Ausgabe 
22.6.1867
 
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Baden. In einer in Mannheim statt⸗ gehabten Versammlung von Tabaks-Producenten und Fabrikanten erklärte Ritzhaupt, Präsident der Heidelberger Handelskammer, jede Besteuerung des Tabaks gleich einer Zerstörung des allgemei- nen Wohlstandes in Baden und der Pfalz, und beantragt die Bildung eines Ausschusses, um gegen eine solche Steuer energisch zu agitiren. Der Präsident der Mannheimer Handelskammer, Moll, unterstützte diesen Antrag und hob hervor, daß die in Aussicht stehende Steuer dem kleinen Baden zwei Drittel ihres Ertrags aufbürde, um ihm bei der Vertheilung einen verschwindend kleinen Theil als Rückersatz zu gewähren.

Frankreich. Paris. Am zweiten Pfingst⸗ seiertage war die Ausstellung von 136,000 Per- sonen besucht; Abends Uhr fehlte es in mehreren Restaurationen vollständig an Lebens- mitteln. Die nächste Folge der Abreise des Czaren und des Königs von Preußen ist die, daß der Fremdenverkehr in Paris etwas weniger stark geworden. Man findet wieder Platz in den Hotels und braucht sich nicht mehr einen Wagen mit List und noch dazu mit schwe⸗ rem Gelde zu erkaufen.

Die zweite Serie der fürstlichen Besuche hat begonnen sich einzustellen. Kronprinz Hum⸗ bert von Italien bildete den Uebergang aus der ersten zur zweiten Reihe. Der Großherzog und die Großherzogin von Baden, sowie der Vizekönig von Aegypten sind bereits ein⸗ getroffen und da der Kaiser durch Unwohlsein verhindert war, von der Kaiserin empfangen worden. Die Königin von England ist für die nächste Woche angekündigt und selbst die Reise der nigin von Spanien hat an Wahrscheinlichkeit gewonnen. Wie derFrance von Wien ge meldet wird, werden der Kaiser und die Kai- serin von Oesterreich zwischen dem 3. und 10. Juli nach Paris reisen und den Pavillon Marsan bewohnen. Der Sultan, der im Ely⸗ sée absteigt, will vorher noch den König Viktor Emanuel besuchen. Der letztere aber wird nicht nach Paris kommen, er soll sich, wie ein Correspondent desSchwäbischen Merkurs be richtet, geäußert haben, er besäße nicht einmal das nöthige Geld, um dritter Klasse fahren zu können.

DerMoniteur zeigt an, daß die in⸗ ternationale Münzconferenz sich am 17. im Ministerium des Auswärtigen versammelt hatte. Vertreten waren auf derselben: Frankreich, Eng land, Oesterreich, Baden, Bayern, Belgien, Dä⸗ nemark, Spanien, die Vereinigten Staaten, Grie chenland, Italien, die Niederlande, Schweden und Norwegen, die Schweiz, die Türkei und Wür⸗ temberg.

Italien. Rom. Man schreibt demMonde aus Rom:Jeden Tag treffen zahlreiche Fremde hier ein. Bis jetzt befinden sich 18 bis 19 fran-

zösische Bischöfe in der ewigen Stadt, außerdem sind noch viele andere französische Priester an gekommen. Bereits zählt man deren 250 und man hofft, daß diese Zahl während der Canoni sationsfeste selbst bis auf 1200 sich erheben werde. Sämmtliche Zöglinge des Seminars von Mon- tauban werden erwartet. Die französische Geist lichkeit wird von dem Papste einmal oder zwei mal in einer Generalaudienz empfangen werden.

Großbritannien. In London ist die telegraphische Nachricht eingetroffen, daß Kaiser Maximilian vor den Nationalcongreß gestellt zu werden verlange und daß man dessen Verban nung für wahrscheinlich halte.

Rußland. Warschau Die Kaiserin ist am 17. ds. Abends um 8 Uhr und der Kaiser am 18. Vormittags um 11 Uhr hier eingetroffen. Der Empfang war Seitens des Volkes ein enthu siastischer, die Stadt war mit Nationalflaggen geschmückt, Abends großartige Illumination.

Amerika. Newyork. Ueber die Gefan gennehmung Maximilians meldet dieNew vorker Handelszeitung unter anderen Details, daß der Exkaiser seinen Degen dem General Es cobedo persönlich überreicht habe, daß er am Tage darauf erkrankt sei und der General ihn durch seinen eigenen Leibarzt behandeln ließ. Dieß scheint die frühere Nachricht, daß man eine humane Behandlung dem Gefangenen angedeihen lasse, zu bestätigen. Aus dem weiteren Berichte ist zu entnehmen, daß man ihn höchst wahrschein lich unversehrt entlassen wird, aber nicht ohne vorherigeUrphede, d. h. die Erklärung einer feierlichen Verzichtleistung auf den Thron von Mexico und das Versprechen, nichts gegen die Republik unternehmen zu wollen.

