Ausgabe 
25.4.1871
 
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welcher die Pflicht der Verzinsung der Anleihe auf Schleswig Holstein nicht ausgedehnt wissen will, einstimmig abgelehnt worden, wird der Gesetzentwurf mit allen gegen die Stimmen der Polen und des Abgeordneten Freitag(Am- berg) angenommen. Hierauf Berathung des Antrages Lucius begüglich der Wiederaufnahme der Beförderung von Paketen an die deutschen Truppen in Frankreich. Generalpostdirektor Stephan erklärt, es sei ein Einverständniß hierüber mit dem Handelsminister erzielt und werde es wahr- scheinlich möglich sein, mit der Paketbeförderung schon in nächster Woche zu beginnen. Die Pakete dürften 4 Pfund nicht übersteigen, die Porto gebühr werde 5 Sgr. betragen. Lucius zieht nach dieser Erklärung seinen Antrag zurück. Bam⸗ berger spricht der Postverwaltung und dem General- postdirektor seinen Dank für ihre Leistungen während des Krieges aus.

Vom 4. Mai ab wird dahier in Ver bindung mit dem königl. preußischen Staatsanzeiger einDeutscher Reichsanzeiger erscheinen.

DerStaatsanzeiger bringt das Gesetz vom 3. April d. J., betreffend die Eheschließung von Militärpersonen. Dasselbe, vom preußi⸗ schen Gesammtministerium gegengezeichnet, lautet: Ehen, welche von Militärpersonen vom 15. Juli 1870, als dem Tage der angeordneten Mobil- machung der Armee an, während des gegenwär⸗ tigen Krieges, ohne vorherige königl. Genehmigung, bezw. ohne Genehmigung des vorgesetzten Com- mandeurs, geschlossen und aus diesem Grunde nichtig sind, sollen, wenn diese Genehmigung nach träglich erfolgt, als von Anfang an gültig an- gesehen werden. Dies findet auch dann statt, wenn die Ehe inzwischen durch den Tod auf⸗ gelöst sein sollte.

Den Kriegsgefangenen, die wegen Excessen, deren Urheber nicht ermittelt werden konnten, zu Festungsstrafe verurtheilt worden waren, ist, wie dieVoss. Ztg. mittheilt, auf kaiserliche Ordre Pardon gegeben worden. Auch mehrere wegen Desertionsversuchen in Festungen internirte Offiziere sind pardonnirt worden und haben die Erlaubniß erhalten, nach Frankreich zurückzukehren.

Köln. Auch am Rhein tritt eine beachtens⸗ werthe Agitation gegen die Unfehlbarkeitslehre zu Tage. Professor Dr. Michelis, das langjährige Mitglied der Volksvertretung, hat im hiesigen Casinosaal einen Vortrag über den durch das Dogma der Infallibilität hervorgerufenen Conflikt gehalten. Der Saal war bis zum letzten Steh platz besetzt, und zwar von einem Publikum, welches bis in die höchsten Kreise hinaufreichte. Auch die Gegenpartei war vertreten, jedoch nur schwach. Am Schlusse seines Vortrages forderte der Redner die Anwesenden, die ihm häufig Beifall spendeten, auf, eine vorliegende, für Dr. Döllinger bestimmte Adresse zu unterzeichnen.

München. Stiftsprobst Dr. v. Döllinger

wird eine Reise nach England antreten zum Be⸗ such seines Freundes Lord Acton, eines entschie⸗ denen Gegners des Unfehlbarkeitsdogmas. Die weltliche Geistlichkeit der Stadt München 103 Priester protestirt öffentlich gegen Döllinger und unterwirft sich den Concils- beschlüssen.

Stuttgart. Aus den neuesten Mittheilungen des Sanitäts vereins geht hervor, daß von Juli bis April 200,000 Truppen und Kranke den Bahnhof passirt haben. Die würtembergischen Blätter sind erfülltvon Klagen über die mangelhafte Verpflegung der deutschen Truppen in Frankreich. Wein und Cigarren, die früher geliefert wurden, fallen weg, um 9 kr Zulage ist in Rheims und Chalons wenig zu kaufen, und der Speck aus den Magazinen will den Süddeutschen durchaus nicht munden.

Karlsruhe. Es ist die Rede davon, in dem Wahlkreis Baden⸗Rastatt als Candidaten zum Reichstage an Stelle des zurücktretenden Herrn Lindau den General v. Werder aufzustellen.

