11
.—.——ß
*
1808 Dawid Strauß,
f
3 Gemeinden im vergangenen
Gießen, Zamstag, den 27. Januar 1923.
Beilage zur Oberhessischen Volkszeitung Nr. 22
*
und Nachbargebiete.
Gießen und Umgebung. —— 2
Geschichtskalender.
5 27. Januar. 756 Komponist Wolfgang Mozart in Salzburg geboren. 775 Philofoph Schelling geboren.
8
Religionsphilosoph in Ludwigsburg geboren. 0 Gefange te Andreas Hofers im einer Alpenhütte. 814 Joh. Gottlieb Fichte gestorben. 878 Erster franz. Arbeiterkongreß nach der Kommune in Lyon. 28. Januar. 1521 Gröffnung des Reichstags in Worms, auf dem Luther seine 8
0 ehre verteidigte. a 5 1790 Die franz. Nationalversammlung verbrieft die Rechte der Juden. 4807 Friede zu Memel zwischen England und Preußen, letzteres ver⸗
Hannover. 1887 Volden inister Pulkamers Lockspitzeltreiben im Reichstage
1011 Reichsbanzler Bethmann⸗Hollweg wendet sich gegen das freie Wahlrecht in Preußen.
Finanzielles der Stadt Gießen.
Der Rechnungsabschluß der Stadtkasse für das Jahr 4920, der erst vor kurzem endgültig festgestellt werden konnte, zeigt noch ein ganz günstiges Bild, was für die folgenden Jahre vermutlich nicht zutreffen wird. In der Betriebs rechnung weist der Abschluß 19 209 668 Mk. in Einnahme auf und 19 146 797 Mk. in Aus gabe, so daß sich ein kleiner Ueberschuß von 62 870 Mk. ergibt. Der Voranschlag wurde sowohl in Einnahme wie in Aus⸗ gabe um annähernd zwei Millionen Mark überschritten.— In der Vermögensrechnung beträgt die Ein ⸗ nahme 20 695051 Mk., die Ausgabe 13 435 749 Mk., so daß ein Ueberschuß von 7 259 310 Mk. verbleibt.
Politische Kindereien.
Aus Anlaß der Besetzung des Ruhrgebiets sind ver⸗ schiedene Leute in gewaltige Ekstase geraten, manche haben offenbar den Kopf verloren. Traurig ist es schon, wenn sich Privatleute zu allerhand törichten Redereien gegen Aus⸗ länder hinreißen lassen, große Dummheit ist es aber, wenn Geschäftsleute, die doch immer nüchtern rechnen können, sich zu gewissen„Maßnahmen“ gegen„friedliche“ Ausländer hergeben. So wird aus München gemeldet, daß der Ver⸗ band Münchener Hotel⸗Restaurants und verwandter Be⸗ triebe beschlossen habe,„keine französischen und belgischen Gäste mehr aufzunehmen und keine Ver⸗ pflegung mehr an diese abzugeben, ebenso den Ausschank französischer Weine und Spirituosen einzustellen.“
Aehnliche Dummheiten werden aus anderen Städten zerichtet. Was glaubt man denn mit solchem Unsinn zu er⸗ reichen? Ein derartiger Boykott, durch den nur eine ohn⸗ mächtige Wut zum Ausdruck gebracht wird, könnte allenfalls dazu beitragen, daß man Deutschland in der Handelswelt noch mehr schneidet als bisher. Die Machtverhältnisse liegen doch einfach so, daß nicht die Ausländer durch einen deutschen
oykott, sondern wir durch einen ausländischen Boykott viel schwerer getroffen würden. Solche„nationalen“ Taten können uns also nur schädigen und deshalb sollten sich gerade Geschäftsleute von politischen Kindereien, die absolut keinen Sinn haben, frei halten.
