Ausgabe 
17.10.1872
 
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Regierung in diesen Bestrebungen zu unterstützen und setzte hierauf die Kammer von der erfolgten Neuwahl im zehnten Wahlbezirk, aus welcher Bürgermeister Heydenreich von Affölterbach hervor- ging, und von der Mandatsniederlegung der Ab⸗ geordneten Hallwachs und Kempf in Kenntniß, welche letztere jedoch, im Hinblick auf einen früheren analogen Vorgang, von der Kammer nicht aner⸗ kannt wurde. Die Kammer genehmigte hierauf den Gesetzentwurf über die Verschmelzung der zweiten und dritten Classe der Communal- Umlagen, eine langjährige Forderung der Kammer. Ein dritter Gesetzentwurf, welcher die Genehmigung der Kammer erhielt, dehnt gemäß den Bestimmungen der Militärconvention die in Preußen über den Waffengebrauch des Militärs in Friedenszeiten und dessen Mitwirkung zur Herstellung der öffent- lichen Ordnung geltenden Bestimmungen auf das Großherzogthum Hessen aus.

Wie man vernimmt, sind die Verhand- lungen wegen Verkaufs der Nauheimer Saline und Bade Anlagen Seitens der Regierung abgebrochen worden und soll man beabsichtigen, die Interessen Nauheims nach Aufhebung des Spiels in jeder Hinsicht auf das Weitgehendste wahrzunehmen.

Der Stadtgerichts⸗Assessor bei dem Stadt⸗ gericht Gießen Otto Becker wurde zum Hof⸗ gerichts-Assessor bei dem Hofgericht der Provinz Oberhessen, der Landgerichts-Assessor bei dem Landgericht Altenstadt Alexander Römheld zum Landgerichts-Assessor bei dem Landgericht Butzbach und der Gerichts Accessist Exnst Mickel aus

edern zum Landgerichts-Assessor bei dem Land- gericht Altenstadt ernannt.

Der erste Druckbogen des von dem Abg. Zentgraf serstatteten Berichts über das neue Wahl⸗ gesetz hat soeben die Presse verlassen. Hiernach haben sich die Ausschüsse beider Kammern ein stimmig für Beibehaltung des Zwei⸗Kammersystems ausgesprochen. Bezüglich der Zusammensetzung der ersten Kammer wird von einer Minorität bean tragt, daß der Großherzog nicht zwölf, sondern nur zehn Mitglieder zu ernennen habe; ferner, daß nicht der Kanzler der Landes-Universität, sondern ein von den ordentlichen Professoren, ge gebenen Falles dem Senat, zu wählender Ver⸗ treter auf sechs Jahre aufzustellen sei. Was das Wahlrecht der Städte zur zweiten Kammer be⸗ trifft, so ist ein Mitglied für Aufhebung des seit⸗ berigen Privilegs und Eintheilung des ganzen Landes in fünfzig nach der Einwohnerzahl gleiche Wahlbezirke.

Der pensionirte Kriegsminister Oberst Dornseiff ist gestorben.

Wie man hört, ist Hofgerichtsrath Weber dahier der Reichsregierung zu der von Hessen zu besetzenden Rathsstelle im Reichsoberhandelsgericht zu Leipzig vorgeschlagen worden.

In Betreff des Religionsunterrichts an Gymnasien und Schulen ist eine für die religiöse Freiheit höchst wichtige Principieufrage zur Ent. scheidung gekommen. In einem Falle nämlich, in welchem die Theilnahme eines der unirten Ge⸗ meinde angehörenden Schülers des hiesigen Gym · nasiums an dem Religionsunterricht des ortbodox lutherischen Lehrers verweigert wurde und die Schul- und Kirchenbehörden das Gesuch um Dis⸗

pensation wegen der obligatorischen Natur des

Religionsunterrichts abgelehnt hatten, ist diese Dispensation unter der Bedingung des Nach weises, daß der Schüler überhaupt einen ordnungs- mäßigen Religionaunterricht genieße, vom Groß' herzoge ertheilt worden.

Mainz. DemFrankf. J. wird von hier geschrieben: Die Meldung bezüglich der Redaction der Denkschrift der Bischöfe muß insoweit berichtigt werden, als die erste Red action vom hiesigen Bi- schof, die desinitive vom Bischof zu Paderborn herrühren soll.

Berlin. Der Kaiser wird, nach einer Mit- theilung derN. H. Z., am 19. d. von Baden nach Hannover abreisen, wo er Abends einttifft und über den 20. verweilt. Am 21. begibt sich der Karser zur Jagd nach Springe und wird am 22. Mittags nach Berlin zurückkehren.

