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denn daß die junge Gräfin von Kronhelm heute reichlich würde beſchenkt werden, wußte jeder, der den Glanz und die Pracht kaunte, welche in dem Grafenhauſe bei jeder möglichen Gelegenbeit entfaltet wurden.
„Pfui, das garſtige Bettelkind!“ Dieſe Worte hatten Klara wie ein Donnerſchlag getroffen und raſch die Treppe hinuntergeſcheucht. Als ſie aber im Freien ſich wieder auf ſich ſelbſt beſann, ſah ſie ein, daß ſie gleichwohl ihre Wanderung fortſetzen müſſe. Beſorgt ging ſie in eines der nächſten Häuſer und trat, da ihr Niemand abwebrend in den Weg kam, in das Wohnzimmer. Hier hatten Kaufmann Weller und ſeine Gemahlin ihrem einzigen Söhnchen Hugo ſoeben den Weihnachtsbaum angezündet; der Knabe konnte ſich nicht ſatt ſehen an den Wundern, mit denen der Baum bedeckt war, und die Eltern waren in den ſelbſtvergeſſenen Anblick des überſeligen Kindes verloren.
„Ein Stücklein Brod!“ bat endlich Klara mit zit⸗ ternder Stimme und näherte ſich der Gruppe der Gluͤck⸗ lichen. Dieſe fuhren empor und Weller rief mit zürnender Stimme:»Was? nicht einmal in dieſer feierlichen Stunde, nicht einmal im Schooße ſeiner Familie iſt man vor dem Bettelvolke ſicher!“
Kaum hatte Klara das Wort„Bettelvolk“ gehört, ſo war ſie auch ſchon wieder an der Thüre und in der nächſten Minute auf der Straße. Was ſie jetzt beginnen ſollte, vermochte ſie nicht zu denken; es war ihr trübe vor den Augen und zentnerſchwer um das Herz, willenlos ging ſie weiter. Bald batte ſie das Ende der Straße erreicht. Der freundliche Lichtſchimmer, der ihr aus dem letzten, niedlichen Häuschen entgegenſtrahlte, war auch ihr letzter tröſtender Stern. Sie klopfte an die Thüre des Häus— chens, die ſie verſchloſſen fand; ſchnell öffnete ſich das Fenſter und eine ſaufte weibliche Stimme fragte, was es gäbe.
„Ein Stücklein Brod!“ bat Klara wieder mit beben⸗ der, kaum börbarer Stimme. Das Fenſter wurde ge⸗ ſchloſſen, alsbald aber die Thüre geöffnet, und dieſelbe weibliche Stimme, welche Klara eben ſo ſanft nach ihrem Begehren gefragt hatte, lud ſie nun ein, in das Zimmer zu kommen. Hier ſaß der Tiſchlermeiſter Wenzl mit ſeinen Kindern Paul und Margaretha bei einem einfachen, be— ſcheiden geſchmückten Weihnachtsbaume. Die Frau des Tiſchlers führte nun auch die vor Froſt und Augſt zitternde Klara in den muntern Kreis. Sie genoß das Abendbrod mit der Familie, und als ſie ſpäter ihr grauſames Schick⸗ ſal, ihre gänzliche Verlaſſenheit erzählte, wurden die guten, theilnehmenden Herzen ſo gerührt, daß ſie dem armen Mädchen verſprachen, daſſelbe bis andere Hilfe ſich faͤnde, bei ſich behalten zu wollen. Wie eine ſuüße Engelsſtimme drang dieſe Botſchaft in Klärchens gemartertes Herz und breitete vor den Augen des ſchon verzweifelten Kindes aufs Neue das Morgenroth einer glücklichen Zukunft aus.
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Laſſen wir die nächſten fünfzehn Jahre nach jenem Weihnachtsabende, von dem wir erzählten, vorübergehen und werfen wir heute einen Blick auf das Schickſal der Menſchen zurück, die wir an jenem Abende kennen gelernt haben.
