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unmöglich machen, das esetzte Gebiet zu verlassen. Die Zu⸗ e kene an den usgangsbahnhöfen des Ruhrreviers iit verschärft warden. Es werden nur solche Eisenbahner aus dem Gebiet herausgelassen, die einen besonderen Aus weis des Genrals Degoutte vorzeigen.
Nach einer Havasmeldung aus Koblenz hat die Inter⸗ alliierte Rheinlandkommission unter dem Vorsitz des fran⸗ zösischen Oberkommissars Tirard beschlossen, eine Ordonnanz zu erlassen, wonach jeder bisher oder künftig ausgewiefene deutsche Beamte gleichzeitig rechtskräftig entlassen sein soll. Frankreich verlangt eine weitere Eisenbahnstrecke
in der englischen Zone.
Nach dem Daily Telegraph ist Frankreich mit der Zu⸗ teilung der Eisenbahnstrecke Düsseldorf Düren nicht zu⸗ frieden und verlangt nun auch die Ueberlassung einer Schmalspurbahn, die das besetzte englische Gebiet etwas öst⸗ lich durchläuft. Würde diese Forderung bewilligt, so würde das englischerseits eine neue Gebietsabtretung bedeuten.
Die Gärung unter den französischen Eisenbahnern Die Franzosen s. sich veranlaßt, ihr Eisenbahupersonal durch neue Kräfte ablösen zu lassen. Die Zahl der Desertionen vermehrt sich in der letzten Zeit beträchtlich, da sehr viele Eisenbahner, deren militärische Uebungen am 28. Februar abläuft, sehr unzufrieden und aufsäissig geworden sind. f Raub deutscher Forsten.
Die Rheinlandkommission hat eine Note veröffentlicht, worin der Bevölkerung mitgeteilt wird, daß die Alliierten die Walder der besetzten Gebiete selber ausbeuten werden, ohne sich un das Forstprogramm zu kümmern.
Die Besetzung der Flaschenhälse. Königswinter, Caub und Lorch.
Aus Düsseldorf wird den Pariser Blättern gemeldet: Französische Truppen haben gestern auf dem rechten Rhein⸗ ufer die Gebiete zwischen den bisher besetzten Brückenköpfen, also das Gebiet von Königswinter zwischen Köln und Koblenz und das Gebiet von Caub zwischen Koblenz und Mainz, besetzt. Die Operation, die im Norden begann, war um 2 Uhr nachmittags ohne Zwischenfälle beendigt. Diese Maßnahme hat den Zweck, die Eisenbahn, die auf dem rechten Rheinufer Köln mit Mainz verbindet und die bisher teils auf besetztem, teils guf unbesetztem Gebiet fuhr, wodurch die Zollaufsicht schwierig oder unmöglich wurde, in französische Hände zu bringen. Aeich das Hinterland der sogen. Flaschen⸗ hälse, d. h. der zwischen den Brückenköpfen von Mainz, Koblenz und Köln gelegenen bisher freien Zonen ist weit hinein besetzt worden.
Die Besetzung der neuen Gebiete erfolgt ofensichtlich, um die rechtscheinische Bahnlinie Köln— Mainz vollständig
in französische Hand zu bringen. Eine offizielle Begründung der Maßnahme von französischer Seite ist bisher nicht er⸗ folgt. Sie kann auch durch nichts gerechtfertigt werden. Wenn es im Petit Parisien anläßlich der neuen Okkupation heißt, Frankreich und Belgien seien ermächtigt, alle für not⸗ wendig erachteten Maßnahmen zu ergreifen, da Deutschland eine allgemeine Verfehlung begangen habe, so ist das ein juristisches Gutachten, das verewigt zu werden verdient. Mit derselben Begründung könnte Frankreich ganz Deutsch⸗ land besetzen. Der Kommentar des französischen Blattes ist so oberflächlich, daß es sich kaum noch bemüht, die Gewalt⸗ und Raubpolitik Frankreichs zu bemänteln.
Die bevorstehende Besetzung Mannheims?
Eine Meldung des Düsseldorser Korrespondenten des Newyork Herald besagt daß nach einer offiziellen französischen Mitteilung die Besetzung Mannheims bevorstehe. Die Besetzung würde nicht mehr lange auf sich warten lassen, da diese Stadt nach französischer An⸗ sichtein gefährlicher Agitationsmittelpunkt bilde.
Metzeleien i“ Oberstein.
