Ausgabe 
31.12.1872
 
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Ob der Kranke unter der Pflege seines klugen Wärters genesen wird 7 Wir Deutschen wünschen's von Herzen. Mit der bösen Krankheit, so hoffen wir, wird er auch den bösen Haß überwinden und allmählich sich daran gewöhnen lernen, in Frieden neben uns zu wohnen. Das deutsche Reich von 1871 fürchtet zwar keinen Feind, aber es verabscheut und beklagt allezeit den Krieg. Was uns indeß auch in Zukunft von Frankreich beschieden sein möge, für die nächsten Jahre wenigslens ist von dieser Seite wohl keine Friedens · störung zu befürchten.

Sehen wir uns nach sonstigen Friedensgaran- tien um. Als ein günstiges Zeichen darf immer- hin die Beilegung der lange Jahre zwischen England und Nordamerika verhandelten Alabama⸗ frage betrachtet werden. Nicht blos ist dadurch ein blutiger Krieg verhütet worden, der auch Deutsch⸗ land in seinem Handel und Verkehr und in seinen nordamerikanischen Landsleuten in Mitleidenschaft gezogen haben würde, sondern es ist dabei ein Princip zur Anwendung gekommen, dem die Zu- kunft gehören muß, wenn es je zu der für den Wohlstand der Nationen so wünschenswerthen Abrüstung in Europa kommen soll: das Princip, die Differenzen zwischen Völkern durch internationale Schiedsgerichte auszugleichen. Seitdem ist ein weiterer Streitpunkt zwischen England und Nord- amerika, die San Juan Frage, durch einen Schiedsrichterspruch unseres Kaisers entschieden worden, und ein ähnlicher Fall zwischen England und Portugal liegt gegenwärtig dem Präsidenten der französischen Republik zur Entscheidung vor. Hierin liegen die Klime einer verheißungsreichen Zukunft. Wenn es unter gesitteten Menschen schon seit Jahrhunderten für abscheulich gilt, Meinungs- verschiedenheiten und Rechtshändel zwischen Privaten und Corporationen mit Mord und Todtschlag auszufechten, warum sollte ein Gleiches nicht end lich auch zwischen Volk und Votk, zwischen Staat und Staat Platz greisen können?!

Freilich setzt dies voraus, daß nicht blos Kultur und Bildung, sondern zugleich Gerechtig- keitsliebe und gegenseitiges Vertrauen unter den Völkern sich mehr und mehr verallgemeinern und vertiefen und die Interessen des friedlichen Ver kehrs sich immer vielfältiger verschlingen. Die jenigen, die im Gewoge des Menschenlebens nur den mit blinder Naturnothwendigkeit wirkenden Kampf um's Dasein, wie bei der unvernünf⸗ tigen Creatur, erblicken wollen, können für derart Hoffnungen nur ein kühles Lächeln haben. Für uns hat solche Anschauung wenig Tröstliches, wie wir auch nicht an die Nothwendigkeit des Kriegs als Völkererfrischungsmittel glauben.

Bleiben wir jedoch bei der Gegenwart. Als eine Friedensbürgschaft ist vor Allem die berühmte Kaiserzusammenkunft in Berlin begrüßt worden. In der Hofburg zu Wien hatte man die Er eignisse ron 1866 immer noch nicht ganz ver- wunden; die Haltung Oesterreichs im letzten Krieg war mindestens zweideutig. Man durfte darum einen völligen Umschwung der Anschauungen und ein Zeichen freundlichen Einvernehmens darin er kennen, daß das Haupt des Hauses Habsburg sich zu einem herzlichen Besuch in der Residenz der Hohenzollern herbeiließ, die die von Habeburg bisher immer noch nicht ganz aufgegebene Erb⸗ schaft in Deutschland definitiv angetreten haben. Was Rußland betrifft, so sind die Sympathien seines Kaisers für Deutschland und dessen Neu- gestaltung und sein treues Festhalten an den alten freund- und verwandtschaftlichen Beziehungen zu unserem Kaiserhause über alley Zweifel er haben. Zwar soll ein Gleiches nicht von dem künftigen Her⸗scher an der Newa gesagt werden können, und das Stockrussenthum verhält sich deulschem Wesen gegenüber ablehnend; allein bis derartige Antipatbien in der Politik sich wirksam geltend machen können, wird's noch Weile haben, um so mehr, als Rußlands Interessen mit denen Deutschland⸗ im Großen und Ganzen nicht kollidiren.

