Ausgabe 
27.1.1923
 
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der oberste Delegierte der Hohen inkeralltierken Rheinland⸗ kommission der Provinz Rheinhessen das Verbot der Mainzer Volkszeitung für eine Dauer von drei Tagen vom 25. Januar

1923 ab aus. Zwischenfälle in Mainz.

Unmittelbar im Anschluß an die Gerichts verhandlung wurde Dr. Schlutius und Geheimrat Raiffeisen mitgeteilt daß sie aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen seien und es sofort zu verlassen hätten. Sie wurden alsdann durch zehn Kriminal⸗ beamte über die Grenze des besetzten Gebietes nach Darmstadt ab⸗ geschoben. Mitten auf der Straße zwischen Griesheim und Darmstadt wurden sie ausgesetzt. 2 1

Die Kundgebungen in den Straßen von Mainz nahmen ihren

gang. Von den Franzosen wurden Artillerieabteilungen aufge⸗

ten, um die Demonstranten zu zerstreuen. Die Vorgänge veran⸗ laßten den Mainzer Korrespondenten des Echo de Paris zu folgender Tatarennachricht:Spät in der Nacht drangen Deutsche in das Hotel Holland ein wo eine größere Anzahl französischer Offiziere wohnt. Sie zwangen die Musikkapelle, sich auf die Straße zu begeben und Deutschland. Deutschland über alles zu spielen. Französische Panzeran tos wurden gegenüber dem Hauptquartier aufgestellt.

Im Anschluß an die Verdrängung der Menschenmenge vor dem Zentralhotel, wo die verurteilten Zechenvertreter abgestzegen waren. durch französische Kavallerie kam es zu einzelnen Zusam⸗ menstößen zwischen dieser und Teilnehmern an der Kundgebung. Mehrere Personen sollen verhaftet worden sein. Kavalleriepartrouil⸗ len durchzogen während der ganzen Nacht die einzelnen Stadtteile. Der Platzkommandant der französischen Truppen in Mainz gibt durch Maueranschlag bekannt, daß infolge der Vorgänge der Polizeipräsident der französischen Militärbehörde unterstellt wor⸗

den sei, und daß die Truppen Befehl erhalten hätten, eventuell von der Waffe Gebrauch zu machen.

Sturm auf ein Dortenblatt.

Da in Koblenz in der Nacht zum Donnerstag mit der Aus⸗ srufung der Rheinischen Republik gerechnei wurde, hatte die Poli⸗ zei umfangreiche Vorsichtsmaßregeln getroffen, und die öffent⸗ lichen Gebäude besetzt. Um Mitternacht sammelten sich große Menschenmassen vor dem Gebäude des Dortenblattes, Der Rhein⸗ länder, und stürmten es. Auch die Druckerei wurde verwüstet.

Immer neue Ausweisungen.

Wie aus Koblenz gemeldet wird, sind von den französischen Besatzungsbehörden folgende Ausweisungen von Beamten aus dem tzten Gebiet wegen Verstoßes gegen die Rheinland⸗Ordonnanzen 132 bis 1235 verfügt worden: Regierungspräsident Rombach⸗ Aachen, Oberregterungsrat Geschen⸗-Aachen.(Die Familien müssen innerhalb 8 Tagen das besetzte Gebiet verlassen.) Kreisschulrat Bachmann⸗Kreuznach, Bürgermeister Meyer⸗Langenlonsheim, Schul⸗ rat Weiler⸗Neuß, Schulrat Emmer⸗Cleve, Forstrat Haste⸗Cleve, Forstrat Aschenbrunn⸗Cleve. Die Jamilien müssen innerhalb Tagen das besetzte Gebiet verlassen haben.

Neuer Millionenraub der Franzosen. Die Franzosen haben in Dortmund 300 Millionen Mark, welche on der Dortmunder Union aus der Reichsbank geholt wurden, beschlagnahmt. Die Reichsbank hat daraufhin ihre Schalter ge⸗ 845, Sämtliche Dortmunder Banken find diesem Beispiel efo

Verhaftung des Leiters des Ein⸗ und Ausfuhr amts in Ems.