Am Sonntag abend kam es in den Straßen Obersteins zu schwe⸗ ren Ausschreitungen der Besatzungstruppen. Soldaten mit aufge⸗ pflanztem Basonett gingen auf die wehrlose Menge vor und schlugen blindlings auf sie ein. Eine Zivilperson wurde durch Bafonettstiche erheblich verletzt, andere Personen wurden mit den Gewehrkolben niedergeschlagen. Die Erregung der Bevölkerung ist unge— heuer.— In der Nähe der Stadt wurde ein junges Mädchen von Marokkanern überfallen und vergewaltigt.— Montag Mittag wurden der Bürgermeister der Stadt, Berg é, und der städti⸗ sche Syndikus Schwarz ausgewiesen, weil sie angeblich nicht ge⸗ nligend dafür gesorgt hätten, diese Vorgänge in den Straßen zu unter-
Bahnhof und brachte dem scheidenden Bürgermeister Ovationen dar. Die städtischen Veamken sind in einen 24stündigen Prot est⸗ streik eingetreten.— Zwischen Oberstein und Idar ist eine mili⸗ tärische Kontrollstelle eingerichtet worden. Die vorbei⸗ fahrenden Autos und Straßenbahnen werden angehalten und durch⸗ sucht. Den Passanten werden ohne Grund größere Geldbeträge ab⸗ genommen. ö
Politische Uebersicht.
Schleunige Verabschiedung der Goldauleihe.
Ende dieser Woche wird sich der Reichstag wahrschein⸗ lich schon mit dem Gesetzentwurf über die Ausgabe einer Goldanleihe beschäftigen. Der Entwurf liegt zurzeit den Ländern zur Begutachtung vor. Sein Inhalt entspricht den bereits bekannten Tatsachen, d. h. er gibt der. Reichs⸗ regierung die Ermächtigung zur Beschaffung eines Devisen⸗ fonds in Höhe von 50 Millionen Dollar, betont in seiner Begründung, daß die Beträge nicht in Dollar allein, sondern auch in hochvalutarischen Devisen eingezahlt werden können, daß die Anleihe nach drei Jahren zurückgezahlt werden soll und der Zinssatz 6 Prozent beträgt. Markeinzahlungen kommen nicht in Frage. Da die Banken verpflichtet werden,
schließlich 25 Millionen Dollar zur Deckung durch die Be⸗ völkerung bezw. durch Handel, Industrie und Ausland.
* Ein neuer Anschlag gegen die Münchener Post.
In der Nacht vom Sonntag zum Montag wurden die Be⸗ wohner des Altheimerecks in München durch einen donnerähn⸗ lichen Knall geweckt. Zugleich 115 ein Schuß. Als heute früh die Fenster der Expedition der ünchener Post geöffnet wurden, stellte sich heraus, daß bei einem Fenster von der Straße herein⸗ geschossen worden war, gegen ein anderes Fenster scheint eine Handgranate geworfen worden zu sein. Ein anderes Fenster ist zerschlagen worden. Eine Untersuchung ist eingeleitet.
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200 Milliarden Nachzahlung für schon geliefertes Umlagegetreide.
Die gewaltige Erhöhung der Umlagepreise die von der agrar⸗ freundlichen Mehrheit des Ausschusses für Festsetzung des Umlage⸗ getreibepreises beschlossen worden ist, stellt sich, vein finanziell be⸗ trachtet. als ein großes Geschenk an die Agrarser dar, welches das Reich vergibt. ohne dafür eine Deckung in einem erhöhten Brotpreis zu haben. Es war mit Genugtuung vermerkt worden, als die Agrarier vor einigen Wochen vorläufig auf eine Festsetzung des Preises für das vierte Sechstel der Umlage verzichteten. Dle⸗ ser„großmütige Verzicht“ macht sich aber nach den neuesten Be⸗ schlüssen der Mehrheit des Preisausschusses jetzt glänzend bezahtt, da die neue Preiserhöhung von 165 000 auf 600 000 Mark für die Tonne Brotgetreide sich nicht etwa auf das letzte Drittel der Umlage bezieht, sondern nur das vierte und fünfte Sechstel be⸗ trifft. Die Preise sollen demnach auf das 3,63 sache des blsherigen Preisstandes heraufgesetzt werden. Da die Umlage 2½ Millionen Tonnen Brotgetreide der Reichsgetreidestelle zuführen soll— ein Drittel davon beträgt 833 333 Tonnen— ergibt die Nachzah⸗ lung 362499410000, oder, abgekürzt 302,5 Milliarden Mark. Rechnet man davon selbst noch die Ermäßigung der Um⸗ lagemenge in einzelnen Gebieten ab. die mit der Ernte besonders schlecht abgeschnitlen haben, so bleibt immer noch ein Betrag von rund 390 Milliarden Mark übrig. der mit dieser Preiserhöhung für Umlagegetreide den Landwirten ausgehändigt wird.
