Ausgabe 
27.6.1872
 
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Deutsches Reich.

Friedberg, 25. Juni. S. K. Hoheit der Großherzog begab sich heute in der Frühe nach Gießen um S. Maj. den Kaiser auf der Durch- reise nach Ems zu begrüßen. Er traf um ½11 Uhr hier wieder ein.

Berlin. Robert Prutz ist(wie bereits be richiet) in Stettin gestorben. Die Todesursache war ein Herzschlag. Er war schon länger leidend und gerade im Begriff, zur Kur nach Schlangen bad abzureisen. Prutz war 1816 in Stettin geboren.

Der Postvertrag zwischen Deutschland und Luxemburg wurde den 19., der Telegraphenvertrag den 20. Juni unterzeichnet. Letzterer tritt am 1. Juli in Kraft.

Der Kaiser ist am 24. d. Abends 10 Uhr nach Gießen abgereist, von wo er nach einge nommenem Dejeuner 9 Uhr Morgens die Fahrt nach Ems per Extrazug fortsetzt. Der Kaiser nimmt Logis im Kurhause. Bei der Abfahrt von hier waren zugegen Prinz Albrecht Vater, sämmt⸗ liche Minister, der russische Militärbevollmächtigte v. Kutusoff, sowie der Polizeipräsident von Berlin.

Der Kaiser traf um 11 Uhr Vormittags in dem festlich geschmückten Bad-Ems ein und wurde enthusiastisch empfangen.

DieSpener'sche Zeitung meldet: In der Sitzung des Staatsministeriums am 24. d. fand eine Vorbesprechung der Krementz'schen An- gelegenheit statt. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt. Am 25. d. hat der Cultusminister den übrigen Ministern ein schriftliches Votum vorgelegt, wo rauf Ende der Woche das Staatsministerium zur Beschlußfassung zusammentreten wird. Da jedoch die Zustimmung des Fürsten Bismarck, sowie die Genehmigung des Königs erforderlich ist, kann erst nach etwa vierzehn Tagen ein Akt des Staates gegen den Bischof erwartet werden.

DerReichs anzeiger vom 25. d. publizirt das sanktionirte Militärstrafgesetzbuch.

Dortmund. Am 24. d. fand eine Vorbe- sprechung der Gewerke statt. Eine gütliche Lösung der schwebenden Differenzen erscheint auch jetzt noch nicht aussichtslos. Nachmittags fand in Bochum eine Versammlung des Vereins für bergbauliche Interessen, welche am 25. d. hier tagen wird, statt.

Kassel. Nach neuester Bestimmung erfolgt die Trennung der Direction der hessischen Nord bahn von der der Bebra-Hanauer Bahn am 1. October d. J. und die Uebersiedelung letzterer nach Frankfurt am 1. Juli 1873.

Nassau. Auf Wunsch des Kaisers ist nun- mehr der Tag der Enthüllungsfeier des Stein- Denkmals zu Nassau von dem 6. auf den 9. Juli verlegt worden, um der Kaiserin, welche der Feier anzuwohnen wünscht und an dem genannten Tage von Babelsberg aus nach dem Rhein zurückkehrt, den Besuch des Festes leicht zu machen. Die Enthüllungsfcier findet Mittags 1 Uhr statt.(Nach demRhein. Kur. ist die Stein⸗Statue am 23. d. in Nassau glücklich angekommen; auch der Bild- hauer Pfubl ist bereits dort.) Die Einladungen zu derFeier auf dem Hügel, welcher das Denk mal trägt, sowie die Einlaßkarten zu dem folgen den Festmahl im Kurhaus zu Nassau mußten wegen des äußerst geringen Umfanges beider Räume in sehr engen Grenzen gebalten werden. Es soll deßhalb am Abend des Festtages eine freie ge⸗ sellige Zusammenkunft veranstaltet werden, in welcher sich reiche Gelegenheit bieten wird, die nationale Bedeutung des Tages im Auetausch der Rede zum Arsdruck zu bringen. Das Mitglied des Aus schusses, Abg. Dr. v. Bunsen, hat sich zum Ab⸗ schluß der Arbeiten des Nassauer Lokalcomites bereits nach dem Rhein begeben.