Erhöhung der Wohnungsbauabgabe. Die Novelle zum Geset über die Erhebung einer Wohnungsbauabgabe ist jetzt dem Reichstag zugegangen. Nach dem Gesetz soll vom 1. Januar 1923 ab die Abgabe auf 750 Prozent des Friedenswertes der Wohnungen erhöht werden. Mindestens ebensohoch muß der Zuschlag der Gemeinden sein, so daß
ssich insgesamt ein Zuschlag von 1500 Prozent ergibt. Die Begründung, deren Zahlen allerdings durch die letzte starke Geldentwertung bereits wieder überholt sind, rechnet damit,
daß sich bei dieser Höhe der Wohnungsbauabgabe sowohl der
Vorschuß zurückerstatten lasse, den das Reich den Ländern
Jahre in der Höhe von acht Milliarden gewährt hat, wie daß sich außerdem 15000 neue Wohnungen errichten ließen. a g
1— Zur Lernmittelfreiheit in den Schulen. Die Stadt- verordneten⸗Versammlung in Leipzig hat beschlossen, daß in den Volksschulen alle Schreibhefte und Schreib⸗ materialien unentgeltlich abgegeben, gedruckte Bücher an Bedürftige aber leihweise überlassen werden. Für bedürftige Schüler und Schülerinnen höherer Lehranstalten
ist die unentgeltliche Abgabe von Schreibbüchern und Schreibmaterialien sowie die leihweise Ueberlassung ge⸗
druckter Bücher vorgesehen. Dieser Beschluß bedarf noch der Zustimmung des Rates, die wahrscheinlich nicht versagt wer⸗ den wird. a — Die vierte Klasse im Eisenbahnverkehr. Verschiedene Ver⸗ besserungen in Bezug auf das Reisen in 4. Klasse stehen in Aus⸗ icht. Der Bund Deutscher Verkehrsvereine hatte eine Reihe Ein⸗ gaben an das Reichsverlehrsministerxium gerichtet, die nach⸗ stehende Erfolge gezeitigt haben: Der Vermehrung der Sagen 4. Klasse soll den veränderten wirtschaftlichen Ver⸗ a 1 1 entsprechend weitgehend Rechnung getragen werden, so ß die Personenzüge zukünftig in ausreichender Weise mit lichen Wagen ausgerüslet sind. Die Zahl der beschleunigten ersonenzüge soll nach Möglichkeit vermehrt werden, auch
ollen durch Umgestaltung der Fahrpläne die bestehenden Per⸗ sonenzuge in günstige, auf lange Strecken durchgehende Ver⸗ bindungen mit 4. Wagenklasse umgestaltet wenden. Etwafge
Wünsche wegen solcher Zusammenschlüsse sollen den Direktionen übermittelt werden.
— Gefährliche Jungenstreiche. — beobachten, daß von Jugendlichen allerlei Unfug getrieben wird
meist nehmen auch erwachsene Mitreisende keine Veranlassung. dagegen einzuschreiten. Dieser Tage ereignete sich durch derartige Spielerei zwischen Laubenheim und Mainz ein schwerer Unfall. Ein junger Bursche kletterte auf der Fahrt von W'elsenau nach Mainz
Man kann öfter auf der Eisen⸗
beteiligten
von der Plattform hinauf auf das Wagendach und stellte sich dort in die Höhe. In diesem Moment fuhr der Zug durch die Eisenbahn⸗ brlicke, der junge 19jährige Bursche wurde auf das Dach des Wagens geschleudert und blieb bewußtlos liegen. Auf dem Slüdbahnhof wurde er von dem Dache heruntergeholt und ins städtische Krankenhaus ge⸗ bracht, wo eine Schädelverletzung festgestellt wurde.— Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß sehr oft beim Einfahren der Züge in die Station die Abteiltüren geöffnet werden, ehe der Zug hält. Auch dadurch sind schon viele Unfälle entstanden.
