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— 20. Mai. Zollparlament. Auf der Tages- ordnung steht die Specialdebatte über den Vereins- zolltarifentwurf und die Schlußberathung über das Tabakssteuergesetz. Zunächst findet Berathung über die Petroleumsteuer statt. Nachdem Thadden, Patow, Günther, Bethusy für, Marquard, Oehmichen, Gumbrecht, Lasker gegen die Vorlage gesprochen, wird dieselbe bei namentlicher Abstim⸗ mung mit 190 gegen 99 Stimmen abgelehnt.
— Anfangs nächster Woche werden die Sitzungen des Reichstags wieder beginnen und zuerst die Vorlage über die Schuldhaft zur Berathung gelangen.
— Wie die„Prov.⸗Corr.“ meldet, wird der Schluß des Zollparlaments spätestens zu Anfang nächster Woche und der-Schluß des Reichstages voraussichtlich am 20. Juni erfolgen.
Kassel. Die Betheiligung an der 17. deutschen Lehrerversammlung in hiesiger Stadt ist größer als erwartet wurde. Bis zum 16. Abends waren mehr als 1500 Anmeldungen dahier eingetroffen. Auch später sind noch zahlreiche Briefe eingelaufen, die der Wohnungsausschuß indessen bei Seite legen mußte, da es schon Schwierigkeiten genug bietet, die rechtzeitig Angemeldeten in hiesiger Stadt unterzubringen. Der Wohnungsausschuß hat am Abend des 18. d. beschlossen, noch einen letzten Aufruf zu erlassen und hofft, daß derselbe nicht ohne Wirkung bleibt. Jedenfalls kann ihn die Schuld nicht treffen, wenn ein Theil der Gäste auf die Gastfreundschaft der Dörfer ver— wiesen werden müßte.
Sachsen. Dresden. Erste Kammer. Nach siebenstündiger Debatte wurde die Aufhebung der Todesstrafe mit 22 gegen 15 Stimmen ab⸗ gelehnt. Alle drei geistlichen Mitglieder der Kammer sprachen für die Beibehaltung, der Kron⸗ prinz dagegen. Die Aufhebung der Strafe durch körperliche Züchtigung wurde einstimmig genehmigt.
Oesterreich. Aus Wien wird unterm 19. d. gemeldet: Der große Schritt gegen Rom ist endgültig gethan. Der Kaiser hat heute die drei Gesetze, welche das bisherige Concordatsgebiet wesentlich enger begrenzen, mit seiner Sanktion versehen, und der Unterstaatssekretär Herr von Meysenbug wird, um auf der jetzt unwiderruflich gegebenen Grundlage noch einen Versuch zur Ver⸗ ständigung zu machen, spätestens am Samstag seine Mission nach Rom antreten.
Heilbronn 17. Mai. In dem benachbarten Böckingen hat sich gestern Vormittag auf der Bahn ein entsetzliches Unglück zugetragen. Bei Annäherung des von Bietigheim kommenden Bahnzuges 68, nachdem die Barrieren des Wegübergangs schon geschlossen waren, bestieg unweit der⸗ selben ein dreijähriges Kind die Böschung und lief Ange⸗ sichts des heranbrausenden Bahnzuges auf das Schienen⸗ geleise. Ein Bürger von Böckingen, Schmiedmeister Volz, von der gegenüberliegenden Barriere aus die Todesgefahr des Kindes wahrnehmend, eilte, als er seine Wararufe erfolglos sah, unter der Barriere durchschlüpfend dem Kind zu Hilfe. In demselben Augenblick aber, als er das Kind erreichte, wurde er vom Zug erfaßt und sammt dem Kind überfahren. Beide waren auf der Stelle tobt. Der Unglückliche, welcher seinen Edelmuth mit dem Leben bezahlte, war ein braver, allgemein geachteter Mann; eine Wittwe und 5 unerwachsene Kinder haben in ihm ihren Ernährer verloren.
