Ausgabe 
9.3.1872
 
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müsse es der Regierung überlassen, die Nothwendig⸗ keit des Gesetzes zu beurtheilen. Die Regierung wolle nicht mit den Conservativen brechen, aber sie ließe sich auch nicht von einer Partei drängen. Fürst Bismarck wendete sich hierauf gegen den Commissionsbericht, welcher die Nachtheile des Ge⸗ setzes übertreibe und die Mitglieder der Commis sion zu Mithelfern jener anderseitig gegen die Re- gierung erhobenen Beschuldigungen mache. Preußen babe früher in einem beneideten, consessionellen Frieden gelebt. Dieser Friede wurde minder sicher, als Preußen mit seiner evangelischen Dynastie eine größere Entwicklung nahm. Der confessionelle Frieden wurde angefeindet nach dem österreichischen Kriege und vollends, nachdem auch Frankreich unterlegen sei. Fürst Biemarck verliest den Be- richt eines Gesandten, welcher auf die Thätigkeit des einflußreichen Theils des katholischen Klerus zu Gunsten Frankreichs hinweist. Fürst Bismarck betont nochmals, daß das beste Mittel gegen die polnischen Agitationen der Unterricht in der deutschen Sprache sei, welchen die Geistlichen verhindern. Dagegen sei das Gesetz gerichtet. Schließlich wendet sich Fürst Bismarck nochmals an die Conservativen und ermahnt sie zum Vertrauen in die Regierung. Die Regierung hofft, das Gesetz werde mit mög- lichst großer Majorität angenommen werden.

7. März. Herrenhaus. Fortsetzung der Generaldiscussion über das Schulaufsichtsgesetz. Für dasselbe sprechen Goßler und Bernuth, da gegen Senfft⸗Pilsach und Kröcher. Fürst Bismarck hebt hervor, daß er in seiner gestrigen Rede keineswegs die Theorie des beschränkten Unter⸗ thanenverstandes habe reactiviren, sondern nur be merken wollen, daß man in einzelnen Fällen sein eigenes Urtheil demjenigen der Regierung, welcher man vertraue, unterordnen müsse. Der Minister- präsident schließt:Wenn Sie glauben, daß der Mann an der Spitze der Regierung von seinem hohen Standpunkte nicht soviel sehe als Sie von Ibrem Standpunkt von der Ebene, dann ist Ihre Pflicht, meinen Platz einzunehmen, statt mir Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Das ist nicht patriotisch. Nachdem noch Mevissen und Hinschius für, Mayer(Celle) gegen die Vorlage gesprochen, wird der Schluß der Generaldiscussion angenommen, worauf der Berichterstaiter Kleist⸗ Retzow die Commissionsfassung in sehr ausführ- licher Rede vertheidigt. Die Specialdebatte wird sodann auf morgen vertagt.

Aus Berlin schreibt man derKarlsr. Zeitung:Mit Ausnahme des Entwurfs eines Reichs ⸗Preßgesetzes, dessen principielle Bedeutung wohl lebhafte Parteikémpfe und längere Debatten herbeiführen dürfte, stehen keine umfassenden und tiefgreifenden Berathungsgegenstände für den Reichs- tag zu erwarten. Die meisten Vorlagen bezwecken die Regelung von Einzelverhältnissen in Elsaß⸗ Lothringen. Deshalb bildet sich in hiesigen poli⸗ tischen Kreisen die Meinung, daß die nächste Reichstags⸗Session nur etwa vier Wochen dauern werde.

Es eihält sich das Gerücht, daß Graf Eulenburg die längste Zeit Minister des Innern gewesen. Ein Entlassungsgesuch soll derselbe zwar noch nicht eingereicht haben, doch meint dieElbf. Ztg., daß ein freiwilliger Rücktritt des Ministers des Junern nicht den geringsten Schwierigkeiten begegnen würde, und daß für einen solchen Fall Herr v. Möller, der gegenwärtige Oberpräsident von Elsaß-Lothringen, als Nachfolger in Aussicht genommen sei.