— Wegen des Rodelns weist das Polizeiamt Gießen auf eine Verordnung des Kreisamtes hin, in der u. a. gesagt ist:„Auf allen Rodelbahnen im Kreise Gießen dürfen nur Rodelschlitten. die mit höchstens zwei Personen besetzt sind. benutzt werden. Bobsleighs sind unbedingt ausgeschlossen. Ebenso ist das Anein⸗ anderhängen mehrerer und das Benutzen schadhaster Rodelschlitten verboten. Das Robeln auf sämtlichengreisstraßen des Kreises, sowie des Kreuzen chaussierter Fahrbahnen mit Rodelschlitten ist verboten. Innerhalb der Stadt Gießen und der Ort⸗ schaften des Kreises ist das Rodeln auf öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen insbesondere auf deren Fußsteigen. gänzlich
verboten.
Vom„Patriotismus“ der Getreidewucherer. Die Leipziger Neuesten Nachrichten ließen sich am Dienstag vom Berliner Pro⸗ duktenmarkt melden:„Die scharfe Devisensteigerung hat den Pro⸗ duktenmark in erhebliche Aufregung versetzt. Die Provinz hält mit Angebot zurück, die Ppeise stiegen unter ver⸗ mehrter Kauflust Weizen und Roggen konnten wegen der Ge⸗ ringfügigleit des Angebots nur wenig umgesetzt werden. Aehn⸗ lich war es bei Gerste der Fall. Dagegen wurde Hafer plötzlich sehr lebhaft gehandelt. weil der Westen stark als Käufer auftritt.“ Die deutschen Agrarier halten also das Ge⸗ treide das für die deutsche Bevölkerung bestimmt ist. zurück, um die Teueruna noch weiter zu verschärfen, und um ihre Ge⸗ winne noch mehr zu steigern. Dagegen wird Hafer abgesetzt, weil der vom Westen. das heißt von, der französischen Be⸗ satzung für die Kavalleriepserde stark verlangt wird. Kohlen er⸗ halten die Franzosen nicht. aber Vieh. Hafer ukw. wird ihnen gern von deutschen Agrariern und Händlern geliefert. Und wenn diese Gesellschaft den hohen Profit in der Tasche hat, singt sie beim Selt:„Sieareich wollen wir Frankreich schlagen.“
— In der Gemälde⸗Ausstellung des Kunstvereins im Turmhause am Brand sind eine Sammlung von Werken des Süddeurschen Illustratoren⸗Bundes Münchener Künstler ausge⸗ stellt. Darunter befinden sich Aquarelle, Radierungen und Zeichnungen. Eine Reihe einheimischex Künstler sind mit sehr guten Arbeiten vertreten.— Die Austellung ist von 11 bis 1 Uhr geöffnet. Nichtmitglieder zahlen 10 Mk. Eintritt.
— Stadttheater Gießen. Am morgigen Sonntag kommt nachmittags das Lustsptel„Dir Lam burger Filiale“ zur Aufflihrung; abends wird die Operette„Das Schwarz⸗ wald mädel“ gegeben.
— Das Leseholzsammeln ist in den im Gange befindlichen Schlägen des Stadtwaldes verboten, worauf in einer Bekannt⸗ machung des Oberbürgermeisters aufmerksam gemacht wird. Auf die im heutigen Blatte enthaltene Bekanntmachung sei hingewiesen.
Kreis Schotten.
e. Laubach. Die für Sonntag, den 28. Januar angesagte Gemeindevectreter⸗ Konferenz findet nicht um 11 Uhr vormittags, sondern um 1 Uhr nachmittags statt. Die Genossen wollen sich um diese Zeit pünktlich einfinden.
b. Bobenhausen II. In einer in der Nähe unseres Ortes ge⸗ legenen Mühle stahlen zwei Burschen am hellen Tag 2 Jago⸗ gewehre von hohem Wert. Einen dieser Diebe hat man verhaftet. der andere ist jedoch durchgebrannt. Die Gewehre konnten dem Eigentümer wieder zugestellt werden.
„eis wehlar.