Die Kreuzzeitung meldet:„Der Chef-Redacteur dieser Zeitung erhielt— mit der Unterschrift:„Ein Jude“— die folgende Zuschrift: Sehr grehrter Herr Redacteur! Sie heben es in Ihrer letzten Nummer als be⸗ zeichnend hervor, daß der größle Theil der Redner und Zuhörer in der democratischen Volksversammlung im Con⸗ cert⸗Hause aus Juden bestanden habe. Ich will dies gern zugeben, aber wundert Sie denn dies? Sie, der Sie wie Ihre ganze Partei den Grundsatz haben: erst kommen wir, dann kommen wir noch einmal, und dann kommt das Volk noch lange nicht!?... Freilich sind Sie unsere guten Freunde, wenn es gilt, Sich bei unsern Diners und Soupets dick und voll zu essen und zu trincken, oder uns anzupumpen(und nachher nicht zu bezahlen); freilich scheuen Sie unsere Gemeinschaft nicht, wenn es gilt, Comite's für industrielle Unternehmungen zu bilden, weil es da ein schönes Stück Geld zu verdienen giebt! Aber alle diese Freundschaftsbezeigungen können uns wahrlich nicht ver⸗ locken, uns einer Partei, wie der Ihrigen, anzuschließen, und so dürfen Sie Sich ferner nicht wundern, wenn Sie Juden in großer Anzahl an demokratischen Versammlungen Theil nehmen sehen, wohl aber würde ich Ihr Erstaunen gerechtfertigt finden, wenn Juben so hirnverrückt wären, sich an conservativen Vereinen zu betheiligen,“
„„ Ursache und Heilung der Stätigkeit eines Pferdes. Graf v. Schlieffen theilt den Mecklenb. Annal. der Landwirthschaft Folgendes mit: Es ist mir geglückt, ein seiner Stätigkeit halber berüchtigtes Pferd durch Aussetzen einer blauen Brille von demselben Glase, wie es Dr. v. Gräfe seinen augenkranken Patienten verordnet, wieder nutzbar zu machen. Das Auge des Pferdes schien verbildet und übersichtig zu sein, und ich nahm an, daß das arme Thier von Haus aus für seine Scheuheit nichts könne, daher auch mit Unrecht viel Strafe zu leiden gehabt haben dürfte, wodurch sein Charakter verdorben worden sei. Durch die blaue Brille ist der Blick beruhigt und der Eindruck der Gegenstände abgeschwäckt worden; das Pferd, welches früher vor Per— sonen, Wagen ꝛc. regelmäßig Kehrt machte, aus gewissen Hofausgängen nicht herauszubringen, durch ein bestimmtes Stadtthor einzugehen nicht zu bewegen war, ist jetzt voll⸗ kommen brauchbar und an Allem vorbeizureiten. Gewiß würde mancher Thierquälerei vorgebeugt, manches von Haus aus werthvolle Pferd weniger werthlos erscheinen und werden, wollte man bei Zeiten auf den Grund achten, aus dem das junge Pferd scheut und, falls eine Augen⸗ schwäche oder ein Augenfehler sich zeigt, dasselbe lieber mit der Brille minder schön erscheinen lassen, als es durch Strafen, die ersolglos bleiben müssen, im Charakter zu verderben.
„* Anzucht aromatischer Erdbeeren im Freien. Prosessor Dr. Koch empfiehlt in der Wochen⸗ schrift zur Beförderung des Gartenbaues in Preußen, da die Walderdbeeren in der Regel ein feineres Aroma haben und deßhalb von den Feinschmeckern den Gartenerdbeeren vorgezogen werden, den Anban der letzteren auf Berg— abhängen, weil diese daun ebenfalls ein feineres Aroma bekommen. Vor Allem empfiehlt Koch den schlesischen Gutsbesitzern, noch mehr aber den Bewohnern des Unstrut⸗ thales und des Rheinthals, sowie Württembergs und Badens, desfallsige Versuche anzustellen. Möglichst lichte Waldungen, die eine größere Feuchtigkeit, besonders viel Quellen besitzen, seien am geeignetsten dazu. In Verviéres unweit Paris hat man einen dergleichen Versuch gemacht. Die Pflanzen sind so erstarkt, daß sie kleine Büsche bilden, die zur Zeit der Fruchtreife über und über mit den wohl⸗ schmeckendsten Beeren bedeckt sind. Im vorigen Jahre waren seit dem 12. Juni täglich mehr als 200 Mannschasten beschästigt, um die Früchte zu pflücken, zu verpacken und nach Paris zu schaffen. Die Erdbeersorte, welche man daselbst anbaut, führt den Namen Ricart.
