Deutsches Reich.
Darmstadt, 1. August. Seine K. H. der Großherzog haben aus Anlaß der heute eintre⸗ tenden 25jährigen Betriebsdauer der Main-Neckar⸗ Eisenbahn den nachstehenden Beamten und Be⸗ diensteten bei dieser Eisenbahn folgende Ordens decorationen zu verleihen geruht: 1) das Ritter⸗ kreuz I. Classe des Ludewigs⸗ Ordens: dem Ge⸗ heimen Baurath Friedrich Lichthammer, 2) das Ritterkreuz I. Classe des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen: dem Bahnkassier bei der Bahn⸗ Verwaltung Heidelberg, Georg Michael Seibert; 3) das Ritterkreuz II. Classe desselben Ordens: dem Materialverwalter und Bahnhofsaufseher Christoph Querner; 4) das silberne Kreuz desselben Ordens: dem Expeditor auf der Station Heppen⸗ heim, Vollrath Steinheimer und dem Bahnmeister des Bezirks Heppenheim, Georg Dell, 5) die sil⸗ berne Medaille des Ludewigs⸗Ordens: den Ex- peditoren Heinrich Schilling auf der Station Eberstadt, Wilhelm Alt auf der Station Bicken- bach und Conrad Pfannmüller auf der Station Auerbach, den Zugmeistern Daniel Karle, Chri— stian Klingel und Philipp Götz II., dem Con- ducteur Johannes Schmidt und dem Locomotiv⸗ führer Johannes Flohr, 6) das allgemeine Ehren- zeichen mit der Aufschrift„Für treue Dienste“; dem Kanzleidiener bei der Direction der Main- Neckar ⸗Eisenbahn Nicolaus Funk, dem Bureau⸗ diener bei der Bahnverwaltung Darmstadt Hein⸗ rich Kloo, dem Packer auf der Station Darm⸗ stadt Georg Geyer, den Weichenwärtern Peter Lorenz und Peter Feldmann, sowie den Bahn- wärtern Peter Meyer und Peter Härter.— Der Professor an dem eidgenössischen Polytechnikum zu Zürich Dr. Friedrich Kohlrausch ist zum ordentlichen Professor der Physik an der polytechnischen Schule, mit Wirkung vom 1. October l. J. an, ernannt worden.
Darmstadt. Die Ausführung des Reichs- gesetzes vom 14. Juni l. J., die Gewährung von Beihülfen an ausgewiesene Deutsche betreffend, ist für das Großherzogthum einer besonderen Commission, bestehend aus dem Provinzialdirector Dr. Goldmann als Vorsitzenden, dem Commerzien⸗ rath Fink und dem Legationsrath von Werner, übertragen worden.
— Am 28. Juni verließ die Kaiserin von Rußland nebst Gefolge das Schloß Heiligenberg bei Jugenheim, um nach Petersburg zurückzureisen.
* Friedberg. S. K. H. der Großherzog ist am 1. d. Vormittags dahier wieder eingetroffen. In den Straßen, welche der Landesfürst auf seiner Fahrt zum Schlosse passirte, hatte man zu dessen Begrüßung geflaggt.
Berlin. Der„Reichsanzeiger“ enthält eine Verordnung, welche sämmtliche deutsche, in ihren Heimathsstaaten zum Betriebe von Versicherungs⸗ Geschäften berechtigte Gesellschaften ermächtigt, diesen Betrieb auf den Bezirk des General-Gou⸗ vernements auszudehnen, sobald sie hinsichtlich desselben durch eine notarielle mittels der Straß⸗ burger Zeitung veröffentlichte Urkunde ein inlän⸗ disches Domicil erwählt haben. Die Verordnung bezieht sich auf alle Arten von Versicherungen, namentlich auf Lebens versicherungen.
— Für die in Frankreich zurückbleibenden Truppen tritt vom 1. August ab wieder eine we⸗ sentliche Verpflegungsaufbesserung ein. Die Ofß⸗ ziere erhalten, vom Lieutenant aufwärts bis zum commandirenden General nach Maßgabe ihrer Competenzen, eine Zulage von täglich 2 bis 40 Frs. und für die Mannschaften ist eine Auf- besserung von 1½ Sgr. pro Tag und Kopf be— willigt worden, die ihrer Bestimmung nach zum Ankauf von Weinportionen verwendet werden soll. Der Soldat erhält nun außer seinen Portionen an Fleisch, Brod und Victualien pro Tag 6 Sgr., wozu vom 1. August ab noch die neubewilligten 1½ Sgr. hinzutreten.
