Ausgabe 
29.8.1871
 
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ereignete sich hier folgender characteristischer Vor⸗ fall. Ein junger Mann, Oesterreicher, ging an der Seite seiner Frau im Pare de Mongeaux spazieren und wagte es, Deutsch zu sprechen! Ein Heißsporn von Boulevardier hört dies und schlägt ibm mit den Worten:Je ne peux pas entendre cette maudite langue! krästigst in das Antlitz. Erst als es sich herausstellte, daß der Angegriffene kein Bürger des deutschen Reichs war, fühlten sich die Sicherheitsmannschaften be müßigt, den Thäter festzunehmen.

In Sachen der ausgewiesenen Deutschen erfährt man, daß die Zahlungen als Beihülfe zur Miethe ꝛc. wieder aufgenommen werden. Ein Delegirter des Regierungscommissärs von Wurmb ist in der Person des Spezialcommissärs Schreiber bereits hier eingetroffen. Der Polizeipräsident v. Wurmb stellt behufs definitiver Regelung der An- gelegenheit seine Anwesenheit in Paris bis gegen Ende künftigen Monats in Aussicht. Ueber die bereits durch das deutsche Consulat zur Vertheilung gelangten 350,000 Franken liegen folgende statistische Daten vor: Aus Preußen wurden 376 Familien mit 160,000 Franken unterstützt, so daß auf die Famile im Durchschnitt 425 Fres., auf den Kopf 28 Thlr. kommen. Aus den übrigen Staaten des norddeutschen Bundes werden 68 Familien mit 39,000 Fres. betheiligt, so daß die Familie je 570 Fres. erhielt. Aus Würtemberg erhielten 91 Familien zusammen 46,000 Fres., also per Haushaltung 503 Fres. Aus Baden meldeten sich 147 Familien, welche 64,000 Fics. erhielten, also per Familie 432 Fres. Das Großherzogthum Hessen endlich hatte 95 Familien, die mit 44,000 Fres. betheiligt wurden, so daß auf den Haus- halt 469 Fres kamen.

DasParis-Journal meldet, General Faidherbe verzichtet aus dem Grunde auf sein Kammermandat, weil die Kammer keine Con- stituante, mithin unverechtigt sei, die Proposition Rivet zu diseutiren.

27. Aug. Die republikanische Linke hat den Beschluß gefaßt, den Antrag einzubringen, daß sich die Nationalversammlung auflösen möge.

Versailles, 24. Aug In der National versammlung kam heute die Frage wegen der un verzüglichen Auflösung der Nationalgarden zur Berathung. Thiers hielt eine Rede, in welcher er seine Zustimmung zu der Auflösung gewisser Nationalgarden aussprach, die unverweilte und gleichzeitige Auflösung aller Nationalgarden in ganz Frankreich aber bekämpfte. Redner tadelte derlei heftige und rauhe Maßregeln, welche er als unvereinbar mit der Pflicht einer maßvollen und würdigen Regierung bezeichnete. Nicht alle Nationalgarden verdienten Vorwürfe; sie sollten reorganisirt, nicht unterdrückt werden. Thiers weist auch die Verpflichtung sofortigen Vorgehens zu rück und fordert für die vollziehende Gewalt das Recht, die Stunde des Handels selbst zu wählen. Auf eine Unterbrechung antwortend, fügt Thiers hinzu:Ich weiß, daß das Vertrauen der Ver sammlung erschüttert ist. Ich kenne den Entschluß, den mir das Schauspiel auferlegt, das die Ver- sammlung gewährt. Ich habe kein Wort mehr zu sagen.(Lebhafte Erregung.) Ducrot be antragt ein Amendement, welches schrittweise Auf⸗ lösung will. Justizminister Dufaure erklärt, der Ministerrath habe das Amendement Vormittags geprüft und könne demselben im Princip zustimmen. Der Minister fügt hinzu, daß die Regierung die Entwaffnung in möglichst kurzer Frist bewerk stelligen werde. Das Amendement wird hierauf mit 483 gegen 154 Stimmen angenommen.

