Ausgabe 
22.10.1872
 
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Stimmen ankommt, über das Gesetz im Ganzen

stattfinden wird. Nach einer ausführlichen und

zum Theil lebhaften Verhandlung wurden die Ar⸗ tikel 1 bis 4 des Entwurfs nach der Regierungs- vorlage mit der einzigen Aenderung angenommen, daß die Vertretung des Landesuniversität in der ersten Kammer durch ein von den Professoren auf 6 Jahre aus ihrer Mitte gewähltes Mitglied ge⸗ schehen soll. Die Fortsetzung der Berathung wird am nächsten Montag um 9 Uhr stattfinden.

Das jüngste Heft der Mittheilungen großh. Centralstelle für die Landesstatistik publicirt haupt- sächlich die definitiven Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1871, wonach im Großherzog thum 852,894 Bewohner, gegenüber der Zählung von 1867 eine Zunahme von 21,058 Köpfen er⸗ mittelt wurden. Starkenburg zählt gegenwärtig 339,227, Oberhessen 253,646, Rheinbessen 249,951 Köpfe; Starkenburg hat um 12,399, Oberhessen um 2281, Rheinhessen um 6378 Köpfe zuge⸗ nommen. Was die größeren Städte des Landes betrifft, so zeigen dieselben, wie überhaupt die städtischen Wohnplätze, d. h. die Gemeinden mit über 2000 Einwobnern, fast durchgehends eine zum Theil sehr erhebliche Zunahme, während in den ländlichen Gemeinden sich ein Herabgehen der Volkszabl bemerkbar macht. Einschließlich der Garnison zählen: Mainz 53,902 Einwohner. ( 3253), Darmstadt 33,799( 2410), Offenbach 22,670( 2378), Worms 14,484 ( 1103), Gießen 12,208( 1982).

Der Abgeordnete Kraft beantragt: Die Kammer wolle die Gr. Regierung ersuchen, auf Errichtung einer Landescreditanstalt, durch welche Gemeinden und Privaten zur Förderung gemein- nütziger Zwecke und der Landeswohlfahrt Kapi⸗ tallen zu geringen Zinsen und gegen Abtrag mittelst Annuitäten erhalten können, Bedacht zu nehmen. In den Motiven wird gesagt: Das Recht des Großherzogthume auf Theilnahme an den von Frankreich bezahlten und noch zu bezahlenden Kriegsentschädigungsgeldern steht fest; die Ver- gütungen derselben sind theilweise schon erfolgt; die durch den Krieg erwachsenen Schulden sind getilgt; eine weitere Tilgung von Staatsschulden ist nicht veranlaßt, da die Staatsschuldentilgungs⸗ kasse bertits mehr Activ⸗Vermögen besitzt, als der Staat noch Schulden hat, und die Eisenbahn Anleihe durch die Erträge der Staats⸗Eisenbahnen weitaus gedeckt sind; es müssen daher Mittel be reits disponibel sein oder doch in einer bestimmten Zeit disponibel werden, welche zu den gewöhn⸗ lichen Bedürfnissen der Hauptstaatskasse nicht er⸗ forderlich sind. Die Aufgabe der Regierung wird sein, dieselben auf die möglichst gemeinnützige Weise zur Förderung des Landes wohls zu verwenden. Schon längst hat man die Errichtung einer Landescredit⸗ anstalt, welche es ermöglicht, zu gewissen gemein⸗ nuͤtzigen Zwe ren Kapitalien gegen einen geringeren Zinssuß und mit der Befugniß der suceessiven Tilgung mittelst Annuitäten zu erhalten, für eine Wohlthat des Landes erkannt. Zu solchen Zwecken rechnet der Antragsteller: 1) Entwässerung und den Schutz den Ueberschwemmungen ausgesetzter Landestheile; 2) Durchführung eines Systems von Vicinalsiraßen im ganzen Lande; 3) Beseitigung der höchst feuergefährlichen, das Interesse der Landeskasse tief beeinträchtigenden Strohdächer in einzelnen Gegenden, und schließlich 4) zu Unter⸗ nehmungen im Interesse der Landwirthschaft, nament⸗ lich Zusammenlegung der Gtundstücke, rationeller

Wiesenbau. Drainage der Ländereien ꝛc.

