Ausgabe 
9.9.1871
 
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N 83

um sich greifen möchte. Die Behörden haben aus diesem Grunde den Umtrieben der dortigen Social demokraten eine erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet.

DerStaatsanzeiger veröffentlicht einen kaiserlichen Erlaß aus Anlaß des warmen und freudigen Empfanges, welcher den heimkehrenden Kriegern geworden, sowie der gegenwärtig bei der Wiederkehr der glorreichen Tage von Gravelotte und Sedan dem Kaiser zugegangenen Glückwünsche. Der Erlaß schließt:Mit herzlichem Danke für diese begeisterten Zurufe drängt es mich, über die feierliche Bewillkommnung unserer braven Truppen meine volle Befriedigung auszusprechen.

Die am Freitag hier eingetroffene letzte baare Geldsendung aus Frankreich à Conto der dritten halben Milliarde der Krigskosten⸗Entschädi⸗ gung war eine der größten Sendungen, die mit einem Male hierhergelangt sind. Sie betrug im Ganzen 313 Millionen Franes. Davon waren 98½ Millionen in Goldstücken und 14½ Mil lionen in preußischen Kassenscheinen, welche man auf dem ganzen französischen Territorium gesam- melt hatte. Zum Transport dieser Summe vom Bahnhof nach dem königl. Schloß, wo sie an die Reichs hauptkasse zur Unterbringung in den Räu- men des Staatsschatzes abgeliefert wurde, waren sieben große Rollwagen erforderlich. Das Gold bestand in Zwanzigfrancstücken und enthielt ein jeder Beutel eine Summe von 200,000 Francs.

Fulda. Bis zum 5. d. M. waren zu den Bischofsconferenzen dahier eingetroffen die Bischöfe von Mainz, Paderborn, Trier, und als Stell⸗ vertreter des Bischofs von Culm ein Domherr von Pelplin. Die Ankunft der anderen preußi schen Bischöfe wurde noch erwartet.

München. Der Kaiser Wilhelm hat von Bad Gastein aus unterm 1. Sepember an den in Reichenhall weilerden Commandanten des 2. baye rischen Armeecorps, General v. Hartmann, nach- stehendes Telegramm gerichtet;Empfangen Sie meinen Glückwunsch, daß es Ihnen vergönnt war, an der Spitze Ihres Corps so wesentlich zu den Resultaten der Kämpfe und Ereignisse beizutragen, deren Jahrestag wir feiern. Wilhelm.

Kaiser Wilhelm wird Freitag, den 8. d., um 10 Uhr 45 Min., Vormittags in München, um 12 Uhr 15 Min. in Preisenberg eintreffen, von wo die Reise nach Hohenschwangau fortgesetzt wird. Prinz Luitpold und Graf Rechberg werden den Kaiser an der baperischen Grenze erwarten. Der König fährt demselben von Hohenschwangau entgegen. Am nächsten Sonnabend erfolgt die Weiterreise des Kaisers über Kempten nach Lindau, von wo sich derselbe nach der Insel Mainau bei Constanz begibt.

Salzburg, 6. Sept. Der Kaiser von Oesterreich ist angekommen und wurde lebhaft be grüßt. Die Grafen Beust, Andrassy und Hohen- wart sowie Geh. Rath v. Hofmann und der preu ßische Gesandte am Wiener Hof, General von Schweinitz, waren bereits früher eingetroffen.

6. Sept. Bereits um 5% Uhr begab sich der Kaiser von Oesterreich mit zahlreichem Gefolge vor das Absteigequartier des deutschen Kaisers(Hotel zum Erzherzog Karl). Der Kaiser Franz Joseph trug die preußische Oberstuniform mit dem Großkreuz des schwarzen Adlerordens und wurde von der zahlreich versammelten Volks⸗ menge lebhaft begrüßt. Gegen 65 Uör erfolgte die Ankunft des deutschen Kaisers. Die Militär- capelle intonirte die preußische Nationalhymne. Der Kaiser von Oesterreich trat auf die vierspännige Postchaise zu, aus welcher der deutsche Kaiser in österreichischer Oberstuniform rasch heraussprang. Beide Kaiser umarmten und küßten sich unter leb⸗ haften Zurufen. Nach erfolgter Vorstellung der Gefolge begaben sich beide Kaiser in die Appartements des Kaisers Wilhelm. Fürst Bismarck und Le⸗ gationsrath v. Keudell waren zuletzt unter lebhaften Zurusen der Menge eingetroffen. Nach einem viertelständigen Aufenthalt kehrte der Kaiser von Oesterreich mit seiner Suite unter stürmischem Volks⸗ jubel zu Fuß in die kaiserliche Residenz zurück. Um Uhr findet Hoftafel statt, welcher beide

Kaiser beiwohnen.

