Berlin. Die„Prov.-Corresp.“ schreibt be— üglich der Pariser Vorgänge:„Wir werden uns N die inneren Kämpfe in Paris und Frankreich auch jetzt gewiß nicht mischen. Unsere Interessen und die Ausfüdrung der uns ertheilten Zusagen werden wir unter allen Umständen zu wahren wissen. Wir haben selbstverständlich zunächst nur mit der von der Nation erwählten, von allen Mächten anerkannten Regierung zu thun und werden abwarten können, wie dieselbe ihre Stellung und ihre großen Aufgaben wahrzunehmen Willens und fähig ist. Seitens der Regierung sind alle Vorkehrungen getroffen, um unseren berechtigten Forderungen allezeit nach allen Seiten vollen Nachdruck zu geben.“
— Nach der Stimmung in Abgeordnetenkreisen ist die Cassation der Frankfurter Reichstagswahl wahrscheinlich, weil nicht nachträglich eine Wäller⸗ liste für die Bavern aufgelegt worden ist und diese bei dem geringen Stimmenunterschiede den Ausschlag zu Gunsten Rothschilds hätten geben können.
— Die Illumination am Geburtstage des Kaisers war eine glänzende. Nach 8 Uhr durch- fuhren das Kaiserpaar, die Prinzen, sowie die fremden fürstlichen Herrschaften die Straßen, überall enthusiastisch begrüßt.
— Der„Staatsanzeiger“ veröffentlicht die königliche Stiftungsurkunde füt ein neues Ver- dienstkreuz für Frauen und Jungfrauen. Das Großkreuz des eisernen Kreuzes haben außer Graf Moltke noch der Kronprinz, Prinz Friedrich Karl, der Kronprinz von Sachsen, die Generale Man- teuffel, Göben und Werder erhalten.
— 23. März. Im Reichstage constituirten sich die Abtheilungen. Bei der darauf vorgenom- menen Präsidentenvahl wurde Simson mit 276 Stimmen von 284 Stimmen zum Präsidenten gewählt. Derselbe nimmt die Wahl mit freu⸗ digem Danke an. Nachdem das Haus dem Alterspräsidenten durch Erhebung seinen Dank ausgesprochen, folgt die Wahl des ersten Vice⸗ präsidenten. Es wurde hierzu der Fürst von Hohenlohe⸗Schillingsfürst mit 222 Stimmen von 289 Stimmen gewählt Fürst Hohenlohe nimmt die Wahl dankbar an. Bei der Wahl des zweiten Vicepräsidenten erhält von 296 Stimmen Weber (Stuttgart) 150. Weber nimmt die Wabl an und betont das erhebende Gefühl, mit welchem er in den ersten deutschen Reichstag eingetreten ist, um an der großen Aufgabe mitzuarbeiten. Er erwähnt dankend des wohlwollenden Entgegen— kommens, welches die süddeutschen Abgeordneten bei ihren norddeutschen Collegen gefunden haben und schließt, indem er das Haus um Nachsicht und Unterstützung bei der Ausübung seiner Be— fugniß ersucht.
Fulda. Am 22. d. fand eine Entgleisung des Militärzuges bei der Station Bebra statt, wobei 2 Mann getödtet und mehrere Wagen stark beschädigt wurden.
Ausland.
Frankreich. Paris, 20. März. Das „Journal officiel“ der Insurgenten veröffentlicht eine Proclamation an die Bürger von Paris, in welcher es heißt: In drei Tagen werdet ihr in aller Freiheit eine neue Municipalität für Paris wählen. Dann werden Diejenigen, welche aus dringender Nothwendigfkeit die Macht ergriffen haben, ihr Amt in die Hände der Erwählten des Volkes niederlegen. Außerdem haben wir noch sofort eine wichtige Entscheidung über den Friedens- vertrag zu treffen. Wir erklären uns schon jetzt fest entschlossen, diesen Präliminarien Achtung zu verschaffen, um gleichzeitig das Heil des republi- kanischen Frankreichs und den allgemeinen Frieden zu schützen. Unterzeichnet: Grelier, Abgeordneter der Regierung, Minister des Innern.
