33 Ausſchreiben.
Aus einem außerhalb der Stadt Gießen gelegenen Hauſe ſind in den Nächten vom 17/18. und vom 15/ö16. d. M. theilweiſe mittelſt Einbruchs folgende Gegenſtände geſtohlen worden:
1) ein kupferner Waſchkeſſel,
Henke und— 5) fünf Laibe Brod.
ohngefähr eine /½ Ohm haltend; gebrannten Flecken;— D eine alte ſtumpfe Holzaxt;—
er hat im Innern auf dem Boden einen ſchwarz 3) ein Schluſſel;— ein Vorhängſchloß ſammt
Ich erſuche die reſp. Polizeibehörden, nach dieſen Gegenſtänden die geeigneten Nachforſchungen anzuſtellen und mir
von allenfallſigen Indicien gefällig Nachricht zu geben. Gießen den 18. Januar 1855.
Der Großherzoglich Heſſiſche Polizei-Commiſſär für die Provinzial-Hanptſtadt Gießen. L. No ver.
Regierungsblatt- Auszug.
Nr. 42 vom 13. Dezember: 1. Großherzogliche Verord— nung vom 2. Dez., über die Feſtſetzung des Dienſteinkommens der Großherzoglichen Friedensrichter, Friedensgerichts-Actuare, Hypothekenbewahrer, ferner der Seeretäre an dem Oberge— richte, den Bezirksgerichten und dem Handelsgerichte in Rheinheſſen, behufs der Berechnung der dieſen Beamten im Falle ihrer Verſetzung in den Ruheſtand gebührenden Penſion.— 11. Dienſt⸗ nachrichten. S. K. H. der Großherzog haben allergnädigſt geruht: am 21. Novbr. den von dem Herrn Grafen zu Erbach-Erbach auf die Mitprediger- und Conxectorats-⸗Stelle zu Erbach präſentirten Pfarr— verweſer Schaffnit zu Gundershauſen, ſowie am 27. Nov. den von dem Herrn Fürſten zu Löwenſtein⸗Wertheim-Roſenberg und dem Herrn Grafen zu Erbach⸗Schönberg auf die evang. Pfarrſtelle zu Vielbrunn präſen⸗ tirten Pfarramts-Candidaten Anthes zu Erbach und den von ſämmt⸗ lichen Riedeſel Freiherrn zu Eiſenbach auf die evang. Pfarrſtelle zu Maar präſentirten Pfarramts-Candidaten Wolff aus Darmſtadt für
dieſe Stellen zu beſtätigen;— am 29. Nov. den Finanzeandidaten
Marloff aus Darmſtadt zum Diſtrictseinnehmer der Diſtrictseinneh⸗
merei Hungen 1. zu ernennen;— dem proviſoriſchen Hauptſtaatskaſſe⸗ 7
acceſſiſten Toſer aus Darmſtadt die Stelle eines Salinen-Rentmeiſters zu Theodorshalle zu übertragen und den bisherigen interimiſtiſchen Steuerpfandmeiſter Dietz zu Grünberg zum wirklichen Steuerpfand— meiſter in der Obereinnehmerei Romrod zu ernennen.— 11. Con⸗ currenz für die Pfarrſtelle zu Fauerbach II. mit jährlich 710 fl. 48 kr. (Präſentation des Herrn Grafen zu Solms-Rödelheim);— die ev. Schulſtelle zu Kleingerau mit 518 fl. 48 kr. und 24 fl. für die Heizung des Schullocals.— IV. Geſtorben: am 6. Dez. der Hausverwalter im Juſtizgebäude zu Mainz Stautz;— 7. Dez. penſ. Kreisrath, Regierungsrath Wieger zu Bingen.
Eine gute Lehre. (Fortſetzung.)
Fortan beruhigt uͤber das Loos ſeiner Familie, durfte er ſich ganz ſeinem Wohlthätigkeitsſinne und dem Trieb zu werkthätiger Nächſtenliebe überlaſſen; er konnte ſeinen Verſtand und ſeine Zeit unbeſchränkt den Unglücklichen wid— men, für welche er bisher nur ſeine Mußeſtunden hatte aufwenden können, und er gelobte ſich, forthin ſein ganzes Leben der edlen Aufgabe, ihnen mit Rath und That bei— zuſtehen, zu widmen.— Von dieſer Hoffnung eingewiegt und geſchwellt, flog ſein Geiſt von einer Träumerei zur andern in's Weite, bis ihn endlich der Schlaf übermannte.
Das erſte Morgengrauen weckte ihn und als er auf⸗ blickte, ſah er ſich zu ſeiner Ueberraſchung allein; ſein ſchweigſamer Reiſegefährte war vermuthlich auf einer der während der Nacht zurückgelegten Stationen abgeſtiegen.
