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Tagesordnung steht zunächst die Berathung über die Recommunication der ersten Kammer über den Gesetzentwurf das Feuerversicherungs wesen der Mo⸗ bilien, resp. Gleichstellung der zugelassenen Ge⸗ sellschaften betr. Die Hauptdifferenz besteht darin, daß die erste Kammer zwar in Uebereinstimmung mit der zweiten den Gesellschaften eine Abgabe von 2 pCt. der Bruttoprämieneinnahme festgesetzt, aber verlangt, daß der seitherige Betrag von 16,000 fl. zu dem Fonds für gemeinnützige Zwecke von Staatswegen gesetzlich gesichert werde. Der Ausschuß 2. Kammer will aber nur 12,000 fl. und zwar unter Aufrechnung der betreffenden Capitalzinsen garantiren. Ministerialrath v. Leh mann befürwortet im Interesse des Zustandekom⸗ mens des Gesetzes Beitritt zu dem Beschluß der ersten Kammer. An der Debatte hierüber bethei⸗ ligen sich außer dem Berichterstatter Hallwachs noch Dernburg, Goldmann. Fink, Metz und Zent- graf. Der Beschluß der Kammer gebt dahin, daß auf Antrag des Abg. Goldmann der Regierung 12,000 fl. garantirt werden sollen, daß aber die Capitalzinsen aus dem Fonds für gemeinnützige Zwecke hierin nicht einbegriffen sind, womit das Zustandekommen des Gesetzes gesichert erscheint. In lebhafter Debatte wurde sodann Nummer 2 der Tagesordnung, die Vorlage großh. Ministe⸗ riums des Innern, die Gewährung von Beihülfen an Angehörige der Reserve und der Landwehr be⸗ treffend, berathen. Der Ausschuß beantragt:„Die Kammer wolle zu dem Vertheilungsmodus, wie ihn großh. Staatsregierung vorgeschlagen, zu Nr. 1, 2, 3 ihre Zustimmung ertheilen, jedoch die Bitte beifügen, zu 2 a. in den in diesem Berichte angedeuteten Fällen Unterstützung eintreten zu lassen und zu 2 b. in der angegebenen Weise unverzinsliche Darlehen zu geben.“ Edinger er⸗ innert an das bittere Gefühl, welches das Do⸗ tationsgesetz hervorgerufen und beklagt, daß die
Vorlage der Regierung die Lohnarbeiter principiell
ausgeschlossen. Er bringt in Gemeinschaft mit den Abgg. Dernburg, Metz und Genossen einen Antrag ein, wonach die Kammer ihre Bereitwil— ligkeit erklärt, noch weitere Mittel für den frag⸗ lichen Zweck zu verwilligen. Ministerialrath von Lehmann gibt eine Erklärung ab, wonach auch Gesellen, Taglöhner u. s. w. nöthigenfalls berück⸗ sichtigt werden sollen. Dernburg greift die Regie- rung wegen Verzögerung der Sache an, worauf sich der Regierungscommissär veranlaßt sieht, den Nachweis zu liefern, daß die Regierung in dieser Beziehung keine Schuld treffen könne. Hallwachs befürwortet ein anderes System der Vertheilung, wonach nicht das Darlehen, sondern das Geschenk als Dank des Landes die Regel bilden soll,— eine Ansicht, welche jedoch bei der Kammer wie bei der Regierung wenig Anklang findet. Die Debatte, an welcher sich noch Metz, Schäfer, Frhr. v. Löw ⸗Ziegenberg u. A. betheiligen, hat das Resultat, daß die Vorlage der Regierung, resp. der Antrag des Ausschusses und der von Edinger und Genossen gestellte angenommen wird. Ein von Volhard gestellter Antrag, die Militär⸗ personen, welche ein Einkommen unter 1500 fl. besitzen, während der Dauer der Mobilistrung steuerfrei zu belassen, findet Annahme, worauf sich die Kammer einstweilen wieder vertagt.
— Die diesjährige Hauptversammlung der Gustav⸗Adolf⸗ Stiftung wird am 6. Sept. d. J. in Gimbsheim in Rheinhessen abge⸗ balten. Für den 7. Sept. ist eine Fahrt zu Wasser an die Schwedensäule, den Ort, wo Gustav Adolf über den Rhein ging, projectirt.
— Am 22. d. ist der als Militär- Schrist⸗ steller rühmlichst bekannte Major a. D. W. v. Plönnies nach vieljährigem Leiden gestotben.
Friedberg. Die Direction des Prediger- Seminars macht bekannt, daß die feierliche Herbst— entlassung aus dem evang. Prediger⸗ Seminar Mittwoch den 13. Sept. l. J. Vormittags 10
Uhr stattfindet. Freunde der Anstalt sind zu dieser Feier eingeladen.