§. Cannabich, Lehrbuch der Geographie. 18. Auflage Neu bearbeitet von Professor Dr. Oertel. Weimar 1866. Bernh. Friedr. Voigt.
Von diesem Werk, das in der jetzigen Bearbeitung einen alt bewährten Ruf neu begründet, liegt nunmehr die 5. Lieferung vor. Die Gediegenheit dieser Bearbeitung, die, unter Festhaltung des wirklich Vorzüglichen in dem allen Cannabich, sich auf die Höhe der Anforderungen stellt, welche der jetzige Stand der Wissenschaft an ein geograph. Lehrbuch macht, und die allseitige Anerkennung, die sie bereits gefunden, werden derselben als einer hervor— ragenden Erscheinung auf dem Gebiet der geographischen Literatur die Wege öffnen in die Lehranstalten, sowie zu den Bibliotheken der Gelehrten und auf den Bücherpult des gebildeten Laien.
H. Schulze⸗Delitzsch und das Genossen⸗ schaftswesen.
Die gestrige(am 21. d. M.) sehr zahlreich besuchte Versammlung des oberhessischen Genossen⸗ schaftsverbandes*), hat aufs Neue den Beweis ge— liefert, welch mächtigen Aufschwung das Genossen⸗ schaftswesen in neuerer Zeit in Deutschland genommen hat und welche großartigen Erfolge in wenigen Jahren durch dasselbe erzielt wurden. Der oberhessische Genossenschaftsverband z. B. wurde 1863 mit 800 Mitgliedern gegründet, umfaßt aber gegenwärtig schon 15 Vereine mit 4635 Mitgliedern und hat einen jährlichen Um⸗ schlag von 2,280,483 fl. Aehnliche Erfolge haben auch die übrigen Vereine Deutschlands aufzuweisen und es ist sich daher nicht zu wundern, wenn das früher mitleidig belächelte Genossenschaftswesen, jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Widmen wir demselben eine kurze Besprechung.
Es gibt in dem großen Betriebe der Volks⸗ wirthschaft so manches bedeutungsvolle Wort, dessen sich Jeder bedient, weil er so ungefähr weiß, was darunter zu verstehen ist und weil er weiß, daß er auch von Andern verstanden wird, wenn er sich dieses Ausdrucks bedient. So spricht man z. B. von den drei wirthschaftlichen Faktoren, rohem Material, Arbeit und Kapital, von Credit ꝛc., auch das Wort Association auf deutsch: Genossenschaft, Vereinigung, ist ein solches Schlag⸗ wort unserer Zeit. Die Association ist nichts
) Wegen Kürze der Zeit mußten wir ein von befreun⸗ deter Hand eingesandtes Referat über diese Versammlung
für die nächste Nummer zurücklegen. D. Red.
anderes, als eine Verbindung von Mehreren oder von Vielen zur Erreichung eines gemeinsamen Zweckes. Zwei oder drei Kaufleute, welche eine gemeinschaftliche Handlung errichten und gemeinsam betreiben, bilden eine Genossenschaft, ste sind Assotiée oder Genossen zu einander. Eine große Menge von Leuten aller Art, welche als Ver⸗ sicherungsgesellschaft, Eisenbahncompagnie oder als Bergbaugesellschaft zusammentreten, bilden ebenfalls eine Genossenschaft; sie wollen das angelegte Geld wo möglich höher als landesüblich verzinst haben. Auch die Vorschuß⸗ und Creditvereine, die Spar⸗ vereine sind solche Genossenschaften, welche un- mittelbaren Erwerb zum Ziele haben.
