3—
———
Deutsches Reich. Darmstadt. Der Gymnasiallehramts-⸗Accessist Dr. Ludwig Textor aus Steinfurth, Kr. Fried- berg, wurde zum Lehrer an dem Gymnasium zu Darmstadt und der Privatdocent Dr. Wilhelm Weiffenbach zum außerordentlichen Professor bei der theologischen Fakultät der Landesuniversität ernannt.
— Für das mit dem 9. d. Mts. begonnene Winter⸗Semester des hiesigen Polytechnikums haben sich bis jetzt 170 Studirende einschreiben lassen.
Darmstadt, 11. Oct. J. Kammer. Dem Antrag der Abgeordneten Hallwachs, Kraft, Kempff und Bindewald, die Vorlage eines revidirten Wahlgesetzes der Wahl der Abgeordneten beider Kammern betr., wird ohne Debatte mit der Modification beigestimmt, daß die Regierung, nicht wie die zweite Kammer beschlossen, ersucht werden soll, das Landtags⸗Wahlgesetz noch im Jahr 1871, sondern„sobald als möglich“ vorzulegen. Dem weiteren Beschluß auf Vorlage eines einjährigen Budgets für 1872 wird gleichfalls zugestimmt. Die Debatte über die Vorlage Großherzoglichen Ministeriums des Innern, die Erhöhung des der polytechnischen Schule zu Darmstadt gewährten Staatsbeitrags für das Jahr 1871 um den Be— trag von 13,500 fl. betr., welche der Aus schuß abzulehnen beantragt, eröffnet der Kanzler der Landesuniversität Dr. Birnbaum, der für den Ausschußantrag eintritt. Prälat Zimmermann erklärt sich für Bewilligung der Vorlage. Baron v. Riedesel hätte an Stelle des Polytechnikums lieber ein Realgymnasium gewünscht und ist aus diesen Gründen für die Ablehnung der Anforderung der Regierung. Ministerialrath Schleiermacher befürwortet die Vorlage der Regicrung. Graf Görtz nimmt Oberhessen gegen den ihm gemachten Vorwurf des Partikularismus in Schutz, es handle sich hier nur um eine„Defensive“ gegenüber ge— wissen„Prätentationen“, Alles in der Residenz zu concentriren und zu centralistren. Ueberhaupt scheint dem Redner für unser Land ein Polptech⸗ nikum eine Ueberflüssigkeit. Domkapitular Mou— fang würde gern für die Vorlage stimmen, wenn dieselbe Aussicht habe, die Mehrheit zu erhalten, ist aber entschieden für den Ausschußantrag. Mönch erklärt sich in erster Linie für die Vorlage der Regierung, ev. aber auch für den Ausschuß— antrag, welcher der Regierung für die laufenden Bedürfnisse den für die Zukunft vorgesehenen Credit von 44,314 fl. zur Verfügung stellt. Die Abstimmung ergab Verwerfung der Vorlage der Regierung mit allen gegen 5 Stimmen(v. Bech- told, v. Stark, Mönch, Schmidt und Prälat Zimmermann), hingegen Annahme des Antrages des Ausschusses. Die übrigen Gegenstände wur— den in Gemäßheit der Beschlüsse der zweiten Kammer erledigt.
T Friedberg. Wir freuen uns, den Lesern dieses Blattes mittheilen zu können, daß der deutsche Kaiser auf Antrag der Kaiserin, in Anerkennung der ersprilßlichen Dienstleistungen bei der Verwun— deten⸗ und Krankenpflege, der Frau Regierungs- rath Trapp dahier das Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen verliehen hat.
Berlin. Die Minisler Camphausen und Delbrück besuchten Pouyer-Quertier. Derselbe hatte eine Conferenz im auswäctigen Amte und wurde vom Kaiser empfangen.— Der Kaiser wird den Reichstag in Person eröffnen.
— Von Seiten der Kaiserin ist eine Verbin— dung der deutschen Frauen-Pflegevereine angeregt worden. Die Angelegenheit ist von dem deutschen Centralcomite in die Hand genommen worden und ist ein solcher Verband bereits in der Bildung begriffen.
— Entgegen der Zeitungsmittheilung, wonach sich einzelne Bundesralhsmitglieder gegen den Preß⸗ gesetzentwurf erklärt hätten, versichert die„Kreuz- zeitung“, ber Entwurf sei zunächst den einzelnen Regierungen mitgetheilt, die Bundesrathsmitglieder hätten deßhalb gar keine Gelegenheit gehabt, sich über denselben zu äußern.— Die„Kreuzzeitung“ erklärt ferner die Mittheilung, daß im Reichs- kanzleramte ein Entwurf bezüglich einer allge⸗ meinen Amnestie ausgearbeitet werde, für unbe—
gründet.