Schon tauchte in der Ferne Lyon mit ſeinen Thürmen aus dem Morgennebel, und bald darauf hielt der Wagen vor dem Hotel des Meſſageries, wo Raymond ſich ein Frühſtück geben ließ, um die Stunde des Selldicheins ab— zuwarten. Zur anberaumten Zeit begab er ſich zu dem Notar und fand hier Jouvencel, welcher ihm zuvorgekommen war. Nachdem dieſer Herr Raymond dem Notar vorgeſtellt und man die üblichen Artigkeiten ausgetauſcht hatte, bat Jouvencel ſeinen Klienten, das bewußte Dokument vorzu— legen.
„Hier iſt es!, verſetzte Raymond und griff in ſeine Rocktaſche, um das Taſchenbuch herauszuziehen.
„Es iſt von Herrn Trouſſaro eigenhändig ausgeſtellt,“ ſagte Jouvencel zu dem Notar;„ich habe es geſtern ſelbſt geprüft und ganz in Ordnung gefunden...“
Raymond unterbrach ihn durch einen Ausruf des Schreckens.
„Was iſt Ihnen?“ fragten Notar zu gleicher Zeit.
„Mein Gott! ſollte ich meine Brieftaſche verloren haben 2, rief Raymond leichenblaß.—„Verloren?.. nicht doch! ſie iſt mir vielmehr geſtohlen worden!“ ſetzte er ſchmerzlich hinzu und ſchlug ſich mit der Fauſt vor die Stirn.—„Ja ja, ich bin meiner Sache nun ganz gewiß... Unterwegs hab' ich meine Brieftaſche herausgezogen vor dem Reiſegefährten, der ſich ſo ſorgfältig eingehüllt hatte; er muß die Banknoten bemerkt haben, die darin lagen, als ich es oͤffnete, und offenbar hat er ſich meinen Schlaf zu Nutze gemacht, um es mir aus der Taſche zu ziehen....“
„Aber was iſt aus dieſem Menſchen geworden?“ rief Jouvencel.
„Ich weiß es nicht,“ entgegnete Raymond mit höchſter Seelenangſt.„Er muß unterwegs abgeſtiegen ſein... als
der Advokat und der
ich heute früh erwachte, war er fort— ich weiß nicht, wohin!— O Gott! ich bin beſtohlen, ruinirt, verloren!“
Mit dieſen Worten war Herr Raymond in einen Lehnſtuhl geſunken, kalter Angſtſchweiß perlte von ſeinen grauen Haa⸗ ren herab und ſeine Lippen bebten; er rang die Hände mit einem ſo herzergreifenden Ausdruck von Verzweiflung und Niedergeſchlagenheit, daß ſogar der Notar ſich dovon ergriffen fühlte. Er wollte ihn beruhigen durch die Hoff— nung, er werde die Brieftaſche nur verlegt oder in eine andre Taſche geſteckt haben; allein Herr Raymond ſchüͤt⸗ telte wehmüthig den Kopf. Er erinnerte ſich jetzt einzelner Umſtände, auf welche er anfangs gar nicht geachtet hatte, die ihm aber jetzt keinen Zweifel mehr ließen. Er hatte ſchon während des Schlafes eine Hand zu verſpüren ge— glaubt, die ihm über die Bruſt herabfuhr; er hatte die Augen wieder aufgemacht und in dem halben Bewußtſein dieſes unvollſtändigen Erwachens den Unbekannten hart neben ſich zu ſehen geglaubt. Damals hatte jene dunkle unbeſtimmte Wahrnehmung keinerlei Argwohn in ihm er⸗ weckt; allein nun konnte er ſich Alles erlkären. Sobald er den Diebſtahl begangen, hatte der Unbekannte im Mantel auch die Entdeckung deſſelben gefürchtet und ſich am erſten beſten Poſthauſe abſetzen laſſen. Es war alſo alle Hoff— nung, ſeiner wieder habhaft zu werden, ſo gut wie verloren und im beſten Falle, wenn man ihn nämlich auch wieder ergriff, waren dann ohne Zweifel diejenigen Papiere ver— nichtet, die für ihn ohne Werth geweſen waren. Ueb⸗ rigens war ſchon der Zeitverluſt allein der größte Schaden, denn binnen weniger Tage machte die eintretende Verjäh— rung jede Reclamation unmoglich.
Alle dieſe Gründe ſtürmten gleichzeitig auf Raymond ein, und betäubten ihn durch die Größe des Unglücks, das er ſogleich in ſeiner ganzen Ausdehnung begriffen hatte.


