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ediltion: Gießen Bahnhofstraße 23
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—— der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
fozeitung
Organ für die Interessen des werktätigen Volkes wanna
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Blatt der Frau“ und„Land-
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Nr. 145
Gießen, Donnerstag, den 28. Juni 1923
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13. Jahrgang
der Rechtzputsch konnt...
Wenn Wohin soll das führen?
Der Münchener Hochverratsprozeß hat
das Dunkel erhellt, in das sich e
85 die Hochverrats⸗ Ver⸗ schwörervande zu hüllen verstanden 1 199 e baben es die nähern Umstände, die sich an das Todesurteil ö gegen Schlageter knüpfen. Die nationalistischen Ver⸗ schwörerbanden und Putschkolonnen erfreuen sich nicht nur
der finanziellen Unterstützungen durch deutsche Industrie⸗ kapitäne, sondern auch der französischen Regierung, da ihre 4 Tatigkeit geeignet ist, die französische Politik bestens zu unterstützen. Welchen Hoffnungen sich der französische Nationalismus angesichts der Zerrüttung der deutschen
Wahrungsverhältnisse und der geheimen Vorbereitungen für einen Rechtsputsch hingibt, läßt blitzhell ein Artikel Her veés in der Victoire erkenne„in dem es heißt:
1 Der deutsche Arbeiter sei durch d. b r ver⸗ Wee nac die Jrouseelen ener und Helper feln ole Alldeutsch geftnnt und würden, wenn sie Opfer brächten, diese nur auf sich nehmen, nicht etwa um Frankreich die Schulden zu bezahlen sondern um den Versailler Vertrag zu zerreißen und den Revauche⸗ krieg vorzubereiten. Infolgedessen sei es unmöglich, daß eine Re⸗ gelung der Reparationen auf freundschaftlichem Wege zustande kom⸗ men könnte. In der deutschen Pseudorepublik könne sich keine Re⸗ gierung mehr Gehorsam verschaffen, und diejenigen, die ernsthaft gewillt seien, die Schulden an Frankreich zu bezahlen, hätten das Schicksal Erzbergers und Rathenaus zu erwarten. Die einzige Macht in Deutschland seien die 100 000 Mann der Reichswehr, die Polizei und die Geßeimverbände. Es müsse ein Wunder geschehen, wenn diese Leute darauf verzichten sollten, der Versuchung zu unter⸗ lliegen, die Monarchie wieder herzustellen. Da mit einem ernsthaften Wiüiderstand der deutschen Arbeiter nicht zu rechnen sei, werde dieser Streich auch gelingen. In Frankreich würden dann die Kom⸗ munssten, Soziolisten und die biirgerlichen Radikalen schreien, durch den Einmarsch in das Ruhrgebiet soll der monarchistische Staatsstreich in Deutschlaud vrrursgcht orden, und Flond George mürde in das gleiche Horn blasen. Wenn die französische und die belgische Re⸗ gierung sich dann klug erweisen wollten, dann ließen sie die französischen Linksparteien und Lloyd George ruhig schreien und würden auf den Staatsstreich mit der Unabhängigkeits⸗ erklärung des Rheinlandes antworten, indem sie gleich⸗ zeitig den Sonderbündlern behilflich wären, die Rheinische Re⸗ publik auszurufen.“ g Diese Worte Herbés enthalten leider mehr als nur die Hirngespinste eine Chauvinisten. Es ist das unvermeidliche Schicksal Deutschlands, daß es zerstückelt wird und nicht die Rheinlande sondern überhaupt seine Einheit ver⸗ liert, wenn ein Putsch, der zur Wiederaufrichtung der Monarchie führt, Erfolg haben sollte. Da ein solcher Putsch aber nur Erfolg haben kann, wenn die Reichswehr ihn unter⸗ stützt, liegt hier die größte Gefahr für den Bestand des Reiches. Soll die Reichswehr(und die Polizei) nicht selbst mit der Reichseinheit das Grab schaufeln helfen, so muß zwischen ihr und den putschlüsternen militärischen Geheim⸗ verbanden ein scharfer Schnitt gemacht werden. Nur so läßt sich dem Verhängnis, auf das der französische Natio⸗ nalismus spekuliert, vorbeugen. Die Tätigkeit der Putsch⸗ organisationen, die vorgeben, als echte Deutsche zu handeln, besorgen nur die Politik Frankreich und lassen sich von diesem Erbfeind, nach ihrer Lesart, finanzieren Die Nationalisten erschweren aber auch die Tätigkeit der Leute in Frankreich die die französische Regierung drängen, zu einer freundschaftlichen Verständiaung mit Deutschland zu kommen. Seit einiger Zeit erscheint in Paris eine neue Tageszeitung, der Quotidien. In 17 1 8 Redaklionskomitee sitzen Demokraten und e 5 bekämpft mit Entschiedenheit die innere und äußere Politik Poincarés und des nationalen Blocks. 