» Friedberg. Wie alljährlich waren auch diesmal die Tage der Musterung und Loeosziehung voll wüsten Lärmens und die himmelschreienden Gesänge der be geisterten Jugend mußte man bis in den entlegensten Straßen der Stadt vernehmen. Die Ausgelassenheit er⸗ reichte natürlich am Loosziehungstage ihren Höhepunkt und machte sich schließlich in einigen gründlichen und aus- giebigen Prügeleien Luft, in welchen es, namentlich zwischen Soldaten und Conscriptionspflichtigen, beider⸗ seits blutige Köpfe absetzte und man es an schlagenden Be weisen von Rauf- und Kampflust nicht fehlen ließ. Es wird uns wohl vergönnt sein, einstweilen schon im Voraus aufs nächste Jahr uns zu freuen.

Nach Friedberg marschiren,

Lassen wir uns visitiren,

Ob wir tauglich, ob wir tauglich, ob wir tauglich sind ins Feld!

5 Ober-Mörlen. Im vorigen Monate hielt Herr Dr. Henkelmann von Friedberg dahier seinen Wandervortrag vor einer sehr besuchten Versammlung, nachdem er Tags vorher mit Gemeinderathsmitgliedern die Gemarkung besichtigt hatte. Zuerst besprach derselbe die hereinbrechende Ackerbaukrisis und erläuterte, daß der selben hauptsächlich durch größere Viehzucht vorzubeugen sei. Hierbei wurden die verschiedenen Racen besprochen und die der Vogelsberger besonders hervorgehoben. Da⸗ rauf wurde hingedeutet, daß man mehr Futterkräuter pflanzen möchte und wurde gelegentlich die hiesige neue

Wiesenanlage sehr belobt; es wurden nämlich durch die Regulirung der Usa über 20 Morgen öden Lanbes ge wonnen, welche, jetzt angelegt, die besten Wiesen geben. Auch das Mähen der Wiesen wurde besprochen und dargethan, daß das Wiesengras in seiner Blüthe ge⸗ mäht werden müsse, wolle man nicht gehaltloses Gras⸗ stroh, das überdies noch schlechten Dünger liefere, ärnten. Hierauf wurde zur praktischen Düngerlehre übergegan⸗ gen und die Produftion des Stallmistes, die richtige Be⸗ handlung, die Anlage von Miststätten und Pfuhllöchern, Composthaufen, besprochen. Ueber die große Zersplitterung der Felder sprach sich derselbe nicht günstig aus; die Nach⸗ theile derselben sind ja allgemein bekannt. Zuletzt wurden Fortbildungs- und Ackerbau-Schulen empfohlen. Die Versammlung hörte vom Anfang bis zum Ende mit der größten Aufmerksamkeit zu und war über den Vortrag, welcher über drei Stunden dauerte, sehr befriedigt, und sprach man allgemein den Waunsch aus, daß Herr Dr. Hen⸗ kelmann seinen Besuch wiederholen und weitere Vorträge halten möge.

Von der Bergstraße wird gemeldet, daß man dort von der Einführung der Tabakssteuer große Nachtheile für das Tabak bauende Publikum befürchtet und einer Entwerthung von Grund und Boden mit Besorgniß entgegensieht. Folgende Notizen über die Tabakscultur in Deutschland dürften von Interesse sein. Hessen bepflanzt 5,113 Morgen mit 41,077 Centner, Baden 33,669 Morgen mit 300,282 Centner, Bayern 22,192 Morgen mit 166,249 Centner, Württemberg 786 Morgen mit 8,450 Centner, zusammen 61,760 Morgen mit 516,058 Ceniner. Der Norddeutsche Bund bepflanzte 1865 ein Arnal von 31,907

[pr. Morgen worauf 251,081 Centner getrocknete Blätter

gewonnen wurden. Der Werth des Erzeugnißes schwankte zwischen bis 7½ò Thlr. per Centner.

Worms. Die Fortbildungsschule für Frauenzimmer mit viermonatlichem Cursus ist nunmehr unter der Direction des Herrn Lehrers Landmesser eröffnet worden. Außer Herrn Landmesser, welcher den Unterricht in der gewerb⸗ lichen Buchhaltung, dem kaufmännischen Rechnen und im kaufmännischen Styl ertheilen wird, werden die Herrn Dr. Münch und Dr. Schneider die Güte haben, je wöchentlich einen Vortrag, ersterer über die Gesundheits⸗ pflege des Menschen, letzterer über Nahrungsmittel zu halten.

Hechtsheim. Kürzlich zechten 6 Preußen dahier, als ihnen einsiel, daß früher ein einem in Mainz garni⸗ sonirenden Regimente zugetheilter Soldat(Kurhesse) wegen eines Einbruchs im Pfarrhause und Verwundung des Pfarrers arretirt und der Militärbehörde überliefert wor⸗ den war. Als die 6 muthigen Krieger nun den Kaplan des Ortes erblickten, zog einer derselben gegen ihn den Säbel; Hechtsheimer Einwohner eilten dem Bedrohten zu Hülfe und so entspann sich eine förmliche Schlägerei, dei der ein Soldat schwer verletzt, auch von den Dorfbewoh⸗ nern 6 Säbel erbeutet wurden.

