Ausgabe 
31.5.1923
 
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N Beilage zur Oberhessischen

Gießen, Donnerstag, den 31. Mai 1923.

11-

olkszeitung Nr. 121

fn d 2 m 0 hr. Meise hulunst, 0 derwiez

za gehen. Täglich wird die Existenz der Presse schwieriger ü infolge der kolossalen Verteuerung aller Materialien, be⸗ . sonders jetzt wieder des Papiers. Naturgemäß müssen auch seinen A5 öhne und Gehälter im Betriebe den Verhältnissen ange⸗ t der 0 a glichen werden. 0

in man e Während jeder Geschäftsmann bei eintretender Ent⸗ gehen 11 i wertung unseres Geldes, wie wir es in den letzten Wochen dodensten lgesehen haben, in der Lage ist, seine Warenpreise jeweils eyisen dal sofort anzupassen, ist allein der Zeitungsverleger gezwungen, iert bott ih seine Preise für eine längere Dauer im voraus festzusetzen. sie bei 1a n Daher ist die gesamte Presse und mit ihr die Ober⸗ in 111 ron hessische Volkszeitung genötigt, die Mehrkosten das fich an durch Bezugser höhung hereinzubringen. Wir haben bei sei I bit Festsetzung des Bezugspreises nur diejenigen Ausgaben in %e aich e Rechnung gestellt, die unbedingt erforderlich für die Er⸗

uböter die täuschung 5 iter der eig itlephonitrt habenstein enen sit

Der Bezugspreis für Monat Juni beträgt 4100 Mk.

Trägerlohn 300 Mk.

fi, 1 ., Wichtig für Pächter. Von dem Vorstand des Deutschen Pächter⸗ gt hat, 10 uh und Kleinbauernbundes wird geschrieben: Es ist schon in der hebank au 0 letzten Nummer der Verbands zeicschrift, der Pächterscholle, darauf 5 inn hingewiesen, daß die achter deren Verkrag im Herbst 103 ab⸗ aplet, daß Je Ji däuft, unverzliglic) beim zuständigen Pachteinigungsamt den An⸗ ensio ges ii trag sbellen müssen. das Pachtverhältus zu verlängern. Unsere ein behlahh⸗ 10 Bundesanwälte machen uns noch besonders darauf aufmerksam, 0 detatlg un daß in nicht wenigen Fällen jetzt erst über die Verlängerung bis len. Dengt zi scheinend find nun bier und

Alt zum Herbst 1923 verhandelt und entschieden worden ist. An⸗

5 da Pächter der Auffassung, daß, wenn

ht und enehen die Verlängerung bis zum Herbst 1923 ausgesprochen ist, sie sich erwähnte. nicht zu kümmern brauchen, weil dann der Vertrag ine stillschweigend weiterlause. Diese Annahme ist falsch und birgt schwere Gefahren für die beteiligten Pächter in sich. Wenm das Pachtelnügungsamt das Pachtverhältuis bis zum Herbst 1923 ver⸗ längert hat, so läuft das Pachtverhältnis zum Herbst ab, wenn 1 nicht jetzt noch rechtzeitig der Antrag gestellt wird, das Pachtver⸗ rankreiths hot hältnis bis 1924 bezw. 1925 zu verlängern. Jeder Pächter, dessen c Pachtvertrag zum Herbst 1923 abläuft, sei es auf Grund ursprüng⸗ lich vertraglicher Vereinharung, sei es auf Grund eines Spruches ira einer Entscheidung des Pachteinigungsamtes, muß, wenn er seim A Land nicht verlieren will. jetzt den Antrag stellen, das Pachtver⸗ % hältnis um zwei Jahre, oder doch zum mindesten um ein Jahr, fein wird Nick zu verlängern. Der Antrag muß, um auch dieses noch einmal, ge zu bester. hervorzuheben, gsis zum Ablauf von sechs Monaten vor Be⸗ ten hat, Ah enbigung des Pachtvertrages beim Pachbein igungsamt einge⸗ 1 wie vielfach die

e sie im legte gangen sein. Die Pachtverträge laufen nicht, w ft ift Meinung besteht, vom 1. Oktober bis 1. Oktober, oder vom 1. No⸗

sondern vom 1. Oktober bis 30. Sep⸗

u gwis h vember bis 1. November, b ie deute Pn! tember, vom 1. November bis 31. Oktober, vom 10. November bis man im i 9. November usw. In diesen Fällen muß also der Antrag auf 0 bringe ö Pachtverlängerung beim Pachteingigungsamt spätestens am 31. 5 0 März 1923, bezw. am 30. April, bezw. am 9. Mai usw. einge⸗ 1 gangen sein. Auch nur ein Tag Verspätung würde den Verlust

des Rechts, die Verlängerung zu beantragen, in sich schließen. chan geseben Niemals empfiehlt es sich. die Absendung des Antrages an. das in aus den! Pachteinigungsamnt bis zum letzten Augenblick zu verschieben, I

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Die Not der russischen Arbeiter.

