Ausgabe 
21.9.1871
 
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das Geltung haben sollte, auch ohne Einwilligung der im Laufe des Jahres 1872 neu gewählten Kammer, bis zum Schluß des Jahres 1874. Der Ausschußbericht spricht sich entschieden gegen diese Absicht der Regierung aus und sagt u. Ae Der neuzuwählenden Kammer würde hiermit der Mittelpunkt ihres Rechtes, das Fundament ihrer Thätigkeit und ihres Einflusses, die Prüfung des Hauptvoranschlages und das Steuerbewilligungs⸗ recht auf ihre zwei ersten Lebensjahre entzogen. Die Regierung erwirkte dadurch, daß der Steuer- punct erledigt wäre; sie könnte die Berufung ver⸗ schieben bis zum letzten Quartal 1874. Auf die Mittbeilung des Ausschußberichtes hin hat die Regierung geantwortet, daß die Ministerien zur Beseitigung der in dem Ausschusse vorgetragenen Bedenken mit Rücksicht auf die dermalen vorlie⸗ genden thatsächlichen Verhältnisse bereit seien, den Vorschlag wegen Festsetzung des Staatsbudgets für ein Jahr(1872) bei dem Großherzog zu befürworten, wenn beide Kammern der Stände diesem, eine Abweichung von der Verfassung in⸗ volvirenden, Vorschlage durch einen mit der zur Abänderung der Berfassung erforderlichen Stim- menzahl in jeder Kammer zu fassenden Beschluß beitreten sollten, wobei jedoch die Regierung von der Voraussetzung ausgehe, daß das in diesem speciellen Falle einzuhaltende Verfahren nur als eine Ausnahme zu betrachten sein würde und für künftige äbnliche Fälle nicht als Präjudiz gelten könnte. Wie verlautet, sleht die Verhandlung über diesen Antrag für nächsten Donnerstag auf der Tagesordnung.

DemFr. J. entnehmen wir nachstehende Correspondenz von Darmstadt: Dem Vernehmen nach betragen die Ausgaben, welche dem Großherzog thum Hessen in Folge des letzten Krieges für Mobilmachung und Unterhaltung der Division im Felde, sowie für Ersatz an Pferden, Fahrzeugen, Munition u. dgl. im Verlaufe des Feldzuges er wachsen sind, ungefähr 9 Millionen Gulden, un- gerechnet den laufenden Etat. Von dieser Summe sind die durch Verkauf der bei der Demobilisirung entbehrlich gewordenen Pferde ꝛc. erzielten Sum: men in Abzug zu bringen; dagegen werden die Kosten für Reparatur von Waffen und Montur noch hinzu zu rechnen sein, wenn nicht in Folge der demnächst in Kraft tretenden Militärconvention unser Land dieser Verpflichtung ledig geworden ist. Der auf Hessen entfallende Antheil an der Kriegscontribution wird sich also jedenfalls um eine beträchtliche Summe reduciren.

DieDarmst. Ztg. veröffentlicht eine Bekanntmachung der Commission zur Prüfung der Ansprüche der aus Frankreich ausgewiesenen Hessen. In derselben wird von einer Reise der Interes⸗ senten nach Darmstadt abgemahnt; die Ueber- weisung der bewilligten Summen wird s. Z. durch vie Districtseinnehmereien erfolgen. Die Auszah⸗ lung dürfte einige Wochen in Anspruch nehmen; angemeldet sind 5922 Unterstützungs bedürftige. Dort, wo dringende Unterstützung nothwendig ist, sind die desfallsigen Gesuche von den betreffenden Bürgermeistereien zu attestiren und durch dieselben der Commission zu übermitteln.

Berlin. Der Mittheilung derProvinzial⸗ Correspondenz über die Gewährung von Bei hülfen an die aus Frankreich ausgewiesenen Deutschen wird jetzt officiös noch hinzugefügt, daß die Reichskasse bereits angewiesen worden ist, die betreffenden Beträge ungesäumt an die einzelnen Regierungen auszuzahlen.

Fürst Bismarck ist am 19. d., von München kommend, hier eingetroffen. Kurz nach seiner Ankunft wurde der Fürst von den anwesenden Ministern begrüßt.

DerStaatsanzeiger veröffentlicht einen Circular-Erlaß des Ministeriums des Innern, betreffend die Aufhebung der polizei lichen Beschränkungen der Eheschließung in Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt und die Einführung der Gegenseitigkeit.

