Ausgabe 
9.5.1871
 
Einzelbild herunterladen

halbstündige Audienz beim Fürsten. Die Anwesen⸗ beit der beiderseitigen diplomatischen Unterhändler wird mehrere Tage dauern, man behauptet sogar, sie werde eine volle Woche in Anspruch nehmen.

Abends. Die erste Conferenz des Fürsten

Bismarck mit Jules Favre hat stattgefunden und dauerte von 1 Uhr. Favre fuhr zu der angegebenen Zeit in sein Hotel zurück; seine Miene war ernst und keineswegs zutrauensvoll. Kurz darauf trat Fürst Bismarck aus dem Schwan- Hotel und begab sich ohne Begleitung zu Fuß über den Steinweg nach der Zeil, wobei ihm die Menge stürmische Hochs brachte. Die zweite Sitzung der Conferenz des Fürsten Bismarck und J. Favre's dauerte von 8 Uhr Abends bis 12 Uhr Mitternacht.

Wiesbaden. Da die Zeitverhältnisse die Abhaltung der Generalversammlung des deutschen Protestantenvereins zur gewohnten Zeit, in der Pfingstwoche, noch unthunlich erscheinen lassen, so hat der Ausschuß des genannten Vereins be schlossen, auf den 31. Mai eine protestantische Notablenversammlung hierher zu berufen.

München. Vor einiger Zeit wurde die Ab⸗ sendung von Mannschaft, Pferden und Kriegs- material nach den in Frankreich stehenden baye rischen Truppen sistirt. Neuerdings wurde be fohlen, daß dieselbe insoweit wieder aufzunehmen sei, als die dauernde Erhaltung der Schlagfertig⸗ keit der Truppen es erforderlich macht.

Vom Oberrhein. In Schlettstadt cireu lirt eine Petition, welche die Schleifung der Festungsmauern und die Beibehaltung des Tribu⸗ nals befürwortet.

Mühlhausen. Vor einigen Nächten wurde hier auf einen Wachtposten geschossen. Der Atten⸗ täter, der das Anrufen des Wachtpostens mit einem Revolver⸗ und Pistolenschusse beantwortete, wurde sogleich festgenommen und in Sicherheit gebracht.

Ausland.

Schweiz. Genf. Die französische Ge⸗ sandtschaft verlangt die Auslieferung des ehema ligen bonapartistischen Präfecten Janvier de La Motte, welcher des Bestehlens der Präfecturcasse beschuldigt ist. Der Staatsrath wird ohne Zweifel dem Verlangen der Auslieferung nach genauer Untersuchung der Beweise nachkommen.

Zürich. Das Bundesgericht in Zürich hat in Sachen des Tonhalle⸗Scandals die Untersuchung geschlossen und 42 Personen vor die eidgenössischen Assisen verwiesen, die Klage gegen die Uebrigen niedergeschlagen.

Frankreich. Paris, 4. Mai, Abends. Heftiger Kampf ohne Ruhepausen auf allen Punk ten. Die Kanonade währt schon den ganzen Tag und die Nacht hindurch. Das Fort Issy ist seit heute Mittag verstummt. Im Schloß von Issy ist Feuer ausgebrochen. Die Preußen haben in den Casematten des Forts von Vincennes Nach suchungen veranstaltet und verborgene Munitions- vorräthe entdeckt und weggenommen. Die Na tionalgarden find fast bis an die Thore von Paris zurückgegangen.

Die Ligue de Union républicaine hat an die Commune und Thiers die dringliche Auf- forderung gerichtet, eine Waffenruhe von 20 Tagen eintreten zu lassen. Fort Issy befindet sich noch immer im Besitz der Föderirten, obwohl es voll ständig zerstört ist. Die Besatzung deckt sich hinter Brustwehren, welche sie aus Trümmern und Ma⸗ tratzen errichtet. Issy feuert sehr selten, erhält dagegen sortwährend einen Hagel von Kugeln. Vanvres wird ebenfalls sehr heftig beschossen. Die Besatzung dieses Forts hat stark gelitten und ant⸗ wortet sehr selten. Die Versailler haben heute eine gewaltige Batterie in Montretoul demaskirt, welche Auteuil, Point du jour und Passy bedroht. Die Regierungstruppen haben von der Insel Point Germain Besitz ergriffen, wo sie eine Batterie errichtet haben, um den Viaduct von Point du jour und die Kanonenboote zu beschießen. Mont⸗ rouge, Hautes Bruperes und Moulin Saquet haben unter dem Bombardement stark gelitten. Die Föderirten antworten kräftig. Dieselben halten alle Gräben bei Villejuif und Jory besetzt.