2 Ein Eisenbahner soll-nicht Schöffe ein? Der Weichen⸗ wärter Karl Cloos aus Aßlar war zum Schöffen am Schöffen⸗ gericht in Wetzlar vorgeschlagen worden. Dieser Tage erhielt er von dem genannten Gericht die Mitteilung, daß die Reichs⸗ bahndircktion in Frankfurt den Antrag gestellt habe, ihn von dem Amt eines Schöfsen zu entbinden. Dem Antrag wurde stattge⸗ geben und er darf deshalb als Schöfse nicht amtieren. Aus Eisenbahnerkreisen wird hierzu geschrieben: Es wäre doch in⸗ teressant, den Grund zu diesem Vorgehen der Eisenbahndirektion zu erfahren. Glaubt diese Behörde vielleicht, da augenblicklich die rein bürgerliche Regierung Cuno am Ruder ist, den Zeitpunkt für gekommen, in dem die Beamten der Reichsbahn wieder wie im wilhelminischen Zeitalter, von der Teilnahme an derartigen Ehrenämtern ausgeschlossen werden dürfen? Sie wurde an einem derartigen Vorgehen wenjo Freude erleben, denn die Beamten⸗ schaft läßt sich heute nicht mehr in die alte Knechtschaft zucück⸗ drängen.&
Von Nah und Fern.
Ein Köpenickstreich. Jm Hotel zur alten Post in Rennerod(Vesterwald) stieg vor einigen. Tagen ein Herr ab der sich als Holzauskäufer aus der
Schweiz ausgab und für den Festmeter 100 000 Mark bot. Ueber⸗
all fand er bereitwelliges Entgegenkommen. In freigebiger Weise spendierte er seinen Gästen in seinem Hotel das Schönste und Beste, was Küche und Keller boten. Dem Rennerodex Gesang⸗ verein stellte er eine Spende von 10 000 Mark in Aussicht, dem Schwesternhaus eine solche von 15 000 Mark So hatte er in kurzer Zeit für etwa 12—15 Millionen Mark Holz aufgekauft. Kurz: Die Herzen aller flogen dem spendablen Schweizermann nur so zu. Bereitwilliast steklte man ihm Fuhrwerke für Reisen in die Umgebung zur Verftiaung und gab ihm auch— Kredit den er gern annahm. Eines Tages wax der Mann verschwunden, ohne daß er seine mehrere hunderttausend Mark betragende Hotel⸗ rechnung und andere kleine Schulden beglichen hatte. Nur einen Koffer hatte der Mann zurückgelassen und der barg nur Papier⸗ fetzen und einen Ausweis die auf einen seit langem beschäftigungs⸗ lofen Schustersmann lauteten. Bis jetzt konnte man eine Spur dieses modernen Köpenickiauers nicht entdecken. Millionen⸗Platinfund in Gelnhausen.
Auf dem Schuttplatze, auf dem uun seit einem halben Jahre
Platin gesucht und für Millionen gefunden wunde, gelang es nun
einer Frau, einen Schatz im wahren Sinne des Wortes zu be
1 zusuch-Epidemie war schon bereits abgeflaut, nach neuen feldern Umschau gehalten worden, als ein eifriger Platin die Idee bekam, auf einem neu aufgeschütteten Wege, auf den au vermeintlich vom damaligen Brandherd Schutt hinge-
schafft wurde, zu suchen. Selbstverständlich fand die Stadt keinen Gefallen daran, einen Feldweg von Grund auf zu durchwühlen, aber die Menge der Platinsuchenden wurde immer größer, so daß bie Stadt auch den Weg zum Platinsuchen freigab, gegen ein täg⸗ Entgelt von 500 Mark per Sucher, was, aluch anstandslos be⸗ aber es sand sich kein Platin, das Suchen war ver⸗ hatten sich die Platin-Leutchen wieder ihres alten Platzes bemächtigt, diesmal wieder mit neuem Eifer, zumal es ruchbar wurde, daß noch einige Spulen Platin im Schutt liegen müssen, die damals beim Fabrikbrand mit umgekommen sind. Und richtig, im Bauschutt, an dem die meisten der Suchenden halt machten, ließ die Frau sich häuslich nieder und f 00 Gramm Platin, für die derselben am Fändplatze gleich—.— 1
—
lich zahlt wurde, gebens. Nun
Aufkäufer, die immer am Platinfelde zur Hand sind, um dem Schnellentschlossenen seinen Fund abzulaufen, 10 Millionen Mark geboten wurde, doch nahm dieselbe ihren Fund mit nach Hause. Na, brauchen wird sie's auch können.