Das Wesentliche aber ist. daß ein großer Teil des Getveides, dessen Uebernahmepreis jetzt derart erhöht wird, längst zu Brot verarbeitet ist und zu dem fetzigen Brot⸗ preis verkauft wurde, der sich zur einen Hälfte auf dem alten Prcis des Umlagegetreides, zur anderen Hälfte auf einem Weltmarktpreis für srejes Getreide aufbaute, der ebenso wie der Dollarstand bedeutend niedriger war als heute. Der wesentliche Teil des' vierten und fünften Sechstels der Umlage dürfte also bereits in den Händen der Neichsgetreidestelle sein. Für diesen Teil des Brotgetrases muß jetzt eine Nachzahlung geleistet werden, die auf mindestens 200 Milliarden Mark zu beziffern ist und der nicht die geringste Einnahme der Reichsge⸗ treidestelle gegenübersteht, so daß das Reich sie durch einen un⸗ mittelbaren Zuschuß aufbringen muß.
Die Verbraucher haben im Preisausschuß bereits weitgehende Zugeständnisse machen müssen, um überhaupt eine Verständigung über die Preisfrage herbeizuführen und die übertriebenen An⸗ sprüche der Agrarier zu reduzieven. Der Erfolg üst trotzdem die gewaltige Erhöhung des Brotgetreidepreises zu Lasten der Steuer⸗ kasse. Da aber das Reich über Ueberschlsse nicht verfligt, sondern im Gegenteil eim auf Billionen zu bezifserndes Defizit hat, wird dheser Zuschuß durch die Nobenpresse aufgebracht. Die Noten⸗ presse aber ist für die große Masse des Volkes die schärfste in⸗ direkte Steuer, während sie die Sachwertbesitzer aber verschont.
Wir haben die Hilfsbereitschaft der Landwirtschaft, besonders soweit sie in freiwilligen Lebensmittellieferungen für das Ruhr⸗
binden. Eine gewaltige Messschenmenge umzfunke die Straßen am
50 Prozent der Goldanleihe zu übernehmen, verbleiben aus⸗
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gepfet zum Ausd rn anerkannt. Man verglesche aber den samten Getdertran der Ruhrspende und dazu noch den Wert für die Ruhrbevölkerung freiwillig gespendeten Lebensmittel dieser Summe von 200 bis 330 Milliarden Mark. Wan einem Schlage der Landwirtschaft zugewendet wird. Dann muß man zu der Erkenntnis kommen, daß die Landwirtschaft von dem Im een n angesehen wird als die kämpfende Ruhr bevölkerung. 1 f
Mit diefer Feststellung der Tatsachen wollen wir uns für heute begnügen. Wielleicht findet auch jetzt die agrarische Presse den Mut jene des„Dolchstoßes von hinten“ zu bezichtigen. denen durch die Landwirte der Brotkorb höher gehängt wird damit nach Herrn Havensteins kühler Aeußcrung die Banken den Landwirten wieder Kredit geben können. 7 z
Die hessische Forstverwaltung zur Brenn⸗ holzfrage. Genosse W. Widmann schreibt uns: 4 Der Landesvorstand der sozialdemokratischen Partei Hessen hat in einer die ganze Not des Volkes behandelnden Denkschrift vom 5. September 1922 an die hesstsche Regie rung u. a. auch die Brennholzversorgung zu einem mäßigen 5 für die Bevölkerung erschwinglichen Preis eingehend be⸗ 5 handelt. Dabei wurde besonders auf die Behauptungen von Einwohnern in woldreichen Gegenden liegender Gemeinden Bezug genommen, daß besonders die Standesherren viel weniger Holz als früher fällen lassen, um so den Preis recht hoch zu treiben und damit unter Schonung ihres Waldbe⸗ standes dieselben Einnahmen zu erzielen. Ferner wurde auf; die Tatsache verwiesen, daß in etwas abgelegenen Wäldern große Massen Leseholz und Tannäpfel verfaulen die, wenn sie durch die Bevölkerung gesammelt würden, wesentlich die Brennstoffnot lindern und den städtischen Verbrauchern größere Holzmengen zugeführt würden, außerdem daß nur noch Nutzholz und fast wenig