Eine Amnestie könne von Reichswegen nicht erfolgen.
— Der Reichskanzler hat dem Bundesrath einen Gesetzentwurf vorgelegt, dessen einziger Para- graph bestimmt: Die Controle des gesammten Haushaltes des deutschen Reiches wird für das Jahr 1871 von der preußischen Ober-⸗Rechnungs⸗ kammer unter der Benennung:„Rechnungshof des deutschen Reichs“ nach Maßgabe der im Gesetze vom 4. Juli 1868, betreffend die Controle des Bundeshaushaltes für die Jahre 186769 ent- haltenen Vorschriften geführt. Es wird dabei be— merkt, die Fortdauer der Delegation für das Jahr 1871 sei nothwendig,„indem der Erlaß eines die Organisation der preußischen Ober— Rechnungskammer regelnden Gesetzes noch zu er— warten steht“
— In Königsberg sind am 5. Oct. nur zwei Cholera-Fälle beim Polizei-Präsidium ange— meldet worden. In Danzig ist schon seit meh— reren Tagen kein Cholerafall zur Anzeige gelangt. Im Ganzen sind daselbst vom 1. August ab, dem Tage des ersten Auftretens der Epidemie, bis zum 4. October, an welchen der letzte Fall gemeldet worden ist, 60 Personen erkrankt, von denen 46 gestorben und 14 genesen sind. In Stettin ist vom 6. bis zum 7. October eine Person als an der Cholera gestorben gemeldet worden, wonach sich die Gesammtzahl der Todesfälle auf 76 steigert.
Koblenz. Kürzlich kam ein von zwei preu— ßischen Soldaten transportirter Franzose, Civilist, hier an und wurde noch weiter nach Köln gebracht, woselbst er wegen der Beschuldigung, aus einem Hinterhalte einen preußischen Arzt und preußischen Apotheker meuchlings erschossen zu haben, wie dies die Soldaten behaupteten, zur Untersuchung und demnächstigen Aburtheilung gelangen soll.
Kassel. Der Kronprinz und die Kronprinzessin sammt Gefolge sind wieder zu Wilhelmshöhe ein; getroffen.
München. Die Altkatholiken Bayerns werden zunächst bier und in Passau mit der Bil- dung eigener Gemeinden vorgehen, an anderen Orten erst dann, wenn sich am Platze selbst und in dessen Umgebung eine entsprechende Anzahl Gleichgesinnter findet.
Stuttgart. General v. Obernitz ist zum Commandanten der 14. Diviston mit dem Sitze in Düsseldorf ernannt. Die Ernennung eines preußischen Generals zum Commandanten des würtembergischen Corps ist bevorstebend.
Straßburg. Der„Elb. Ztg.“ zufolge ist jetzt definitiv beschlossen, nördlich der Stadt, bei Mundolsheim und Hausbergen, zwischen der Straße und der Eisenbahn, ein neues, großes Fort 1n errichten, das eine eventuelle Beschießung der Stadt von jener Seite völlig verhindert.
Ausland.
Schweiz. Jern. Die Verhandlungen mit der Berliner Discontogesellschaft, der Darmstädter Bank, dem Schaffhausen'schen Bankverein und den Häusern Oppenheim in Köln, Bleichröder in Berlin wegen Beschaffung des für die Gotthard— Eisenbahn außer der Subvention der betheiligten Staaten don 85 Millionen Fres. erforderlichen Baucapitals sind zum Abschluß gekommen. Das zu bildende internationale Consortium wird aus einer schweizerischen, einer italienischen und einer deutschen Gruppe bestehen.
Frankreich. Paris. Wegen der Ent— weichung der Gefangenen in Versailles ist eine strenge Untersuchung eingeleitet worden.
— Man hat ausgerechnet, daß, wenn die Kammer den Ansprüchen der Prinzen der Familie Orleans auf Restituirung(sammt Zinsen) der 1852 consiseirten Güter willfahren sollte“, der Staat ca. 800 Millionen zu zahlen haben würde.
— Der Kriegsminister hat an den Comman— danten der Armee von Versailles, an den Gou— verneur von Paris und die Divisions-Generale ein Rundschreiben gerichtet, in welchem dieselben aufgefordert werden, aus den unter ihren Befehlen stehenden Corps aller Waffengattungen die Offi⸗ ziere zu bezeichnen, welche die nöthigen Kenntnisse
raden und den Unteroffizieren Unterricht in der deutschen Sprache zu geben. Ferner sollen die Commandeure die Frage ins Auge fassen, wie die freie Zeit der Wintersaison für die Ausbildung der Armee an besten zu verwerthen sei.