Gaunerstreich.
Unter dem Vorwande sie müßten eine Heussuchung nach ver⸗ borgenen Wassen vornehmen erschienen in Königstein i. T. dieser Tage in früher Morgenstunde in der Wohnung des Küsters Frankenbach zwei Herren. Sie durchsuchten das Haus. Später machten die allein anwefend gewesenen Frauen des Hauses die Entdeckung, daß die im Erdgeschoß aufbewahrten Kirchengeräte von erheblichem Werte gestohlen worden waren.
Bingen, 25. Jan. Die Stadt ohne Wasser. Bei der Hin⸗ denburgbrücke nahe Gaulsheim ist das Hauptrohr der Bingener Wasserleitung gebrochen. Die Stadt ist in der schwierigsten Lage. Es dürften Tage vergehen, ehe die Bürgerschaft wieder ordnungsmäßig mit Wasser versorgt werden kann.
Einen schlimmen Ausgang nahm ein Veteranenfest in Ahornis(Oberfr.). Zwei krakeelende Teilnehmer, die Hausweber Köhler und Schatz, wurden vom Gast⸗ wirt so kräftig an die Luft befördert, daß Köhler das Genick brach und tot liegen blieb, während Schatz einen Schädelbcuch erlitt. Das Weib.
Eine urfidele Antwort hat in einer altbayerischen Schule ein Knirps vom zweiten Schuljahr gegeben. Als der Lehrer, die biblische Geschichte repetierend, fragte:„Warum hat denn Gott bei der Schöpfung zuletzt die Eva erschaffen?“ antwortete der Zierer Michl prompt und sicher:„Weils eahn(nämlich Gott) sunst allweil drein⸗ g'redt hätt!“
Geldsammlungsschwindel. Ein planmäßiger Sammelschwindel, dessen Tragweite noch nicht zu übersehen ist, wurde in Groß⸗Berlin vom zwei jungen Männern betrieben die sich für Studenten aus⸗ gaben. Die beiden die sich Reichenberg und Richter nannten, suchten seit Monaten Großhandlungen und Industriebetriebe auf und baten die Inhaber oder Vertreter um einen Beitrag für die „Akademikerkilfe zugunsten notleidender Studenten. Sie kamen stets in Band und Mütze, legten eine Liste vor, auf der schon erhebliche Beiträge gezeichnet waren und fanden überall Vertrauen. Die Angesprochenen überzeugten sich aus der Liste, daß ihnen bekannte Geschäftsleute tatsächlich Beträge bis zu Jetzt ist es den Beamten gelungen, einen der
Namen der Witwe die von seinem Treiben nicht die gecingste Ahnung hatte. Auf Richter aus Altona wird noch gesabndet.
—
Arbeitsrecht, Gewerkscha tliches, Arbeiterbewegung.
Schlichtungsausschuß der Provinz Oberhessen in Gießen. Verhandlung am 25. Januar 1923.
In der Lohnstreitigkeit der Gießener Tonwerke einig⸗ ten sich die Streitteile vor der Verhandlung.