— Die Forts Issy und Bicdtre sind durch Nationalgarden besetzt. Mehrere Polizeicommissäre wurden sestgenommen. Wie es heißt, wäre General Chanzy derartig mißhandelt worden, daß er nach dem Krankenhause hätte gebracht werden müssen. Das Comite soll den Befehl ertheilt haben, den General sowie den mit ihm zugleich verhafteten
Turquet freizulassen. Man versichert, das Mani fest der Depukirten von Paris sei im Einverständniß mit dem Centralcomite afsichirt worden. Man darf also auf eine friedliche Lösung der Schwierig- keiten boffen, wenn die Nationalversammlung die Vorschläge der zwölf Pariser Deputirten annimmt. Es beißt, die Preußen hätten ihre Rückzugelinie eingestellt und concentrirten sich in St. Denis. Alle Abendblätter erklären, keine andere Regie- rung anzuerkennen, als die Nationalversammlung.
— 21. März, Morgens. Die Redacteure sämmtlicher Pariser Blätter hatten gestern Zu— sammenkunft und einigten sich über folgende Er- klärung: In Erwägung, daß die Zusammenberufung der Wähler ein souveräner und nationaler Act ist, welcher nur denjenigen Gewalten zusteht, die dem allgemeinen Stimmrecht ihre Entstehung ver danken; in Erwägung, daß das im Stadthaus sitzende Comite weder das Recht hat, noch be— rufen ist, diese Wahlen vornehmen zu lassen— erklären die Vertreter der Journale die für den 22. d. ausgeschriebene Wahl für null und nichtig, und ermahnen die Wähler, sich nicht daran zu betheiligen. Die Journale veröffentlichen diese Erklärung an der Spitze ihres Blattes. Gestern Abend bildeten sich zahlreiche Gruppen; die öffent- liche Meinung scheint sich mehr und mehr gegen das Comite zu wenden
— 21. März, Mittags. Die Stadt ist ruhig. Die Magazine sind allgemein geöffnet. Die Om⸗ nibusse circuliren wieder. Auch die Fiakres be— ginnen wieder zu erscheinen. An den Thoren der Stadt sind Posten von Nationalgarden auf— gestellt, welche die Aussuhr von Lebensmitteln, Waffen und Munition verhindern. In den Quartiers Belleville und Montmartre ist die Lage unverändert. Der Handel stockt vollständig. Alle Gewerbszweige feiern. Die Aufregung der Geister ist eine große. Nahe an 60,000 Mann sind bei Versailles versammelt. Bei der Paris- Versailler Eisenbahn, etwa eine französische Meile von Versailles, ist ein Lager errichtet. Der Bahnhof der letztgenannten Stadt ist durch eine beträchtliche Gendarmeriemacht besetzt.
— 21. März. Um 3 Uhr fand eine große Manifestation zahlreicher unbewaffneter Bürger statt. Dieselben zogen mit einer Fahne, welche die Inschrift„Verein der Männer der Ordnung“ trug, über die Boulevards, ben Börsenplatz unter dem Rufe:„Es lebe die Ordnung! Es lebe Thiers und die Nationalversammlung! Es lebe die Republik!“ Diesc Bewegung scheint sich weiter zu verbreiten.
— 21. März, Abends. Ein neues Manifest der Deputirten des Seine- Departements fordert die Nationalgarden auf, jeden Conflict zu ver- meiden, bevor nicht die Beschlüsse der National- versammlung bekannt seien. Letztere werde die Wahl der Commune durch die Bürger bewilligen. Man hält eine friedliche Lösung des Confliets für gewiß.
— 21. März, Nachts. Die Nationalver- sammlung in Versailles votirte gestern eine Pro⸗ clamation an das französische Volk und die Armee, welche in entschiedener Weise den Emeuteversuch einiger Unsinnigen verdammt, der nothwendiger— weise den Ruin und Unehre nach sich ziehen würde. Die Proclamation constatirt, daß Frank- reich diese frevelhafte Handlung einstimmig ver— urtheile, und erklärt, die Versammlung werde das Mandat, welches ihr anvertraut worden sei, ungeschmälert behaupten, beschwört schließlich die Bürger und Soldaten, sich um die Versammlung zu schaaren, um die Republik zu retten, die nur durch Ordnung und den Gehorsam gegen die Gesetze erhalten werden könne. 5
— Am Schlusse der Sitzung der National— versammlung in Versailles sagte Thiers: Die Regierung wird Paris nicht den Krieg erklären, sie beabsichtigt nicht, gegen Paris zu marschiren, sie erwartet von Paris nur Acte der Vernunft. Paris möge uns seine Arme öffnen und wir werden ihm sofort das Gleiche thun.