Wenn aber nach außen Fliede und eine ge⸗ sicherte Stellung des deutschen Reiches die Signatur der Gegenwart ist, so sind der Kämpfe im Innern um so mehr, gleich als sollte das neu erstandene

Reich sich innerlich noch einmal gebären. Es will zunächst nicht viel heißen, daß die Bevölke- rung der neuen Reichslande der jetzigen Ordnung der Dinge noch abhold ist. Dieselbe war allzu lang dem Mutterlande entfremdet und ist zu sehr mit französischen Elementen durchsetzt, als daß es über Nacht seine Sympathien wechseln sollte. Einstweilen ist es nur zu beklagen, daß Einzelne sich dort von französischen Fanatikern so weit verblenden lassen, ihre schöne Heimath zu verlassen und ihrem gewissen Untergang in Algerien ent gegenzugehen. Alle Colonisationsversuche in Algier durch Colonisten unserer Himmelsstriche haben bis jetzt einen kläglichen Verlauf genommen. Die Sonne Afrika's brennt dem Rheinländer zu heiß.

Ungleich gewichtiger sind die Kämpfe, wie sie sich auf kirchlich politischem Gebiet entwickelt haben. Man braucht nur an das Unfehlbarkeitsdogma, an Altkatholicismus, Excommunicationen, Kanzel paragraphen, Jesuitengesetz, an die Hirtenbriefe der deutschen Bischöfe, an die posen'schen und ermländischen Vorkommnisse zu denken, um Gegen sätze der schroffsten Art vor Augen zu haben. Auch auf protestantischem Gebiet zeigt sich tief gehende Bewegung. Altluthertbum, Unionisten, Protestantenverein, partikularistisch-welfische Or- thodoxie und Reichskirchenthum: wie verschieden sind ihre Richtungen und die Beziehungen, die sie zum Staat erstreben! Wir werden diese Kämpfe in's neue Jahr mit hinüber nehmen müssen. Die Vaterlandsliebe und der gesunde religiöse Sinn des Volkes wird sie zu gedeihlichem Ende führen zur Ehre jenes großen Wortes von der Ver ehrung Gottes im Geist und in der Wahrheit und jenes andern:So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.

Am schwersten wird immer die Lösung der socialen Frage bleiben. Sie ähnelt einigermaßen jenem vielköpfigen Ungethüm, dem immer neue Köpfe nachwuchsen, sobald einer abgeschlagen wurde; auch hier zeigt fast jedes vorgeschlagene Heilmittel Gefahren neuer Art in seinem Gefolge. Der größte Fortschritt unserer Tage in Bezug auf diese Frage besteht darin, daß man sich allent halben ernstlich mit ihr besckäftigt. Vieles ist bereits gescheben durch die Gesetzgebung und auf dem Wege privater Thätigkeit; Vieles muß noch geschehen und kann noch geschehen, wenn und in dem Maaße, als aufrichtiges Wohlwollen und bingebende Liebe, redlicher Fleiß, Sparsamkeit und Genügsamkeit, mit einem Worte Sittlichkeit unter den Menschen zu finden ist. Gerade darum aber wird es ebenso wenig je gelingen, das Elend gänzlich aus der Welt zu verbannen, als es gelingen wird, Sünde und Laster auf Erden zu vertilgen.

Was die sociale Frage verbittert, das sind nicht blos die Hetzereien und Aufstachelungen Ucbelwollender oder unklarer Köpfe viel mehr ist es die Schamlosigkeit des Raubgesindels in Lack stiefeln, das sich täglich mehr der Industrie be mächtigt und beutereiche Finanzoperationen macht. Die Strousbergs in Berlin, die Spitzeders in München, die Lonpai's in Pest, die Langrands in Brüssel sind ächte Typen unserer Zeit. Wie schmachvoll wird das Recht der Assotiation bei dem Heere unsererGründer mißbraucht, welch' abgefeimte Spitzbubenmanöver werden eingefädelt, um von dem Schweiß des arglosen Publikums im Ueberfluß zu schwelgen!

Man nehme das erste beste Zeltungsblatt in die Hand, ob nicht irgend eine anrüchigeGrün dung oder ein Actienschwindel neuesten Datums uns entgegengrinst.

Dagegen hilft nur Bildung und Aufklärung. Je weniger Gimpel es gibt, die auf die Leim zuthe gehen, desto weniger einträglich ist das Schwindelgeschäft, und wenn auch der Landmann einmal durchweg aufgeweckter und urtheilsfähiger bewerden sein wird, so wird manchem Schlau kopf das Handwerk saurer werden, der ihn im Handel und Wandel ausbeutet, weil er ihm geistig überlegen ist.