Brennholz geschlagen werde. In einer„kleinen Anfrage“ habe ich die Forstverwaltung interpelliert, ob sie bereit ist, der Ermeren Bevölkerung 1 waldreichen Gegenden zu ermöglichen, mehr wie seither Holz lesen zu dürfen. Im Odenwald durfte nach mir gemachten Angaben nur wöchentlich 2 mal Holz gelesen werden und zwar nur soviel, was eine Personen tragen kann. Die Mit⸗ nahme eines Hand- oder Kuhwagens sei verboten. Tatsäch⸗ lich konnte ich mich auch davon überzeugen. daß in den Wäl⸗ dern der Kimbacher und n Gegend hinein ins Bayerische große Holzmengen, im besonderen auch die gut brennenden Tannäpfel zu Dungzwecken in großen Mengen 5 verfaulen. Würde der dortigen ärmeren Bevölkerung das 5 Lesen von Holz unbeschränkt unter Mitnahme eines Hand- oder Kuhwagens zum Transport des gelesenen Holzes ge⸗ stattet, dann brauchte die dortige Bevölkerung kaum noch Holz zu steigern und könnte dadurch viel mehr Brennholz für die Verbrauchergemeinden verfügbar gemacht werden. Am 12. Februar 1923 hat die Abteilung für Forst⸗ und, 5 Fameralverwaltung eine Antwort erteilt, die für weite, an der Brennholzfrage interessierte Kreise, im besonderen füße die Bewohner waldreicher Gegenden so wichtig ist, daß ich sie der Oeffentlichkeit zugänglich machen will. g Eine Umfrage bei den Privatforstverwaltungen hat das „Folgende ergeben: 1 0 1. Leseholz wird süberall da, wo tatsächlich 1 J herrscht, von der Bevölkerung ausgiebig gesammelt. In der Nähe der großen Städte sind die Bestände, wie n wird, geradezu wie„gefegt“ oder es ist„alles 4 8 ur in den stärker bewaldeten Landesteilen, in denen die Bevölkerung meist überreich mit Holzberechtigungen bedacht ist, oder wo die Wal⸗ dungen zu abgelegen sind, verbleibt Leseholz in den Beständen. Bei dem verhältnismäßig geringen Wert dieses Holzes im Ver⸗ gleich zu den hohen Kosten für Sammeln und Transport besteht jodoch keine Möglichkeit, es etwa der Bevölkerung in entfernt gelegenen Orten zuzuführen. 5 2. Das Sammeln des Leseholzes ist nicht. wie angenommen wird, wöchentlich nur an bestimmten Tagen gestattet. Bei wirk⸗ lichem Bedarf an Leseholz wird vielmehr dessen Nutzung außer an den beiden Leseholztagen auch an anderen Tagen still⸗ schweigend geduldet. So erfolgt z. B. die Leseholz ug in den Waldungen det Freiherrn von Riedelel, der Grafen von Erbach⸗Erbach und der Grafen von Leiningen ebenso wie bei noch anderen an sechs Tagen, 805 die ganze Woche hindurch. Dabei wird zugelassen, das Leseholz in Handwagen, mancherorts auch mit Gespannen nach Hause zu fahren. Dies ist z. B. in der Nähe von Offenbach in den Waldungen des Landgrafen von Hessen der Fall. Auch die Grafen von Leiningen erlauben an 3 Tagen mit Fuhrwerk Leseholz zu holen. Ebenso gestatten die Grafen von Erbach-Fürstenau den Minderbemittelten Leseholz 1 mit Kuhwagen nach Hause zu fahren. N 1 3. Das Sammeln von auf dem Boden liegenden dürren Tannzapfen ist nirgends verboten, sie werden jedoch nach den
Der Deserteur.
Noman von Robert Buchanan. Elftes Kapitel. Der Segen eines guten Menschen.
Etwa eine Woche nach der Ziehung der Nummern in St. Gurlott saß an einem hellen sonnigen Morgen eine selt— same Gruppe auf einer etwa zwanzig Meilen entfernten Wiese. In der Mitte der kleinen Anhöhe saß ein ältlicher Mann mit einem Buche in der Hand aus welchem er laut vorlas. Um ihn herum lagerten acht Personen; einige blickten ihn über die Schulter, andere kauerten, andächtig lauschend, zu seinen Füßen; ein kleines Bauernmädchen und ein noch kleinerer Junge standen mit offenem Munde vor ihm.