Nach seiner Rede in der vorerwähnten Sitzung der Nationalversammlung begab sich Thiers in ein an den Sitzungssaal grenzendes Zimmer, um seine Demission schriftlich zu geben; er wurde je doch hieran von mehreren Deputirten gehindert. Es herrscht noch eine ziemlich bedeutende Er regtheit in den parlamentarischen Kreisen. Die Mehrzahl der Deputirten aller Parteien sind von versöhnlichen Entschlüssen beseelt und entschlossen, die Erneuerung ähnlicher Zwischenfälle zu ver meiden.

1 n 2 3 8 e Sitzung der Nationalversammlung. Die

Nationalversammlung nahm mit 503 gegen 133

Stimmen das Gesetz betreffend die Auflösung der

Nationalgarde in der Gesammtheit an. Es folgte hierauf die Berathung des Gesetzes betreffend die Erhöhung der indirecten Steuern. Der Finanz- minister entwickelte die Finanzlage Frankreichs und betonte die Nothwendigkeit einer Vermehrung der Einnahmen, welche am sichersten bei den indirecten Steuern erreichbar sei.

Wie man inVersailler Kreisen ver sichert, hätte Hr. v. Bismarck dort durch Hrn. v. Waldersee wiederholt und dringend auf die Noth wendigkeit hingewiesen, die Regierungs-Vollmach⸗ ten des Herrn Thiers für eine bestimmte Zeit zu verlängern, da die preußische Regierung, es sei wegen der Räumung des französischen Gebiets, es sei wegen jedes anderen Arrangements, erst dann in Unterhandlungen treten könne, wenn Frankreich sich und wäre es nur für 3 Jahre ein stabiles Gouvernement gesichert habe.

Amerika. Einer amtlichen Zusammenstellung zufolge zählt die amerikanische Marine im Ganzen 179 Fahrzeuge, wovon 51 Panzerschiffe sind, die in Liague Island, Neworleans, Washington und an anderen Orten verankert liegen; 36 befinden sich auf ausländischen Stationen und eine große Anzahl liegt unbeschäftigt vor Anker, da das Ge setz nicht die Anwerbung hinreichender Mann schaften gestattet.

Asien. Wie derLevant Herald vom 9. August mittheilt, empfing das Gesundheitsamt von Galata am 5. d. ein Telegramm aus Tabriz, welches das rasche Umsichgreifen der Cholera in genannter Stadt meldet. Die Seuche fordert täglich im Durchschnitt 200 Opfer und die Ein wohner flüchten zu Tausenden nach Urumiah und Khoi. In Tabriz hieß es zur nämlichen Zeit, daß die Hungersnoth in den südlichen Provinzen, statt abzunehmen, schlimmer als je sei. Wie es um die kategorischen Versicherungen des persischen Gesandten in London betreffs der Hungersnoth in Persien steht, geht aus dem folgenden Telegramm des britischen Gesandten in Teheran hervor: Teheran, 21. August. Neue Aussichten auf Hungersnoth. Sofortige Hülfe wird an Werth gewinnen, da Lebensmittel immer theurer zu werden versprechen. Alison.

Aus Japan wird derWeser Ztg. ge schrieben:Es ist unleugbar, daß der deutsche Einfluß hierlands seit den letzten Ereignissen einen außerordeutlichen Ausschwung genommen hat. Deutsches Heerwesen, deutsche Institutionen und deutsche Erziehung sind in dem Maße gesucht, als die herrlichen Waffenthaten der Deutschen den kriegerischen Japanesen gewaltigen Respect ein flößzten. Es ist bezeichnend, daß der Prinz Higashi⸗ Mita- no- Mya, Onkel des Mikado und früher Kriegsminister, der sich im vorigen Jahre nach London begab, um dort einen europäischen Bil dungscurs durchzumachen, vor Kurzem nach Berlin übersiedelte, wohin auch ein anderer Prinz Fujimi⸗ no Mya geschickt wurde. Außer diesen beiden studiren jetzt in Preußen noch 20 Japaner, während Frankreich nur mehr von Touristen besucht wird. Anderseits wurde Herr v. Brandt von der Regie rung und einigen Daimios ersucht, deutsche Lehrer, Aerzte und Instructionsofsiziere für hierländige Verwendung anzuwerben. Kurz vor seiner Abreise hatte der deutsche Geschäftsträger die Genugthuung, im Daimiat von Kischin eine kleine etwa 5000 Mann zählende Armee zu besichtigen, die bereits ganz nach preußischem Muster uniformirt, einexer⸗ cirt und organisirt ist. Seit dem letzten Kriege finden hier nur preußische Waffen und Aus rüstungs⸗ gegenstände Anwerth, für Militärtuche in den Farben der deutschen Uniformen entstand eine solche Nachftage, daß alle Vorräthe zu erhöhten Preisen förmlich vergriffen wurden. Hoffentlich wird die deutsche Industrie die Vortheile nicht zu beklagen haben, die ihr nun erblühen.