Gerade für die deutsche Volksbildung war das Jahr 1872 ein recht ersprießliches; der mit dem wiedererstandenen Reich zu neuer Krast er-

f 0 wachte Volksgeist hat hier bereits fruchtverheißende Blüthen getrieben. V Allgemein fühlt man: es muß mehr gründ⸗ licher und zugleich mehr auf die Bedürfnisse des

practischen Lebens zugewandt gelernt werden. Daher die rüstigere Tzätigkeit in den höheren Schulen, dje Errichtung von landwirthschaftlichen Schulen, Arbeiter- und Handwerker- Bildungs⸗ vereinen, die Gründung von Volksbibliotheken, die Veranstaltung von öffentlichen Vorträgen; daher die Erscheinung, daß ein über ganz Deutschland verbreiteter Fortbildungsverein die Einrichtung von Fortbildungsschulen in die Hand genommen und gesetzliche Verbindlichkeit dafür für die gesammte Jugend erstrebt; daher endlich die neuerwachte staatliche Fürsorge für die eigentliche Volksschule. In Preußen beginnt mit dem endlichen Fall der das Volksschulwesen niederhaltenden Regulative in den Räumen der Schulstuben und Seminar⸗ lehrsäle ein frischerer Geist zu wehen;mehr Licht und mehr Luft wird wohlthun. In unserm Großsherzogthum hat ein kürzlich zu Stande ge⸗ kommenes Gesetz endlich dem dringenden Zeitbe⸗ dürfniß Rechnung getragen, die Volksschule den heutigen Verhältnissen entsprechend zu dotiren. Ueberhaupt wird das Jahr 1872 in der Ge⸗ schichte unseres Landes ein epochemachendes sein. Ein neues Ministerium ist an die Spitze der Ver⸗ waltung getreten, dessen von der Bevölkerung freudig begrüßtes Programm einerseits aufrichtige Bundesfreundlichkeit und engen Anschluß an das Reich, andererseits neben möglichster Vereinfachung und Sparsamkeit im Staatshaushalt den liberalen Ausbau der für die Wohlfahrt des Landes förder⸗ lichen Institutionen sich zur Aufgabe macht. Eine Reihe der wichtigsten Gesetzentwürfe werden zur Vorlage an die neuerwählte Kammer gelangen. Die Thronrede verheißt eine neue Kreis-, Städte⸗ und Landgemeindeordnung im Sinne größerer Selbständigkeit der Gemeinden, ein Volksschul⸗ gesctz, die Regelung des Verhbältnisses zwischen Kirche und Staat; außerdem wird namentlich eine theilweise Reform der Steuergesetzgebung die Kam- mer beschäftigen. Die nächste Zeit wird uns dem⸗

nach folgenreiche Verhandlungen bringen; mögen

sie für unser Land von Segen sein.

Ein für die Bahnen freiheitlicher Entwicklung in Preußen wichtiges Gesetz ist, freilich vielfach verstümmelt, trotz des hartnäckigsten Widerstandes der in trotziger Haltung dem Ministerium gegen über getretenen feudalen Partei zu Stande ge kommen, die vielbesprochene Kreisordnung. Wohl als Nachspiel vieser parlamentarischen Kämpfe, während welcher Fürst Bismarck ruhig in Varzin weilte, brachten die letzten Tage eine Art Minister⸗

krisis, an welche je nach der Parteistellung die

verschiedenartigsten Hoffnungen und Befürchtungen geknüpft wurden. Noch vor Jahrtsschluß bat dieselbe ihre Erledigung dahin gefunden, daß Fürst Bismarck von dem Präsidium des preußischen Staatsministeriums entbunden worden ist, ohne dadurch aufzuhören,die Seele und das geistige Haupt dieses Ministeriums zu sein. Wenn auch Bedeutung und Tragweite der neuen Combination noch nicht vollständig übersehen werden kann, so werden Alle, denen die Erhaltung und Befestigung der großen Errungenschaft aus 1870 71 am Herzen liegt, eine Befriedigung darin finden, daß der geniale Staatsmann, für den einen der großen Aufgabe gewachsenen Nachfolger zu finden schwer sein würde, das Reichsruder auch ferner in Händen behält.

Das nunmehr beendigte Jahr war fast durchweg für Deutschland ein fruchtbares. Fast alle Getreide arten, Kartoffeln ꝛc. sind wohl gerathen, selbst die Oesternete unserer Gegend war eine ergiebige. Be- trächtliche Quantitäten Kartoffeln und Obst sind aus der Wetterau an den Markt gebracht und dafür hohe Preise erzielt worden. Nur die Wein⸗ ernte hat beinahe gänzlich fehlgeschlagen. Doch weiß men sich zu helfen; was die Natur versagt, sucht die Kunst zu ersetzen. Die Weinsabrikation in den Rbeinlanden blüht wie nie. Von allge, meiner materieller Noth kann gegenwärtig keine Rede sein. Dagegen hat ein furchtbares Elemen. tarereigniß kürzlich die Bewohner eines Theiles