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Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Nr. 120. i
Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt G. m. b. H. Offenbach a. M.
* Gießen, Mittwoch, den 30. Mai 1923
18. Jahrgang
22. Das„Opfer“ der Judustrie
zer Reichskanzler seine Geheimniskrämerei aufgegeben und her Reichsverband der deutschen Industrie infolgedessen, vie er es im Anfang wollte, den Wortlaut seines Schreibens mu den Reichskanzler der deutschen Oeffentlichkeit unter⸗ reitet. Was wir über den Inhalt des Schreibens bereits teröffentlicht haben, findet in dem Wortlaut nur seine Be⸗ ütätigung. Für die 40 vom 100 einer auf die Dauer von Jahren von der gesamten deutschen Wirtschaft zu über⸗
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n. 505 den Garantiesumme von 500 Millionen Goldmark, e. u dem sich die industrielle Wirtschaft bereit erklärte, stellt dorstudes 1 hiese eine Reihe von Forderungen solch schwer⸗
viegender Art, daß von Opfern der industriellen arstehemee a Girtschaft überhaupt nicht die Rede sein kann. 958 8 Grundsätzliche Fernhaltung des Staates von der ler Sul rivaten Gütererzeugung und Verteilung wird zunächst ver⸗ emen Nanangt, in einem Augenblick, in dem z. B. der Geschüfts⸗ zalbschluß der vom Deutschen Reich in gemeinwirtschaftlicher Form betriebenen Deutschen Werke eine glänzende Recht⸗ wnertigung der Gütererzeugung und Verteilung durch den Ausweis sit Staat liefert. Die Industrie aber will, um frei schalten bsdereine, 1 deazund alle Verdienstmöglichkeiten rücksichtslos ausnutzen zu
önnen, die
1 80 Aufhebung der Kriegs⸗ und Zwangs wirtschaft, (l em auch den Abbau der Außenhandelskontrolle, zur geg um in ihren Valutageschäften nicht gehemmt und vom durch Staate in keiner Weise überwacht zu werden. Selbst die zwangsbewirtschaftung des Hausbesitzes hat es den Indu⸗ triellen angetan, denn auch die Zwangsmieten will man . Bübingen chem innerhalb angemessener Frist“ vom städtischen Hausbesitz 8 1) Uhr ftenehmen, obwohl jedermann davon überzeugt sein muß, daß e diesfahrg eine freie Wirtschaft auf dem Wohnungsgebiet, in abseh⸗ läfiger harer Zeit durchgeführt, zu einer innerpolitischen Katastrophe
ung: führen muß. Um aller Fessel ledig zu werden, verlangt die
zent: Genost Industrie ferner die rent: Gen. 8; i n woe Krone Aufhebung aller Demobilmachungsvorschriften
und will auf dem Gebiete der Wirtschaft die Staatsgewalt
71 1 auf das Schiedsrichteramt bei Wirtschaftsstreitigkeiten be⸗ . an a Achränkt wissen. Obwohl kein Mensch in Deutschland z. Zt.
der Ueberzengung ist, daß die deutschen Industriellen durch z wühlen zue die gegenwärtige Handhabung der Steuergesetze allzuschroff
Dem Drängen der öffentlichen Meinung folgend, hat
übernehmen will,
— ein neues Riesengeschäft!
Umgestaltung der Steuergesetzgebung
und sicher nicht im Interesse des Staates, ebenso wie sie eine „Erhöhung der Tariffreiheit im Sinne der Vorarbeiten des Reichswirtschaftsrates“ nur fordern, weil sie auch hier den wenigen sozialen Errungenschaften der Revolution zu Leibe gehen und den Achtstundentag nur grundsätzlich aufrecht⸗ erhalten wissen wollen.