Berlin. Kaiser Wilhelm ist am 18. d dahier wieder eingetroffen.

DieGermania schreibt:Die Blätter quälen sich damit ab, den Verfasser der bischöf⸗ lichen Denkschrift zu ergründen. Bald wird der Bischof von Mainz, bald der von Paderborn, bald werden beide zusammen als Autoren genannt. Die Mühe ist vergeblich. Die Denkschrift ist in einem Entwurfe schon lange vor der Conferenz den Bischöfen zugesandt worden; jever konnte Zu⸗ sätze machen oder Streichungen vornehmen, oder einen eigenen Entwurf beim Präsidium einreichen. In Fulda einigte man sich schließlich über die

Form. Die Denkschrift ist deßhalb so recht eine Arbeit des deutschen Gesammt Episcopats.

Das Leichenbegängniß des Prinzen Albrecht

hat am Vormittag des 19. d. mit großen Feier- lichkeiten stattgefunden.

Die Räumung der beiden Departements Haute Marne und Marne durch die deutschen Occupationstruppen ist auf besonderes Ersuchen der französischen Regierung abermals, und zwar bis zum 25. d. verschoben worden. Der Grund des Aufschubs ist das Unvermögen der franzö⸗ sischen Regierung die zur Aufnahme unserer Sol- daten bestimmten Baracken rechtzeitig herzustellen. Ohne diesen Umstand würden bekanntlich die beiden genannten Departements bereits seit dem 2. Oc⸗ tober geräumt sein.

Die demnächst zu erwartenden Erlasse des

Cultus ministers, welche an die Stelle der sog. Regulative treten sollen, werden die Bestimmungen über den Lehrplan der Volksschule, über den Kehr plan der höheren Bürgerschule, über die Vor bildung für das Seminar, über die Einrichtung und den Lehrplan der Seminare selbst und endlich über die Prüfungen von der Präparanden Prüfung bis zur Rectorats-Prüfung hinauf umfassen. Thorn. Bis zum 15. d. früh waren hier an der Cholera überhaupt erkrankt 17 Personen, davon 10 polnische Flößer und 6 einheimische. München. Der König hat die Neuformation der bayerischen Artillerie, jener der preußischen Armee entsprechend, genehmigt. Die Veröffent lichung der betr. Anordnung findet nächstens statt. Straßburg. Lebhafte Detonationen schreibt man derKarlsr. Ztg. erschreckten in den letzten Tagen wiederholt die Umwohner der abgebrannten Bibliothek und des Broglie Platzes. Die Ursache davon ist die, daß beim Säubern des Kellergeschosses des letzten noch in Trümmern liegenden Privathauses, des sogenannten Scheidecker'schen Hauses, die Arbeiter wiederholt auf artilleristische Explosionsgeschosse stießen, welche sich seit dem Bombardement der Stadt, also länger als zwei Jahre, in jene Trümmer eingegraben hatten und bei der Berührung mit den Werkzeugen der Arbeiter sofort explodirten. Zum Glücke ist hiebei bis jetzt noch kein Unfall zu beklagen gewesen. Bischweiler. Die Zahl der in hiesiger Stadt (über 10,000 Einw.) in gesetzlicher Form abge⸗ gebenen Options- Erklärungen beträgt nach dem Niederch. K. 1020. Davon sind 720 Personen thatsächlich ausgewandert, die übrigen 300 aber hier geblieben. Die letzteren gedenken auch nicht fortzugehen.

Ausland.