DerB. B. K. hört, daß in Regie⸗ rungskreisen an die Stiftung eines Deutschen Ordens gedacht wird. Bisher habe der Kaiser, wenn er Verdienste um das gemeinsame Vaterland anders als durch Dotationen belohnen wollte, sich darauf beschränken müssen, preußische Orden zu verleihen, wit ja auch das eiserne Kreuz ursprüng⸗ lich ein preußisches Ehrenzeichen ist. Oa eine ent⸗ sprechende Decoration für Civilverdienst noch fehle, so solle diesemMangel durch Stiftung eines Ordens des deutschen Reiches abgeholfen werden.

DerReichsanzeiger vom 6. d. M. ver⸗ öffentlicht u. A. das Gesetz, betreffend die Ab lösung der Reallasten im Gebiete des Regierungs-

bezirks Wiesbaden und in den zum Regierungsbezirk Kassel gehörigen vormals Großherzogl. Hessischen Gebietstheilen. f

Dresden. Die zweite Kammer nahm den Antrag des Ausschusses, die Vollsschule ale eine öffentliche Anstalt der Jugend ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses zugänglich zu machen, bei namentlicher Abstimmung mit 43 gegen 31, den Antrag betreffs Dispenstrung vom Religions- Unterricht in besonderen Fällen mit 67 gegen 5 Stimmen an.

DasDresdener Journal meldet, daß Kaiser Wilhelm dem Könige von Sachsen mittelst Haadschreiben angezeigt habe, daß dem sächsischen Kriegsminister v. Fabrice aus dem Dotationsfonds die Summe von 100,000 Thlrn. verliehen worden sei, um damit den hervorragenden Verdiensten desselben um die Reorganisation und die bewährte Kriegstüchtigkeit des sächsischen Armeecorps seine kaiserliche dankbare Anerkennung zu bethätigen.

München. Der deutsche Kaiser hat am 1. d. M. dem General der Infanterie Freiherrn v. Hartmann den Orden pour le mérite durch Cabinetsordre verliehen. 5

Der Gemeindeausschuß in Simbach hat, wie bereits erwähnt, am 27. Febr. mit 8 gegen 4 Stimmen den Beschluß gefaßt, daß die dortige vor ein Paar Jahren neuerbaute, katholische Kirche jeden Sonn- und Freitag von 10 bis 12 Uhr Vormittags den Altkatholiken zur Mit- benützung eingeräumt werden soll. Der Bürger- meister des Ortes weigerte sich zwar anfangs, die betreffende Vorstellung der Altkatboliken dem Col⸗ legium zur Beschlußfassung vorzulegen, wurde aber hiezu vom Bezirksamte Pfarrkirchen beauftragt. Auch der Stadtpfarrer hat bereits einen feierlichen Protest von der Kanzel aus verkänden lassen.

Stuttgart. Eine Anzahl demokratischer Ab geordneten brachte einen Antrag ein, demzufolge die Regierung im Bundesrath für die Gewährung

von Diäten an die Reichstags Abgeordneten wirken soll. Straßburg. Aus einem dem Gemeinde

rathe der Stadt Straßburg vorgelegten Status der Gemeinde Einnahmen und Ausgaben pro 1870 und 1871 geht unter Anderem hervor, daß die der Stadt bewilligte Totalsumme für Bom⸗ bardementsschäden sich auf 3,622,602 Fr. 71 C. beläuft, wovon bis 31. Dez. v. J. 1,171,191 Fr. 40 C. vergütet waren.

Ausland.