General v. Kamecke ist zu einer In⸗ spicirungsreise nach dem Elsaß und Lothringen abgereist. Man erwartet von dem Ergebniß dieser Reise wichtige Entscheidungen uber Ver

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besserung und Vervollständigung der Festungs⸗

werke, namentlich von Straßburg und Metz. Auch dürfte die Frage wegen Herstellung ge⸗ nügender Vertbeidigungswerke auf der über Belfort nach Mülhausen führenden französischen Ausfallsstraße alsbald zur Entscheidung kommen. Schon vor mehreren Monaten wurde zu diesem Zweck die Errichtung eines befestigten Lagers bei Altkirch angeregt.

Die aus Frankreich zurückkehrende 2. und 22. Division wird in der Zeit vom 19. bis 26. d. in 26 Militärzügen über Straßburg nach Heidelberg befördert, um daselbst auf die Main⸗Neckarbahn überzugehen. Die Bestim mungsstationen der Züge sind: Berlin, Halle, Danzig, Kassel, Warburg, Gumbinnen, Barten stein, Loͤtzen und Mainz.

Die neue Uniformirung der kaiserlichen Postbeamten, welcher die Postbeamten in Baiern und Württemberg vorläufig fern bleiben, ist nach den vorgelegten Modellen von Sr. Majestät dem Kaiser gutgeheißen worden. Sie besteht in dunkelblauen Ueberröcken nach dem Schnitte der Marine-Offiziere mit überfallendem Sammt kragen, auf welchem die Gradabzeichen ange⸗ gebracht sind. Die alte Postfarbe(orange) wird nur in dem Rockvorstoß beibehalten.

Nach den letzten Rapporten, welche hier über den Stand der Cholera in der Provinz Preußen eingegangen sind, erkrankten daselbst bis zum 10. d. M 2517 Civil- und 84 Militär⸗ Personen, es starben hiervon 1273, genasen 620 und blieben in der Behandlung 708. Es erkrankten in Königsberg 2122 Civil- und 72 Militär⸗Personen, in Danzig 27 Civil- und 1 Militär-Person, in Pillau 90 Civil- und 3 Militär-Personen, in Gumbinnen 2 Civil- und 4 Militär-Personen, in Elbing 98 Civil- und 1 Militär-Person und in Wehlau 170 Civil⸗ und 3 Militär-Personen. Von den Civilisten sind der Krankheit 1249, von den Militär Personen 24 erlegen.

In Königsberg sind am 12. d. beim Polizei- praßdium anmeldet: erkrankt 93 und gestorben 63 Personen. In Elbing sind bis zum 13. Abends gemeldet: erkrankt 129, gestorben 77 Personen.

Kassel. Der Festlichkeit des Einzuges der 22. Division in Kassel am 25. d. dürfte auch der Kronprinz beiwohnen, der um diese Zeit in Wilhelmshöhe verweilen wird.

Frankfurt. Aus dem unlängst erstatteten Jahresb'richt über die Betriebsverwaltung der Main⸗Weser⸗Bahn pro 1870 ergibt sich ein sehr günstiges finanzielles Resultat: Die gesammten Betriebs⸗Einnahmen der Bahn beziffern sich näm⸗ lich auf 2,500,689 Thaler(94,616 Thaler per Meile), die Ausgaben auf 1,271,177 Thaler (48,096 Thlr. per Meile), es bleibt daher ein Ueberschuß von 1 229,511 Thaler(46,520 Thlr. per Meile) oder 7,57 pCt. des Baukapitals. Von diesem Ueberschuß waren 1,021,206 Thlr. abzuliefern und haben nach Maßgabe der ver wendeten Baukapitalien hiervon erhalten Preußen 691,952 Thlr., Großh. Hessen 329,254 Thaler. Die seit der Mobilmachung in 1870 stattge habten 14,200 Militär- Transporte umfaßten 9136 Offiziere und 329,728 Maunschaften, 2310 Achsen verwundete oder kranke Militärpersonen auf Matratzen ꝛc. in gedeckten Güterwagen 58.585 Pferde und abgesehen von Geschützen ꝛc. 137,880 Ctr. Armecbedürfnisse.

Das Project in Betreff der Anlage des Rhein-Main-Canals zwischen Frankfurt a. M. und Mainz hat eine Aenderung stit der Grün: dung eines Deutschen Reiches dahin erfahren, daß der Canal nicht mehr auf der rechten Seite des Mains, sondern auf der linken, also auf bessischem Gebiete gebaut werden soll. Die Handelskammer zu Frankfurt a M. hat diese Absicht dem Han delsministerium mitgetheilt, welches gepen die Vorarbeiten, die man vornehmen lassen will, keine Einwendungen erhoben hat.

Leipzig. Die internationale Arbeiterschaft hat die Einberufung eines Congresses für Mitte October beschlossen. Zum Congreßorte wurde

von der

Frankfurt a. M. bestimmt.