Bei der im 3. Berliner Wahlbezirk statt⸗ Minister finden. ö verleugnen sie vie Prineipien der Achtung dees Sie schließen sich der radicalen Politi!

gebabten Ersatzwabl zum Landtage wurde an Stelle Schulze Delitzsch' der Candidat der vereinigten liberalen Partei, Geh. Regierungsrath Kerst, mit 463 Stimmen zum Abgeordneten gewählt. Er⸗ schienen waren 482 Wahlmänner.

Die aus ganz Deutschland äußerst zahl- reich besuchte Generalversammlung des deutschen Tabakvereins sprach sich fast einstimmig gegen jede Erhöhung des Tabakszolles, sowie gegen die Ein- führung einer Tabakssteuer aus und beschloß die Einreichung einer bezüglichen Petition und Denk: schrift an den Bundesrath und Reichstag.

Die von betheiligter Seite lang begehrte Regulirung des Apothekergewerbes im deutschen Reiche soll von den Regierungen der nächsten Reichstagsession als Aufgabe überwiesen werden. Officiös wird darüber berichtet: Man habe in Regierungskreisen der Ueberzeugung Raum gegeben, daß die Dinge, so wie sie jetzt liegen, nicht auf⸗

recht zu erhalten seien, daß aber einer Regulirung

im Sinne der Petenten auch große Schwierig⸗ keiten entgegen stehen. Es sei nach wie vor die Meinung, daß die staatliche Controle über den Apothekenbetrieb aufrecht erhalten werden müsse. Die Hoffnung auf eine gänzliche Freigebung des Apo thekergewerbes werde sich getäuscht seben. Eine größere Schwierigkeit biete die Entschädigungs frage; man verhehle sich nicht, daß die Besitzer von Privilegien nicht ohne Weiteres durch ein neues Gesetz ihre Rechte verlieren könnten.

DieNordd. Allgem. Zeitung dementirt die Zeitungs ⸗Nachricht, daß Fürst Bismarck wegen seiner angegriffenen Gesundheit seinen Urlaub noch über ein Vierteljahr verlängern ließ. Das Blatt fügt hinzu: Fürst Bismarß nahm einen unbe stimmten Urlaub zur Wiederherstellung seiner Ge sundheit; wann dieser Zweck erreicht wird, ist zun Zeit noch unbekannt. Jedenfalls wird eine so lange Abwesenheit von den Aerzten nickt als wahrscheinlich betrachtet,

Prinz Albrecht(Vater) von Preußen ist am 14. d. Abends verschieden. Aus dieser Ver⸗ anlassung wird der Kaiser schon am 16. dahier zurücker wartet.

DasMilitär Wochenblatt berichtigt in Bezug auf das Generalstabswerk:An dem Ge rüchte, der Generalstab habe die Druckbogen des zweiten Heftes seines Werkes über den Krieg 1870%ũ71 dem Marschall Mat- Mahon zur Ver- besserung etwaiger Unrichtigkeiten zugesandt, ist eben so wenig etwas Wahres, wie an dem, daß etwa Hrn. Thiers die erste Lieferung des Werkes zu demselben Zweck zugesandt worden wäre. Wie man sich erinnern wird, ward in verschiedenen Zeitungen gemeldet, Graf Moltke habe dem Marschall Mac-Mahon die Aushängebogen über die Schlacht bei Wörth zu etwaiger Berichtigung übersandt.

Mülhausen. Ueber die Stimmung, welche gegenwärtig unter den in Belfort sich aufhaltenden Emigranten herrscht, berichtet einem Mülhauser Correspondenten desNiederrh. Cour. ein von dort gekommener Geschäftsmann das Traurigste. Es soll da die prößte Rathlosigkeit herrschen. Mangel an Wohnungen und übertriebene Theue⸗ rung der Lebensmittel machen es Vielen fast un⸗ möglich, dort zu verbleiben, und die Weiber, die zu einem großen Theile schuld an dem unüber⸗ legten Auswandern waren, dringen am meisten auf Abreise, entweder weiter hinein nach Frank- reich, wo man keine Preußen mehr sieht, oder zurück ins Elsaß, das ist ihnen einerlei! Die Männer überlegen die Sache etwas mehr: sie be⸗ rathen mit ihren Freunden und ihrem Geldbeutel.

Ausland.