5. Mai, Morgens. Die Journale der

Commune bestätigen, daß die Föderirten gestern die Redoute Moulin Saquet, welche von den Ver⸗ saillern vorgestern erobert worden war, wieder besetzt haben. Die Verluste sollen auf beiden Seiten groß gewesen sein. Die Blätter schreiben

das Gelingen des Ueberfalls in der Nacht vom

Mittwoch dem Verrath des Commandanten Gallien und eines Artilleriecapitäns zu, welche den Ver⸗ saillern das Losungswort verkauft hätten. Gestern erlitten die Pariser bedeutende Verluste an Ver- wundeten und Gefangenen. Auch einige Kanonen gingen verloren.Cri du peuple versichert, der Bahnhof von Clamart sei von den Parisern wie- der genommen und das von den Versaillern be setzte Schloß Issy durch Granatfeuer der Ersteren in Brand geschossen worden. In Neuillg sollen die Pariser einiges Terrain gewonnen und in der Rue des Huissiers eine Barrikade errichtet haben, um die Barrikade an der Rue Peyronnet und dem Rond Point d' Inkerman im Rücken zu fassen. In Levallois und Neuilly sind durch das Feuer des Mont Valerien zwei Feuersbrünste ausgebrochen.

Abends. Heute lebhaftes Bombardement gegen die Südforts. Die Versailler haben jetzt im Ganzen 128 Batterien um Paris zur Ver⸗ fügung, und zwar 54 Batterien Positionsgeschütze, 62 Batterien gezogener Geschütze und 12 Bat⸗ terien Mitrailleusen. Das Geschütz- und Gewehr feuer dauert in Neuilly und As nières auf beiden Seiten fort. Dem Vernehmen nach gedenkt das Centralcomite die Einreihung aller Diensttauglichen in die Nationalgarde mit Strenge durchzuführen.

6. Mai, 8 Uhr Morgens. Das Central⸗ comite hat alle seine früheren Machtbefugnisse zu rückerhalten. Das Kriegsministerium und die von diesem abhängenden Behörden sind der Controle des Centralcomites unterstellt worden. Dasselbe hat Depeschen empfangen, wonach die Föderirten den Pare Epine bei Issy besetzt hätten und die Position von Vanvres mit Erfolg behaupteten. Fort Issy wäre noch immer haltbar. Im Westen hätten die Föderirten die Barrikaden des Boule vard Binequ und eine Barrikade der Insel Grande Jatte genommen. Blachet, Mitglied der Com- mune, ist verhaftet worden.

Rossel wurde leicht verwundet. Oberst Okolo⸗ wicz ist an den Folgen seiner Verwundung gestorben.

Abends. Eine Depesche des Commandan⸗ ten dee Forts Vincennes an das Kriegsministerium sagt, daß sich in Vincennes eine Reaction gegen die Commune fühlbar mache. Der Commandant verlangt dringend Verstärkungen.

Versailles, 4. Mai. General Lacretelle

hat in vergangener Nacht Moulin-⸗Saquet bei Villejuif genommen, dasselbe jedoch wieder ge räumt, da es zu stark dem feindlichen Feuer aus- gesetzt ist. Die Insurgenten verloren 150 Todte, 300 Gefangene und 10 Kanonen. j 5. Mai, 10 Uhr. DasJournal officiel zeigt an, daß Jules Favre und Pouper-Quertier gestern nach Frankfurt abgereist, wohin sich Fürst Bismarck ebenfalls begeben wird. Diese Zu sammenkunft hat zum Zweck, gewisse Schwierig keiten, welche bei den Brüsseler Verhandlungen entstanden sind, gemeinsam zu regeln, und auf schnellere Weise die Unterzeichnung des definitiven Friedensvertrages herbeizuführen. Nach Privat- nachrichten hörte man gestern um Fort Issy herum lebhaftes Geschütz- und Gewehrfeuer. Die Kämp⸗ fenden halten noch immer dieselben Positionen besetzt. Die Arbeiten, um das Fort Issy von allen Seiten zu cerniren, werden fortgesetzt. Nach⸗ richten aus Paris vom heutigen Tage 5 Uhr Morgens zufolge erklärt dasJournal officiel der Commune, die Einnahme der Redoute von Moulin Saquet sei durch Verrath erwöglicht worden. Dasselbe Blatt behauptet, die Föderirten hätten den Bahnhof von Clamart wieder besetzt. Dies ist vollständig irrig.