Die Ae Vesatzungsbehörde hat den Leiter des deutschen us⸗ und Einsubramts in VBad⸗Ems verhaftet. Die deutsche Re⸗ erung wird alle Zokämter anweisen, vom morgigen Tage ab ls Gegenmaßnahme alle aus Ems datierten Aus fuhrbewilligungen

ungültig anzusehen.

Eigenartige Methoden.

Franzosen wollen jetzt die Frauen durch Drohungen ein⸗ schüchtern. So haben sie von der Frau eines verhafteten Ober⸗ regierungsrates die Liste aller Beamten verlangt, die in dem Amt ihres Mannes beschäftigt sind. Dieses Ersuchen wurde mit den

rten abgelehnt, die Namen seien ihr nicht bekannt. Wären sie auch bekannt, so würde sie sie nicht angeben. Verhaftet wurde der Zollrat Rosenbrock vom Hauptzollamt Düren, der sich ständig geweigert hatte, Kohlenzüge nach Belgien abzufertigen.

Ausweisungen und Proteststreik in Trier. Verhäugung des Belagerungszustandes.

In Trier wurden von den verschiedensten Verwaltungen 10 höhere Beamte ausgewiesen, ohne daß ihnen eine Frist gegeben wurde. Alle mit einer Ausnahme sind geborene Rheinländer. Aus diesem Anlaß traten mittags 12 Uhr sämtliche Arbeiter und 9 in einen Proteststreik. Die Straßen waren überfüllt und infolge des Streiks abends unbeleuchtet. In der Dunkelheit erschienen sranzösische Kavalleriepatrouillen des in Trier unter⸗ gebrachten Spaähiregiments. Wenn an einer Stelle die Volks⸗ menge der französischen Kavallerie auswich. sammelte sie sich im nächsten Moment an der übernächsten Straßenecke. Die Folge war

die Verhängung des Belagerungszustandes. Von abends 9 Uhr bis

morgens um 7 Uhr darf keine Zivilperson die Straße beireten.

Die Verkehrsanstalten haben ben Betrieb vollständig eingestellt. Ein englisches Urteil.

Der Sonderkorrespondent des Manchester Guardian in Essen hat seinem Blatte in London gedrahtet: Der erste Kampf um die Herrschaft des großen Industrisgebiets ist von den Franzosen ver⸗ loren worden. Es besteht gar kein Zweifel über die Vollständig⸗ keit des deutschen Sieges. Jeder Versuch, den die Franzosen ge⸗ macht haben, um die Betriebe zu erfassen, hat versagt. Nicht nur haben die Franzosen nichs erreicht. sondern sie haben die Repa⸗ rationslieferungen von 14 Tagen verloren.

Zunehmende Schwierigkeiten in der lothringischen Eisenindustrie.

Das große Stahlwerk Hagendingen, das früher einen täglichen Koksbedarf von 2000 Tonnen hatte, hat die Entgegennahme weiterer Aufträge abgelehnt, da wegen Mangel an Kokszufuhren starke Be⸗ triebsstörungen eingetreten sind. Das Werk hat bereits begonnen, einen Teil seiner Hochöfen abzudämpfen.

KMnuebelung der rheinischen Presse.

Die Presse in dem von Frankreich und Belgien besetzten Gebiet hat von den einzelnen Delegierten Zuschriften erhalten, in denen ge⸗ sagt wird, daß

1. alle mittelbaren oder unmittelbaren Angriffe in der Presse gegen die Rheinlandkommission verboten seien,

2. daß scharfe und gehässige deutsche Proteste und dergl., auch amtliche Noten gegen die Ruhrbesetzung nicht abgedruckt werden dürfen,

3. scharfe Kommentare[Reden von Abgeorducten, Pressestim⸗ men usw.) zu Maßnahmen der Besatzungsbehörden und der Rhein⸗ laudkommission untersagt seien.

4. mißfällige Bemerkungen zur Ruhrbesetzung zu unterbleiben hätten,

75 Zuwiderhandlungen außer den in den Verordnungen der Nheinlandkommission vorgesehenen Maßnahmen des Verbots und der Beschlagnahme wegen der besonderen Zeitumstände eine so⸗ sortige Anklage des verantwortlichen Redakteurs vor dem zustän⸗ digen Kriegsgericht nach sich zögen.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 25. Januar.