Klärchen war im Hauſe des Tiſchlers geblieben, hatte mit Margaretha die Schule beſucht und zu Hauſe
bei ihrer zweiten Mutter gelernt, bei der Arbeit raſch und
kräftig zugegriffen, daß es bald Niemanden mehr einſiel, ſie anders denn als Mitglied der Familie zu betrachten. So war ſie zur Jungfrau heran geblüht, und Paul hatte ſie ſo lieb gewonnen, daß er, da er nun, ſelbſt Meiſter geworden war, ſeinen Eltern kurzweg erklärte, nie könne eine andere als Klara ſeine Frau werden. Auch Klara liebte den jungen, kräftigen, fleißigen und herzensguten Mann aus voller Seele, und Pauls Eltern hatten ſich
kein größeres Gluck auf Erden mehr gewünſcht, als ihre Kinder ſo ganz glücklich zu ſehen; denn auch Margaretha hatte in einem jungen Zimmermeiſter einen Bräutigam gefunden, der ganz für dieſen einfachen, ſchlichten Kreis geschaffen war. Und ſo ſaßen denn die Ueberglücklichen heute bei ihrer Verlobungsfeier traulich uno ſelig beiſam⸗ men. Vor Klara lag ein Stücklein Brod auf dem Tiſche; ſchon als Kind hatte ſie ſich gelobt, am Weihnachtsabende nie etwas anderes zu genießen, zur lebendigen und freu⸗ digen Erinnerung an die Stunde, in welcher ſie in dieſem Hauſe mit der einfachen Bitte um ein Stücklein Brod eine o gütige Aufnahme und Rettung aus ihrem namenloſen Elend gefunden hatte.
Sehen wir uns nun nach den beiden Häuſern um, in welchen dem hungernden Klärchen einſt die Bitte ihrer Armuth abgeſchlagen wurde. Die Grafenwohnung war an dieſem Abende ſo prächtig beleuchtet wie einſtmals vor fünfzehn Jahren. Sidonia, das ſchoͤne, ſtolze Weib, war königlich geſchmückt; ſie mußte es ja heute ſein, denn auch ſie feierte ibre Verlobung. Ihr zur Seite ſaß Fürſt Beriſoff, ihr künftiger Gemahl. Graf Kronhelm hatte den Fürſten den letzten Sommer über in Baden-Baden kennen gelernt und ſeine Tochter, die angebetete Krone aller weiblichen Schönheiten ihm überlaſſen. Kronhelm, dem Glanz und Prunk zur zweiten Natur, zum Elemente ſeines Lebens geworden waren, hatte in der letzten Zeit Ausgaben gemacht, die ſeine Kräfte bedeutend überſtiegen. Er ſuchte ſeinen zerruͤtteten Finanzen im Spiele wieder aufzuhelfen, verlor aber auch noch den übrig gebliebenen Reſt, der, wenn er Maß und Beſchränkung gekannt hätte, fur ihn und ſeine Tochter ausgereicht haben würde. Nun blieb ihm nichts mehr übrig als die Erklärung gegen ſeine Tochter, entweder ſie heirathe den reichen Fürſten Beriſoff, der ſich auf das anugelegentlichſte um ſie bewerbe, oder er mache ſeinem Leben gewaltſam ein Ende. Beriſoff theilte den Reichthum, aber auch die ganze Rohheit mit ſeinen ruſſiſchen Standesgenoſſen; doch Sidonia fuͤhlte ſich kräf— tig geung, das Leben ihres Vaters mit dem Glücke ihres eigenen Lebens zu erkaufen. Lächelnd ſaß ſie heute an der verſchwenderiſch beſetzten Tafel, aber kein Biſſen von all den aufgetragenen Herrlichkeiten kam auf ihre Zunge. Als ſie ſich endlich in ihr Zimmer zurückziehen durfte, da ſchwand das unter den gräßlichſten Qualen aufrecht erhal⸗ tene Lächeln von ihren Lippen, ein Strom von Thränen brach aus ihrem Auge, und ſie rief:„O hätte ich die Freiheit, eine Hütte und ein Stücklein Brod, ich wollte es mit heißen Dankesthräuen benetzen und in ſeinem Ge⸗ nuſſe mich reicher und glücklicher dünken als jede Königin der Erde!“
Auch in dem Hauſe des Kaufmanns Weller war es an dieſem Abend traurig, ſehr traurig. Weller hatte ſich von ſeinem Glücke und ſeiner Begierde nach Reichthum verblendet, in unglückliche Speculationen eingelaſſen, und da das erſte Unternehmen mißglückt war, daſſelbe durch ein zweites und drittes wieder gut zu machen geſucht. Allein wie früher das Glück, ſo war ihm jetzt auch das Unglück treu und beſtändig; ſeine Lage ſich ſelbſt und ſei⸗ nen Freunden einzugeſtehen und das Mögliche noch zu retten, verbot ihm ſein Stolz, und ſo war der Bankerott endlich unvermeidlich. Mit dem Verluſte ſeines Vermögens und ſeines Anſehens war für Weller auch der letzte Halt und Muth des Lebens entſchwunden, und es blieb ihm nur noch die Kraft, den Lauf eines Piſtols nach ſeiner Stirne zu richten und raſch abzudrücken. Düſter und ſchweigend ſaßen Hugo und ſeine Mutter an dieſem Abend beiſammen, ein Stücklein Brod genügte beiden zur bittern, thränengewürzten Nahrung.
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