Ausgabe 
25.5.1871
 
Einzelbild herunterladen

Bei der Abstimmung wird§. 3 in der Fassung der Commission mit den Abänderungsanträgen Stauffenberg's unter Adlehnang aller übrigen Amendements angenommen, ebenso§. 4 und zwar ohne Debatte. Hiermit ist die zweite Berathung erledigt.

Der Reichstag nahm bei namentlicher Ab- stimmung den Gesetzentwurf über die Inhaberpapiere mit Prämien mit 133 gegen 119 Stimmen an.

23. Mai. Reichstag. Berathung des dringlichen Antrags v. Bunsen's, wonach bei Aus- arbeitung eines Gesetzes, betreffend die Verwen dung der Kriegsentschädigung, Fonds zur Auf hülfe der rückkehrenden bedürftigen Reservisten und Landwehrleute gebildet werden sollen. Nachdem Abg. v. Bunsen seinen Antrag befürwortet, erklärt Staatsminister Delbrück: Die Regierungen er kennten die Opferwilligkeit und Hingebung des gesammten Heeres, besonders der Reservisten und Landwehrleute, an, deßgleichen die großen Opfer, welche dieselben namentlich durch Unterbrechung ihrer früheren Thätigkeit erlitten hätten. Die Regierungen sähen in dem Antrage Bunsen's keinerlei Mißtrauensvotum, allein der Behandlung dieser Frage als Reichsangelegenheit stellten sich unbesiegbare Schwierigkeiten schon deßhalb ent gegen, weil die verschiedenen Staaten verschiedene militärische Einrichtungen hätten. Gerade die Landwehrmänner und Reservisten vertheilten sich in den einzelnen Heeren durchaus nicht nach dem Maßstabe der Präsenzstärke. Die Regierungen stimmten desbalb der Behandlung der Sache als Reichsangelegenheit nicht zu; es sei indeß damit nicht ausgeschlossen, daß die einzelnen Regierungen ihrerseits auf geeignetem Wege diesen Bedürfnissen abhülfen. Der Minister empfiehlt Ablehnung des Antrages. Der Antrag Bunsen wird mit großer Majorität unverändert angenommen. Es folgt die dritte Berathung des Gesetzentwurfes, betreffend das Posttaxwesen. In der Generaldebatte bittet Legationsrath Hoffmann Namens der verbündeten Regierungen, den§. 8 der Vorlage, betreffs des Landbriefbestellgeldes, in der ursprünglichen Fassung wieder herzustellen. Redner führt aus, daß die Nachwirkung des Krieges auf den Verkehr noch ss bedeutend sei, daß das Reich diese Einnahme noch nicht entbehren könne. Hierauf werden die §§. 1 bis 7 ohne Debatte,§. 8 nach kurzer Debatte nach den Beschlüssen der 2. Berathung fast einstimmig angenommen.

Dem Großherzoge von Hessen wurde das Kreuz der Groß⸗Comthure des kgl. Hausordens von Hohenzollern verliehen.

Magdeburg, 22. Mai. DerMagdeburger Correspondent bringt eine Aufstellung über die Rückkehr der ersten Hälfte des Gardecorps, wonach diese Truppen vom 2. bis 11. Juni in Binger brück eintreffen und von da nach ihren Bestim mungsorten weiterfahren würden. Die Ankunft derselben in Berlin und Umgegend, in Hannover und Kassel sei vom 4. bis 12. Juni zu erwarten.

München. Eine große Katholikenversamm lung wird auf Pfingsten stattfinden, zu welcher auch Frauen eingeladen werden sollen. Professor Michelis, welcher heute nach Innsbruck und Gratz abgereist ist, wird zu jener Versammlung hierher zurückkehren. Stumpf von Coblenz und andere Theologen werden hier erwartet.

Nach eben eingelaufener Anzeige sind in Großbrund und Taufkirchen, Bezirksamt München R./ 1, in einigen Stallungen unter dem Hornvieh äußerst rasch verlaufende Erkrankungen vorge kommen, welche von den Sachverständigen als Rinderpest erklärt wurden. Ueber die Art der Einschleppung liegt Aufschluß noch nicht vor. Alle zur Unterdrückung, sowie zur Verhütung einer Verbreitung der Seuche erforderlichen Maßregeln sind ergriffen.

Ausland.

Oester reich. Wien, 22. Mai. Die Reichsrathsdelegation wurde heute eröffnet, von Schmerling zum Präsidenten, Vidulich zum Vice- prästdenten erwählt. Der Reichskanzler Graf Beust legte den Voraͤnschlag des gemeinsamen Staats- haus haltes nebst Denkschrift und Erläuterungen

vor, ferner das Rothbuch. Dasselbe ent⸗ hält 105 Actenstücke. Der Inhalt ist meistens bekannt und bietet nur historisches Interesse. Wieder- holt tritt in demselben die Uebereinstimmung der Cabinette in Wien und Berlin in der Pontus und Donaufürstenthümerfrage zu Tage.