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die er hinseß! Die Lage der Arbeiter in Sowjsetrußland ist so trüb und trost⸗

1 er Me los, wie kaum in einem kapitalistischen Staate. Diese Tatsache illustriert folgender Brief eines russischen Arbeiters, den das

*

Aenderung dem Zentralorgan

Hamb. Echo ohne jede Kürzung oder der Moskauer Prawda vom

der russischen Kommunistischen Partei, 29. April, entnimmt:

tgegnete da. Gliedern ihr

5 wer vorsichtig sein will, reicht den Antrag möglichst ein. 5

5 Mark Geldstrafe für eine Ohrfeige im öffent⸗ lichen Lokal. In unserer Nr. 106 berichteten wir über ein vom Gießener Schöffengericht gefälltes Urteil, das auf 3 Mark Geldstrafe für den Angeklagten lautete. Dem Ur⸗ teil lag ein Vorfall zugrunde, der sich im Februar im Café Amend zugetragen hatte. Nachts gegen 12 Uhr spielte die Musikkapelle das LiedDeutschland, Deutschland üher Alles. Das Publikum hörte das Spiel teilweise mit⸗ singend stehend an, bloß der Kaufmann P. blieb sitzen.

Der ebenfalls als Gast anwesende Kaufmann G. nahm daran Anstoß, daß P. sich nicht erhob, ging auf ihn zu und forderte ihn in barscher Weise auf, sich ebenfalls zu erheben. P. lehnte das ab und erklärte, es sei das ganz seine Sache, er könne das machen wie er wolle. Darauf versetzte G. dem körperlich weit unterlegenen P. im öffentlichen Lokal eine schallende Ohrfeige.

Aus der Begründung des Urteils, die nach mancher Richtung hin interessant ist, sei das folgende hervorgehoben:

Das Gericht hat die Ueberzeugung gewonnen, daß der Angeklagte durch die unglaubliche Taktlosigkeit des Klägers mit Recht in seinem Empfinden aufs äußerste verletzt worden und daß seine Hand⸗ lungsweise daher für jeden deutsch Empfinden⸗ den durchaus empfindlich ist; allein es ist an das Gesetz gebunden und muß deshalb zu einer Ver⸗ urteilung kommen, mag dies im vorliegenden Fall an sich auch bedauerlich sein. Der Angeklagte hat da⸗ durch, daß er nach dem Kläger schlug, seine Wange mit dem Finger berührte, ihm seine Mißachtung zu erkennen gegeben und ihn dadurch tätlich beleidigt,§ 185 Str. G.⸗B. Von einer Körperverletzung im Sinne des§ 223 Str.⸗G.⸗B. kann keine Rede sein. Das Gericht hat dem Angeklagten auch den Schutz des 8 193 Str.⸗G.⸗B. zugebilligt, weil er in Wahrung all⸗ gemeiner vaterländischer Interessen ge⸗ handelt hat. Es mußte jedoch trotzdem zu einer Ver⸗ urteilung kommen, da aus den ganzen Umständen die Absicht der Beleidigung und der Ausdruck der Mißachtung zweifellos hervorgeht. Das Gericht glaubte aber, daß die gesamten Verhältnisse im vorliegenden Falle derart milde gelagert sind, daß die geringste zulässige Strafe, die das Gesetz vorsieht, eine völlig ausreichende Sühne bildet. Demgemäß wurde eine Geldstrafe von drei Mark, hilfsweise ein Tag Gefängnis für angemessen erachtet.

