Ausgabe 
2.5.1871
 
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immer größere Dimensionen an. Die Zahl der Zustimmungsadressen an Dr. Döllinger und der Beitrittserklärungen zu der Petition der Alt⸗ katholiken ans Cultusministerium wächst von Tag zu Tag. Andererseits mehren sich die Zustim⸗ mungsadressen der Geistlichkeit zu der Erklärung der Münchener Stadtpfarrer. Der Erzbischof von München⸗Freising erhält von dem Clerus täglich neue Versicherungen des Glaubens und des Ge horsams, sowie des Beileids über den ihn be⸗ troffenen Kummer..

Prof. Dr. v. Döllinger hat sich ent⸗ schlossen, zunächst gar keine Vorlesungen zu halten. Im künftigen Wintersemester wird derselbe nicht wie bisher überKirchengeschichte, sondern über Allgemeine Geschichte der neuesten Zeit lesen.

Karlsruhe. Auf eine Anfrage deutscher und insbesondere auch badischer Gemeinden über die Anordnung einer alljährlichen Volks⸗ und Kirchenfeier für den Frieden und die Einheit ist vom Kaiser die Antwort ergangen, daß eine obrigkeitliche Anordnung für eine solche Feier, deren wahrer Werth in ihrer Unmittelbarkeit und Freiwilligkeit bestehe, sich nicht empfiehlt und deß⸗ halb auch nicht befohlen werden wolle, so sehr man die gegebene Anregung aus den Volkskreisen zu schätzen wisse. i

Straßburg. Mit immer wachsender Thätig⸗ keit wird an der Wiederherstellung der inneren und äußeren Wälle der Festung gearbeitet, und Hunderte von Erdarbeitern, Maurern und Stein- hauern sind allenthalben unter Leitung des Genies damit beschäftigt. An vielen Stellen waren die inneren Wälle förmlich minirt worden, theils von den französischen Soldaten selbst, theils von den vielen durch das Bombardement obdachlos ge wordenen Familien, welche Schutz in diesen Höhlen suchten.

Ausland.

Frankreich. Paris, 26. April. Gestern forderte der deuische Commandant die Räumung des von den Föderirten besetzten Ortes St. Quen, Die Commune gehorchte der Aufforderung, wie auch der Desarmirung von Vincennes. Die Pariser Journale versichern, daß in der Tuilerien⸗ straße zwei Batterien errichtet seien und daß der Tuilerienpalast in einen befestigten Platz umge wandelt werden sollte.

DasMot d' Ordre schreibt:Toulouse befindet sich in vollem Aufstande. Keratry wollte die Nationalgarde entwaffnen, stieß jedoch auf Widerstand. Die Stadt ist voll von Barrikaden.

Die Südforts haben durch das Bombar dement beträchtlichen Schaden gelitten. Die Ge⸗ schosse der Versailler fallen mitten in die Forts, Eine große Anzahl von Artilleristen wurden ge tödtet, selbst die Kasematten sind beschädigt. Mot d' Ordre sagt, die Föderirten würden nöthigenfalls sämmtliche Südforts in die Luft sprengen. Demselben Blatte zufolge hätte das Feuer der Föderirten die von den Regierungs- truppen auf der Terrasse von Meudon errichtete Batterie zum Schweigen gebracht. Von commu⸗ naler Seite wird versichert, daß das 195. Ba- taillon der Föderirten eine Bacrikade in der Rue Petronnet in Neuilly genommen und das Feuer von der Porte Maillot 5 Geschütze der Versailler in Courbevoie demontirt hat.

27. April, 6 Uhr Abends. Die Batterie von Courbevoie beschießt heute die Porte Maillot und die Barrikade am Triumphbogen. An der Porte des Ternes ist die Kanonade sehr lebhaft. Die Föderirten haben auf der rechten Seite der von Paris nach Asnieres fährenden Straße, un⸗ gefähr 10900 Meter von der Seine, Batterien errichtet, welche bestimmt sind, Gennevilliers, Bois de Colombes und Courbevoie zu beschießen. Das Bombardement der Südforts ist heute viel schwächer. Die Hauptbatterte der Versailler befindet sich zu Moulin Pierre, 500 Meter von Vanvres. Die Kanonenbootflotille der Versailler ist in der Nähe von Bezons eingetroffen. Die Kanonenboote der Föderirten beschießen lebhaft den Mont Valerien. Alle Mittheilungen stimmen darin überein, daß der Kampf immer mörderischer wird. Nach

einem der Commune zugegangenen Bericht hätten die Föderirten an Todten und Verwundeten bis jetzt 9000 verloren, an Gefangenen 3000.