H. Friedberg. Unter zahlreicher Betheiligung der Einwohnerschaft Friedbergs wurde am 25. d. M. Sr. K. H. dem Großherzoge zur Verherrlichung des Namensfestes desselben ein Fackelzug gebracht. Eine Abtheilung der Musik des großherzoglichen 2. Infanterieregiments war an

der Spitze de

Zuges und executirte N mehrere Piecen mit großer Präcision. Die Ansprache S. K. H. hielt Herr Hofgerichtg-Advocat Seyd und be⸗ tonte derselbe in solcher vornämlich, daß S. K. H., dessen unerschütterlicher Vertragstreue und patriotischer Opfer⸗ willigkeii unser theures Gesammtwaterland die siegreiche Ueberwindung des übermüthigen Erbfeindes und die glor⸗ reiche Wiederherstellung von Kaiser und Reich so wesentlich mitverdanke, der Stadt Friedberg immer die sprechendsten Beweise Seines Allergnädigsten Wohlwollens gegeben habe und daß die Stadt Friedberg bei allen berechtigten Wünschen

und in unverschuldeten Bekümmernissen steis ihre volle

gläubige Zuversicht auf Se. Kön. Hoh. setzen zu dürfen so glücklich sei. Der Landesfürst nahm die ihm dargebrachte Huldigung sehr gnädig auf und geruhte der Versammlung sofort seinen Dank aussprechen zu lassen. Nach beendigter Feierlichkeit verblieben die Theilnehmer des Zuges in ge⸗ selliger Zusammenkunft auf Windeckers Felsenkeller unter den Klängen der Musik noch einige Stunde in ungetrübter Heiterkeit.

* Friedberg. nommene Notizen werden uns mit dem Wunsche um deren Veröffentlichung mitgetheilt: Friedberg ist eine Reichstadt in der Wetterau, so zeitlich erbawet, und nachmale anno 1211 von K, Friedrich dem II. wie auch denen nachfol⸗ genden Römischen Keisern und Königen mit privilegien und freiheiten begnadt. Ist vor alten Zeiten eine sehr grosse stadt gewesen, aber durch undterschiedene fewerschaden in abgang gerahten. Es haben auch bißweilen die Keiser daselbsten hohff gehalten, und hat under andern Keiser Friedrich der II. die burg gekawet, und nach seinem nabmen Friedrichsburg genennet. Diese ist eine geraume festung, auf einem felsen, und gehöret auch dazu eine be⸗ sondere Graffschafft, die Graffschafft Reichen genennet, Danhero hat auch der Adel in Friedburg eine besondere Cantzley. Die Burg hat in seiner bewahrung ein Burg⸗ graff, welcher aus dem dar zu gehörigen Adel erwehlet wird. Anno 1383 ist die stadt durchs fewer angangen und 900 häuser darin, wie auch in anno 1447 durch bohßheit eines gehessigen mensche, so einem andern mit⸗ bürger, mit dem er wegen dreyerpfenige in Unwillen ge⸗ rahten, das Haus angezündet 700 gebeu in grund ver⸗ dorben und eingeaschert worden.