Frankreich. Der Proceß Bazaine schreitet voran. Die Zeugen sind fast sämmtlich von dem mit der Voruntersuchung betrauten General Rivière vernommen worden, darunter Gambetta zweimal. Die Anklage wird bald nach Mitte des nächsten Monats fertig sein und der Proceß viellticht vor Ende des Jahres zur Entscheidung gelangen. Es wird besonders hervorgehoben, daß der Marschall die Abgesandten Mac Mahon's stets ganz allein empfing, nachdem er seine Adjutanten alle weg⸗ geschickt hatte, daß er Jedem nach Abgabe seiner Botschaft tausend Franken zustellte, die er in einem grünen Notizbuch aufschrieb. Das Büchlein ist

unter Bazainc'e Papieren vorgefunden und da⸗

durch erwiesen worden, daß diese Ausgabe acht zehnmal stattfand. Und doch hat Bazaine be⸗ hauptet, er habe vom Marsche Mac⸗Mahon's zur Entsetzung von Metz keine Kenntniß gehabt. Ueber

das Ende des Processes herischt im Publicum kein

Zweifel. Man ist auf ein Todesurtheil gefaßt. Der Maire von Nancy, Bernard, hat sich in einer Audienz beim Präsidenten über das provo cirende Betragen der preußischen Offiziere be⸗ schwert. Der Abzug der Truppen findet indeß sehr bald statt.

Großbritannien. DieTimes bringt folgendes Pariser Telegramm vom heutigen Tage: Der vollständige englische Text des neuen engli schen Handelsvertrags ist von Frankreich münd⸗ lich gebilligt worden und wird nach erfolgter Uebersetzung in's Französische England zugehen.

Der Vertrag dürfte vor Ende des Mongte r. zeichnet werden. W

DerTimes zufolge würde die endgül. tige Zustimmung des britischen Cabinets zu dem neuen Handelsvertrage mit Frapkreich durch die Erwartung verzögert, einzelne Modisstationen zu Gunsten des Baumwollenwaarenhandels zu langen. DieTimes glaubt, daß der Abschluß nur wenige Tage aufgehalten sei. 8

Italien. Wie die Zeitungen melden, hat

lichkeit angeordnet. Auch jeder Weltpriester müsse acht Tage im Kloster bleiben und strenge Buß, übungen halten.

Spanien. Die Insurgenten von Ferrol haben, ohne den Angriff der Truppen abzuwarten, die Flucht ergriffen. Die Truppen haben das Ar⸗ senal besetzt und 500 Gefangene gemacht. f

Bad Homburg. In der jüngsten Sißung des

theilt, die Wahl des Musikdirector vorgenommen und es fiel dieselbe auf den Hof- Musik⸗Director Gustav Härtel zu Schwerin. Derselbde erhält 1600 Thlr. Gehaft. J. Betreff der Kurtaxe ging ein Schreiben königl. Regie⸗ rung ein, in Folge dessen die Kurtaxe wie folgt fesigestellt

für drei und vier Personen 8 Thlr., für mehr als vier Personen 10 Thlr. b

Gießen. Vom Schwurgericht wurde stud. Faye tt aus San Gabriel wegen Tödtung des stud. Reuling im Duell zu Jahren und stud. Hofmann wegen Beihilfe hierzu resp. als Cartelträger zu 8 Tagen Festung verurtheilt.

Gießen. Ueber den am 20. vor. Monais dahier verhafteten Gauner Silberberg von Zabrze im Kreise Beuthen veröffentlicht Herr Polizei: ath Nover in Eber⸗

Details, welche einen Einblick einestheils über die Sorg⸗ fältigkeit der Nachforschungen Seitens! behörde thun lassen, anderntheils aber auch die Verb

Silberberg ist einer der Hauptgauner, welche wohl existiren, raffinirt und gewandt, um seine Opfer zu besiehlen und

vorführen. Silberberg, auch Afriat, Gordan,

der Papst eine allgemeine Bußübung der Geist⸗

Gemeindevorstandes wurde, wie derTaunus dole mii⸗

wurde: für eine Person 4 Thlr., für zwei Personen 6 Thlr.,

hardt'sAllgemeinem Polizei Anzeiger sehr intetessante!