Straßburg. Am 18, d. wurde das neue Lehrer Seminar feierlich eröffnet. Die höchsten Würdenträger der weltlichen und geistlichen Macht beehrten das bedeutungsvolle Fest mit ihrer Gegen

wart. Da bei den Verhandlungen über den definitiven Frieden deutscherseits auf die Befrie- digung derjenigen Forderungen hingewirkt werden wird, welche Angehörigen des Elsasses und Deutsch⸗ Lothringens gegen den französischen Staat zustehen, fordert der kaiserliche Civilcommissär die For⸗ derungsberechtigten zu dem Zwecke auf, ihre des- fallsigen Ansprüche, nach den einzelnen Materien getrennt, bei den Kreis⸗ Direktoren(Einwohner der Städte Straßburg und Metz direkt bei den Präfekten) speciell und baldigst zu liquidiren, so⸗ weit dieses nicht bereits bei der Liquidations- commission der Tresorerie geschehen ist.

Ausland.

Oesterreich. Wien. Die Stadt Vero⸗ vitica in Slavonien ist in der Nacht vom 20. auf den 21. d. fast ganz abgebrannt. 400 Häuser sind in Asche gelegt, 4000 Menschen obdachlos. Der Schaden wird auf eine halbe Million berechnet.

Frankreich. Paris, 20. April. Ein Bericht Dombrowski's vom gestrigen Tage Uhr Abends sagt: Nach einem blutigen Kampfe haben wir unsere Positionen wieder genommen. Unsere Truppen sind auf dem rechten Flügel vor gegangen und haben sich eines feindlichen Pro viantmagazins bemächtigt. Wir haben 69 Fässer mit Schinken, Käse und Speck vorgefunden. Der Kampf dauert mit Erbitterung fort. Die feind liche Artillerie auf der Höhe von Courbevoie über schüttet uns mit ihren Geschossen, aber trotz der Heftigkeit des Feuers führt unser rechter Flügel in diesem Augenblick eine Bewegung zu dem Zwecke aus, die Linientruppen, welche sich zu weit vorgewagt haben, zu verwickeln. Ich brauche fünf frische Bataillone, mindestens 2000 Mann, weil die feindlichen Streitkräfte beträchtlich sind. Ein Bericht des Kriegsministeriums von 5 Uhr 27 Minuten sagt: Wir erhalten gute Nachrichten von Asnieres und Montrouge. Der Feind ist zurückgeworfen. Okolowicz hält sich in Asnieres am Brückenkopfe und hat nicht die Schiffbrücke abgebrochen. Ein weiteres Bulletin meldet: Dom- browski wurde durch starke Colonnen von Linien; truppen angegriffen. Seine Vorposten, durch falsche Signale getäuscht, wurden überrascht. Dombrowski hat das Gefecht schnell wieder her stellen können.

20. April, Abends. Der Kampf dauert ohne Unterbrechung fort, besonders bei Neuilly und Lavallois. Die Versailler haben ihre Stellung an der Brücke von Neuilly durch Artillerie be deutend verstärkt und sind im Stande, zwei der bedeutendsten Straßen des Ortes zu bestreichen. Die Pariser vertheidigen die Barrikade, welche den von den Versaillern eroberten Werken gegen über errichtet worden ist, mit großer Hartnäckig⸗ keit. Die Batterien an der Porte Maillot und der Bastion des Ternes feuern unaufhörlich gegen Courbevoie, eine andere auf dem Kirchhof von Levallois errichtete Batterie beschießt den Bahn hof von Asnieres, wo sich die Versailler stark verschanzt haben. Der Ort Asnieres selbst wird von den Versaillern nicht besetzt gehalten, wohl aber das Bois de Colombes, wohin sie die In surgenten zu locken versuchen. Nach demMoniteur sind von 2000 Mann, welche Dombrowski ver langt hatte, nur ein Drittel bis zum Bahnhof gekommen. Die Uebrigen wurden durch bas Feuer der feindlichen Batterien zum Rückmarsch gezwungen. Auf der ganzen Linie von Neuilly bis Asnieres haben die Pariser durch das Feuer der Versailler bedeutende Verluste erlitten. Der Entscheidungskampf wird für nahe bevorstehend gehalten. Die Porte Maillot und die Wälle zu beiden Seiten derselben sind nur noch Trümmer. Die Viertel der Ternes und des Are de Triomphe leiden beträchtlich unter dem schrecklichen Bombar dement, welchem zahlreiche Personen zum Opfer gefallen sind. Gestern Abend haben sich 2 Ba taillone von Montronge geweigert, die Enkeinte zu verlassen, indem sie erklärten, nur in Paris Dienst thun zu wollen.

7 Uhr Abends. Die Föderirten, welche Asnieres wieder nehmen wollten, sind mit großen Verlusten zurückgeschlagen worden. 8 Uhr.