— 25. Aug. S. K. Hoheit der Großherzog hat sich heute Vormittag um 11 Uhr nach Frank⸗ furt begeben, woselbst im großherzoglichen Palais
Familientafel stattfinden wird. Die Rückkehr S. K. H. erfolgte schon gegen 4 Uhr Nachmittags.
Gießen. Nachdem die oberhessische Bahn nunmehr in ihrer ganzen Ausdehnung in Betrieb gesetzt ist, soll am 25. d. M. eine Festfahrt von Gießen nach Fulda und ein Festmahl zu Fulda stattfinden.
Mainz. Die Einnahmen der Ludwigsbahn im Monat Juli l. J. beziffern sich auf den alten Strecken auf 503,407 fl. gegen 516,018 fl. im selben Monat des Vorjahres, mithin ein Minus von 12,611 fl., auf den neuen Strecken auf 29,872 fl.
Berlin. Der Kaiser hat am Jahrestage des Sieges von Vionville und Mars la Tour dem X. Armee Corps und dem verdienstvollen Führer desselben folgendes Telegramm zugehen lassen:„Bad Gastein, den 16. August 1871. Dem General der Infanterie von Voigts-Rhetz, Hannover. Ich spreche Ihnen und Ihrem Corps am heutigen ersten Jahrestage des Kampfes bei Mars la Tour, wo das X. Corps und die 5. Kavallerie Division durch siegreiches Eingreifen in den Kampf des III. Armee⸗Corps Entscheiden⸗ des, Ehrenvolles leistete, Meine Königliche Aner— kennung erneuert aus. Wilhelm.“
— Den hiesigen Blättern zufolge wird der Kaiser noch etwa vierzehn Tage in Gastein ver— bleiben und von dort sich zum Besuch nach Mün⸗ chen begeben.
— Nach einem Erlaß des Bundeskanzler- Amts haben die in den deutschen Staaten gelösten Gewerbescheine auch Gültigkeit in den Bundes- ländern Elsaß und Lothringen
— In Ausführung des Allerhöchsten Erlasses vom 3. August d. J. ist bestimmt worden, daß sämmtliche Postbehörden von an jetzt nicht mehr die Bezeichnung„Königlich“ oder„Norddeutsch“, sondern„Kaiserlich“ führen. Das General-⸗Post⸗ amt unterzeichnet für das Inland„Kaiserliches General⸗Postamt“ und für das Ausland„Kaiser— lich deutsches General-⸗Postamt.“
— In dem Conflict zwischen der Staatsge- walt und der katholischen Kirche ist eine neue nicht unwichtige Thatsache zu verzeichnen, nämlich ein vom Cultusminister ergangenes Verbot der Anstellung von Schulschwestern aus dem Orden Unserer lieben Frau zu Cösfeld.
München. Das Comite der katholischen Reformbewegung in München ladet die Katholiken Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz zu dem vom 22. bis 24. September in München kagenden Katholikencongresse mit berathenden und öffentlichen Sitzungen ein. In dem ersteren sind stimmberech⸗ tigt die Mitglieder des Münchener Actionscomites, die Delegirten aller übrigen altkatholischen Comites, endlich die speciell Geladenen. Der Zulaß zu den öffentlichen Sitzungen, welche in dem Glas- palast stattfinden sollen, wird durch Karten erlangt.
— Der König hat nach der„Allg. Ztg.“ bestimmt, daß das neue Ministerium alsbald in Wirksamkeit zu treten habe.
Straßburg, 23. August. Die„Straßb. Ztg.“ macht darauf aufmerksam, daß die Bewohner des Elsasses, welche die französische Nationalität gewählt haben, ohne das Land wirklich zu ver— lassen, als Fremde anzusehen und nur geduldet sind.— Der Mülhauser Municipalrath hat sich constituirt.
Ausland.
Oesterreich. Wien. Den neuesten Dis⸗ positionen zufolge wird eine zweite Begegnung der Kaiser von Deutschland und Oesterreich am 7. oder 8. Sept. im Beisein Beust's, Andrassy's und Bismarck's in Salzburg stattfinden.
Schweiz. Bern. Das Centralcomite der schweizerischen liberalen Katholiken hat beschlossen, zum September einen Congreß nach Solothurn zusammenzuberufen. Gegenstände der Berathung werden sein: 1) Trennung der Kirche vom Staate; 2) mehrere Fragen bezüglich der Reviston der Bundesverfassung in politisch⸗religiöser Hinsicht; 3) Organisation gegen die Uebergriffe der römi⸗ schen Curie.
Frankreich. Paris. Die„Pat ie“ glaubt zu wissen, daß die Regierung, mit der Aufhebung des Belagerungszustandes so lange warten werde,
bis die Entwaffnung der Nationalgarde in allen
Departements vollzogen sei. Was die Entwaff⸗ nung anbetrifft, so soll mit ihr begonnen werden, sobald die Nationalversammlung den Gesetzentwurf, betr. die Armeereorganisation, welcher die Auf⸗ lösung der Nationalgarden bestimmt, genehmigt hat.
