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1.5.1855
 
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Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen,

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Haien Amts- und verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg. e

N 31.

Dienſtag, den 1. Mai.

1855.

Der Juden⸗Teich. (Fortſetzung.)

Eines Morgens trat er vor den Vater hin und bat ihn um einige Augenblicke Gehör. Mit beredten, glühenden Worten ſchilderte er ihm die Liebe, die er zu der Tochter der alten Hartwich hege und bat ihn, die Verbindung mit derſelben zuzugeben. Anfangs hörte der Senator ſtillſch wei⸗ gend und ohne ein Zeichen ſeiner innern Aufregung zu geben, die warme Rede ſeines Sohnes anz als derſelbe aber verſicherte, daß von dieſer Verbindung das einzige und volle Gluͤck ſeines Lebens, abhänge, daß nur der Beſitz dieſes Mädchens ihn beglücken könne, brach er in ein höhniſches, bitteres Gelächter aus.

Junger Thor, rief er,welches Gefaſel ſchwatzeſt Du da? Dir dazu meinen väterlichen Segen geben? Ich glaube, es hat Dich der Tollwurm geſtochen, oder das Gehirn iſt Dir verbrannt. Daß ich ein Thor wäre, auf Dein Ge ſchwätz auch nur das geringſte Gewicht zu legen! Bis jetzt habe ich Dein Liebesgetändel geduldet und dazu ge⸗ ſchwiegen, aber jetzt, da Du frech genug biſt, Dich laut Deines Handels mit dem Mädchen zu rühmen, ſage ich Dir mein einziges und letztes Wort: Bilde Dir niemals ein, die Dirne Dein Eheweib zu nennen, denn nie werde ich dazu meine Einwilligung geben.

Ihr ſeid nicht allein hart, ſondern auch ungerecht, entgegnete ihm feſt der Sohn,indem Ihr alſo ſprecht. Ihr kennt das Mädchen nicht, das ich liebe, ſonſt würdet Ihr nicht ſo verächtlich von ihr reden. Glaubt mir, Liebe läßt ſich nicht gebieten, noch durch ein Machtwort aus löſchen. Und daß ich Anna liebe, fühle ich nur zu ſehr. Darum, wenn Euch mein Glück, mein Heil auch nur ir⸗ gendwie am Herzen liegt, wenn Ihr mich nicht namenlos un glücklich machen wollt, ſo beharrt nicht bei Eurem Ausſpruche.

Du haſt meine Meinung gehört und wirſt weiſe thun, Dich darnach zu richten, ſagte der Senator.Wenn Dir der Kopf mit dem Verſtande davon läuft, will ich Dir wenigſtens den gehörigen Kappzaum anlegen. Sprich mir von jetzt an nicht mehr wieder von der niederen Dirne und ihrer Bettlerſippſchaft oder fürchte meinen Zorn.

Vater, rief der Jüngling aus, ſich dem ſtrengen Vater zu Füßen ſtürzend,bei Allem, was Euch heilig iſt beſchwöre ich Euch, laßt das nicht Euer letztes Wort ſein. Bedenkt, daß das Glück Eures einzigen Sohnes, der Euch ſtets gehorſam geweſen iſt, davon abhängt.

Zum letzten Male wiederhole ich Dir meine Wil lensmeinung, ſprach kalt und ſich abwendend der Sena tor;ich will lieber keinen Sohn haben, als jenes Mäd chen zur Tochter, und nun ſchweig!

Wohlan denn, rief aufſpringend Johaunes,ſo komme auch auf Euer Haupt all' das Unheil, was Ihr heraufbeſchwört; ſo zerbrecht Ihr ſelbſt die Bande, die uns aneinander ketteten und ſtoßt mich von Euch. Ich aber werde thun, wie ich jetzt muß.

Die Bettlerdirne willſt Du freien und ich ſoll

Nach dieſen Worten ſtürzte der Jüngling aus dem Zimmer. Der Senator aber ballte vor innerer Wuth die Hände und murmelte leiſe: die Zeit iſt da, es muß gehan⸗ delt werden, und wenn ſelbſt mit Gewalt!

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Zu Ende des ſechzehnten Jahrhunderts, in welches unſere Geſchichte fällt, und beim Beginne des ſiebenzehnten, ſpielten die Hexenprozeſſe in Deutſchland eine große Rolle. Tauſende von Frauen ſtarben den Flammentod, weil man ſie des Umgangs mit dem Teufel bezüchtigte. An Stätten, wo einſt Gericht gehalten, oder den heidniſchen Gottheiten geopfert worden, fuhren nach dem Glauben jener Zeit, die Hexen. Dort ſollten ſie ſich unter einer Linde ver ſammeln, in deren Zweigen ein Spielmann zum Tanze aufſpielte. Hier, oder auf Hochgerichten, immer an einem erhabenem Orte, erſchien der Teufel der zu Verführenden, die zu ſpät den Ritter mit dem Pferdefuße in ihm erkannte. War ſie gewonnen, ſo mußte ſie Gott abſchwören und wurde umgetauft; ein geheimes, ihrem Leibe aufgeprägtes Zeichen (Stigma) machte ſie den Genoſſen kenntlich. Dann holte der Verführer die Hexe zu einer nächtlichen Feier; durch das Einreiben mit einer Salbe, die er ihr gegeben, gewann ſie das Vermögen, auf einem Stecken, unter bumpfem Murmeln geheimer Sprüche, durch den Schornſtein in die Luft zu fahren. Dann fand ſie an dem Feierplatze auf ſteinernem Tiſche den Teufel, ein ſchwarzes Menſchen antlitz auf dem Rumpfe des Bockes. An dem Lichte zwiſchen ſeinen Hörnern zündete die Verſammlung ihre Fackeln an. Tanz und Schmaus begann, aber nicht Salz und Brod würzte das Eſſen und ſtatt der Gläſer wurden Roßſchädel kredenzt. Krankheiten an Menſchen und Thieren, Mißwachs und Unglück jeglicher Art gab man den Hexen Schuld, obgleich ſie ſelbſt durch der Nachbar Leid keineswegs ge winnen ſollten und man ihnen nur die Schadenfreude als einzigen Genuß zuſchrieb.

Das iſt das Ergebniß der unzähligen Hexenprozeſſe, welche vornehmlich zu der damaligen Zeit uberall in Deutſch land mit tollem Eifer betrieben wurden. Am Lechelnholze vor Wolfenbüttel, wohin alle der ſchwarzen Kunſt Be ſchuldigte aus dem Kalenbergiſchen gebracht wurden, ſah man an einem Tage oft mehr als zwölf Scheiterhaufen rauchen; die Verurtheilten aus dem Stift Halberſtadt fanden in Gröningen ihren Tod. Zehn Zauberinnen endeten in einem Jahre zu Salzgitter, neun auf dem Lichtenberge in den Flammen. Unter ſechs Unglücklichen, welche alſo ſtarben, war eine Frau von 106 Jahren. In Hannover wurde mit einerErzzauberin auf dem Stadtgraben die Waſſer probe angeſtellt. Statt zu verſinken, ſchoß ſiewie ein Hecht im Waſſer fort, während der Nachrichter, von un⸗ ſichtbarer Hand, auf einen Weidenbaum geſchleudert wurde. Als die Torguirte bald darauf ſtarb, ſah man auf ihrer Zunge etwas Schwarzes, gleich einer Hummel ſitzen. Die Leiche wurde dem Holzſtoß übergeben. f

In Hildesheim wurde ein Junge, weil er ſich in eine