5 dungen und Complicen der Gaunerbanden klarlegen. Dieser

auszunutzen. E nize Details wollen wir unseren Lesern

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Giiber! genannnt, hatte bei seiner Verhaftung in Gießen 1

blos 24 Schlüssel verschiedener Art(darunter 5 Cafsa⸗ polnisch, französisch, englisch und spanisch; er wurde früher,

Kue Derselbe ist über 35 Jabre alt, spricht deutsch, 0

am 13. Januar 1864 aus ber Strafanstalt zu Antonien⸗

hütte begab sich Silberberg nach Paris und dann auf einen Westindienfahrer, wo er zwischen St. Nazaire und Weslindien kreuzte. Vom Schiffe begab er sich nach 9 land und dann nach Australien. Nach mehrjähriger Ab; wisenten taucht der Gaunet in Cöln auf, slahl dort 100 Thaler Geld, 2 Wechsel, 2 Brieftaschen. Colonia hal denselbden jetzt reclamirt. Anfangs Januar stabl S. im Hotel Drexel zu Frankfurt a. M. einem Fremden aus einer verschlossenen Reisetasche 30 fl. Geld, eine Diamant⸗ nadel, einen Wechsel über 300 und einen ditto über 354 Pfund Sterling. Frankfurt sucht seinen Freund auch Nach einer Vergnügungstour in Straßburg und Bot⸗ deaux begab sich S. nach Paris, wurde hier als Spion verhaftet und nach der Insel Ax gebracht. Seine Frei- lassung erfolgte im September 1871. Spuren von S. fanden sich nun in Breslau, wo er einem Kaufmann im Gasthause eine Uor im Werthe von 44 Thlr. anectirte. Bald darauf war er in England und stellie dem kaiserlich deutschen Gesandien in London vor, daß er in Frankreich durch den Krieg ungefähr 18,000 Francs verloren und um Mitiel zum Fortkommen von London bitten müsse. Von Berlin erhielt er, weil er als ausgewiesener Deutscher um Unter⸗ stützung bat, 50 Thlr. nach London geschicktl. Von London begab sich S. über Brüssel nach Berlin, von da nach Leipzig, schwindelte einem Spedileur eine Kisse Meßgut ab und versetzte dieselbe für 300 Thlr. auf dem Pfand⸗ hause. Leipzig will jetzt S. auch ein Andenken geben. Von Leipzig ging die Reise nach Wienz es lassen sich allda bis jetzt noch keine Gastrollen ermtiteln, bles daß er um eine Skelle bei der Weltausstellungscommissten nachsuchte. Von Wien gings nach Hamburg, wo S bedeutender Diebstähle verdächtig ist und das dortige Ge⸗ nicht denn auch seine werthe Bekannischaft machen will. Von Hamburg gings nicht nach Ritze bültel, sondern nach Travemünde, wo S. eine Gaunervorstellung gab. Die Reise ging weiter nach Lübeck, wo- S. einem Schüler 8. Thlr. Geld und eine Taschenubr stabl. Ole seeie Stadt Lübeck hat auch Verlangen nach ihrem ehemallgen Gaste und bittet um Auslieferung. Die Schlußscene spielt nun in Cassel, wo Herr Silberberg unter Retourlassung seines französischen Passes in einer Herberge eim Goldarbeiter

natzte den Telegraphen, in Folge dessen endete die Gießener Polizei dieses thatenreiche Wirken durch Ver haftung auf, hiesigem Bahnhose, ließ S. photo graphiren und besötderte ihn unter polizeiliche Siegel nach C ssel, wo er den Lohn für seine Arbeit empfungen wird.

Frankfurt. Am Samstag Abend hat ein hieslges Mädchen auf ihren Liebhaber, einen Unteroffizier, der das

so weil sich ermilleln ließ, Smal verknurrt und enwich

hütte und wird seildem sieckbrieflich versolgt. Von Antonien⸗

[Behr aus Hamburg seine Ubr und goldenen Ring wg. zauberte. Die Polizei hatle die Unverschämtheit und be⸗

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