155 somehr Beachtung verdient ein kurzer Artikel, 195 in 925 letzten Tagen mit der Unterschrift Pie re S 52 in dem Blatte unter der Ueberschrift„Eine ee e Tatsache ⸗ erschienen ist. Wir geben ihn im Paine 197 f Man weiß, was wir über die auswärtige Politik Poincarés
1 50 en. Aber es gehört zu unserem Programm, 65 55 e 1 sitionsstellung ehrlich sind, und es ist einfache 510 km erkennen, daß Herr Cu no eine Politik der g ro 5 b eibt, daß seine Minister und der seelesetcs aun eichend darauf 15 iche Holt in seiner 701 geseben, fee unden a e e eee ber i perialistischen 1 1 10 1 ißerf s das En 155 Habe ele mii Seitdem hat stch irksam e 5 7 1 5 te mächtiger sind a 1 Schuld auf un⸗
dem Abgrund 1 so leicht wieder daß Frank⸗ Gegner,
ist hineintragen würde.
Die Republik in Gefahr!
Die Abwehr.
Die alarmierenden Nachrichten von dem Vorgehen der Roßbachfeme und der Putschorganisationen hätten erwarten lassen, daß von den Regierungsstellen die schärfsten Maß⸗ nahmen ergriffen werden, um diesen systematischen Kampf gegen die deutsche Republik wenigstens zu unterbinden. Aber bisher ist noch nichts geschehen, was auf eine energische
Unterdrückung dieser wilden Abenteurerbande schließen ließe. Die politische Verantwortung trägt die Reichs⸗
regierung, diese Feststellung ist nötig. Aber die Arbeiter- klasse, die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften würden sehr verkehrt handeln, wenn sie nichr ihr Hauptaugenmerk darauf richten würden, sich selbst zu helfen. Deutsch⸗ land ist nicht Italien, und der deutsche Fascismus wird sich blutige Köpfe holen. Die Arbeiterschaft muß un⸗ gesäumt ihre Gegenmaßnahmen treffen und den notwendigen Abwehrschutz organisieren. Nicht, um selbst den Bürgerkrieg zu eröffnen, nicht, um den großen politischen Kampf in gewaltsame Einzelkämpfe auflösen zu lassen. Aber wir sind stark genug, gegenüber den Mord⸗ organisationen und den Bombenvereinigungen, unsere Ab⸗ wehrorganisationen zu schaffen. Wir haben den dringenden Wunsch, daß die Staatsmacht endlich mit der nötigen durch⸗ greifenden Energie ihre Pflicht erfüllt und von Mord und Attentaten den politischen Kampf freihält. Versagt sie aber, dann sind wir noch lange nicht verloren, dann helfen wir uns selbst und gründlich!
f In der richtigen Erkenntnis dieser Lage hat der Be⸗ zirksvorstand Schleswig⸗Holstein der sozialdemokratischen Partei folgenden Aufruf erlassen:
Parteigenossen! Organisiert die Abwehr! Die Republik ist in Gefahr. Nationalistische Führer schrecken vor offenen Mordandrohungen nicht zurück. Roßbachfemen sind in Wirksamkeit. Alles wartet auf den großen Schlag, der kommen soll, um die Militärdiktatur an die Stelle der Weimarer Verfassung zu setzen. Das darf nicht sein. Einig und entschlossen wird die Arbeiterschaft jeden Streich der
Leute abzuwehren wissen, die Meuchelmorde und Spreng⸗ attentate zu politischen Prinzipien erhoben haben. Die Ver⸗ trauensleute der Sozialdemokratischen Partei in Schleswig⸗ Holstein haben sich im Verein„Republik“ zusammenge⸗ schlossen. Ziel der Vereinigung, der nur Vertrauenspersonen der SPD. angehören dürfen, ist der Schutz der deutschen Reichsverfassung gegen jeden hochverräterischen Angriff, von wo er auch kommen mag. Vertrauensleute, tut eure Pflicht!