Fürst Bismarck und Graf Beust conferirten nach der Hoftafel bis Mitternacht. Am 7. d. war Audienz der anwesenden österreichischen Minister bei dem deutschen Kaiser.

Straßburg. Der General-Gouverneur von Elsaß⸗Lothringen, Graf Bismarck-Bohlen, spricht bei seinem Scheiden aus seinem Wirkungskreise in derStraßburger Zeitung seinen herzlichen Dank aus für das reichliche Maß des Wohl- wollens und Vertrauens, welches ihm unter so schwierigen Verhältnissen zu Theil geworden ist. Der Dank gilt zunächst der patriotischen Hingabe der Beamten und Angestellten, aber auch Allen, welche in rechter Würdigung der Verhältnisse durch eine ruhige Haltung dazu beigetragen haben, dem schönen Land und den ehrenwerthen Bewoh- nern mitten in den Stürmen des Kriegs die Segnungen des Friedens zu erhalten. Die Ver waltung gehe in die erfahreneren Hände eines hohen Civilbeamten über. Möchte das nedliche Streben der Regierung, wie bisher, seine beste Stütze finden in dem wahren Bürgersinne, welcher die Macht der Thatsachen vernünftig anerkennt und über das Schwanken der Gefühle stellt. Oberpräsident v. Möller ist hier eingetroffen.

Der Oberpräsident v. Möller zeigt in der Straßburger Zeitung an, daß er vom Kaiser zum Oberpräsidenten von Elsaß-Lothringen ernannt wurde und beauftragt ist, einstweilen die Geschäfte des General- Gouvernements mit denen des ehe maligen Civil⸗Commissariats zu übernehmen, und daß er heute sein Amt angetreten habe.

Ausland.

Oesterteich. Gastein. Der deutsche Kaiser ist am 6. d. um 9 Uhr Morgens nach Salzburg abgereist; die Ankunft daselbst wird 8 Uhr Abends erfolgen. Fürst Bismarck ist bereits um Uhr Morgens nach Salzburg abgereist.

Frankreich. Paris. Vor dem vierten Kriegsgericht hat am 4. d. der Prozeß gegen die Petroleusen der Vorstadt Saint Germain be gonnen. Es ist ein schreckliches Bild der Lieder lichkeit und Verderbniß, das sich da vor dem Pu- blikum entrollte. Verlorene Kinder des Quartier latin, ehemalige Arbeiterfrauen, gewerbsmäßige Dirnen, Verbrecherinnen der gemeinsten Klasse, das waren die Charaktere, die heute vor Gericht stan den. Es standen zwar nur 5 vor Gericht, aber genug, um diese ganze Gesellschaftsklasse zu charakte- risiren. Diese Frauen und Mädchen haben schon lange nichts mehr zu verlieren und wenn sie vor der Communewirthschaft die Maitressen vornehmer Börsiers und junger Ehemänner gewesen, fristeten sie während der Communezeit in den Armen der Charboniers und der elendesten Verbrecher ihr trauriges Leben. Ohne Scheu erzählen sie, wie sie mit ihren Geliebten in die Häuser eindrangen, raubten und stahlen. Mit eynischer Ruhe erzählte die Eine der Angeklagten, wie ihre Geliebten, die alle zu demselben 135. Bataillon gehörten, einen Conciergen, der ihnen den Eintritt in sein Haus verwehren wollte, auf die Barrikade schleppten und stichweise mit den Bajonetten zu Tode brachten. Eine andere berichtete über die Orgien, die in der Nacht vom 22. auf den 23. Mai im Gebäude der Ehrenlegion stattfanden. Alle aber sind sie einig, daß jede einzelne von ihnen unschuldigerweise vor Gericht gestellt worden sei. Sie hätten niemals die Absicht gehabt, die Waffen gegen die Versailler zu tragen, auch nirgends Brand angelegt oder Petroleum herzugetragen. Und das behaupten sie frecherweise Zeugen ins Angesicht, die bei ihrer Verhaftung zugegen, ihnen theilweise die Waffen und das Brennmaterial aus den Händen gewunden hatten. Ekelerrezend aber war es, wie jedesmal die eine durch die Beschuldigung der anderen sich rein zu waschen suchte und wie diejenigen, welche so beschuldigt wurden, vor Haß und Zorn zu bersten drohten. Die Hauptschuld schreiben sie alle einer Deutschen zu, die entwischt ist; sie selbst sind nach ihrer Aussage nur als Krankenwärterinnen und Trägerinnen und als Marketenderinnen bei den Föderirten gewesen; zwei der Angeklagten, deren hochschwangerer Zustand ihre wilden blassen Gesichter nur noch dämonischer erscheinen läßt, be⸗

haupten kecklich, nur aus Menschlichkeitsgefühl Mitleid zu dem Bataillon gegangen zu sein eine der Angeklagten, ein junges Kind von kaum