Oesterreich. Wien. Unterrichteterseits wird die Nachricht, daß die österreichische Regierung dem Papste ein Asyl angeboten habe, als voll kommen unbegründet bezeichnet. In hiesigen offi⸗ ziellen Kreisen ist von der angeblichen Absicht des Papstes, Rom zu verlassen, nichts bekannt. Das Herrenhaus hat das Nothwahlgesetz in der vom Abgeordnetenhause beschlossenen Fassung un⸗ verändert mit 72 gegen 10 Stimmen, also der nothwendigen Zweidrittel⸗Majorität angenommen.

Aus Ried(Niederösterreich) meldet man derDisch. Ztg.:Seit Weihnachten hielten die Altkatholiken von Ried öffentlichen Gottes- dienst vor den Augen der Behörden; mit vielen Kosten wurde das Theater als Nothkirche einge richtet. Kürzlich wurde in Folge Beschwerde des Linzer Bischofs der fernere öffentliche Gottesdienst verboten.

Schweiz. Bern. Der Nationalrath hat die revidirte Bundesverfassung mit 78 gegen 36 Stimmen unter Namensaufruf angenommen. Der Ständerath genehmigte sie mit 23 gegen 18 Stimmen.

Frankreich. Paris. Die patriotischen Sammlungen der Frauen von Frankreich zum Besten der Befreiung des Landesgebiets scheinen weit hinter den gehegten Erwartungen zurückge⸗ blieben zu sein, so daß das ganze Unternehmen als gescheitert betrachtet werden kann. Das Comite des 10. Arrondissements von Paris macht be kannt, daß aus Rücksichten des öffentlichen Inte- resses und eines besonnenen Patriotism's, und

um der Regierung in der Wahl der Mittel für erwähnten Zweck vollkommene Freiheit zu lassen, die

organisirenden Comites des 10. Arrondissements glauben, die von ihnen begonnene Cyllecte nicht fortsetzen zu sollen. Die bereits erhobenen Summen und Zeichnungen werden daher sofort zurücker- stattet werden. DerSidcle stellt seine Samm- lungen ebenfalls ein; dieselben, nur auf baar lautend, hatten im Ganzen die winzige Summe von 28,170 Frs. 35 C. ergeben.

Die Demisßon Ponyer-Quertier's ist an- genommen. DasIcurnal officiel veröffentlicht ein Decret, durch welches Herr v. Goulard mit der interimistischen Leitung des Finanzministeriums betraut wird.

Constitutionnel meldet aus guter Quelle, daß Thiers beabsichtige, Pouper-Quertier zum Botschafter in Berlin, Gontaut-Biron zum Bot schafter in London zu ernennen, wofern der Her⸗ zog v. Broglie zurücktreten wolle.

Belgien. Brüssel. Die Kammer hat auf die Erklärung der Regierung, daß Solvyns beim König Victor Emanuel in Rom als Gesandter beglaubigt sei und bleibe, die Beibehaltung der Vertretung Belgiens beim Papst nait 63 gegen 32 Stimmen bewilligt. Die Linke, mit Aus- nahme von drei Deputirten, stimmte dagegen.