Stuttgart. Die königliche Familie ist am 23. d. M. nach Friedrichshafen abgereist. Der Minister der Justiz, v. Mittnacht, erhielt ein in Oel gemaltes lebensgroßes Brustbild des Königs, das von einem Handschreiben begleitet war. Das selbe lautet:Mein lieber Minister! Durch Ihre ausgezeichneten Leistungen in der Verwaltung an vertrauter Aemter, insbesondere durch Ihr umsich⸗ tiges und entschiedenes, meinen bundesfreundlichen Gesinnungen, sowie meinen auf Wahrung der Interessen meines Landes gerichteten Abfichten ganz

entsprechendes Wirken als Vertreter meiner Regie- rung im Bundesrath, haben Sie sich neue An- sprüche auf meine Anerkennung erworben. Zum Beweis dessen übersende ich Ihnen mein Bild, wünschend, daß Sie hierin zugleich ein Zeichen meiner Gesinnungen persönlichen Wohlwollens er blicken, die ich für Sie hege. Ihr gnädiger König.

Der russische Reichskanzler, Fürst Gortschakoff, ist am 24. d. in Wildbad zum Kurgebrauch ein getroffen.

Ausland.

Oesterreich. Wien. DasNeue Fremden⸗ blatt meldet: Erzherzog Wilhelm wird sich im Auftrag des Kaisers an den russischen Hof nach Zarskoye Selo begeben, um den dort vor dem Zaren abzuhaltenden militärischen Uebungen beizu wohnen. Dasselbe Blatt fügt hinzu, in politischen Kreisen werde diese Reise als Zeichen angesehen, daß die Entente mit Deutschland, welche in der Reise des Kaisers nach Berlin einen eclatanten Ausdruck findet, keine Pointe gegen Rußland habe.

Der von England angeregte gemeinsame und identische Schritt, um den Judenverfolgungen in Rumänien ein- für allemal ein Ziel zu setzen, dürfte, wenigstens soweit es sich eventuell um Zwangsmaßregeln handelt, nicht zu Stande kommen. Das russische Cabinet hat dem Vernehmen nach in London erklären lassen, daß es allerdings jedem Staate die volle Berechtigung zuerkenne, zum Schutze seiner jüdischen Staatsangehörigen die ge eigneten Vorkehrungen zu treffen, daß aber Ruß- land keinen Beruf und daß kein Staat einen Rechtstitel habe, um für die Juden als solche der inneren Gesetzgebung irgend einer fremden Regie rung Vorschriften zu machen.

Die britische Regierung scheint nach hier vorliegenden Nachrichten zu beabsichtigen, daß be treffs der Sicherstellung der rumänischen Juden und der Verhütung ernsterer Ausschreitungen eine bestimmte Vereinbarung unter den europäischen Mächten getroffen werde. b

Frankreich. Paris. Man erfährt, daß unmittelbar vor der Audienz, welche der Präsident der Republik am Donnerstag den neun oder(mit Einrechnung des nachträglich zugezogenen Herrn Vitet) zehn Abgeordneten der conservativen Par- teien ertheilte, das gesammte Ministerium in der Absicht, Herrn Thiers vollkommen freie Hand zu lassen, seine Entlassung gegeben hat. Nach der Unterredung erhielt nur ein Mitglied des Cabinets sein Demissionsgesuch aufrecht, nämlich der legiti mistische Minister der öffentlichen Bauten, Herr v. Larcp; indeß ist der oft angekündigte Rücktritt dieses Ministers auch diesmal noch nicht gewiß,

enthält ein Telegramm aus Philadelphia vom 24 d., wonach die Aufrechterhaltung des Washingtonen Vertrags als gesichert zu betrachten ist. In der nächsten Schiedsgerichtssitzung stehe eine befrie⸗ digende Lösung der hervorgetretenen Schwierig- keiten zu erwarten.