— Der„Sidele“ will erfahren haben, daß man schon damit umgehe, den neuen Portotarif wieder zu ändern: es sei in Folge des erhöhten Portos ein so empfindlicher Rückgang in den Correspondenzen eingetreten, daß man die Noth— wendigkeit einsehe, zu dem alten Tarif zurückzukehren.
— Bei den Verhandlungen gegen den pol⸗ nischen Flüchtling Dobrowolski, welche vor dem Zuchtpolizeigericht in Lyon wegen Hetzereien und verschiedener Gewaltthätigkeiten gegen stattfanden, machte der Gerichtspräsident dem An- geklagten strengen Vorhalt und sagte:„Sie, ein fremder Flüchtling, waren durchaus nicht berufen, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen und uns Verlegenheiten zuzuziehen. Sie sollten auf unserem Boden, der Sie gastfreundlich aufge— nommen hat, still Ihren Geschäften nachgehen Aber davon ganz abgesehen, ist es auch unseres Nationalcharakters unwürdig, uns haufenweise gegen einige webrlose Individuen mit Injurien, Drobungen und Thätlichkeilen zu vergehen. Dieses Gebaren ist nicht nur ein schmähliches, sondern auch von verhängnißvoller Wirkung auf unsere theuersten Interessen. Die Preußen haben noch mehrere Departements inne und der geringste Be schwerdegrund dient ihnen zum Vorwand, die Räumung zu verzögern. Das wäre ein schlechter Dienst für die Sache des Vaterlandes, wenn Sie, die Sie in Lyon die Lasten und Leiden der In- vastion nicht gekostet haben, für unsere Nachbarn von der Cöte-d'Or dieselben verlängern wollten.“
— Das„Journal offieiel“ veröffentlicht die Ernennung Casimir Perier's zum Minister des Innern.— Die Classifitirung der Resultate der Generalrathswahlen ist in Versailles beendet. Es wird bestätigt, daß eine sehr große Majorität der Gewählten der gegenwärtigen Ordnung der Dinge günstig sei. 5
— Es ist nun auch ein Buch des Herrn Benidetti„Meine Mission in Preußen“ erschienen. Dasselbe ist in sechs Capitel eingetheilt, deren erstes den Ursprung des Kriegs von 1866 und deren letztes die Beziehungen zwischen Frankreich und Preußen von 1866- 1870 behandeln.
— Die socialen Zustände der französischen Hauptstadt stellt ein Correspondent der„Daily News“ in sehr trübem Lichte dar.„Obwohl viele Tausende von Arbeitern während des Commu— nistenkrieges erschossen worden oder sich im Ge— fängnisse befinden,“ so schreibt derselbe,„ist doch in mehreren Industriezweigen nicht Arbeit genug für die Uebriggebliebenen vorhanden. Die Auf⸗ träge für Pariser Artikel lassen auf sich warten, und den Geschäften, welche Aufträge haben, fehlt es an den besten Arbeitskräften. Nichts florirt in der That, als Börsenspeculation, und Niemand macht Geld als Speculanten für die Hausse oder Baisse in Wertheffecten. Das ganze Gebäude des Pariser Wohlstandes war ein künstliches. Es basirte auf aufgeblasenen Preisen, auf Ausgabe des Kapitals anstatt Einnahme, und auf einer Art Sorglosigkeit unter den Fremden, die bierher kamen, um sich zu amüstren, und willig für Alles, was sie kauften, doppelte Preise bezahlten.“
Spanien. Madrid. Eine Versammlung von Progressisten sprach sich mit 22 gegen 42 Stim- men gegen die Abgabe eines Vertrauensvotums für die Regierung aus.
Amerika Newyork. Ein ungeheuree, in solchem Umfange noch nicht dagewesenes Un— glück hat eine der blühendsten und reichsten Städte der Union betroffen. Die Stadt Chicago, die fänftgrößte Stadt der Vereinigten Staaten mit einer Bevölkerung von fast 300,000 Einwohnern ist von einem entsetzlichen Brande heimgesucht, und fast vollständig zerstört worden. Ein starker Sturmwind trieb die Flammen über die Stadt und erst in Folge anhaltenden Regens konnte man derselben Meister werden, nachdem man vergeblich zu dem verzweifelten Mittel gegriffen, ganze Ge—
und sonstige Fähigkeit haben, um ihren Kame- bäude in die Luft zu sprengen, um die Flammen zu
Deutsche