— Der Agence Havas zufolge glaubt man, daß eine Meinungsverschiedenheit zwischen Thiers und der Kammermajorität in Betreff der sofor⸗ tigen Entwaffnung der Nationalgarde besteht.
— Der„Temps“ tadelt die radikalen Blätter, die Petitionen vorzubereiten suchen, welche die Auf lösung der Nationalversammlung verlangen sollen.
Versailles. Vitet ist zum Berichterstatter über die Anträge Adnet-Rivet ernannt; er schlägt in seinem Referat vor, Thiers zum Präsidenten der Republik zu ernennen; dessen Machtdauer solle der der Kammer entsprechen. Thiers wird Präsi⸗ dent eines verantwortlichen Ministerconseils und verkehrt mit der Kammer vermittelst Botschaften. Er erscheint indeß in den Sitzungen auf Wunsch der Kammer oder auf eigenes Verlangen, wenn die Kammer einwilligt.
— Die Finanzeommission nimmt im Princip die Steuer auf die französische Rente an.
Großbritannien. London. Der„Times“ zufolge hat Thiers mit der französischen Bank und anderen Finanzgesellschaften ein Abkommen getroffen, daß dieselben 10 Millionen Pfund Sterling in Wechseln per 2 und 3 Monat auf London als Vorschuß auf die Einzahlungen der letzten An- leihe entrichten sollen, welche Wechsel bei Entrich⸗ tung der nächsten halben Milliarde in Zahlung gegeben würden.
Türkei. Konstantinopel. Persien pro- testirte gegen die Besetzung der Baschraimsinsel im persischen Golf und einiger Punkte im Litto⸗ rale durch türkische Truppen, welche die Pforte für unerläßlich für die Aufrechthaltung ihrer Au⸗ torität erklärt.
Donaufürstenthümer. Belgrad. Laut Berichten aus allen Theilen des Landes fielen die Wahlen zu Gunsten der gemäßigt ⸗ liberalen Partei aus.
Homburg v d. H. Eine Gaunerbande, an deren Spitze ein gewisser Lichtenstern aus Pesih sieht, der sich Leon und Mr. de Bruges aus Ostende nennt, hat kürz⸗ lich die Gegend von Homburg unsicher gemacht, sich dann von dort entfernt, um anscheinend die größeren Handels⸗ plätze Deutschlands mit ihrer Gegenwart zu beglücken. Zu der Bande gehört eine Französin, die sich Madame de Bruges nennt, und ein Herr, der sich den Namen Rinds⸗ kopf beilegt, sowie eine dritte nicht näher bezeichnete Per⸗ son. Sämmtliche Personen befinden sich im Besitze fest werthloser Papiere, namentlich Titel des spanischen Credit⸗ Foncier von Don Lopez, Y. Lopez und ähnlicher, die sie unerfahrenen Leuten zum Kauf anbieten oder sie gegen Darlehen verpfänden. Die Herrschaften werden wohl bei ihrem Eintreffen in anderen Städten dasselbe Manöver in Scene setzen.
Frankfurt. Am letzten Donnerstag ist der hiesige Markt an seinen neuen Platz in der Haasengasse verlegt worden. Die Verlegung ist ohne die gefürchtete Revolution der Höckerinnen und Gärtner unter dem Beisein eines ziemlich beträchtlichen Publikums Morgens um 6 Uhr in aller Ruhe vor sich gegangen. Aus allen Stadltheilen kamen im Laufe des Vormittags Neugierige, um die neue Einrichtung zu sehen. Alle staunten über die große Ord⸗ nung, die herrschte, und über die Masse von Platz, welche vorhanden ist. 5
Darmstadt. Das hiesige Kreisamt bat an die Be⸗ sitzer von Gasthöfen, Bierbrauereien und Restaurationen ein Ausschreib en erlassen, daß bei dem im deutschen Nord⸗ osten sichtbaren Auftreten der Cholera und leichter Ver⸗ schleppung derselben als Vorkehrungsmittel eine gründliche von 8 zu 8 Tagen vorzunehmende Desinfection der Ab⸗ orte durch Eisenvitriol und Carbolsäure stattzufinden habe.
Mainz, 23. August. Ein auf hiesigem Bahnhofe beim Rangixen der Güterzüge beschäftigter junger Mann hatte dieser Tage das Unglück, ergriffen und überfahren zu werden. Nachdem er in das Hospital verbracht worden, wurde sosort zur Abnahme des einen Beines geschritten, das andere, auch beschädigt, hofft man erhalten zu können. Lend's schwimmender Circus verläßt Montag unsere Stadt und setzt seine Reise rbeinabwärts zu weileren Vorstellunge an anderen rheinischen Orten fort. Zuvor findet— am Samstag Abend— großes Abschledsfest
mit Tanzveignügen statt, wobei der Saal illuminirt und festlich dekorirt ist.
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