Spanien. Madrid. Ein neuerdings ver- öffentlichter Brief des Herzogs von Montpensier spricht sich zu Gunsten der Thronbesteigung Alfonso's aus. Der Herzog erklärt, er sei entschlossen, jeden Kampfe fern zu bleiben und an der weiteren Ent⸗ wicklung der Dinge keinen Theil zu nehmen. Wenn jedoch die unwiderstehliche Gewalt der Ereignisse Spanien berufen sollte, seine Geschicke selbst zu bestimmen, könne, seiner innersten Ueberzeugung nach, nur das alfonsistische Königthum eine festt Grundlage für Herstellung maß voller Institutionen bilden.Wenn der Augenblick gekommen ist, werde ich mit Stolz jener edlen Sache meint Dienste weihen.

Bayonne. Eine Carlistenbande unter Caraza unterwarf sich der Regierungsbehörde in Navarra. Der carlistische Bandenführer Careaga wurde von seinen eigenen Leuten erschossen.

Bad⸗Nauheim, 24. Juni. So viel sich bis jetzt überseben läßt, nehmen die Vorarbeiten zu der am Samstag den 29. d. Mts. zu eröffnenden großen Blumen- und Rosen⸗ ausstellung raschen Fortgang. Schon heute kamen reiche Sendungen aus verschiedenen Gärtnereien als: Solms⸗ Laubach, Frau Dr. Berna in Büdesheim und Arnsburg und sind besonders prachtvolle Rhododendron und Camelien von Hofgärtner Lemp in Laubach zu erwähnen. Hoffent⸗ lich zeigen sich unsere Oberheffischen Gärtnereien, die bis jetzt so ziemlich unbekannt, daß auch sie mit der Zeit fort⸗ geschritten sind und man nicht mehr um größere Pflanzen⸗ ausstellungen zu sehen, größere Städte besuchen muß.

Gießen Nach dem amtlichen Personalbestande nehmen an den Vorlesungen der hiesigen Universität im laufenden Sommersemester überhaupt Theil 301, davon als Stu⸗ dirende der Theologie 14, der Rechtswissenschaft 72, der Medicin 63, der Thierarzneikunde 13, der Cameralwissen⸗ schaft 5, der Forstwissenschaft 19, der Mathematik 13, der Philosophie und Philologie 52, der Pharmacie und Chemie 29, 17 ohne immatriculirt zu sein. f

Mainz. Am 21. Juni früh fand man den Militär⸗ posten auf der sog. Clubistenschanze erschossen. Es war ein Soldat vom 87. Regimen!. Als Veranlassung wird der Umstand bezeichnet, daß ihn die Nachtrunde nicht auf dem Posten getroffen habe, was mit vier Wochen strengem Arrest bis zu zwei Jahren Festungsstrafe bedroht ist.

Neu⸗Ulin. Hier ist am 24. d. ein in der Maximilian⸗ straße gelegenes, noch nicht völlig ausgebautes dreistöckiges Haus eingestürzt und hat acht Menschen verschüttet. Bei Abgang der Nachricht waren zwei Erwachsene und ein Kind, schwer verletzt, ein anderes Kind todt ausgegraben worden. Man böcte das Jammern derübrigen Verschütteten.

Redwitz(Bayern, Oberfranken). Eine schmerzliche Unglücksnachricht erschüttert alle Gemüther: in einem Keller sind 4 Personen erstickt. Der Weidenhändler Mayer wollte aus demselben etwas holen, kam aber nicht wieder

wenngleich sehr wahrscheinlich. In den Parteien der Rechten ist das Mißvergnügen groß, doch sind sie bis jetzt übereingekommen, die Interpellation Duval im Hinblick auf die kritische Situation und die Unterhandlungen mit Deutschland fallen zu lassen und nur eine Tagesordnung für den Fall in Bereitschaft zu halten, daß die Regierung sie in der Kammer herausforderte.