Dem Voranschlag des Ministeriums des Aeußeren zufolge werden die bisherigen Gesandt- schaften in Carlsruhe und Darmstadt ganz auf gegeben; in Dresden und Stuttgart werden fortan nur Residenten fungiren. Der Gesandtschaftsposten in München bleibt unverändert.

Frankreich. Paris, 21. Mai. Ein Pariser Correspondent desDaily Telegraph gibt eine Aufstellung der Verluste, welche durch die Commune der Stadt Paris zugefügt werden. Er gelangt zu einer Totalsumme von 34 Mil- lionen täglich, also in zwei Monaten zu 2 Mil- liarden. Lassen wir die Zahlen folgen: Löhnung von 150,000 Nationalgarden zu 2 fr. per Tag: 300,000 fr.; Löhnung ihrer Frauen und Kinder 50 Centim. durchschnittlich per Kopf: 75,000 fr.; Kriegsausgaben, einschließlich der Munition, 500,000 fr.; Verlust in den Verdiensten der 300,000 Arbeiter zu 6 fr. per Tag 1,800,000 fr., welche sich nach Abzug der Löhnung auf 1,500,000 fr. redutiren. Verlust der Arbeitgeber, in Folge des Arbeitermangels, zu 2 fr. per Tag 600,000 fr.; Verluste der Produktion von Pariser Artikeln Mill.; allgemeine Handelsverluste 10 Mill.; Verluste durch Verminderung des Verkaufs von Lebensmitteln in Folge der Auswanderung von 800,000 Personen 2,400,000 fr.; Verluste im Kleiderhandel aus nämlicher Ursache 2,400,000 fr.; Verluste in Folge der Abwesenheit von 150,000 Provinzbewohnern und Fremden, Ausgaben und Einkäufe 9 Mill.; Verluste an Hauszinsen 2 Mill.; Unterhaltungskosten der Armee von Versailles 3 Mill. Im Ganzen 34,275,000 fr.

Im Etablissement Godard in Paris stehen über 30 Luftballons für die beabsichtigte Flucht der stark compromittirten Communemitglieder und Chefcommandanten der Föderirten in Bereitschaft.

Ein Pariser Bürger hat, wieDaily News melden, Demjenigen eine Belohnung von 200,000 Fr. angeboten, der Thiers lebendig nach Paris bringen würde. Die Commune be hauptet mit aller Kühnheit, die Patronen-Explo sion sei das Werk von Versailler Agenten ge wesen; es sei jedenfalls verdächtig, daß die Mehr⸗ zahl der dort beschäftigten Arbeiter bereits vor 5 Uhr weggegangen, während die gewöhnliche Feierabendstunde 7 Uhr sei.

Nach vorheriger Verständigung zwischen der Regierung von Versailles und dem deutschen Generalcommando wurde die Nordbahn durch Besetzung hermetisch abgeschlossen, um flüchtende Föderirte nicht hinaus zu lassen. Dombrowski soll gefangen sein.

Versailles, 20. Mai. Wie dieIndep belge erfährt, soll der Finanzminister die Absicht hegen, nach dem Falle von Paris, eine einzige Anleihe von 6 Milliarden zu erheben, da die finanzielle Erfahrung zeige, daß die Aussicht auf eine spätere Anleihe einer sofortigen Anleihe nur schade und es darum besser sei, auf einmal an den europäischen Credit zu appelliren, als ihn nach und nach mit kleineren Anleihen anzuzapfen.

21. Mai. Eine Depesche des Comman⸗ danten Troͤves meldet, daß er um Uhr Nach- mittags durch die Porte de St. Clopd in Paris mit den Marine-Füsilieren eingedrungen ist und diese an dem Thore Position genommen und die Telegraphendrähte zerschnitten haben. Eine andere Depesche von 5 Uhr sagt: Die Parlamentärfahne weht auf der Porte d' Auteuil. Man vermuthet, daß die Insurgenten das Thor übergeben wollen. Privatnachrichten zufolge ist das 37. Linienregiment von der Armee Vinoy's zuerst durch die Porte de St. Cloud eingerückt. Eine Depesche des General Cissey sagt:Parlamentäre sind ge kommen, um die Räumung der Position Malakoff und des Forts Montrouge anzuzeigen, aber die Batterien der Wälle fuhren noch Nachmittags fort zu feuern. Die letzten Nachrichten von 7 Uhr Abends melden:Ungefähr zwei Regimenter sind