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München. Bapyerischen Blättern wird hier geschrieben: Je näher der Zusammentritt d

zahlreicher und massenhafter laufen von allen Theilen Europa's und insbesondere aus Deutsch⸗

land Anmeldungen ein; der Congreß wird, wie

sich jetzt schon übersehen läßt, sowohl hinsichtlich der Größe der Versammlung ein großartiges Schauspiel bieten, als auch im Hinblicke auf die Summe von Wissenschaft und Intelligenz. Als

Redner haben sich bereits gemeldet oder sind in

bestimmte Aussicht genommen: Professor Joh. Huber, Seminar-Director Schwicker aus Ofen(über Wesen und Bedeutung der Katholiken⸗Autonomie in Un⸗

Altkatholiken⸗Congresses dahier heranrückt, desto 0

garn), Ritter von Schulte aus Prag, Professor

Reinkens aus Breslau(Katholieität und Natio⸗ nalität), Pfr. Dr. Tangerman aus Bonn(über das specifisch germanische Element in der katho⸗ lischen Bewegung und den Zusammenhang mit den Culturaufgaben der deutschen Nation), Prof. Michelis(Begründung der Vertreibung der Je- suiten aus Deutschland), Prof. Friedrich, Prof. Stumpf aus Coblenz(wahrscheinlich: Ein Bild altchristlichen Gemeinde). Außerdem werden Grüße bringen und Schilderungen über die heimathlichen Verhältnisse Abgeordnete aus England, den Niederlanden, der Schweiz, Oester⸗ reich, Italien. Die Versammlung wird, nachdem einige Schwierigkeiten überwunden worden sind, nun doch im Glaspalaste tagen.

Fürst Bismarck ist am 18. d. Nachts hier eingetroffen und im preußischen Gesandtschafts⸗ hotel abgestiegen. Derselbe tritt Abends die Weiterreise nach Berlin an.

DemN. W. T. wird gemeldet, daß eine sehr hohe Persönlichkeit bei Dr. Döllinger den Versuch machte, ihn zum Verzicht auf seinen Sitz im Reichsrathe zu bewegen; dieses Ansinnen sei aber entschieden zurückgewiesen worden.

Stuttgart. Dem Vernehmen nach ist die schon so oft angekündigte Verlegung derAllge- meinen Zeitung von Augsburg weg jetztim Princip unwiderruflich entschieden. Das Blatt siedelt vielleicht nach Frankfurt über, sehr wahr scheinlich aber nach Stuttgart, an den Sitz der Verlags handlung.

Straßburg. In einem hiefigen Hause sind kurz nach einander zwei Todesfälle vorgekommen, welche der Cholera zugeschrieben werden. Die Betroffenen sind eine 60 jährige Frau und ein 5 Monate altes Kind, welche nach kurzem Un⸗ wohlsein starben.

Metz. Die Fortsetzung der Zahlungen an die einzelnen Gemeinden der durch Beschießung und Brandlegung zu militärischen Zwecken ver⸗ ursachten Kriegsschäden nimmt ihren ungestörten Fortgang. Bis jetzt sind definitiv folgende Be⸗ träge festgesetzt worden: Stadt Diedenhofen: 2,577,959 Franken. Stadt Marsal: 35,957 Franken. Stadt Bitsch: 2,566,842 Franken. Stadt Pfalzburg 1,256,075 Franken. Außerdem 10 Gemeinden in der Umgegend von Metz: 3,613,194 Franken, in Summa 10,050,027 Franken. Auf diese Summe von etwas über zehn Millionen Franken sind bereits die folgenden Beträge angewiesen, resp. ausbezahlt worden: Diedenhofen: 620,000 Franken. Marsal: 18,000 Franken. Bitsch: 600,000 Franken. Pfalzburg 350,820 Franken und den obigen 10 Gemeinden 824,424 Franken, in Summa 2,413,244 Franken. Der neue Präfect, Herr von Eutschmidt, hat bereits seine Functionen aufgenommen.

Ausland.

Schweiz. Aus Genf läßt sich derBund berichten, daß die am 3. September in Carouge stattgefundene französisch republikanische Erinne⸗ rungsseier in sehr versöhnlichem Geiste verlaufen sei. Die Redner, meist in der Schweiz naturali⸗ sirte Franzosen und sämmtlich der radikalen Partei angebörig, sprachen sich ohne Ausnahme in dem Sinne aus, daß es sich in Frankreich jetzt haupt⸗ sächlich darum huͤndle, die Republik zu erhalten, ohne Ueberstürzung sie nach alter Schweizer Sitte nach und nach auszubauen und insbesondere den Unterricht in den Schulen zu verbessern. Auch

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