Frankreich. Prinz Napoleon hat wegen der gegen ihn verhängten Maßtregel einen Protest an den Prästdenten der Nationalversammlung, Hrn. Grevy, gerichtet, an dessen Schluß es heißt: In Wirklichkeit ist der Name Napoleon, den zu tragen ich die Ehre habe, mein einziges Verbrechen in den Augen der Regierung. enn er Argu⸗ mente suchen wolle zu Gunsten der individuellen

eue

Heute im Besitze der Ge

Rechtes. an, welche durch einen Delegirten in Toure

Bordeaux angewendet und mit so großem Cyni mus kürzlich in einer Rede dargelegt wurde. Na tionglversammlung möge seh antwortlichkeit theilen will. Bitterkeit ab, welche ich nicht verhehlen will, und constatire, daß meine Gemahlin, welche die In⸗

Frankreich zwischen Gendarmen der conservativen appellire ich, der Gewalt weichend, wie immer an

Stimmrecht, an den nationalen Willen.

halten der Regierung in Bezug auf den Prinzen

politisch zugleich. Ungerecht, weil kein Gesetz die

teren geben würde u. s. w. Die nzepublikanischen

von dem der Prinzessin Clotilde zu trennen, indem sie hervorheben, daß dem Präsidenten, als er die erwähnten Maßregeln gegen den Prinzen an⸗ ordnete, völlig unbekannt gewesen sei, daß die Prinzessin ihren Gemahl begleite.

Der Bischof von Orleans hat, derEs pérante du peuple zufolge, aus Anlaß der Ruhestörungen zu Nantes an Herrn Thiers einen sehr heftigen Brief gerichtet, welcher mit den Worten schließt:Sie haben den Ehrgeiz, Herr Präsident, die Republik in Frankreich zu gründen. Nun

eine Regierung, unter deren Schutze man täglich den Glauben und die Armee beschimpft, in diesem Lande Aussicht auf dauernden Bestand baben. Eine Regierung, welche nicht die Sympathien der Armee und der Geistlichen desjenigen Kultus be⸗ sitzt, dem die Majorität angehört, wird immer nur von ephemerer Dauer sein. Das ist wenigstens deutlich gesprochen. r

Wie es sich nun herausstellt, hat Picard, der französische Gesandte in Brüssel, niemals ein Entlassungsgesuch eingereicht. Das betreffende, dem Präsidenten Thiers zugegangene Schreiben war eine Fälschung und die Handschrift des Gesandten täuschend nachgemacht.

Amerika. Von den Antillen wird ge⸗ meldet, daß das französische SchiffJacques Semin, das am 6. April von Macao absegelte, am 4. Sept. mit einer Ladung Chinesen in der Havana eintraf. Kurz nach der Abfahrt des Schiffes meulerten die Chinesen, und der Capitän tödtete, wie es heißt, mebrere derselben. Auf der ganzen Fahrt wurden die Unglücklichen unbarm⸗ herzig mit Peitschenbieben traktirt. Die Chinesen kamen in schrecktichem Zustande an. Von 300 waren unterwegs 65 gestorben; die am Leben ge⸗ bliebenen sahen krank und elend aus und viele von ihnen waren nicht im Stande, zu gehen. Nur französische und spanische Schiffe, vorzüglich aber französische, find beim Rulihandel beteiligt.

Gießen. Eln äußerst frecher Diebstahl fand am 1 Sonntag Abend auf dem Lony'schen Bierkell e stall. Einem Besucher dieses Lokals wurde beim Betreten desselben die Uhr mit Keite aus der Tasche gerissen. Der Thäter konnte der Dunkelzeit wegen nicht versolgt werben, wurde aber am Montag Morgen von Polizeidiener Blizz in einer biesigen Wirihschaft ergriffen, ihm das gestohlene

Bei einer dahier arretirsen Taschendiebin fand man bei Durchsuchung der Wohnung derselben mehrere Tausend Gulden vor. Dieselbe wurde durch einen Feuerwehrmann entdeckt. So oft die Gaunerin nämlich am

rankfurt.

Freiheit, werde er sie zum Ueberflusse in den Reden des Präsiderten der Republik und aller

verflossenen Markt ein Portemonngie gezogen hatte, kam sie in den Hof der Feuerwache und zählte dort den Inhalt. 5

ob sie die Oe. Ich reise mit einer

denn, ich appellire an Ihre Einsicht und an Ihre U Kenntniß der geschichtlichen Gesetze: niemals wird

Baß abgenommen und er selbst in Sicherheit gebracht. *

furgenten des 4. September respectirten, heute

Republik verläßt. So wehrlos ich auch sein mag,

unseren einzigen Souverän, an das allgemeine

Ein Theil der conservativen und gemäßigten 3 Organe aller Schattirungen mißbilligen das Ver.

Napoleon. Sie nennen dieselbe ungerecht und un⸗

Regierung berechtige, einen nicht feindlichen fran zösischen Bürger zu vertreiben; unpolitisch, weil sie den Glauben erwecken wird, der Bonapartis- mus könne der Regierung gefährlich werden, was eine traurige Vorstellung von der Macht der letz-

Organe und ein Theil der übrigen Blätter stellen sich dagegen auf die Seite der Regierung, sind jedoch auffällig bemüht, in ihrem Urtheile die Empfindlichkeit der italienischen Nation möglichst zu schonen und den Fall des Prinzen Napoleon