in Paris durch die Porte d' Auteuil eingedrungen und haben den Viaduct der Gürteleisenbahn über⸗ schritten. Dieselben stießen nur auf schwachen Widerstand. Eine Panik herrscht in Paris. Man versichert, Felix Pyat, Grousset und andere Chefs

seien verschwunden. b

22. Mai. Circa 80,000 Mann unserer Truppen sind in Paris eingerückt und bis zum Arc de Triomphe, dem Trocadero, der Avenue Uhrich und der Ecole militaire gelangt. Diesen Morgen wurde in der Richtung des linken Seine⸗ ufers lebhaftes Kanonenfeuer gehört. Dasselbe scheint gegen die Barrikaden beim Are de Triomphe gerichtet zu sein. In vergangener Nacht nahmen unsere Truppen das Chateau Muette in Passy und machten daselbst 600 Gefangene. 400 Ge fangene sind bereits diesen Morgen hier in Ver sailles angtkommen. Unter denselben befindet sich Assy.

22. Mai, Nachm. Die Armee hat den

Platz vor der neuen Oper besetzt. Das Haupt- quartier des Generals Cissey befindet sich in der Militärschule. Um 12½ Uhr fand in der Renn- bahn des Generalstabs an der Esplanade der Invaliden eine bedeutende Explosion statt, welche eine Feuersbrunst zur Folge hatte. Abends. Unsere Truppen setzen ihren Vormarsch in Paris fort. Dieselben haben den Bahnhof von Montparnasse nach leichtem Gefecht besetzt. Die Insorgenten haben auf der Terrasse der Tuilerien eine Batterie errichtet, welche die Champs Elysées bestreicht, die Position wurde jedoch vom General Clinchant umgangen. Man hofft, daß der Widerstand nicht lange anhalten wird. Die Truppen haben bereits 819,000 Ge⸗ fangene gemacht. Einige Pariser Maires sind diesen Abend von hier abgereist, um sich in ihren Mairien wieder einzufinden. Während einiger Tage wird Niemand nach Paris gelangen, noch dasselbe verlassen können, bis die Hauptführer der Insurrection verhaftet sein werden.

In der heutigen Sitzung der National- versammlung erklärte Thiers, daß Dank der tapferen Armee die Sache der Gerechtigkeft, der Ordnung und der Civilisation triumphiren werde. (Einstimmiger Beifall.) In Betreff der militärischen Operationen sagte Thiers, das Armeetorps des Generals Douay sei bis zum Triumphbogen vor gedrungen, gleichzeitig habe General Ladmirault die Avenue de la grande Armee bis zum Triumph⸗ bogen besetzt. General Vinoy reiche General Cissey die Hand. Dieser letztere lehne sich mit seinem linken Flügel an das Hotel der Invaliden, mit seinem rechten an Montparnasse. General Clinchant sei durch den Faubourg St. Hanoré bis zur Oper vorgedrungen. So sei die Lage um 2 Uhr Nachmittags gewesen.Wir haben den festen Glauben, fährt Thiers fort,daß Paris an seinen wirklichen Souverän, d. h. an Frankreich, baldigst zurückgegeben wird. In Bezug auf das Schicksal, welches die Insurgenten erwartet, sagt Thiers:Die Gesetze werden mit Strenge vollzogen werden. Mit dem Gesetze an der Hand werden wir jene Elenden verfolgen, welche weder das Privateigenthum noch die Denk⸗ mäler achten.

23. Mai. In der Nationalversammlung machte Jules Simon den Vorschlag, die Capelle Louis XVI. und die Vendomesäule wieder herzu⸗ stellen. Die Statue Frankreichs soll darauf gesetzt werden. Die Truppen haben die Tuilerien, den Vendomeplatz und den Concordeplatz besetzt.

Vorm. Nachrichten aus Paris von heute 6 Uhr melden, daß unsere Truppen die Place de Clichy, den Bahnhof von St. Lazere, das Palais de l'Industrie, das Palais des gesetzgebenden Körpers, das Hotel der Invaliden und den Bahn hof von Montparnasse besetzt halten. Ein leb⸗ hafter Kampf fand an der Place de la Concorde, welche die Insurgenten noch nicht aufgegeben hatten, sowie vor der Place de Clichy statt. Unsere Truppen sind voll Kampflust, ihre Verluste sind leicht. Man v rsichert, unsere Truppen seien zum Angriff auf Montmartre geschritten.

St. Denis, 23. Mai. Die Jsolirung von Paris im Norden und Osten ist vollkommen.

1