Die protestantische Synode von Paris hat nach Ablehnung aller liberalen Amendements mit 61 gegen 45 Stimmen eine von den Orthodoxen eingebrachte Glaubens- Declaration angenommen, worin diesouveräne Autorität der Bibel procla mirt wird. ö

Versailles. Die Nationalversammlung nahm in ihrer Sitzung am 22. d. M. die noch unerledigten Artikel des Kriegsdienstgesetzes und schließlich das ganze Gesetz an.

DieAgence Havas meldet, de Larcy, welcher sein Portofeuille niedergelegt hat, werde nicht sofort einen Nachfolger erhalten. Es heiße, der Handelsminister werde interimistisch das Mi- nisterium der öffentlichen Arbeiten übernehmen. Der Abschluß der Unterhandlungen mit Deutsch land scheine bevorzustehen.

Belgien. Brüssel.

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Nach einer Corre

spondenz derIndependance aus Paris würde Casimir Perier wahrscheinlich das Ministerium des Innern wieder übernehmen und Lefrane das der Bauten. Als Emisstonspreis des Zwei⸗Milliarden⸗ Anlehens wird 84 angegeben.

herauf; da wollte der Besitzer des Kellers, Martin, sich

nach ihm umsehen und auch er kam nicht mehr; nun

gingen dessen Angehörige hinab, aber ein betäubender Geruch, der ihnen enigegenkam, veranlaßte sie, rasch wieder umzukehren. Dafür ging ein Nachbar, Wagner, sammt seinem Sohne hinab und auch sie kamen nicht wieder beraus. Alle sind todt, die hinabgingen. Ihre Leichen konnten erst nach mehrstündigem Einpumpen frischer Luft in den Keller aus demselben hervorgebracht werden; die Wiederbelevungsversuche blieben erfolglos.

Bremen. Die deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger bat aus Langeooge die Nachcicht er⸗ halten, daß es der dortigen Retiungsstasion geglückt ist, die Besatzung des am Sonnabend in der Nähe der Insel gestrandetlen englischen SchiffesBalmacarra, Capitän Crisp. aus elf Mann bestehend, zu retten. Das Schiff war von Bahia nach Bremen bestimmt und mit Tabak geladen.

Hamburg. Ein sehr heftiges Feuer zerstörte in dee Nacht vom 21. auf 22. d. M. die Sprit- und Genever⸗ Fabrik von Nagel u. Co. auf Steinwärder bei Hamburg. Dieselbe ist mit 350,000 Mk. Beo. bei der Magdeburger Feuer-Versicherungs-Gesellschaft versichert. Mehrere an⸗ grenzende Häuser haben stark gelitten. N

London. Louis Napoleon und seine Gattin sind gar arg heruntergekommen. Vorläufig thun sie wenigstens so. Während die Annoncen-Spalien derMorning ⸗Post Tag für Tag dasAtelier d'Habiilements pour Dames tenu par la Princesse Pierre- Napoléon- Bonaparte in empfehlende Erinnerung bringt, sehen wir an einer zweiten Stelle des genannten Blattes das folgende Inserat;Die Wasserfarben⸗Zeichnungen der Kaiserin Eugenie sind läg⸗ lich zwischen 10 und 4 Uhr in der Galerie des Herrn P. Davis, St. Pall⸗Mall, zur Ansicht(nur für Privat- verkauf) ausgestellt. Schließlich wird an einer dritten Stelle des nämlichen Blattes angekündigt, daß am kom⸗ menden Montagder ganze Uedberrest der Schmucksachen Eugeniens bei Christie, Manson und Woods unter den Hammer kommen wird. So vergeht die Herrlichkeit dieser Welt.

Großbritannien. London. DieTimes