2% Während der König Wilhelm in Paris war, wurden nahezu 500 Gesuche um Verleihung preußischer Orden auf der preußischen Gesandtschaft eingereicht; die Leute waren theils Franzosen, theils Fremde, welche die Gelegenheit benützen wollten. Auch an 200 Gesuche um eine Audienz wurden an den Grafen Bismarck gerichtet; er hat aver kaum zehn dieser Gesuchsteller zu sprechen Muse gefunden.

Die springende Prozession zu Echternach fand bei schönem Wetter auch diesmal wie alljährlich am Pfingstdienstag ftatt. Schon im Voraus hatte man mit Bestimmtheit gesagt, daß diese eben so originelle als alter- thümliche Prozession dieses Mal äußerst stark besucht sein würde, weil Krieg, Cholera und mangelhafter Ausfall der Ernte viele Landleute im vorigen Jahre zu einem Bitt⸗ gang nach Echternach bestimmt hätten. Schon am Pfingst⸗ montag sah man von allen Seiten aus dem Regierungs- bezirke Trier Wallfahrer nach Echternach wandern, und frühe am oben genannten Festtage langten so viele Karossen

schaft mit dem Gebrauch des Eisens doch eine verhältnißmäßig hohe Stufen] wurden nicht nur nicht

der Kultur erklommen hatten und in einem ziemlich geordneten Staats- verband lebte, an dessen Spitze ein König stand, dessen Residenz, die Stadt Mexiko mit einer Bevölkerung von 60,000 Einwohnern, auf einer Insel mitten in einem See, und nur auf langen Dämmen zugänglich, herrlich gelegen war. Daß es dieser Handvoll Spanier es waren ihrer 617 Mann mit 13 Musketen, 16 Pferden und 14 kleinen Kanonen durch die Klugheit und wilde Entschlossenheit ihrers Führers, der sogar die Schisse hinter sich verbrennen ließ, um der Mannschaft nur Sieg oder Tod übrig zu lassen, gelang, binnen wenigen Jahren Mexiko nicht nur zu erobern, sondern der spanischen Krone dauernd zu unterwerfen, mußte in Anbetracht der dabei verübten Gräuel und der nichtsnutzigen spanischen Verwaltung heute noch von jedem Menschenfreund beklagt werden, wenn der Sinn dieses soust harmlosen Volkes nicht umnachtet gewesen wäre von finsterem Götzendienste, der zahlreiche Menschenopfer heischte, denen teuflische Priester bei lebendigem Leibe das Herz aus der Brust rissen, um es den Göttern darzubringen. Allein was hat Spanien aus diesem schönen Lande gemacht, was ist in seinen Händen aus all' seinen amerikanischen Be- siungen geworden, die zusammengenommen 27mal so groß waren als das Mutterland? War die spanische Regierungsweise daheim ein System der Verdummung, der Aussaugung und der Corruption, so war das hundert mal schlimmer noch in den übersceischen Besitzungen.Das reiche Land Mexiko ward in rücksichtslosester Weise zum augenblicklichen Vortheil des Mutterlandes ausgebeutet, die Einwohner geknechtet und zu gänzlicher Unwissenheit und Unmündigkeit vervammt. Handel, Industrie und Ackerbau

unterstützt, sondern unterdrückt; einmal ließ die Regierung sogar alle angepflanzte Reben, die vorzüglich gedeihen, und alle Maulbeerbäume umhauen, damit Seide und Wein nur von Spanien be zogen würden. An Aufklärung und Bildung des Volkes, an Gründung von Volksschulen wurde nicht gedacht. Noch im Jahr 1850 stand es damit so erbärmlich, daß zugegeben werden mußte, 3 Viertheile der Nation wüßten nicht, daß es ein Ding in der Welt gäbe, das man A B C nennt. Dankbare Anhänglichkeit konnte unter diesen Umständen das Mutter- land nicht von seinen amerikanischen Besitzungen erwarten, und es ist er klärlich, daß dieselben, angeregt durch den nordemerikanischen Befreiungs- kampf, die günstige Gelegenheit erspähten, das Joch abzuschütteln. Dieselbe erschien, als Napoleon im Jahr 1808 Spanien mit Krieg überzog und damit auch dessen Macht in Amerika lahm legte. Nach wiedererlangtem Frieden wurden zwar wiederholte Versuche gemacht, jene Besitzungen zurückzuerobern, allein vergeblich. Nur Cuba und Portorico sind in spanischem Besitz geblieben.

So war nun Mexiko selbständig und frei; aber Freiheit und Selbständigkeit sind Güter, die verstanden und gewürdigt sein wollen, die zu genießen man fähig und werth sein muß, wenn sie zum Segen aus- schlagen sollen. Die Verhältnisse in Neuengland und Mexiko waren grund- verschieden; dort ein von Haus aus tüchtiger Menschenschlag, in stetem Kampf mit seindseligen Wilden und einer weit weniger freigebigen Natur gekrästigt und an freiere Institutionen gewöhnt, hier ein Conglomerat von Europäern, Mischlingen und Indianern, durch drei Jahrbundert lange Knechtung herabgewürdigt und verderbt.(Schluß folgt.)