6. Mai, Morgens. Heftiges Geschütz⸗ und Gewehrfeuer in der verflossenen Nacht und beute früh vereinzelte Kämpfe in den Trancheen. Einige Gefangene gemacht. Unsere Acbeiten rücken trotz des äußerst lebhaften feindlichen Feuers der Enceinte immer näher. Fort Issy ist von Fort Vanvres vollständig isolirt. Die Berliner Tele

gramme englischer Blätter, nach welchen Preußen bam

gedroht hätte, in Paris zu interveniren, wenn der ibi Aufstand in einer bestimmten Frist nicht unter⸗ dom

drückt wäre, entbehren der Begründung. Die id Depesche des Generals v. d. Tann an die Com- mune betrifft nicht die Freilassung des Erzbischofs Darboy, sondern das Fort Vincennes, für welches der General nur eine Besatzung von höchstens 200 Mann einräumt. Die Preußen fangen die für Paris bestimmten Lebensmittelzüge auf, ohne dem Ansuchen der Commune, über dies Verfahren Erklärungen zu geben, Folge zu leisten.

In letzter Nacht fand ein lebhafter Kampf in der Tranchee statt, welche die Fort Issy und Vanvres verbindet. Die Regierungstruppen nahmen

alu

eine zwischen den beiden Forts gelegene kleine F a0 Schanze und machten mehrere Gefangene. Sie cel räumten die Schanze jedoch wieder, da dieselbe f 1 zu sehr dem Feuer des Forts Vanvres ausgesetzt E. glei ist. Unsere Verluste belaufen sich auf ungefähr F den 80 Todte und Verwundete; die Verluste der aus! Föderirten sind beträchtlicher. ö 15 Die Versailler führen Arbeiten längs dem 17 Eisenbahndamm aus, um Issy von Vanvres zu iso⸗ tauft liren. Das Bombardement der Forts wird fortgesetzt. Obe Reveil will wissen, daß in Genf sehr 15 rührige bonapartistische Intriguen im Gange sind. 110 Mehrere hohe Persönlichkeiten des Kaiserreiches wären daselbst angekommen. Täglich träfen aus geg Frankreich, namentlich von Saint Germain en wil Laye, Emissäre ein. d DasJournal officiel dementirt das 18 Gerücht von der Verwundung Rossell's. Ver- ver handlungen wegen einer Waffenruhe sind einge⸗ Ge leitet, welche den Zweck hätten, den Einwohnern 18 von Issy, Vanvres und Montrouge zu ermöglichen, N 1 sich in Sicherheit zu bringen. dal Abends. Es herrscht hier große Panik. en Heute Morgen ist im Fort Vanvres eine große eig

Anzahl von Nationalgarden von ihrem Posten desertirt. Dieselben suchen wieder nach Paris zu gelangen. Man bat Vorbereitungen getroffen, um heute Nacht die Gürtelbahn vor der Porte 117 Maillot in die Luft zu sprengen. Belgien. Brüssel Baron v. Arnim ist nach Deutschland abgereist. Declere, Goulard und die anderen französischen Bevollmächtigten haben sich nach Versailles begeben. Jules Favre ist nicht eingetroffen. Die Bevollmächtigten werden Dienstag hierher zurückkehren.

Großbritannien London, 5. Mai. DerTimes wird aus Versailles gemeldet: Das Feuer auf Issy wird heftig fortgesetzt. Auteuil wird ebenfalls bombardirt. Die Einwohner flüchten von dort. Der Verlust der Föderirten am Freitag wird auf 2000 Mann geschätzt.

Im Oberhaus theilt Carl Granville mit, Dr. Livingstone sei in Sicherheit, und seien dem⸗ selben Vorräthe zugeschickt worden. Im Unter⸗ haus erklärt auf eine Interpellation der Unter- staatssecretär Enfield, zwischen England, Frank- reich, Oesterreich, Preußen und den Kleinstaaten Deutschlands hätte im Jahre 1866 keine Corre⸗ spondenz bezüglich der Forderung Frankreichs auf Abtretung von Mainz und theilweise Abtretung der Rheinprovinz stattgefunden.

Graf Bernstorff überreichte der Königin sein Beglaubigungsschreiben als kaiserlich deutscher Boischafter, sowie ein Handschreiben des Kaisers. DerTimes zufolge waren bis jetzt 5000 Föderirte gefangen worden. 0

Italien. Turin. Die Polizei hat eine weitverzweigte Verschwörung derInternationale entdeckt. Wie verlautet, waren in Turin, Genua, Mailand, Livorno, Bologna und Rom Aufstände vorbereitet, welche gleichzeitig losbrechen sollten. Rußland. Von Reisenden wird derOffice. Ztg. der öffentliche Gesundheitszustand der russi⸗ schen Hauptstadt im nachtheilichsten Lichte geschildert. Die Cholera-Epidemie ist noch immer im Zunehmen. Die Zahl der täglichen Opfer der Epidemie ist bereits auf 100 bis 120 gestiegen. Außer der Cholera grasstiren in St. Petersburg auch der Typhus und die schwarzen Blattern, die ebenfalls. einen epidemischen Charakter haben und zahlreiche

S

ern d 1

onen ene nes 107 us ZZ

Opfer fordern.