DasMot d'Ordre berichtet, es sei eine Meuterei auf dem Mont Valerien ausgebrochen. Die Marinesoldaten vernagelten die Geschütze. Die Commune ließ den Gouverneur des In- validenhauses, General Martimprey, verhaften. Die Versailler Truppen sollen Unzufriedenheit zeigen. Bei Meudon hätten sich zwei Regimenter geweigert, gegen die Insurgenten zu kämpfen. In Paris soll sich unter der Ordnungspartei eine Reaction in den Gesinnungen gegen Thiers be merklich machen. Viele Gegner der Commune hätten sich der Partei derselben angeschlossen.

27. April. Die Organe der Commune unterhalten ihre Leser mit dem Märchen, daß in Versailles Mac⸗Mahon, Canrobert, Vinoy und Galliffet mit ihren Truppen vor das Schloß ge zogen, die Nationalversammlung umzingelt und gezwungen hätten, Napoleon IV. zum Kaiser der Franzosen auszurufen.

28. April, Morgens. Offieille Depeschen der Commune melden, daß die Beschießung von Issy, Vanvres und Montrouge die ganze Nacht hindurch angehalten hat. Ein Rapport Dom- browski's von vergangener Nacht sagt: Die Vor posten wurden heftig angegriffen, das 80. Bataillon wurde nach energischem Widerstand genöthigt, die Barrikade in der Avenue Peyronnet zu verlassen; der Feind wurde jedoch vom 94. Bataillon in der Flanke gefaßt und gezwungen, die eroberte Pofition wieder aufzugeben. In diesem Augen blicke sind wir wieder im Besitz unserer sämmtlichen Positionen, der Feind zieht sich auf der ganzen Linie zurück. Andere Nachrichten melden, daß im Fort Vanvres ein Geschütz demontirt und Fort Issy von Kugeln durchlöchert sei; jedoch habe die Be; satzung des Letzteren erklärt, sie könne noch feuern.

28. April, Abends. Der Kampf wurde den ganzen Tag über fortgesetzt, hauptsächlich bei Montrouge, Issy, Chatillon, Clamart, Asnisres, Gennevilliers und Neuilly. Das Geschütz- und Gewehrfeuer, welches gegen Mittag nachgelassen hatte, gewinnt jetzt wieder an Heftigkeit. Der Angriff der Versailler ist ein allgemeiner und be- droht alle Punkte. Die Föderirten sind äußerst thätig in der Errichtung von gewaltigen Bafrika⸗ den zur Vertheidigung der strategisch wichtigen Punkte im Inneren der Stadt. Mit der Eisen⸗ bahn treffen nur noch selten Lebensmittel ein. Die Blätter der Commune versichern, die Ver sailler Regierung habe mehrere Züge mit für Paris bestimmiem Proviant angehalten. Ein Be- schluß der Commune, datirt vom 27. d., befiehlt, daß die Gesellschaften der Nord-, Ost- und West: bahn, sowie der Bahn nach Orleans und nach Lyon, innerhalb 48 Stunden die Summe von 2 Millionen an die Commune zu zahlen haben. Diese Summe ist unter die Gesellschaften zu re⸗ partiren und von den Abgaben, welche die Ge sellschaften künftig zu zahlen haben, in Abrechnung zu bringen.

Abends. Das Fort Issy ist heute um 5 Uhr zum Schweigen gebracht worden. Ein heftiges Gewehrfeuer hat sich unterhalb des Forts ent⸗ sponnen. In der ganzen Stadt wird General- marsch geschlagen. Die Bataillone sammeln sich auf dem Concordeplatze.

29. April, Morgens. Die Kanonade schweigt augenblicklich. Die bombardirten Süd⸗ forts sind stark zerstört. Man glaubt, daß die⸗ selben sich nicht mehr lange halten können. Es heißt, die Commune werde die Forts in die Luft sprengen lassen, wenn sie gezwungen werden sollte, sie aufzugeben. Man errichtet Erdwerke, um die Forts zu ersetzen. 200 Liniensoldaten der Versailler Armee, Deserteure oder Gefangene, trafen gestern hier ein. Dieselben waren ohne Waffen, aber mit Lagergeräth versehen.

Die große Procession der Freimaurer, an welcher sich auch Mitglieder der Commune be⸗ theiligten, setzte sich diesen Morgen vom Hotel de Ville aus in Bewegung. Der Zug war eine halbe Meile lang. Alle Freimaurerlogen waren mit ihren Insignien vertreten.