Wie wir hören, sind die Akten über diesen Fall vom Justizministerium eingefordert und am Samstag durch einen besonders aus Darmstadt nach Gießen gesandten Beamten erhoben worden. Ebenso sollen die Akten des Beleidigungsprozesses Lenz⸗Vetters eingefordert worden sein. g Provinzialtag. Die Provinzialwahlkommissiom hat in ihrer Sitzung vom 26. Mai 1923 festgestellt, daß an Stelle des ver⸗ storbenen Buchdruckers Georo Repp in Schotten der Kranken⸗ kassenrechner Heinr. Lachmann 3. in Schlitz von dem Wahl⸗ vorschlag VII.(Soz Partei) in den Provinzialtag der Proving Oberhessen berufen ist.

Mehl⸗ und Brotpreis in den Landgemeinden. Das Kreisamt Gießen aibt bekannt, daß mit Wirkung vom 1. Junf die Verkaufspreise für Mehl und Brot wie folgt festgesetzt sind: 1. für Mehl a) Weizenbrotmehl 680 Mk für das Pfund, ausschl. Verpackung, b) Roggenmehl 630 Mk. für das Pfund, ausschl. Ver⸗ packung, e) Gerstenmebl 640 Mk. für das Pfund, ausschl. Ver⸗ packung; 2. für Brot für den 4⸗Pfund⸗Laib 2100 Mk., für Brot für den 2⸗Pfund⸗Laib 1050 Mk.

Bauernregeln für den Zuni. Bläst der Juni ins Donnerhorn so bläst er ins Land das liebe Korn. Regnet an St. Barnabas (11.), so schwimmen die Trauben bis ins Faß. Vor Johannistag keine Gerst man loben mag. Regnets am Siebenschläfertag, regnets noch 7 Wochen darnach. Ist's an Peter und Pault klar, hoffe auf ein gutes Jahr. Juni trocken, mehr als naß, füllt mi: gutem Wein das Faß. Singt die Grasmück, eh' treiben die Reben, will Gott ein gutes Jahr uns geben. Stellt der Kuckuck nach Jw⸗ hanni(24.) das Rufen nicht ein, sollen teure Zeiten zu gewärtigen sein.(Diese Regel ist wohl in diesem Jahre auszuschalten, denn dieZeiten werden von Stunde zu Stunde teurer. D. Red.)

Steuerabzug vom Arbeitslohn. Vom 1. Jun ab treten neue Ermäßigungen beim Steuerabzug in Kraft, die wir früher bereits bekannt gegeben haben. In der heutigen Bekannt⸗ machung der Finanzämter Gießen, Butzbach. Grünberg und Hungen im heutigen Blatte sind sie nochmals im Einzelnen an⸗ gegeben; wir machen darauf besonders aufmerksam.

Waschbütte gestohlen. In der Zeit vom 28. bis zum 28. Mai 1923 wurde aus einem Garten der hinteren Goethestraße eine Waschbütte aus Eichenholz entwendet. In der Bütte ist ge⸗ färbt worden und zeigen sich im Boden der Bitte noch rote Färbungen. Vor Ankauf wird gewarnt. Sachdienliche Mit⸗ teilungen nimmt bie Kriminalabtellung entgegen.

Watzenborn⸗Steinberg. In der Gemeinderatssitzung am Montag, 28. Mai wurde die Unwandlung der Gesellschafts⸗ schäferejen in eine Gemeindeschäferei nochmals vertagt. Dem An⸗ trag des Gg. Burger 3, um Erwerb von Gemeindegelände wurde stattgegeben Der Antrag des Gg. Schmandt 6. wegen Erwerb von Gemeindegelände wurde wegen Einspruchs und Antrags des Karl Maid um dasselbe Gelände nochmals vertagt. Letzterer macht das Ueberwandlungsrecht geltend und will noch Eigentum in fraglichem Gemeindegelände besitzen. Die Verhältnisse sollen nochmals geprüft werden. Wegen der Miete für den Faselstall soll mit dem Eigen⸗ tümer nochmals verhandelt wer de dieser einen übermäßig hohen, der Geldentwertung nicht entsprechen den Betrag gefordert hat. Das Schulhofgelände in Steinberg sol nochmals zur Verpachtung kommen und zwar vorläufig bis zum Abschluß der Feldbereinigung. Von diesem Zeitpunkt ab sollen die Pachtstücke den jetzigen Pächtern auf weitere 6 Jahre zugesichert werden und zwar zum jeweiligen Durchschnittspachtpreis des übrigen verpachteten Gemeindegeländes. Eine Tragbahre für Särge soll angeschafft werden. Die An⸗ fertigung derselben soll einem hiesigen Schreiner auf sein Angebot übertragen werden. Außerdem sollen 4 Särge vorrätig hergestellt und im Schulkeller vorläufig aufbewahrt werden. Den Stein⸗

