtigkeit und Dringlichkeit eines ernsten Vorgehens gegen dieses Ungeziefer in allen Gemeinden

des Kreises Vilbel die hierzu empfohlenen Räucheröfen

alsbald möchten angeschafft werden.

Beim Landgericht Offenbach sollen zur Zeit nicht weniger als siebzig und einige Untersuchungen wegen Diebstahls worunter sehr bedeutende Objecte, anhängig sein.

Darmstadt. Am 6. März wird S. K. H. der Großherzog sein 25 jähriges Regierungs⸗Jubiläum be⸗ gehen. Er unterzeichnete vom 6. März 1848 an Gesetze und Edicte in seiner Eigenschaft als Mitregent. Voraus⸗

sichtlich wird dieser 6. März still vorübergehen und die

eigentliche Feier des Regierungs⸗ Jubiläums des Groß⸗ herzogs erst am 16. Juni stattfinden. Am 16. Juni 1848 übernahm Ludwig III. als Großherzog die Regierung. Mainz. Von den 3 Carnevalstagen sind 2 vorüber, und wenn die verschiedenen Vereine sehr Vieles gethan hatten, um die Stimmung zu animiren, so ließ dagegen das Wetter eine rechte Lust nicht aufkommen. Ein feiner kalter Sprühregen von oben, ein zäher Schlamm von unten sind furchtbare Factoren bei einem Volksfeste, das sich auf offener Straße abspielt, und wenn gleichwohl die Straßen von einer großen Menschenmenge besetzt waren, so beweist dies nur, daß außer anderen Göttern selbst Jupiier pluvius vergebens mit der Narrheit kämpft. Der Aufzug der Garde am Sonntag bot nichts Neues dar Nur war dies edle Corps zahlreicher als in früheren Jahren. Der Zug zeichnete sich durch Eleganz und Reich⸗ haltigkeit aus. Wir erwähnen hier die Prinzengruppe mit der Prinzessingarde, bie Bachusgruppe mik dem ge⸗ stiefelten Kater. Auch die letzten Mohikaner müssen wir hier anführen. Was Satyre anlangt, so war so ziemlich

Alles vertreten, was das Jahr gebracht halte. Die 5 Milliarden, der Schlittschuhelubb, die Zukunftsschule,

worin die Kinder mit der Pickelhaube auf dem Kopf das ABC lernen, die Aufhebung des Spiels mit obligatem Kümmeblätichen, die Stadterweiterung und die Krone von Allem, das Goldene Kalb, umgeben von Gründern. Zu erwähnen ist noch, daß diesmal die Garde auch mit Artillerie versehen war, und zwar mit jener Mitrailleuse, an welcher Lulu seinen Versuch machte. Schaden that dieselbe keinen, aber sie rasselte recht schön. Außerdem befanden sich noch eine Reihe anderer Gruppen im Zuge ein Philisterium in der Hölle, Harlequins, eine Vendome⸗ säule mit allerlei Inschriften, ein Präservativ für Eisen⸗ bahnunglücke und dergl. Selbstverständlich waren durch den ganzen Zug an passenden Stellen Musikcorps und ein großer Fouragetrain vertheilt. Der Zug bewegle sich in Folge des schlechten Wetter rascher als sonst und er⸗ schien daher kürzer, als er in der Tbat war. Er durchzot die Hauptstraßen und langte um 2 Uhr auf dem Marke

an, woselbst eine Esirade ausgeschlagen war, und Prinz

Carneval die Huldigungen der einzelnen Gruppen ent⸗

gegennahm und die Beweise seiner Huld aus theilte. Wäre das Weiter schön gewesen, so würde unstreitig der dies⸗

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Die Laurionfrage läßt die Thronxede.

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