— Dem Vernehmen nach hat der Gedanke einer Reichsamnestie in maßgebenden Kreisen Bo- den gefaßt, und wird in nicht ferner Zeit in einer entsprechenden Vorlage an den Bundesrath zum Ausdruck gelangen. Ferner hört man, der Bundes- rath habe in Folge des einmüthigen Protestes des
deutschen Handelsstandes das von der württem⸗ bergischen Regierung angeregte Project der Ein- führung des Tabakmonopols fallen lassen.
Franfurt. Die internationale Commisston hat am vorigen Samstag eine Unterbrechung ihrer Sitzungen auf 8— 10 Tage beschlossen. Dieser Vertagung liegt indeß kein politisches oder diplo⸗ matisches Motiv zu Grunde, sondern ist lediglich durch das Bedürfniß nach Erholung von an⸗ gestrengter Arbeit hervorgerufen worden. Die Herren Bevollmächtigten sind meist in die Bade⸗ orte der Umgegend, nur Graf Uxküll(Württem⸗ berg) ist nach Stuttgart abgereist.
Ems. Der Kaiser wird am 1. August Nach- mittags von hier nach Coblenz abreisen und dort den 2. und 3. verbleiben; am 4. reist der Kaiser nach Wiesbaden ab, am 7. findet in Mainz eine Truppenbesichtigung statt, nach deren Beendigung sich der Kaiser nach Homburg v. d. H., wo der— selbe seinen Aufenthalt bis zum 9. August zu nehmen gedenkt, begibt.
München. Wie es heißt, wird während der Durchreise des deutschen Kaisers durch Bayern ein Zusammentreffen desselben mit dem Könige stattfinden, indem sich der Letztere hiezu von hier nach Regensburg begeben würde.
— Der Stabsarzt Dr. Börner theilt in sei⸗ nem Bericht als Führer des preußischen Sanitäts- zuges Nr. 2 dem„Bayerischen Invaliden ⸗Unter⸗ stützungs⸗Zweigverein München“ über seine letzte Fahrt mit französischen Verwundeten von Deutsch⸗ land nach Besangon mit:„Sobald der Zug außer halb der deutschen Occupationslinie angelangt war, wurde er überall mit Steinen beworfen und die Bedienungsmannschaft gezwungen, nach Mühl⸗ hausen zurückzukehren. Zwei Stunden nach seiner Ankunft in Besangon war noch kein französischer Militär- oder Civilarzt zur Uebernahme erschienen und das Volk verhöhnte und bespie Führer und Wärter, die den Zug nicht verlassen durften Auf wiederholte Requisitionen kam endlich ein Militär— arzt, der die Verwundeten und Kranken ahne Wei⸗ teres aus dem Zug herausheben und auf das Pflaster des Perrons legen ließ; erst das un- gestüme Bitten der Franzosen, man möge sie wieder nach Deutschland zurückbringen, vermochte den Arzt, die Soldaten auf Düngerwagen laden, die von den nahen Feldern herbeigeholt wurden, und in die Festung fahren zu lassen, worauf der Sani⸗ tätszug sofort die Rückfahrt antrat.
— Ein Artikel in der„Allgemeinen Zeitung“ legt der bayerischen Regierung dringend ans Herz, dem Gesuch der Altkatholiken Münchens um Ein- räumung einer Kirche baldigst zu entsprechen; der unzweifelhaft starke Besuch werde am besten zeigen, daß der altkatholische Gottesdienst dem religiösen Bedürfnisse der Massen jene Befriedigung gewährt,
welche es sonst nirgends findet, und werde die
Zuversicht, mit welcher der infallibilistische Clerus arf seine noch immer gefüllten Kirchen blickt, stark erschüttern.
Straßburg. Es wurden hier zwölf Ge⸗ meinderäthe definitiv gewählt, dieselben standen auf der liberalen und clericalen Liste zugleich. 24 Nachwahlen sind nothwendig. Die Bethei⸗ ligung an den Wahlen wal bedeutend. Die Aus- sichten sind günstig für die liberale Liste.
— In Mühlhausen, Thann und Altkirch kam aus Mangel an Betheiligung keine Wahl zu Stande. Die Betheiligung in den übrigen Gemeinden war befriedigend, in den niederrheinischen Landgemein- den stimmten bis zu 80 pCt., in Hagenau fast 50 pCt., in Bischweiler nicht ganz 30 pCt. In Colmar siegte die liberale Partei, in Metz wurden gemäßigte Franzosen gewählt, in Chateausalins kamen sämmtliche Candidaten der Ordnungspartei mit großer Majorität durch. Viele Nachwahlen sind nöthig.
Ausland.
Oesterreich. Wien. Der deutsche Ge⸗ sandte wurde beauftragt, ein Handschreiben des deutschen Kaisers an den Kaiser von Oesterreich zu überreichen. Sodann sollen Bestimmungen über
die Zusammenkunft der beiden Kaiser erfolgen.