Es gibt aber auch Genossenschaften, welche mehr einen mittelbaren Erwerb im Auge haben und dazu dienen, durch Ankauf im Großen den Mitgliedern billige und gute Waaren oder Lebens⸗ bedürfuisse, Nahrungsmittel, Bekleidungsstoffe, Heizmaterial, Werkzeuge und Maschinen ꝛc. zu en gros Preisen zu liefern und dazu gehören d ie Rohstoff- und die Consumvereine. Sie haben also die Aufgabe die Ausgaben der Vereins- mitglieder zu vermindern, was für diese dasselbe ist, als wenn ihre Einnahmen um eben so viel vermehrt würden. Die Produkti vereine haben den Zweck, Produkte im Großen zu erzeugen und für den nöthigen Absatz zu sorgen z. B. Schuhmachergenossenschaften, Käsereigesellschaften, Flachs⸗ und Hopfenbauvereine c.
Alle diese Genossenschaften gründen sich auf den alten bewährten Spruch: Einigkeit macht stark. Eine Genossenschaft ist zu vergleichen einem Hansseile, gegenüber dem einzelnen Hanfhaare, das man leicht, während man jenes nicht zer⸗ brechen kann.(Forts. folgt.)
v. Einiges über den Gewerbverein und die von ihm gegründeten Schulen.
Friedberg. Unter die Zahl der Vereine, welche in neuerer Zeit dem Boden der Kultur entsprossen, gehören auch die, welche sich die Hebung und Förderung der Gewerbe zur Aufgabe gemacht haben, und die man, wohl der Kürze wegen, gewöhnlich mit dem Wort„Gewerbvereine“ be⸗ zeichnet. Der in unserm Großherzogthum durch den verstorbenen, sehr verdienstvollen Großherzog⸗ lichen Geheimerath Eckhardt im Jahr 1836 ins Leben gerufene, fand bald lebhafte Theilnahme. Aber nicht nur Gewerbtreibende und dem Gewerbs⸗ betrieb durch ihren Beruf nahestehende, sondern auch viele andere Persönlichkeiten nahmen sich der Sache als beigetretene Mitglieder berathend und helfend an. Es wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, den Zweck des Vereins zu fördern, wie z. B. Bildung von Lokalvereinen, Vorträge, Literatur— wobei ein besonderes Vereinsorgan hervorzuheben ist— Geldprämien, Ausstellungen und Errichtung von zweckentsprechenden Schulen.
Je weiter sich die Erkenntniß von der Noth⸗ wendigkeit des Fortschreiteus in allen Zweigen der Industrie Bahn brach, desto lebhafter wurde die Theilnahme. So kau mes denn, daß im Lauf der Zeit fast kein Dorf mehr unbetheiligt geblieben, und die Zahl der Mitglieder im Jahr 1865 auf 3053 gestiegen war. Den angeführten Förderungs⸗ mitteln wurde in neuerer Zeit noch eins hinzu⸗ gefügt, nämlich die Sammlung von Mustern der Industrie⸗Erzeugnisse, eine permanente Ausstellung im Kleinen, welche allen Mitgliedern zur Be⸗ nutzung offen steht.
Das Hauptgewicht seiner Thätigkeit aber legt der Verein seit längeren Jahren auf die Hand- werker⸗ oder Gewerbschulen, welche unter seiner Leitung und Unterstützung an vielen Orten durch die Lokalsectionen ins Leben gerufen wurden. Ihre Zahl betrug vor Abtrennung des Hinter- landes vom Großherzogthum 28, mit eirca 3000 Schülern. Was diese Anstalten in technischer Beziehung zu leisten vermögen, wissen diejenigen, welche deren Ausstellungen besucht haben, und was in sittlicher Hinsicht die, welche einen tieferen Blick in dieselben gethan. Gegenstände des Unter- richts sind: Aussätze, besonders geschäftliche, Buchführung, Physik, Material- und Gewerbs⸗
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