klopfern wurde für einen Kubikmeter geklopfte Steine 10000 Mark

bewilligt. Für die Ruhrhilfe soll seitens der Gemeinde noch⸗ mals eine Sammlung veranstaltet werden. 1 Kreis Schotten. Hochzeit mit Hindernissen. Am vergangenen Sonntag war im Dorfe Eschenrod bei Schotten in einer Bauernfamilie Hochzeits⸗

u, die Ga 17Böse, finster und in Gedanken versunken, vollständig hoff⸗ Gelegenheit nungslos und zerschlagen ging ich zum Smolenski⸗Markt, um den uffn d soeben von der Konsumgenossenschaft auf Kredit empfangenen r di r Textilstoff zu verkaufen, weil ich eben keine Kopeke hatte. ur neh 1 Die 400 Millionen Rubel, die ich vor Osterne rhalten habe, ehe 5 0 170 mußten zum Einkauf von Lebensmitteln und zur Bezahlung von raucht jekt Schulden ausgegeben werden. Nach Ostern. aber hatte ich nichts, elt lehnen ig um das Leben a bestreiten. Wann werde ich dazu kommen, mir Veit 10% Kleidung und Stiefel, meiner Frau Schulhzeug und meinem Sohne 1 dieser 4l 10 Milch kaufen zu können? Die Frau jammert: Bringe zwei Pfund begangene 6, Seife zum Wäschewaschen. Der Teufel soll es holen. Wo ist ein it bei Ausgang, wie soll ich ihn finden?. 5 be 1 15 Da klingelt es, der Hausverwalter it herein. Heute ist der erklären, 5 1 zahlung der Wohnungsmicte. Morgen wird das 3 Feld f f n Schuldner sammengestellt wer⸗ 11 45 0 Eine Stunde kommt der Nach⸗ U 611 5 elektrisce Beleuchtung. Ich er wolf 1 Rubel) zu bezahlen. Drei Tage Penvenn, er 5 5 t dd. h. 25 Millionen Rubel) wird, zahlen sind. Es scheint, daß mein eine Weise für sich ebenfalls 300 Eime Du, Eimer Kanalisation nötig gehabt hat. re et lte mit Volldampf, dank dem Defekt in unserne rdischen. ge Dit, röhren, wodurch Wasser ununterbrochen in die 1 läuft. Nach meldet, dem Wassermesser verbrauchen wir eine wahnsinnige Menge Wasser⸗ anner Lil welche dann auf die Bewohner gleichmäßig verteilt wird. Auf imb, f diese Weise muß man anstatt der laut dem Dekret lautenden Woh⸗ genf nungsmiele von 10 Kopeken(das heißt 100 000 Rubel) für jede 1 ö Ssafhenj das 25⸗, 30⸗ und sogar 50fache bezahlen. Auch auf die ach bel Forderungen der Miliz(d. i. der Polizei) wegen 1 1 0 7 h Haus reinigung 50 ee hlt werden, wi i 0 d Exmissione rmeiden. 5 1 N g e. 115 auf welche Weise soll der Arbeiter das 25 U Geld hernehmen, wo soll er die Mittel schöpfen, um Monat für Mo⸗ eh 1 nat all die zahllosen Rechnungen zu bezahlen und alle Kosten zu ine Hüte, decken? Was aber Schuhzeug und Kleidung, betrifft, ohne von kul⸗ en hei turellen Bedürfnissen zu sprechen, so kann ein Familienvater daran bine, gar nicht denken. Schlasser der 7. Gruppe. f 6 6

feier angesetzt. Alle Vorbereitungen dazu, wie sie in bäuerlichen

Kreisen üblich sind, waren getroffen. Es war geschlachtet und Kuchen in ausreichendem Maße gebacken worden, was sich un Hinblick auf die in erheblicher Zahl erschienenen Gäste als durchaus angebracht er⸗ wies. Soweit war alles in bester Ordnung. Allein am Sonntag wartete man vergebens auf den Bräutigam, der in Darmstadt bei der Schutzpolizei steht. Man wartete und wartete, die Hauptperson erschien nicht. Endlich wurde in Darmstadt telephonisch angefragt, worauf der Bräutigam die verblüffende Antwort gab, daß er keine Luft habe, zu heiraten. Nach Lage der Sache war nun vorläufig weiter gar nichts zu machen, als den Hochzeitsschmaus vorzunehmen, ohne daß der Trauakt stattgefunden hatte. ganz ausgiebig. Was nun weiter folgen wird, muß abgewartet wer⸗ den. Das Verhalten des Bräutigams muß die Verurteilung jedes verständigen Menschen finden. Wenn er mit der Heirat nicht einver⸗ standen war, konnte er sich früher entsprechend erklären, nicht aber das Mädchen dem Gespötte auszusetzen. Kreis Wetzlar.