— 22. März. Die angekündigte große Kund— gebung hat gegen 2 Uhr Nachmittags unter zahl— reicher Betheiligung unbewaffneter Männer statt-
gefunden. Der Zug bewegte sich unter dem R::
„Es lebe die Republik!“„Es lebe die Ordnung!“ durch die Straßen. Als der Zug an den Eingang der Place Vendome, welcher von Schildwachen bewacht wurde, gelangte, ließ derselbe an letztere die Aufforderung ergehen, sich zurückzuziehen und von den Nationalgarden des Viertels ablösen zu lassen. Die Schildwachen verweigerten Folge zu leisten. Nach längerem Parlamentiien ließen die Manifestirenden den Fabnenträger mit der Tricolore vorgehen und die Menge folgte. Trommelwirbel Seitens der Aufrührer. Mehrere Flintenschüsse werden in die Luft gefeuert. Die Menge weicht nach allen Seiten zurück. Drei Glieder der In- surgenten legen an und eröffnen ein Pelotonfeuer auf die fliehende Menge. Es folgt eine berzzer⸗ reißende Scene. Die Insurgenten schieben ihre Postenkette auf eine beträchtliche Entfernung in die Rue de la Pair und bis zum Ende der Rue Castiglione vor. Die Zahl der Todten und Ver⸗ wundeten wird auf mindestens hundert geschätzt. In ganz Paris wurde Geueralmarsch geschlagen, um die Nationalgarde in Waffen zu versammeln. Bei dem Bekanntwerden der Vorgänge in der Nähe der Place Vendome schlossen sich alle Läden. Die Stadt ist bestürzt.
— 22. März, Abends. Admiral Saisset, welcher auf dem Vendomeplatz die friedliche Kundgebung dirigirte, war Gegenstand ver⸗ schiedener Angriffe. Seit 4 Uhr Gewehrfeuer, Ueberall Genaralmarsch geschlagen. Zahlreiche Opfer. Man versichert, General Felix Raphael sei vom Volke ermordet worden. Die Lage ist ernst.
— Die Insurgenten haben Bank von Frankreich eine Million Franes gegen Anweisungen auf den Staatsschatz zahlen lassen. Wie verlautet, hätten sie auch von dem Hause Rothschild eine halbe Million ge— fordert, dieses habe jedoch die Zahlung ent— schieden verweigert.
Versailles, 20. März, Abends. Der Minister des Innern an die Präfccten: Die Situation in Paris hat sich nicht verschlimmert, Die Insurrection wird einmüthig verurtheilt, weil sie sich durch verbrecherische Handlungen entehrt habe. Die Maires protestiren gegen das Wahl— ausschreibungsdeeret des Centralcomites und weigern sich, die Wahlen vornehmen zu lassen. Die National- versammlung ist einstimmig in der Entrüstung über die Unordnungen und ihre Urheber. Die Versammlung zeigte sich in der heutigen Sitzung vom besten Geiste beseelt.
— 20. März. In der Nationalversammlung beantragt Lasteyrie die Einsetzung einer Com- mission von fünfzehn Mitgliedern, um vie Regie- rung in allen Maßnahmen zu unterstützen. Nachdem Picard Namens der Regierung diesem Antrag zugestimmt, wied derselbe einstimmig angenommen. Picard beantragt hierauf, das Departement der Seine et Oise in Belagerungszustand zu versetzen. Die Fünfzehner-Commission zog sich sofort zur Berathung des Antrags zurück und empfahl nach dem Wiederbeginn der Sitzung mit Einstimmigkeit die Annahme. Die Kammer genehmigte den An- trag. Generalen Thomas und Lecomte begangene Mord- that. Clémenceau bringt einen Gesetzentwurf ein, wonach in Paris ein Gemeinderath von 50 Mit gliedern gewählt werden soll, und verlangt die Dringlichkeit des Antrages. Tirard macht Mit theilung über die von den Pariser Deputirten seit zwei Tagen zur Erzielung der Versöhnung gethanen Schritte und spricht die Ansicht aus, daß die Wahlen zum Gemeinderath die auf ständische Bewegung beendigen werden. Lockroy bringt einen Gesetzentwurf bezüglich der Wahl der Commandanten der Nationalgarde ein,
— 21. März. Die Regierung und die Vere⸗
sammlung haben beschlossen, in Versailles zu bleiben.
— Der Befehl der Verhaftung Rouher's ist von der Versailler Regierung ausgegangen, die den Argwohn hegt, daß die Bonapartisten an der Pariser Emeute Antheil haben.
— 21. März, 6 Uhr Abends. In Folge einer Aufforderung der Bataillonschefs findet
sich von der
Louis Blanc tadelte lebhaft die an den