Aus Rheinhessen schreibt man derLandw. Ztg.: Nachdem unsere Landwirthe in diesem Jahre, wie kaum in einem anderen, fast beständig zwischen Furcht und Hoffnung geschwebt haben, ist nun endlich die Ernte glück⸗ lich eingethan. Mit Recht kann man sagenglücklich ein⸗ gethan, denn das Erntewetter war vortrefflich und der Ernte-Segen groß, sehr groß, denn gar Vielen reichen beuer die Vorraths-Räume nicht aus und zudem ist die Qualität der Früchte, d. h. der Winkerfrüchte nach bereits

bekannt gewordenen ersten Vermahlungen recht gut. Nur

die Gerste, die zwar in ihrem quantitativen Ertrage nichts zu wünschen übrig läßt, bat theilweise eine etwas stark gebräunte Farbe und wird daher immerhin gegenüber der jetzt massenhaft aus Ungarn kommenden kreideweißen Gerste geladelt, wiewohl eine ganze Reihe von vergleichenden Versuchen, die in der letzten Woche in der landw. Lehr⸗ anstalt zu Worms zur Ausführung kamen, entschieden günstiger für die rheinische als für die ungarische Gerste ausfielen; denn trotz der verlockenden Farbe ergab die letztere durchschnittlich pCt. Stärkemehl weniger als die erstere, die überdies ihre Bräunung schon auf dem Halm empfing und nicht im Geringsten ausgewachsen ist.

Bingen. Das Rochusfest, im vorigen Jahre in aller Stille vorübergegangen, war beuer wieder, begünstigt von dem herrlichsten Wetter, von einer ungeheuren Menschen⸗ menge besucht,. Tausende strömten von nah und fern nach dem Rochusberg. Eine colossale Masse von den üblichen Bralwüysten, servirt auf Rebenblättern, wurde vertilgt und der Zwölskreuzerwein schmeckte dazu noch lange nicht schlecht. So bot der Rochusberg, von dem man bekannt lich eine wundervolle Aussicht genießt, in diesem Jahre wieder ein freundlicheres Bild, als im vorigen Jahre zur Zeit des hier errichteten Lazareths.

Nürnberg. Bei den Verhandlungen des 12. Ver⸗ bandstages deutscher Genossenschaften in Nürn⸗ berg wurde u. A. bekannt gegeben, daß im Jahre 1869 in Deulschland 1720 Vorschußvereine, 267 Productiv-⸗Ge⸗ nossenschaften und 627 Consum⸗Vereine, 1870 dagegen 1859 Vorschußvereine, 275 Productiv-Genossenschaften und 750 Consumvereine bestanden, ein Zeichen, wie trotz der Ungunst der Kriegszeit das Genossenschaftswesen sich ent⸗ wickelt hat Dafür spricht auch die Steigerung der Mil⸗ gliederzahl und des Verkehrs: 1869 304,772 Mitglieder, 181,602,900 Thlr. Creditgeschäfte und 13,253,602 Thlr. eigenes Capital, oder 31 Procent gegenüber 1870 mit 314,656 Mitgliedern. 207,618,387 Thlrn.(25 Millionen mehr) Creditgeschäften bei 14,663 397 Thlr. oder 33 pCt. eigenem Capital. Zur Zeit, d. h. am Schluß des ersten Halbjahres 1871 bestehen ca. 3210 Vereine; ber seitherige Mitgliederstand beträgt 1.200000 Personen. Geschäste wurden im Betrag von 150,000,000 Tolrn. gemacht mie einem eigenen Capital von 2627 Millionen und einem fremden von 60 bis 70 Millionen Thlr. Der Genossen⸗ schaftstag hat als nächsten Versammlungsoit Breslau gewählt.

Hannover. DieZ. f. N. schreibt:Die Unsicher⸗ heit auf den Eisenbahnen nimmt in erschreckender Weise zu. Auch heute haben wir wieder über den Zustammen⸗ stoß zweier Züge zu berichten. Der Berlin-Rölner Courier⸗ zug lraf in voriger Nacht in Bucknau bei Magdeburg mit einem Rangierzug zusammen. Der vorsichlige Führer des Zuges that, sobald er die Gefahr herannahen sah, das Seinige, den Zusammenstoß möglichst abzuschwächen. Der⸗ selbe war nichtsdestoweniger ziemlich heftig. Der Führer,

Nachstehende einer alten Chronik ent⸗ 9

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