Ein Gewerkschaftslokal gestürmt.
Ueber die Ereignisse bei einer Fahnenweihe der Haken⸗ kreuzler in Passau, bei der Hitler persönlich anwesend war, meldet unser Parteiblatt in Regensburg: Vom Festzug aus überfiel man die Straßenpassanten und Zuschauer, riß ihnen die Abzeichen von den Kleidern, sodaß die Fetzen davon⸗ hingen, schlug mit Gummiknüppeln auf sie ein, ohne daß sie das geringste gemacht hatten. In der Theresienstraße wurde
der Arbeiter Pf. ohne jeden Anlaß niedergeschlagen, sodaß er bewußtlos liegen blieb,
b weil er ein republikanisches Abzeichen trug. Dem Arbeiter K. wurde aus dem Festzug heraus der linke Backenknochen mit einem Schlageisen zertrümmert. Im Laufe des Nachmittags zogen 18 bis 20 Trupps in Stärke von je 10 Hitlergardisten durch die Stadt und bedrohten die Passanter mit Revolvern und Gummiknüppeln. Einschreiten der blauen Polizei war größtenteils erfolglos, weil die Mehrzahl der Hakenkreuzler Waffenscheins besasß. 5
Nachts überfiel ein Trupp von etwa 50 Mann das Ver⸗ kehrslokal der freien Gewerkschaften, eröffnete das Feuer auf die dort aufgestellten Wachtpösten, zog sich dann aber beim Erscheinen der blauen Polizei zurück. Nur der Disziplin der organisierten Arbeiterschaft ist es zu danken, daß es nicht zu schwerstem Blutvergießen kam. N
Die Arbeiterschaft wird sich noch biel mehr in Disziplin zu üben haben, aber dergestalt, daß den Hakenkreuzlern keine Zeit mehr“ zu Feuergefechten und zum Entwischen bleibt.
Wir haben fortgesetzt den Standpunkt vertreten, daß es zwei Deutschland gibt. Aber die beunruhigende Tatsache besteht darin, daß das andere Deutschland, das liberale und demokratische Deutschland, von dem wir hofften, den es uns bei der Befriedung Europas helfen werde, statt an Boden zu gewinnen, Boden zu verlieren scheint bis zu dem Grade, daß der Kanzler ohne Mehrheit im Reichstag sich auf eine Politik versteifen kann, die gleichzeitig ruinös und gefährlich ist, eine Politik der Rachsucht, der Aufreizung und der Herausforderung. Die Ansicht, England werde Frankreich nicht folgen, reicht zur Erklärung dieser Haltung nicht aus. Sie kann nur eingenommen werden, wenn Cuno sich durch das Vertrauen des Volkes gestützt fühlt. Vielleicht jedoch täuscht er sich. In diesem Falle ist es hohe Zeit, daß die ver⸗ nünftigen Leute in Deutschland ihm die Augen öffnen.“
Pierre Bertrand pointiert scharf, und man kann ohne weiteres feststellen, daß das der Schlüssigkeit seiner Beweis⸗ führung Abbruch tut. Vor allem geht er zu leicht über die Verantwortlichkeit hinweg, die Frankreich durch seine Politik auf sich geladen hat. Man hat in Paris, wie er sagt, auf das„andere Deutschland“ gerechnet, aber wir dürfen fragen: Was hät Frankreich getan, um diesem anderen Deutsch⸗ land seinen Kampf gegen die alten Ideen und Gewalten zu erleichtern? Vielleicht betont der Mitarbeiter des Quotidien auch zu stark den bösen Willen des Kabinetts Cuno, wo er doch einen großen Teil der Schuld auf das Konto der freilich nicht minder beklagenswerten Passivität der Regierung setzen könnte. Aber auf jeden Fall ist es nütz⸗ lich, auf diese Stimme aus einem Kreise zu achten, der in der schärfsten Opposition zu Poincars stehend grundsätzlich eine ehrliche Verständigung mit Deutschland an⸗ strebt. Wenn die deutsche Politik nicht nur den nationalen Block gegen sich hat, sondern auch das Mißtrauen der fran— zösischen Linken erregt, dann sind ihre Aussichten nicht allzu hoffnungsvoll.