— Der Vicekönig von Aegypten scheint an der Grenze seiner Concesstonen an die Pforte an⸗ gelangt zu sein und sich auf Alles gefaßt zu machen. Es wird die Aeußerung von ihm eitirt: „Ich habe mich entschließen können, den Rock her⸗ zugeben; das Hemd gebe ich nicht,“ und gleich⸗ zeitig kommt die Meldung, er dränge auf die beschleu nigte Ablieferung der von ihm in den Vereinig⸗ ten Staaten bestellten Hinterlader.
Frankreich. Paris. Der Budgeteom⸗ mission ging ein Gesetzentwurf zu, durch welchen dem Kriegsministerium ein Credit von 218 Mil⸗ lionen gewährt wird. Man versichert, daß die Majorität der genannten Commission der Ein⸗ kommensteuer, wie sie von Casimir Perier bean- tragt worden, günstig gestimmt sei. Die Com- mission discutitte die Besteuerung des Renten⸗ einkommens.
— Das Journal des Debats erfährt, daß Thiers die Demission Favre's angenommen habe. Dasselbe Blatt sagt, daß der Pariser Municipal rath Freitag, den 4. August, zusammentreten, ein Expose über die Finanzen entgegennehmen und über das Stadtanlehen berathen werde.
— Die Angabe, daß Oberst Stoffel wegen seines abfälligen Urtheils über die französische Armee verhaftet worden sei, ist nicht richtig. Die Regierung ärgert sich zwar über seine Bemerkungen, und die Militärbehörden sind zu Rathe gegangen, ob der Verfasser zur Strafe gezogen werden sollte; doch hat man es schießlich für besser gehalten, dem Publikum die Verurtheilung der gegen die Armee erhobenen Anklagen zu überlassen.
— Die Pariser Correspondenten der Londoner Blätter benutzen die todte Saison, um Betrach- tungen über die in Paris herrschende exorbitante Theuerung anzustellen; sie kommen einstimmig zu dem Resultat, London sei nunmehr billiger als die Seinestadt. Im Allgemeinen läßt sich ohne Uebertreibung behaupten, daß die meisten Lebens⸗ bedürfnisse im Vergleich zum Juli 1870 um 25 bis 40 Procent im Preise gestiegen sind. Und doch sollen die famosen Steuern des Herrn Pouyer⸗ Quertier erst noch kommen! Sonst speiste man bei Duval bequem für 2 Francs; jetzt ist ein be⸗ scheidenes Diner kaum unter 3 Franes möglich. Die zahlreichen Rotisserien, in denen gebratenes Geflügel für den Frühstückstisch verkauft wurde, sind zum Theil eingegangen, weil sich für die um das Doppelte theurer gewordene Waare keine Käufer mehr fanden. Das Liter Spiritus wird gegenwärtig mit 3 bis 4 Francs bezahlt; in Berlin kostet dasselbe Quantum 6 Silbergroschen (75 Centimes). Die Auswanderung nach der Provinz nimmt denn auch unglaubliche Dimen- sionen an.
— Das„Journal officiel“ dementirt das Gerücht von dem Brande der Cathedrale von Perigueux und des erzbischöflichen Palastes zu Tours, und erklärt, wenn die Journale fortfahren, falsche Nachrichten zu verbreiten, würden dieselben versolgt werden. Ein Circular des Justizministers ordnet die strengste Verfolgung schlüpfriger Bücher und Stahlstiche an.
— Der Abgeordnete Alfred Naquet wird in den nächsten Tagen einen Gesetzentwurf einbringen, wonach die Güter Ludwig Napoleon Bonapart's zum Besten der armen Familien, welche während des Krieges gelitten haben, verkauft werden sollen.
— Man liest im„Soir“:„Ein großer Theil der Deputirten hat den Entschluß gefaßt, die constitutionelle Frage bestimmt aufzuwerfen. Die Gruppen der Linken und des linken Centrums sollen einverstanden sein, eine Proposition einzu- bringen, welche dahin ginge, Herrn Thiers zum Präsidenten der französischen Republit zu ernennen, Herr Thiers, darüber befragt, soll nicht ausge⸗ schlagen haben.“
— In Paris mehren sich wieder die Ver⸗ haftungen. Um ihnen zu entgehen, hat sich ein großer Theil der Arbeiterbevölkerung zur Aus⸗ wanderung entschlossen; denn es ist kein Mensch sicher, daß er nicht etwa auf irgend eine Denun⸗ ciation hin in Haft gebracht wird. Bereits sollen
mehr als 10,000 Pariser Arbeiter sich in ver⸗
schiedenen Häfen Englands und Amerika ein-
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