Kinzenbach. Die Milchblockade der Bauern gegen die Arbeiter und ihre Kinder. Vor einiger Zeit wurde in der Stadtver⸗ ordnetenversammlung der Sadt Wetzlar durch den Genossen Fauth

Klage über mangelhafte Milchbelieferung der städtischen Bevölkerung, 5

geführt. Wenn in dieser Frage so schlecht Abhilfe zu schaffen ist, so liegt das an dem Egoismus eines Teiles der Landwirte. Es soll nicht verkannt werden, daß es Bauern gibt, die es ernst mit ihren Pflichten den Menschen gegenüber nehmen, die lein Milchvieh ihr eigen nennen. Aber der andere Teil, und der ist bebauerlicherweise nicht gering, pfeift auf den heiligen Grundsatz der Nächstenliebe. Auf eine Anfrage unserer Genossen, wegen Ueberlassung von etwas Milch, zur Erhaltung ihrer Kinder, beim Ortsvorsteher, wurden sie an den Kassierer der Viehkasse gewiesen. Sie wurden mit dem Bemerken an den Vorsteher zurückverwiesen, daß er doch am ehesten in der Lage sei, hier helfend einzugreifen, da er doch Milchvieh genug hätte. Auf abermalige Vorstellung beim Oberhaupt unserer Gemeinde erklärte dieser, er hätteButterkunden und zudem wäre die Milch fret und jeder könnte damit machen, was er wolle. Das ist die Hunger⸗ blokade Deutscher gegen Deutsche. Das sind die Leute, die sich künst⸗ lich aufregten, als sie den brutalen Ausspruch des früheren franzö⸗ sischen Ministerpräsidenten vernahmen, daß 20 Millionen Deutsche zu viel auf der Welt wären, die jetzt ihrer egoistischen Interessen halber den deutschen Säuglingen das wichtigste Nahrungsmittel vorenthalten und dadurch die Steigbügelhalter des französischen Militärs sind.

Westerwald und Unterlahn.

Eine gewaltige Parteikundgebung

fand am Sonntag in Runkel a. Lahn statt. Im Frankfurter Parteiblatt wird darüber berichtet: So viel Volk hat das Städtchen mit seiner prächtigen Lage im Lahntal lange nicht gesehen, wie am Sonntag. Es liegt unmittelbar an der Grenze des besetzten Gebietes, so daß auch den Genossen aus diesen Ortschaften der Besuch ermög⸗ licht worden war. Von allen Zugangsstraßen aus kamen die Ar⸗ beiter, teilweise auch auf Fuhrwerken. Für die Ortschaften an der Strecke Gießen⸗Runkel war ein Extrazug eingelegt worden, der aber schon in Weilburg überfüllt war; aber immer noch stiegen neue Scharen auf den Stationen bis Runkel ein. Parteifunktionäre setzten während der Fahrt als fliegende Verkäufer noch den Rest ihrer Einlaßkarten ab, um die ein förmlicher Kampf entstand. Nach Tausenden zählten die Besucher, die im Extrazug gekommen waren. Der Versammlungsplatz, die Bleiche, liegt direkt an der Auch die angrenzenden Gärten und Mauern sind dicht besetzt. n einem als Rednerbühne provpisorisch hergestellten Pritschenwagen begrüßt zunächst Verwaltungssekretär Genosse Hoin unter Dar⸗ legung des Zweckes der Kundgebung die Massenversammlung. Bei Erscheinen des französischen Genossen kommt Bewegung in die Maffen; Hochrufe auf Hochrufe erfolgen, die Arbeiterjugend stimmt die Internationale an, die Versammlung singt mit. Ein prächtiges Bild von Begeisterung und innerer Zusammengehörigkeit deutscher und französischer Proletarier.