Präsident Löbe eröffnet die Sitzung um 2,20 Uhr und gibt einige Kundgebungen bekannt, die anläßlich der Besetzung des Ruhrgebiets beim Reichstag eingegangen sind.

Das deutsch⸗amerikanische Abkommen vom 10. August 1922, das die Anspeüche amerikanischer Vürger aus den Kriegsjahren regelt wird ohne Aussprache angenommen. Ebenfalls angenom⸗ men wird ein Gesetzentwurf über die Aenderung von Schiffspfand⸗ rechten in ausländische Währung. Es jolgt die erste Lesung des

Reichs haus haltsplans für 1923.

Reichsfinanzminsster Dr. Heemes weist auf die Schwierig⸗ keit der Zeit hin, den Stand der Mark und die Rheinlangpolitik der Frauzosen. beren Ziel die Loslösung der Rheinlande vom Reich ist, und fährt bann fort:

Die Veraaschlagung hat bereits in den Monaten August und September 1922 statigefunden. also unter völlta anderen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen als heute. Nicht berücksichtigt

sind namenlich die Erböhungen der Bezüge der Reichsbediensteten

nach dem 15. November, auch nicht die Zuschüsse des Staates und der Gemeinden, die sich aus diesen Erhöhungen ergeben, die der Entwurf zur Aenderung des Landessteuergesetzes neuerlich in Aussicht nimmt. Auf der Einnahmeseite sind nicht veranschlagt die Mehrerträge aus Steuern infolge der weiteren Geldentwertung und die Mehrerträge aus den erhöhten Post⸗, Telegraphen⸗ und Ferusprechgebühren sowie der Eisenbahntarife. Endlich sind die Ausgleichsfonds der allgemeinen Reichsverwaltung, der Betriebs⸗ vecwaltungen und des Haushalts zur Ausführung des Friedens⸗ vertrages nicht so dotiert. dan sie den bei der jetzigen Preislage entstehenden Geldbedarf decken. Durch eine Umarbeitung des Vor⸗ anschlags würde aber die Regierung auch keine bessere Grundlage für die Finanzgebarung gewlunen können, weil jeder neue Vor⸗ anschlag im Augenblick selner Fertigstellung bereits wieder über⸗ holt gewesen wäre. Vielleicht gelingt es der Eiseubahn, das Gleich⸗ gewicht beim außerordentlichen Haushalt aufrechtzuerhalten, aber auch das ist nicht sicher.

Der Minister weift darauf hin, daß infolge der Lieferungen von Reparationskohlen im verflossenen Jahre zur Aufrecht⸗ erhaltung des Eisenbahnbetriehs allein 700 Milliarden Mark für den Bezug engliscker Kohle ausgegeben werden mußten.

Der Minister weist dann nach, daß durch die Ruhrbesetzung und durch die daburch bedingte neue Entwertung der Mark auch unsere schwebende Schuld stark wächst. Der Gewaltakt an der Ruhr stört unser Finanzwesen in einem Maße, das heute noch gar nicht abzusehen ist. Der Versuch der Besatzungsarmeen die Kohlen⸗ steuer und die deutschen Zölle an sich zu bringen, wird von uns mit allen Mitteln bekämpft. Groß sind vor allem die Leiden der Bewohner des Ruhraebietes. Die Lebensmittel werden beschlag⸗ ren ee eee ee

Der Deserteur. a

Roman von Robert Buchanan.

Marcelle, ist es denn nicht sicher?!

Vielleicht ja; aber wer kann wissen, was die Zukunft birgt?

Du liebst mich doch, Marcelle?

Ich liebe Dich, Rohan! sagte sie feierlich.

Dann kann uns nichts als Gott trennen, und der ist gut und gerecht.

Während dieses Gespräches hatten sie das grüne Plateau durchschritten und sich einem Felsen genahert, der wie ein lebender Riese die ganze Umgebung beherrschte und über ragte. Es war ein so ungeheurer Menhir, daß man ver⸗ gebens dorüber grübelte, wie es möglich gewesen war, ihn hierher zu versetzen. Er überschaute die Seeküste gleich einem erloschenen Leuchtturm. Aus seinem furchtbaren Herzen dürfte wohl noch nie ein Lichtstrahl gedrungen sein. Auf seiner Spitze war ein eisernes Kreuz angebracht, das von dem Unrat der Seevögel wie mit Schnee überschüttet schien; dieselbe Art Schnee tropfte verhartet von allen Seiten herab und gab ihm das Aussehen eines bärligen Druiden gottes im Urwald.