Uns scheint gerade jetzt alles dazu angetan, auch diesen Rest von Vertrauen, das unser ehrlichstes Wollen noch bei der französischen Linken hat, völlig zu verscherzen. Wir sehen täglich, mie sich die Verschwörerbanden immer heraus- fordernder benehmen, und wir hören kein Wort von der Reichsregierung, das sich in dieser schwersten Stunde gegen das wahrhaft volksfeindliche und vaterlandsverräterische Gebaren wendet; wir sehen vielmehr, daß allen Stellen, die sich mit Entschiedenheit für den Schutz der Republik einsetzen, diese Arbeit erschwert und unmöglich gemacht wird. Er⸗ schreckt stehen wir aber vor einigen Andeutungen, die Ge⸗
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nosse Rabold in einem Artikel macht und die in ihrer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Welch ein Abgrund tut sich vor uns auf, wenn wir lesen:
Das Schutzgesetz ist ein Spatzenschreck. Sachsen, Thüringen, ein paar kleine Freistaaten machen ernste Anstrengungen zur Gegenwehr. Aber sie bleiben isoliert, weil sie vom Reiche nicht die not⸗ wendige Unterstützung erhalten. In Preußen führt. Severing unter großen Schwierigkeiten einen zähen Kampf gegen die Feinde der Republik. Auch hier sind vom Reiche her die Gegenspieler am Werke, um seine Arbeit für die Republik zu durchkreuzen. In der Ver⸗ waltung, der Justiz, in großen Teilen der Polizei ist die Reaktion unerschüttert geblieben, und die Reichs⸗ wehr, der eigentliche Brennpunkt des Gefahrenherdes, ist selbst von Reformmaßnahmen verschont worden, geschweige denn das eine grundlegende Aenderung erfolgt wäre. Hier hat sich nichts zum Besseren, aber alles zum Schlim⸗ men gewandelt. N
Das ist die Bilanz, die am ersten Jahrestag der Er⸗ mordung Rathenau zu ziehen ist. Der Respokt vor der Repu⸗ blik hat bei den monarchistischen Verschwörern nur so lange bestanden, wie die proletarischen Massen in Bewegung waren. Das Schutzgesetz hat sie nur so lange abgeschreckt, als in ihren Ohren der Massenschritt der Arbeiterbataillone noch nicht verklungen war. Ein Blick in die monarchistische Presse lehrt uns, wie lebendig jene Bewegung ist, die durch das Schutzgesetz zurückgedämmt werden sollte. Die Ver⸗ schwörerorganisationen, die trotz Schutzgesetz in ihrem Be⸗ stand nie ernsthaft erschüttert wurden, haben durch den Ruhrkrieg neuen Auftrieb, neue Aufträge und— was bei ihnen die Hauptsache ist— neue gewaltige Geldmittel bekommen. Zwar sind im Schutzgesetz den Geldgebern schwerste Strafen angedroht. Die Mittel flossen un⸗ gehemmt weiter, nicht eine Bestrafung ist bisher erfolgt.
Sie wird erst recht nicht erfolgen, wo eine verblendete Politik glaubt, die Tätigkeit der nationalen Organi⸗ sationen im Ruhrkrieg nicht entsagen zu können.
So ist das Blut Rathenaus umsonst geflossen. So werden auch alle papiernen Erlasse und hochtönenden Versprechungen ein Nichts bleiben, solange nicht der proletarische Massenwille staatspolitische Macht wird. Nur in diesem Zeichen wird die Republik bestehen und ihrer Feinde Herr werden können.
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