Der Rückzug der Föderirten dauert fort. Die Regierungstruppen sind nur noch 200 Meter von den Wällen der Enceinte entfernt. Es gebt das Gerücht, daß Dombrowski bei dem Kampfe in Neuilly verschwunden sei.

Ein Dekret der Commune suspendirt die

Couponszahlungen und Ziehungen der Pariser Stadtanleihe.

21. April. Oberst Okolowicz wurde gestern zu Asnieres am Kopfe und Arme ver- wundet, behielt aber dessenungeachtet das Com- mando bei. Einem officiellen Bericht zufolge wären in der Nacht vom 19. auf den 20. d. zwei in Neuilly aufgegebene Barrikaden von den Versaillern besetzt, gestern Morgen jedoch von den Föderirten wieder genommen worden.

DerUnivers berichtet, in der Conciergerie allein würden 60 Priester gefangen gehalten. Als Nahrung reiche man denselben Morgens eine Ration schwarzes Brod, um 9 Uhr ein vorgebliches Bouillon und um 3 Uhr eine Portion Reis oder ein klein wenig Fleisch. Man gibt ihnen weder Messer noch Gabel, sondern nur einen runden Holzlöffel, erlaubt ihnen auch nicht, wie den anderen Gefangenen, sich aus der Küche für Geld ein Befsteak oder eine bessere Nahrung kommen zu lassen. Desgleichen ist es gerade speciell den Priestern untersagt, im Gefängnißhofe Luft zu schöpfen, so daß sie Tag und Nacht in ihrer Zelle verbringen; Briefe dürfen sie weder schreiben noch empfangen.

21. April, Abends. Heftiges Gefecht den ganzen Tag über bei Clichy und Neuilly. Die Kanonen und Mitrailleusen feuern ununterbrochen. Der Kampf in den Häusern von Neuilly dauert fort. Die Versailler beginnen den Angriff auf Levallois und Champerret. Einige Bataillone Föderirter versuchen die Versailler aus den Häusern von Sablonville zu vertreiben; in Neuilly wurden mehrere Häuser, welche von den Regierungstruppen besetzt waren, von den Föderirten in Brand ge⸗ schossen. Nach Clichy gehen zahlreiche Verstärkungen ab, da das Feuer der Versailler gegen dieses Quartier heftiger geworden ist. Eine Batterie der Versailler hat das Feuer auf die Porte Bineau eröffnet. In den Ternes und der Avenue de la grande armée fallen 2 bis 4 Granaten in der Minute. Sämmtliche Läden in dem Faubourg St. Honore bis Rue neuve de Berry sind ge schlossen. Das heutige Gefecht war bis jetzt hauptsächlich ein Artilleriekampf, entscheidende Action scheint noch nicht begonnen zu haben. Vor der Südfront hat sich nichts Neues zugetragen.

21. April. Dekrete der Commune ordnen die Suspension der Nachtarbeit der Bäcker und die Errichtung von Luftschiffercompagnien an. Man erwartet einen Angriff von verschiedenen Seiten. Männer unter 55 Jahren, verheirathete und unverheirathete, werden zum Dienst gezwungen. Das Stadtviertel Ternes ist durch das starke und zerstörende Feuer unbewohnbar geworden. Der Verlust der Insurgenten, welche Neuilly noch besetzt halten, war in den letzten Tagen ein sehr bedeutender.

Ein Rapport Cluseret's vom 21. April 5 Uhr Abends sagt: Unsere Stellung in Neuilly wurde diesen Morgen vom Mont Valerien heftig beschossen. Starke feindliche Colonnen mit vor- angeschickten zahlreichen Tirailleurs griffen die Batterien von Bourbevoie und Asnieres heftig an, aber ohne Erfolg. Unsere Batterien auf dem Viadukt von Asnieres und den benachbarten Punkten nöthigten den Feind zum Rückzug, welcher gegen- wärtig noch fortdauert. Anderen Nachrichten zu⸗ folge war das Resultat des gestrigen Kampfes in Beziehung auf Terraingewinn gleich Null. Nichtsvestoweniger soll der Kampf mörderisch ge wesen sein. Die Ortschaften Levallois und Cour⸗ celles sind mit Verwundeten angefüllt, welche ohne ärztlichen Beistand bleiben und auf der Straße sterben, da fortwährend gekämpft wird. Der Dienst der Ambulanzen ist sehr schwierig; viele Bahrenträger sind getödtet oder verwundet. Heute soll angeblich Waffenruhe eintreten, um die Todten begraben zu können und den Bewohnern von

die allgemeine

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