Das Kreuz war modern ein Zeichen des neuen Glaubens aber der Menhir blieb unverändert und starrte wie ein ewiges Wesen ruhig über das Meer hinweg. Er stand seit Jahrhunderten hier seit wie vielen, weiß kein Mensch; aber wenige bezweifeln, daß er in undenklicher, sagenhafter Zeit errichtet worden war, als es vielleicht noch gar kein Meer, sondern nur Urwald hier gab. Alles, alles hatte sich geändert, Berge sind zerbröckelt, Wälder wegge schwemmt worden, unzähliger Generationen gekommen und gegangen, das Meer ist langsam herangekrochen, alles zer Härend das Gesicht der Landübaft verändernd, aber der

Menhir hat alles überdauert und wartet ruhig der Zeit, da das Meer sich seinen Weg bis zu ihm bahnen und auch ihn verschlingen wird, wie die Ewigkeit einen Tautropfen ver⸗ schlingt. Er hat allen Elementen dem Wind, Regen, Schnee, sogar dem Erdbeben getrotzt. Nur das Meer wird ihn überwinden.

Als sich die Verliebten dem Menhir näherten, flog ein schwarzer Habicht, der auf dem Kreuze gesessen, hoch in die Lüfte und senkte sich dann pfeilschnell in den Abgrund hinab.

Ich habe Meister Arfoll oft sagen hören, daß dieser große Stein hier wie ein Riese aus alter Zeit aussieht, der, weil er Menschenblut vergossen, in seine jetzige Gestalt ver⸗ wandelt wurde, bemerkte Rohan nachdenklich.Mich er⸗ innert er eher an Lots Weib.

Wer ist das? Der Name kommt in unserer Gegend nicht vor.

Marcelle war ganz ungebildet und kannte nicht einmal die Bibel. Gleich allen Bauern jener Gegend holte sie ihre Wissenschaft von den Lippen des Priesters und den Heiligenbildern. In vielen katholischen Gegenden Frank- reichs ist die Bibel ein ganz unbekanntes Buch.

Rohan wunderte sich über die Unkenntnis seiner Be gleiterin nicht waren doch seine eigenen Bibelkenntnisse nur oberflächlich erzählte ihr vielmehr mit ernster Miene: Lots Weib floh aus einer Stadt, wo es lauter böse Menschen gab, und Gott verbot ihr, sich umzukehren; aber da alle Weiber neugierig sind, brach sie Gottes Verbot, und zur Strafe verwandelte er sie in einen Stein wie diesen, nur war er aus Salz. Das ist die Geschichte von Lots Weib.

Sie muß ein schlechtes Weib gewesen sein, aber die Strafe war doch zu hart.

Ich teile Meister Arfolls Ansicht, daß dieser Stein einst gelebt haben müsse. Sieh mal Marcelle, sieht er nicht aus wie ein Ungeheuer mit weißem Bart?

Gott behüte! rief Marcelle, sich rasch bekreuzigend.

(Fortietung. jolat.]