Genosse Faure(Frankreich) beginnt seine Ausführungen mit dem Wunsche, daß er lieber aus einem andreen Grunde nach Deutschland gekommen wäre, als aus Anlaß der militärischen Be⸗ setzung wichtiger deutscher Wirtschaftsgebiete durch französische Militärgewalt. Er bemitleidet die Bevölkerung des besetzten Ge⸗ bietes, die unter der Politik Poincarés zu leiden hat.(Bravol) Die Reaktion in Frankreich und Deutschland ist die gleiche, gemein, samer Kampf gegen sie ist geboten. Eine Schande für Frankreich sei es, daß der Militarismus und die Reaktion in Deutschland so auftritt. Nicht, um das kapitalistische Deutschland, verkörpert durch Stinnes, zu begrüßen, set er gekommen, sein Gruß gekte dem soztalistischen Deutschland, vertreten durch das Proletariat. Wenn das französische und deutsche Proletariat nicht noch entschiedener den Kampf aufnimmt, dann wird es unausbleiblich sein, daß die Anarchie eintreten und das ganze Wirtschaftsleben zerstört. Die französischen Genossen haben ihren Gewaltpolitikern gesagt, daß das Problem der Reparationen nie durch Bajonette, sondern durch eine vernünftige Verständigung gelöst werde. Die Besetzung des Ruhr⸗ gebiets ist nicht nur eine Dummheit, sondern auch ein wirtschaftliches

Verbrechen, durch das die ganze Industrie lahmgelegt worden ist. Bei

der Fortsetzung dieser Politik muß nicht allein Deutschland, sondern auch Frankreich dem wirtschaftlichen Ruin entgegengehen, ohne daß es in seinen Reparationsansprüchen befriedigt wird. Auch der letzte Krieg ist gegen den Willen der Proletarier aller Länder geführt wor⸗ den; der Kapitalismus hat ihn gewollt. Die französischen Genossen kommen denn auch als Sozialisten zu den deutschen Brüdern ohne Scham, weil sie über die Bedrückung der deutschen Bevölkerung ge⸗ rade so urteilen, wie das bedrückte deutsche Volk. Sie erheben Protest gegen die Ruhrbesetzung und hoffen, mit Erfolg. Das Ruhrabenteuer ist jetzt schon zusammengebrochen, ohne daß Frankreich einen Nutzen davon hatte, Deutschland aber ist wirtschaftlich schwer geschädigt. Wenn in Frankreich nicht die Partei und die Gewerkschaften gespalten wären, dann hätte die französische Arbeiterschaft die Ruhrbesetzung verhindert. Das sollten auch die Kommunisten einsehen und sich in die Internationale eingliedern. Denn nur durch die Zusammen⸗ fassung aller proletarischen Kräfte könne die internationale Reaktion und das internationale Kapital endgültig bezwungen werden. Das bezieht sich ebenso auf die reaktionären Pläne eines Poincaré, wie auf die eines Mussolini. Die französischen Kapitalisten werden natür⸗ lich die französischen Sozialisten als Agenten Deutschlands bezeichnen, das hindert sie jedoch nicht, gegen die Bedrückung des deutschen Volkes durch die französische Gewaltpolitik zu demonstrieren.(Beifall.) Der Redner bewundert die organisatorischen Einrichtungen der deutschen Arbeiterschaft, die allein die einzige und sicherste Stütze der deutschen Republik seien. Den deutschen Brüdern stehen die französischen Kame⸗ raden näher als denen anderer Länder; beide Nationen bürgen dafür, daß die Internationale zum Siege gelangt. Er schließt mit einem Hoch auf die Internationale, in das die Massen begeistert einstimmen und das in den Bergen des Lahntales einen prächtigen Widerhall

d.

Verwaltungssekretär Genosse Hoin ermunterte die aus dem besetzten Gebiet erschienenen Arbeiter zum mutigen Ausharren auch im Kampfe gegen die Separatisten. Für die Sozialisten gibt es keine Absplitterung, sie haben sich für die Reichseinheit und den Schutz der Republik einzusetzen. Voraussetzung für einen wirk⸗ samen Kampf sei die Geschlossenheit der Organisation. Sein Hoch galt der internationalen, völkerbefreienden Sozialdemokratie, das freudige Zustimmung fand. Die Versammlungsbesucher benutzten bis zur Rückfahrt des Extrazuges die Gelegenheit, die Schönheiten Runkels zu besichtigen. 2

Eine gleiche überaus stark besuchte Kundgebung fand in Ober⸗ stedten im Taunus statt.

Das geschah denn auch

Lahn.