Die Forderungen der Industriellen überwiegen also weit gegenüber dem Angebot, das sie als Zwangswirtschaft zu der Verpfändung des Besitzes des Reiches und der Länder übernehmen wollen. Ebenso erstaunlich ist es, wenn die bürgerliche Arbeitsgemeinschaft der Mitte in dem Schreiben des Reichsverbandes ein„erfreuliches Zeichen“ dafür er⸗ blicken will, daß die deutsche Wirtschaft auch die schwersten Opfer zu bringen bereit sei. Von dieser Opferbereitschaft finden wir recht wenig, weil die tatsächlichen Leistungen, die die Industrie durch die Verpfändung ihrer Sachwerte völlig in den Schatten gestellt werden durch das Verlangen nach rücksichtsloser, ungehemmter Ge⸗ winnbetätigung dieser selben Industrie. Die Reichsregierung hat daher alle Veranlassung, dem deutschen Volke gegenüber die Verficherung abzugeben, daß sie„nach eigener Verant⸗ wortung und in voller Unabhängigkeit prüfen wird, wie⸗ weit bei ihrer Aufgabe von sich aus Maß und Verteilung der Leistungen der einzelnen Wirtschaftskreise festzusetzen und ob der Standpunkt der Industrie überhaupt in Betracht zu ziehen ist.“ n 5 Die„Nothilfe“ der deutschen Landwirtschaft.
Die deutsche Industrie findet ihr Ebenbild in der Landwirt⸗ schaft, die inzwischen dem Reichskanzler ebenfalls keinen Zweifel darüber gelassen hat, daß es„Bürgschaften der deutschen Wirtschaft für bestimmte Reparationsleistungen überhaupt nicht geben kann, ohne vorherige Erfüllung bestimmter Voraussetzungen politischer wie wirt⸗ schaftlicher Art“. Politisch kommt nach der Deutschen Tageszeitung vor allem in Betracht: daß die Wiederherstellung und Sicherung der inneren Ordnung in Deutschland erste Vorbedingung für jede weitere Reparationsleistung der deutschen. Wirtschaft und erst recht natürlich für jede tatsächliche wirksame Bürgschaft ist.
Ueber die wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Voraus⸗ setzungen schweigt sich das Zentralorgam der Agrarier noch aus. Nach der Ideengemeinschaft, die zwischen Industrie und Landwirtschaft, insbesondere über nationale Fragen besteht, kann kein Zweifel dar⸗ über aufkommen, daß die Herren Agrarier von dem gleichen Prozent⸗ patriotismus beseelt sind wie Herr Stinnes. Das deckt sich übrigens mit einer echt deutschnationalen Auffassung von den Notwendigkeiten der Gegenwart.
angepackt werden, verlangen sie auch eine
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4g. Sekret 9 2 2 5 Keine neuen ueberfälle. ches. In Dortmund und im Landkreis Dortmund ist es, abgesehen
n bisher zi von kleineren Zwischenfällen, am Montag ruhig geblieben. Auf der graten aber“ Zeche Mont Cenis haben sich in einer Abstimmung von 450 Abstim⸗ eule ohne, menden 360 für Arbeitswiederaufnahme ausgesprochen. In Hörde schbrühwür dist es seit dem 26. Mai abends zu neuen Unruhen nicht gekommen. ellt Die Zugangsstraßen nach Hörde sind von den Franzosen abgesperrt. geben— Im Landkreis Hörde dauern die Zechenstreiks trotz zunehmender gulli Arbeitswilligkeit aus Furcht vor dem Terror der Aufrührer an. Die t Provinzstraße Dortmund⸗Bochum ist im Landkreis Hörde von fran⸗ Oc zalschem Militär abgesperrt. Radaulustige Elemente werden ange⸗
IEA halten und zurückgeschickt. In Bochum ist es mit Ausnahme kleinerer
I Zwischenfälle am Montag ruhig geblieben. In Gelsenkirchen⸗Stadt
sche 10 ist es ruhig. Auf den Zechen des Gelsenkirchener Bezirks hat sich die
i Lage jedoch verschärft. Auf einer Reihe von Zechen sind die Beleg⸗
. schaften von kommumstischen Elementen herausgeholt worden, obwohl
0 etwa 90 Prozent der Arbeiter arbeitswillig sind. In Witten wird
mit Aus nahme dreier Betriebe in sämtlichen Werken gearbeitet. In
0 gerne ist die Streiklage unverändert. Am Montag nachmittag fand
vor dem Wittener Rathaus eine Demonstration statt, weil der
ene die Forderung der Streikenden auf Bildung eines nur aus
I Kommunisten bestehenden Selbstschutzes und Anerkennung eines
gleichfalls rein kommunistischen Kontrollausschusses abgelehnt hatte.