Die Freiherrlich Riedeselsche Ziegelei in Angers⸗ bach soll vom 15. Januar an die Betriebsarbeiter, die sie mit Vorbereitungsarbeiten für die Produktion und bei der Errichtung der Trockenanlage beschäftigt, nach dem Tarif der Gießener Ton⸗ werke entlohnen, also die Arbeiter über 21 Jahren mit 495 Mk. Stundenlohn. In den vorhergehenden Monaten erhielten die Ar⸗ beiter über 19 Jahren die Gießener Spitzenlohn. Der Bau⸗ arbeiterverband erkannte den Schiedsspruch an. Die Riedeselsche Verwaltung erhielt eine Woche Erklärungsfrist.
Die Zahnfabrik Germania in Bad⸗ Nauheim soll vom 15. Januar an die Dezemberlöhne ihrer Arbeiterinnen um 60 v. H. erhöhen. Die Streitteile erhielten eine Er⸗
klärungsfrist.
Der Deutsche Metallarbeiterverband und die Fried⸗ 5 berger Vereinigung der Instaslationsfirmen einigten sich für den Jannar wie in den vorhergegangenen Mo⸗ naten auf die Lohnsätze der Metallindustrie.
Schiedsspruch im Versicherungsgewerbe.
Die mehrwöchigen Verhandlungen mit dem Arbeit⸗ geberberband deutscher Versicherungsunternehmungen über einen neuen Reichstarif 1923 waren ergebnislos verlaufen,
weil der Arbeitgeberverband die bisherigen allgemeinen Tarifbestimmungen in unerhörter Weise verschlechtern wollte. Ein im Reichsarbeitsministerium gebildeter
Sri
Schlichtungsausschuß hat nun am 20. Januar in dieser Streitsache einen einstimmigen Schiedsspruch gefällt. Die vom Arbeitgeberverband verlangte unterschiedliche Be⸗ zahlung nach Versicherungszweigen, eine Verlängerung der Arbeitszeit und eine Verschlechterung der Urlaubs- Bestimumngen wurden abgelehnt. Verschiedene Verbesse⸗ rungsanträge des Zentralverbandes der Angestellten sind berücksichtigt worden: so sollen u. a. die getrennten Tarife für Direktionsangestellte und Angestellten-General⸗ agenturen künftig in Wegfall kommen; der Gehaltsabschlag bei weiblichen Angestellten wurde abgebaut und die Gehalts- staffel um 5 Jahre verkürzt. Die Gehatter sollen künftig allmonatlich zentral festgesetzt werden. Die Parteien haben sich bis zum 25. Januar über Annahme oder Ablehnung des Schiedsspruches zu erklären. Zurzeit unterliegt der Schieds- spruch der Abstimmung durch die Versicherungsangestellten. Die Zuständigkeit der Gewerbe- und Kaufmannsgerichte.
Die Zuständigkeitsgrenze für Angestellte bei den Ge⸗ werbe- und Kaufmannsgerichten liegt nach einem Beschluß des Reichstages vom November v. Is. immer noch bei 840 000 Mark Jahresgehalt. Trotz mehrfacher Eingaben der Afa-Verbände war das Reichsarbeitsministeruum bis⸗ her nicht zu bewegen, eine Erhöhung dieser Grenze vorzu- nehmen. Da der weitaus größte Teil der Angestellten bereits mehr als 70000 Mk. im Monat an Gehalt bezieht, ist für diesen Teil die Zuständigkeit der Gewerbe- und Kauf- mannsgerichte nicht mehr gegeben. Diese Angestellten müssen sich nötigenfalls an die ordentlichen Gerichte wenden; damit geht ihnen jedoch die billige, sowie schnelle und soziale Rechtsprechung der Kaufmanns und Gewerbegerichte ver-
loren. Wenn sich das Reichsarbeitsministerium nicht bald entschließt, dem Reichstage emen entsprechenden Gesetz⸗
entwurf zuzustellen, wird dieser selbst die Initiative dazv ergreisen müssen.
Stand des Dollars gestern mittag 12 Uhr: 23 00 ME.