Eine Depesche des Generals Cluseret vom 28. d. besagt:Ich komme von Issy und Vandres

zurück; dieselben werden heldenmüthig vertheidigt.

Die Forts werden buchstäblich von Geschossen bedeckt. Während ich mich zu. efand, war ich Zeuge eines mörderischen dreiviertel Stun⸗ den dauernden Gewehrfeuers.

Mehrere Blätter verlangen die Einberufung der Pariser Wähler, um eine Entscheidung mittels absoluter Majorität durch Ja oder Nein darüber abzugeben, ob der Kampf foridauern soll oder nicht. Versailles, 27. April. Eine von Thiers heute erlassene Circulardepesche sagt, daß die Truppen bis auf 200 Meter sich dem Fort Issy genähert haben.

28. April, 8 Uhr Morgens. Ein Deta⸗ chement Föderirter wurde diese Nacht in der Gegend der Hautes Bruheres in die Flucht ge⸗ schlagen. Die Offiziere wurden zu Gefangenen gemacht. Die Batterien des Forts Issy sind beinahe verstummt. Die Annäherungsarbeiten werden fortgesetzt.

28. April. Sitzung der Nationalversamm⸗ lung. Pouyer-⸗Quertier legt einen Gesetzentwurf, betreffend die Eröffnung eines neuen Credits zur Unterhaltung der deutschen Truppen in Frankreich, vor. Der Credit ist durch die längere Dauer der Insurrection nothwendig geworden. Pouper⸗ Quertier erklärt mit Bezugnahme auf die vom Fürsten Bismarck kürzlich im Reichstage gemachte Aeußerung: Die Verpflichtungen, welche wir über⸗ nommen haben, werden gewissenhaft nach dem Inhalt der Convention gehalten werden. Die fälligen Zahlungen werden an die preußischen Be hörden geleistet und für den Unterhalt der deut⸗ schen Truppen wird gesorgt werden. Die einge- gangenen Verpflichtungen, so lästig sie auch sein mögen, werden in lopaler Weise erfüllt werden, wie es einer französischen Regierung zukommt.

29. April. Das Feuer gegen die Süd⸗ forts war gestern den ganzen Tag über sehr leb, haft. Fort Vanvres antwortete kräftig. Nachts wurden nur einige Kanonenschüsse ausgetauscht. Aus Paris eingelangte Nachrichten constatiren, daß die unaufhörliche Kanonade die Nationalgarden, deren Effectivbestand sich jeden Tag verringert, stark ermüdet.Frangais behauptet, daß die gesammten activen Streitkräfte der Commune 25,000 Mann nicht überschreiten.

29. April. In der Nationalversammlung wurde der Vorschlag, welcher Thiers ermächtigen soll, jedes Departement in Belagerungszustand zu erklären, mit großer Majorität angenommen. Der Angriff der Insurgenten auf Moulin Pierre und die Batterie zwischen Clamart und Chatillon wurde zurückgeschlagen. Issy ist noch nicht ge⸗ nommen. Es wird zeitweilig bombadirt.

Die Truppenmacht der Regierung in Ver⸗ sailles wird von dem Correspondenten desDaily Telegraph auf 138,600 Mann angegeben und dabei bemerkt, daß, soweit man im Stande sei, die Leute zu beurtheilen, ein guter Geist unter denselben herrsche, namentlich seit eine regelmäßige und reichliche Verpflegung eingetreten sei. Wie der Berichterstatter weiterhin mittheilt, besitzt die Armee der Regierung, nachdem es am Anfang sehr an Artillerie gefehlt, jetzt massenhafte Batterien und es treffen fortwährend für Cavallerie und Artillerie Züge von Pferden, meist aus England, ein.

Dieppe. Der General-en Chef des 8. deut⸗ schen Armee Corps hat sein Hauptquartier von Amiens hierher verlegt.

29. April In der Nationalversamm⸗ lung legte Justizminister Dufaure einen Gesetz⸗ entwurf vor, durch welchen alles Seitens der Pariser Machthaber mit Beschlag belegte Eigen thum als unveräußerlich erklärt und den ursprüng⸗ lichen Besitzern das Recht zuerkannt wird, es jeder Zeit zurückzufordern. Alle Personen, welche sich an den Beschlagnahmen betheiligt oder öffentliche Urkunden und gerichtliche, Actenstücke vernichtet haben, sollen den gesetzmäßigen Strafen verfallen sein. Die Kammer genehmigte für den Gesetz entwurf die Dringlichkeit.

Die durch die Freimaurer hervorgerufene Kundgebung hat heute Nachmittag in Paris statt⸗