In Essen versuchten am Montag Menschenansammlungen auf dem
* Wochenmarkt Preisherabsetzungen vorzunehmen. Zu größeren Un⸗
ü ruhen kam es nicht. In Recklinghausen hat sich der Streik im Berg⸗
% aan auf die Zechen 1 und 2 und 3 und 4, Julia und General Blumen⸗
e 12 ausgedehnt. In Bottrop, wo es am 26. Mai auf dem
1 Wochenmarkt zu Preisherabsetzungen gekommen war, ist durch die
v0„tadt eine 120 Köpfe starke Gewerkschaftspolizei, in die auch 40 Kom⸗ — munisten aufgenommen sind, gebildet worden. f
Im unbesetzten Gebiet sind bei Lünen die meisten Zechen mit der
Mehrzahl der Belegschaften angefahren. Im Hammer Bezirk ist am
0 Montag die Zeche Königsborn 3—4 in den Streik getreten. Auf de
Wendel haben am Montag morgen von 1000 Arbeitern 600 die Arbeit
wieder aufgenommen. Von den an den Unruhen bei Lünen beteiligten
Ruhestörern gelang es der Polizei, etwa 10 Rädelsführer darumer
einen gewissen Blankensee und einen gewissen Krause, festzunehmen.
55 Blankensee wurde zahlreiches französisches ropagandamaterial
Die Streikbewegung im Ruhrgebiet.
Die Lage im Ruhrgebiet. Not und Preistreiberei als Ursache der Unruhen.
(Eig. Sonderbericht.) Die Bewegung in den Stadt⸗ und Land⸗ kreisen Gelsenkirchen, Dortmund und Bochum, also in den eigent⸗ lichen Industriezentren des Ruhrgebietes, erinnern in ihren Einzel⸗ heiten an die Bewegung im Frühjahr 1919. Wie damals der Zu⸗ sammenbruch, so hat jetzt die Invasion der Franzosen und Belgier eine gewisse geistige Unrast in die Arbeiterschichten gebracht, die von einer kleinen Schicht verantwortungsloser Hetzer benutzt wird, um Zechen, Gaswerke und Fabriken stillzulegen, ohne überhaupt irgendwelche klare Richtlinien wirtschaftlicher oder politischer Art damit zu verfolgen.
Die Arbeiterschaft wehrt sich im allgemeinen gegen das Trei⸗ ben dieser Terroristen. Ueberall hört man, daß nur unter dem Zwange des Terrors die Arbeitsstellen verlassen werden. Eine heftige Gegenaktion aus den Reihen der Arbeiterschaft selbst, wie sie 1919 erfolgte, hat bis jetzt noch nicht eingesetzt. Es wäre aber völlig verfehlt, die Bewegung nur auf die Hetze und die auslän⸗ dische Provokation zurückzuführen. Der Zusammenbruch der Stützungsaktion hat große Unruhe in die Bevölkerung getragen. Zur Explosion kam es, als die Händler, nachdem der Dollar stieg, die Preise dem Stande des Dollars anpaßten. Das geht besonders daraus hervor, daß sich die Bewegung zunächst gegen die unge⸗ heure Steigerung der Preise für Fette und Fleisch auf dem Gelsen⸗ kirchener Fleischmarkt wandte. Unter der Parole Preisabbau gingen hier die ersten Erzesse vor sich. Die wirtschaftlich schwere Lage der arbeitenden Bevölkerung ist nicht zu verkennen. Arbeiter und Angestellte— und es kommen besonders Arbeiter in Betracht — haben von den Werken große Vorschüsse erhalten, die jetzt zum Teil einbehalten wurden. So trat der Fall ein, daß Familien⸗ väter nur 20, 40 und 60 tausend Mark ausgezahlt erhielten. Die Mißstimmung wurde noch durch die infolge des Wertrückgangs der deutschen Mark eingetretene Hausse gesteigert. Außerdem macht man den Berliner Stellen den Vorwurf, daß sie die Lohn⸗ regelung verschleppt haben, und dieser Vorwurf ist berechtigt, weil in dieser Beziehung viel schneller und energi⸗ scher hätte eingegriffen werden müssen. Bureaukratie, die man an vielen Stellen in Berlin findet, richtet größeren Schaden an, als man in der Reichshauptstadt wohl denkt.