16 Jahren. gesteht, daß sie ihrem Geliebten gefolgt sei, welcher eine Compagnie Föderirter comman⸗ dirte, weil sie auf keine andere Weise sich einen

Unterhalt zu verschaffen gewußt habe. Die Zeugen⸗ aussagen gegen sämmtliche Angeklagte sind ver⸗ nichtend; einzelne Zeugen sagen aus, wie die An⸗ geklagten gegen ihre eigenen Geliebten, wenn von solchen noch bei einigen die Rede sein kann, die Waffen richteten, als diese flüchten wollten; andere erinnern sich noch mit Schauder und Ingrimm des schreckkichen Lachens dieser Mannweiber, als sie die Barrikaden am Gebäude der Ehrenlegion

verlassend und nachdem sie Feuer in den Palast

und in die Trümmer der Barrikaden geworfen hatten, die Flammen mit rasender Schnelligkeit emporwachsen und die Nachbarhäuser ergreifen sahen. Nicht einmal Vertheidiger für die Ange⸗ klagten fanden sich zur Genüge, nur zwei Mitglieder des Barreaus hatten die traurige Pflicht auf sich genommen, für ein mildes Urtheil für diese Me⸗ gären zu plädiren und das erschweren ihnen noch die Angeklagten, indem von denselben eine die an⸗ dere anklagt. Der Gedanke ist schrecklich, daß über 2000 solcher Weider in Paris bei solcher grau⸗ sigen Arbeit des Mordes und des Brandes in Thätigkeit gewesen, die, wenn sie auch nicht alle in gleichem Maße wie diese Megären des Fau⸗ bourg St. Germain den kurzen Moment ihrer ungebundenen Herrschaft ausgenutzt haben, doch ähnlicher Verbrechen wegen der Aburtheilung in den Pontons harren. Und wie viele andere sind gar nicht verhaftet und gehen heute noch frei in der Stadt herum.

Mehrere Journale erwähnen eines Ge⸗ rüchtes über lebhafte Auseinandersetzungen, welche zwischen Thiers und dem Ritter Nigra in Bezug auf die Betheiligung der italienischen Diplomatie an den Gasteiner Verhandlungen stattgefunden hätten. Nach einer Privatcorrespondenz aus Ver⸗

sailles soll Nigra geantwortet haben, Italien habe

nur das eine Ziel, den Frieden zu erhalten, und wolle keiner befreundeten Macht schaden. Von Versailles aus wird dieses Gerücht als jeder Be⸗ gründung entbehrend bezeichnet und dazu bemerkt, Thiers und Ritter Nigra hätten seit drei Wochen keine Unterredung mit einander gehabt.

In Betreff der zur Deportation nach einem befestigten Platz verurtheilten Individuen versichert man, daß sie provisorisch nach dem Fort Boyard, bei der Insel Aix gebracht werden würden. In⸗ zwischen würden Vorkehrungen zu ihrer Aufnahme in einem starken Platz des Innern getroffen. Die zur einfachen Deportation oder Zwangsarbeit Ver⸗ urtheilten sollen nach Caledonien transportirt wer⸗ den. Jourbet und Clement würden, wie es heißt, ihre Strafe in Saint-Pelagie absitzen.

Mit Italien ist man in Paris sehr unzu⸗ frieden. Verschiedene Blätter wollten in Erfahrung gebracht haben, daß Ritter Nigra von Thiers un⸗ gnädige Audienzen entgegennehmen mußte, man sprach sogar von Abberufung des Gesandten. Diese Maßregel wird auf die Beziehungen des⸗ selben zu dem verflossenen imperialistischen Hof zurückgeführt, was sehr wenig Wahrscheinlichkeit hat. Deutlich ist dagegen, daß die angeblichen Compromisse Italiens mit Deutschland⸗Oesterreich den Gesandten mißliebig gemacht haben und daß aus diesem Grunde vielleicht seine Abberufung unter die Hand gegeben worden ist.

Französische Blätter erzählen, Rouher habe sein Silberzeug nach dem 4. September in seinen Garten zu Saucey vergraben. Preußische Sol⸗ daten hätten es aufgefunden und Rouher's Neffe, Gustav Rouher, es für 2000 Fr. von denselben wieder erworben. Als nun der Neffe dem Onkel den glücklich geretteten Schatz nach England ge⸗ bracht, habe der Letztere verblüfft ausgerufen: Unglücklicher, was hast du gemacht. Das Silber⸗ zeug ist Ruolzfabrikat und nur 500 Fr. werth!

Versailles, 5. Sept. Die Nationalver⸗ sammlung begann heute die Berathung über den Antrag Ravpinel, betreffend die Installirung der Ministerien Versailles. Mehrere Redner sprachen

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2 Niger allet will kunf kein ärge nich gera and in bee beso