Der Vorleser war Meister Arfoll die ihn Umringenden seine Schüler. Der älteste, ein gutmütig aber dumm aus— sehender Bauer von fünfundzwanzig Jahren, lauschte mit weitaufgerissenen Augen und ofsenem Munde— die fleisch— gewordene Verkörperung Dummheit und Neugier. Neben ihm kauerte ein Jüngling von achtzehn Jahren mit glattgeschorenem Haar, der wie ein Seminarist aussah, in Wirklichkeit aber der Sohn eines Landmannes war. Zwei gesundheitstrotzende Backfische von vierzehn Jahren in bunten Kitteln und ungeheuren Hauben hatton ihren Platz rechts und links von Meister Arfoll, zu seinen Jüßen lagen zwei dicke Bauernbengel von zehn Jahren auf dem Bauche. Das kleine Geschwistervag⸗ stond. wie dereits erwähnt, vor ihm — die komischsten kleinen Gestaltsu, die man sich vorstellen kann. Sie trugen die kleidsame Nationaltracht, blickten aber so ernst darein, wie Großvater und Großmutter es in der
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Kirche taten. Klein⸗-Katel hielt sogar andächtig die Hände über ihre Brust gefaltet, während der Junge sie in den Hosen⸗ taschen vergrub, dafür aber die Beinchen weit auseinander⸗ spreizte.
Landeinwärts, da und dort zerstreut, Tannen umgeben, standen die Bauerngehöfte, zu denen die Schüler gehörten. Die grüne Wiese, auf der„die Schule“ abgehalten wurde, schloß sich an die mit Haidekraut und Ginster bewachsene große Ebene, die sich, von Weideplätzen unterbrochen, bis hinunter an das klippenumsäumte Meer ausdehnte. Von seinem erhöhten Platze aus konnte Arfoll die Küste überblicken. In weiter Ferner erhoben sich die bläulichen Vorgebirge, die milchweiße Brandung brach sich in der sandigen Bucht, das vom Winde gekräuselte Meer er— schien dunkelblau.
In nicht sehr großen Zwischenräumen erhob sich in der Ebene hier ein Menhir, dort ein Dolmen.(Dolmen, eine durch cinen großen Stein über zwei aufrechtstehenden ge— bildete Kammer, mit einer Oeffnung an der Seite.) Kaum zwanzig Meter von der„Schule“ entfernt, warf ein moos— bewachsener Dolmen seinen Schalten auf das Gras. Er war so hoch, daß ein erwachsener Mann zur Not darunter aufrecht stehen konnte.
Apfoll hielt plötzlich im Lesen inne und wandte sich lächelnd an das kleine Mädchen:„Wie wär's, Katel, wenn Du jetzt ein Verschen lelen wolltest?“
Die Kleine trat dicht zu ihm heran, steckte ihr Näschen tief ins Buch hinein es war das Neue Testament in modernfranzösischer Uebertragugn— und buchstabierte, mit den Augen dem Finger des Lehrers folgend. Nachdem sie, stotternd und hier und da in Dialekt verfallend, einen Vers
gelesen hatte, streichelte ihr der Lehrer das Köpfchen und
von schlanken
sagte:„Sehr brav, mein Kind!“ Katel errötete vor Ver. gnügen. Nun versuchte ihr Brüderchen mit weniger Geduld und Erfolg sein Glück. Sein Französisches war vollkommen un. verständlich. 5 „Nimm Dir Zeit, Robert!“ mahnte der Lehrer sanft. Aber obgleich sich Robert viel Zeit ließ, wollte die Geschichte doch nicht besser gehen. Das Knirpschen war schon dem Weinen nahe, als Arfoll den erwachsenen Bauer aufforderte, zu lesen. Der Aermste las noch schlechter als Klein-Robert. Seine Aussprache war einfach barbarisch und Worte, die mehr als zwei Silben enthielten, gingen über seine Kraft. Trotz alledem schien ihm das Lernen große Freude zu be⸗ reiten, denn er grinste gutmütig, wenn seine Mitschüler sich über seine Fehler lustig machten. 9 Das wäre eine Szene für einen Maler gewesen. Die Sonne beleuchtete hell die glückliche Gruppe, küßte das ab⸗ gehärmte Antlitz des Lehrers, warf tanzende Lichter auf die bunten Trachten der Mädchen und huschte über die große Ginsterheide. Dann und wann segelte eine weiße Seemöwe, die sich vom Meere hierher verirrt hatte, sanft über ihre Köpfe hinweg, und gerade über dem Dolmen erhob sich hoch und höher eine schmetternde Lerche. J 5 Arfoll nahm jetzt das alte, zerschlissene Buch wieder an sich, blätterte ein Weilchen darin und übersetzte dann das 14. Kapitel des Evangeliums Lucas frei in das melodische Brezoner. Die Schüler lauschten gespannt der Parabel von dem Manne, der das große Abendmahl gegeben. Das klang ja fast wie eine der Geschichten, die an Winterabenden in der Spinnstube erzählt wurden. Als er sie beendet h sagte er feierlich:„Kinder, laßt uns jetzt beten!“ a (Joxtletzung selgt,) 5