Der Einfluß der örtlichen kommunistischen Agitation zu verkennen. Die Hetze, die von kommunistischer Seite Unionisten wochenlang in Presse und Versammlungen wurde, mußte schlimme Folgen haben. Auf jeden Fall hat die kommunistische Hetze das terroristische Treiben begünstigt. Auf
ist nicht und den betrieben
diesem Boden ist auch die Tätigkeit Franaösischer Agenten, die ohne
Frage ihre Hand im Spiel haben, erst möglich geworden, wenn auch direkte Beweise für diese Tätigkeit französischer Spitzel und Provokateure noch nicht zu erbringen sind. Wie weit die Rechts⸗ organisationen die Bewegung für ihre besonderen Zwecke benutzen, kann ebensowenig festgestellt wenden. Fest steht, daß in den soge⸗ nannten proletarischen Wehren sich vielfach fremde Gestalten be⸗ finden, über die man im Zweifel sein kann, ob sie rechts oder links gerichtet sind. Viel besprochen wird die Tätigkeit des Selbst⸗ schutzes. Wir haben uns um Klarheit über die Zusammensetzung des Gelsenkirchener Selbstschutzes eifrig bemüht und festgestellt, daß sich der Hauptteil aus Kaufleuten jüdischen Glaubens zusammen⸗ setzt, denen sich Parteigenossen und freiorganisierter Gewerkschaft⸗ ler angeschlossen haben. Wenn sich rechtsgerichtete faseistische Ele⸗ mente zu diesem Selbstschutz gefunden haben, so können diese nur einen kleinen Bruchteil ausmachen. Die Zahl könnte sich höchstens auf 1 Dutzend belaufen. Allerdings hat der Selbstschutz in Gelsen⸗ kirchen eine große taktische Dummheit begangen, indem er am Mittwoch nach den Vorfällen auf dem Gelsenkirchener Markt die Bahnhofstraße absperrte, um eine kommunistische Versammlung im Kristallpalast zu verhindern. Erreicht wurde nur, daß sich An⸗ sammlungen bildeten und es zu den ersten Zusammenstößen kam. Das war nur möglich, weil die in Frage kommenden Städte durch die französische Besatzung systematisch von der Schutzpolizei ent⸗ blößt waren. Beginn der Lohnverhandlungen.
Am Montag begannen im Reichsarbeitsministerium zwischen den Verbänden der Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Verhandlungen
ist für den Nuhrbergbau eine Vereinbarung zustande gekommen. Hier sollen die Löhne einschließlich Soziallohn um durchschnittlich 10 000.— Mark, das find etwa 50 Prozent, je Schicht erhöht werden. Bei dieser Lohnerhöhung ist die in der zweiten Maihälste eingetretene außerge⸗ wöhnliche Teuerung, die bei der Lohnregelung für andere Berufe be⸗ reits ausgeglichen worden ist, sowie die bevorstehende Erhöhung des Brotpreises und der Eisenbahntarife mit berücksichtigt worden. Für die anderen Bergbaugebiete sind die Verhandlungen noch nicht abge⸗
schlossen. Aufruf der Eisenbahnervrebände.
Sämtliche Bezirksorganisationen der Eisenbahnerverbände im Ruhrgebiet richten an die Eisenbahnerschaft nachstehenden Aufruf:
„Die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse ertragen keine Unterbrechung des Verkehrs. Die dem deutschen Volke zur Verfügung von Lebensmitteln und anderen Gebrauchsgegenständen kommen die nichtge werblichen Verbraucher, also die Arbeiter, Angestellten und Beamten, in große Bedrängnis und Not. Es liegt deshalb im be⸗ sonderen Interesse dex Arbeiterschaft, wenn der Betrieb der Eisen⸗ bahnen mindestens im bisherigen Umfang aufrecht erhalten bleibt.