Bad⸗Nauheim, im März. Der hiesige Gemeinde⸗ rath ernannte in seiner Sitzung am 7. v. M. Hrn. Ge⸗ heimen Medicinalrath Prosessor Dr. Beneke zum Ehren⸗ bürger der Stadt Bad- Nauheim. Friedrich Wilhelm Beneke, Ritter des eisernen Kreuzes am weißen Bande und des Königl. Preußischen rothen Ablerordens 3. Classe, Mitglied der 4. Classe des Königl. Hannov. Guelpheu⸗ Ordens, Inhaber des Füfstl. Waldeck'schen Verdienst⸗ Ordens, Doctor der Medicin und ordentlicher Professor der phatol. Anatomie und allgemeinen Pathologie an der Universität zu Marburg, Geh. Medicinalrath, Director des patbol.⸗anat. Instituts der Universität, geb. zu Celle den 27. März 1824, wurde als Leibarzt Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs von Oldenburg im Jahr 1857 auf Grund seiner bisherigen balneologischen. Lelstungen, namentlich über Bad Rehburg und das Seebad, nach Nauheim berufen, um daselbst die Stelle eines ersten Brunnenarztes zu übernehmen. Zugleich wurde ihm dabei der Antrag gestellt, im Winter an der Universität Marburg Vorlesungen zu balten. Diese Stellung in Nauheim und Marburg, bekleidete B. bis 1866. Im Jahre 1862 wurde er zum außerordentlichen Professor in Marburg ernannt, sowie mit der Direction des dort errichteten pathologischen Instituts betraut. In Nauheim waren während dieser Zeit die Einrichtungen des neuen Badehauses, soweit sie die Badeapparate betreffen, die Verbesserung der alten Badehäuser durch Zuleitung von Süßwasserleitungen zu den Bädern, die Gründung eines Hospitals für unbemittelte Kranke, sowie die Herbei⸗ führung der Anlage eines Fahrwegs auf den nahen Johannisberg, den schönsten lanoschaftlichen Höhepunkt der ganzen Wetterau, sein Werk. Zugleich verfaßte B. drei Schriften über Nauheim und begründete die Wir⸗ kungsweise der Trinkquellen und Bäder durch zwei längere Reihen von Uniersuchungen, welche er in Gemeinschaft mit drei jungen Aerzten anstellie. Als dann im Jahre 1866 Bad⸗Nauheim in Folge der politischen Exeignisse dem Großherzogthum Hessen einverleibt wurde, trat B., um eine befriedigende Winterthätigkeit festzuhalten, nach Preußen über und wurde zum ordentlichen Professor der pathologischen Anatomie und allgemeinen Pathologie in Marburg ernannt. In dieser Stellung befindet sich B. noch, er ist zugleich ein viel consultirier Arzt, und notz seiner sast übermäßig in Anspruch genommenen Zeit hat er von 1866 bis jetzt der Stadt Bad- Nauheim den Beweis geliefert, daß er dem bereits in die Reihe der ersten Soolbäder Deuischlands getretenen hiesigen Bade sein volles Interesse bewahrt hat. Denn so oft es seine Zeit erlaubt, oft auf Tage, oft nur auf Stunden, kommt B. alljährlich während der Saison von Marburg nach Bad⸗Nauheim herüber zur Behandlung und Berathung von Kranken, welche in unseren vortrefflichen kohlensauren Soolihermen Heilung suchen. Auch durch fortgesetzte Mittheilungen in medicinischen Journalen, über neue dahier gemachte Erfahrungen sucht B. nach, wie vor, sein In⸗ teresse für Bad⸗ Nauheim zu bekunden, und der hiesige Gemeinderath hat durch Ernennung B's. zum Ehren⸗ bürger nur seiner Ueberzeugung, welch' hervorragenden Antheil die Leistungen dieses ausgezeichneten Mannes an dem so reschen Emporblühen unseres Bades hatten und noch haben, daukbaren Ausdruck gegeben. Das Ehrendiplom wird so eben von der gewandten Hand des Herrn Kalasteringenieur Göbel in Darmstadt künstlerisch ausgeführt und soll Herrn Professor Beneke demnächst durch eine Deputation des Gemeinderaths überbracht werden.

Gießen, 6. März. Heute Nachminag ¼44 Uyr wurde hier ein Erdreben von mehreren Sckunden verspürt.

B. Büdingen, 6. März. Heute Nachmittag 3 Uhr 40 Min. nicht unbedeutende Erderschütterung, die besonders kleinere Gegenstände in heftiges Schwanken versetzle. Die Art der Bewegung derjenigen eines schaukelnden Schiffes zu vergleichen. Richtung nicht eikennbar. Dauer etwa 4 Sekunden.

Frankfurt. Ueber das am 6. auch hier beobachtete Erd⸗ beben wird demFr. J. geschrieven:Ich saß vor meinem

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