Die Löhne und Gehälter der Efsenbahner entsprechen nicht der katastrophalen Markentwertung und der damit verbundenen Teuerung. Die Organisationen der Tarifgemein⸗ schaft haben sich bei der letzten Lohn⸗ und Gehaltsregelung Be⸗ wegungsfreiheit vorbehalten für den Fall, daß der Sturz der Mark nicht aufgehalten werden kann. Die organisierten Eisenbahner er⸗ warten von ihren Vorständen mm, sofort von der vorbehaltenen Be⸗ wegungsfreiheit Gebrauch zu machen und dahin zu wirken, daß die Löhne und Gehälter der Geldentwertung und Teuerung angeglichen werden..
Die unterzeichneten Organisationen sind der Ueberzeugung, daß die organisierten Eisenbahner die bisher geübte Disziplin auch ferner⸗ hin aufrecht erhalten und nur den Anordnungen der Organisationen Folge leisten werden.
Kollegen! Eisenbahner! Denkt an die alte Kampfregel:„Nur Einigkeit und Geschlossenheit führt zum Ziel!“
Politische uebersicht.
Die Erschießung in Düsseldorf.
Der Berliner Kaufmann Schlageter ist am Samstag⸗ morgen in Düsseldorf von französischen Soldaten auf Grund eines kriegsgerichtlichen Urteils erschossen worden. Der Erschossene war politisch ein Widerpart unserer Partei und die Möglichkeit ist ge⸗ geben, daß sein Tun im Ruhrgebiet gerade auch vom deutschen Standpunkt aus verurteilenswert und verderblich war. Aber die⸗ jenigen, die über ihn zu Gericht saßen und die anderen, die ihren Spruch vollstreckten, hatten dazu kein anderes Recht als das der Gewalt. Mit wirklicher Justiz, deren Zweck es ist, die Allge⸗ meinheit vor asozialen Taten zuschützen, hat ihr Vorgehen nicht das Geringste zu tun. Es dient lediglich dem Zweck, durch Einschüch⸗ terung und blütige Rache die Sicherheit der widerrechtlich in deut⸗ sches Gebiet eingedrungenen Truppen zu gewährleisten. Die frem⸗ den Richter im Kriegskleid haben weniger Recht, über einen Deut⸗ schen auf deutschem Boden zu Gericht zu sitzen als er über sie.
In dem Augenblick, in dem sich die militärtsche Gewalt im Ruhrrevier zum Herrn über Leben und Tod der Einwohner auf⸗ wirft, wirkt das heuchlerische Pathos, mit dem Herr Poincaré die imperialistischen Tendenzen seiner Politik bestreitet, doppelt wider⸗ lich. Er will nicht anektieren? Richtig, er will das besetzte Gebiet nicht Frankreich einverleiben, seine Bewohner nicht zu gleichbe⸗ rechtigten Bürgern der französischen Republik machen, er will viel⸗ mehr für alle absehbare Zeit das besetzte Gebiet mit seinen Menschen, ohne die es ja wertlose Wüste wäre, als Pfand be⸗ handeln, ein rechtloses Volk mit Bajonetten zur Arbeit treiben und seine Offiziere über es zu Gericht sitzen lassen. Und die bürgerliche Demokratie Frankreichs schweigt zu dieser Wiederein⸗ führung der Sklaverei und überläßt den Mut des Protestes geger sie neidlos den Sozialisten. 8
Der traurige Anlaß zwingt aber auch zu einem ernsten Wort nach der anderen Seite. Wenn Schlageter wirklich getan hat, wessen er beschuldigt wurde, dann hat er der Sache des Ruhrvolkes nicht genützt, sondern nur geschadet, dann ist er von seinen Auftrag⸗ gebern nutzlos hingeopfert worden. Die rechtsradikalen Organi⸗ sationen mögen es sich gesagt sein lassen, daß sie nicht das Recht haben, im Ruhrgebiet auf eigene Faust Krieg zu führen. Diejenigen,
die für ihre Disziplinlosigkeit ihr Leben riskieren, sind allerdings weniger zu verurteilen als die Helden der Etappe, die davon
über die Lohnregelung im Stein⸗ und Braunkohlenbergbau. Zunächst
stehenden Verkehrsmittel sind sehr geschwächt. Ohne tägliche Zufuhr