nahmt. und die Leiden der Bevölkerung werden immer grö ichwieciger. Erfreulich ist bier die Hilssbereilschaft im Deutschen Reiche. Die Not der Zeit zwingt das ganze d Volk zur Enthaltsamkeit und zur Einschränkung aller Lux gaben. Der Ministex stellt in dieser Hinsicht einen 1 in Aussicht. Jetzt ist es mehr als je unmöglich, einen aufzustellen der tatsächlich praktischen Wert hat. Der letzte der deutschen Mark hat dies ganz und gar unmöglich gen Der schweren Not des ganzen deutschen Volkes muß Rech getragen werden, und zwar ohne Rücksicht auf finanzielle denken. Die Ernährung der deutschen Bevölkerung darf weiter verschlechtert werden. 5 2 Noch einmal muß vor aller Oeffentlichkeit mit der Lüge auf⸗ geräumt werden, daß Deutschland selbst seine Währung und seine Finanzen absichtlich in Unordnung gebracht habe, um sich der Wied gutmachungspflicht zu entziehen. Ungeheure Werte hat Deutschlan seit dem Waffenstillstand bis zum 1. Mai 1921 den Alliierten lassen müssen. Es ist ein Widersinn, Reparationsleistungen von hörtem Ausmaß von Deutschland zu verlangen und ihm gleich die unproduktive Last der Unterhaltung fremden Militärs jetzt Milliarden Goldmark aufzuerlegen. An den Beweg des Markkurses kann die Entwicklung des Reparationsproblems nau verfolgt werden. Jedesmal, wenn auch nur eine entfernte sicht auf Verständigung auftauchte, erholte sich die Mark zuse Jede gescheiterte Konferenz. ia neuerdings schon jede Rede n carés führte zu einem neuen Fall der deutschen Währung. 20 Der Minister erklärt, daß die deutsche Regierung auf Grund gegenseitiger Vereindarung die Leistungen erfüllen wolle schließt dann: Wir haben den schweren Kampf, in dem wir he stehen, nicht gesucht, er ist uns aufgezwungen worden. Der Wunse des deutschen Volkes ging nach Frieden und Arbeit. Unsere 0 wehr brutaler Gewalt gilt nur der Wiedererlangung der G lage für eine friedliche wirtschaftliche Tätigkeit im Dienste Wiederaufbaues Deutschlands und Europas. Wir dürfen über die Schwere des Kampfes keiner Täuschung hingeben, stärkste Konzentration unserer Kräfte tut not. Es geht um Sein od Nichtsein der Nation. Kein innerer Zwist darf seine Schatten in diesen Tagen der Erprobung unserer moralischen Kraft hinein⸗ werfen. Aber in dieser unerhört schweren Stunde darf uns nicht die Leidenschaft Führerin sein. Nichts wäre verhängnisvoller für uns, als ein Mangel an Augenmaß für die Notwendigketten und Möglichkeiten der Lage. Keine unbesonnene Ausfpeitschung unseres Volkes darf den würdigen Ernst und die ruhige Festigkeit unsexger Abwehr verdunkeln. Je besonnener unsere Abwehr ge⸗ führt wird, umso stärker wird die moralische Kraft unseres uner⸗ schütterlichen Willens sein, Bajonette und Maschinengewehre als Verhandlungsinstrumente in wirtschaftlichen Fragen ein für alle⸗ mal abzulehnen. Wir sind von dem festen Glauben an den Erfolg unseres moralischen Widerstandes erfüllt, denn er schöpft seine Kraft aus den letzten unzerstörbaren Wurzeln unseres Volkstums aus der unverbrüchlichen Treue zu Reich und Land und aus der starken, alles überwindenden Liebe zu unserem teueren Heimat⸗

boden. f Abg. Wels(Soz) stellt fest, daß die Arbeiter und Angestellten die ausschließli Träger ber Reichsfinauzen sind. Der Anteil des Lohnabzuges be der Einkommensteuer betrug, im August des vergangenen Jah bereits 57 Prozent, im September 58 Prozent, im Oktober Prozent, im November 76 Prozent und im Dezember gar Prozent. Dazu muß man berücksichtigen, daß die Unternehme den Lohnabzug nicht einmal sofort an den Staat ablief So haben Lohn⸗ und Gehaltsempfänger im Jahre 1922 mehr . als sie nach dem Gesetz hätten zahlen müssen. Trotzdem as Finanzministerium das Ersuchen der Gewerkschaften um eine Neuregelung der Abzüge zum 1. Februar 1923 abgelehnt. Die Erfassung der Sachwerte 5

und die Beteiligung des Reiches an allen wirtschaftlichen nehmungen ist nach unserer Ansicht nach wie vor

der beste Weg, um zu einer Gesundung zu gelangen. a 2

Die weitaus wichtigste Frage für eine Arbeiterpartei ist? Wie kommen wir wieder heran aus diesem frevelhaft herausbe schworenen Kriegszustand? Hier hilft nur die Zustcherung der in unseren Kräften gelegenen Reparationsarbeit und ein Appell an die Gesamtbeteiligten an der Reparationsfrage. Keine Verhand lungsmöglichkeit darf abgelehnt werden, die Aussicht bietet, mit unseren Vertragsgegnern zu einer wahrhaften Verständign. über das Reparationsproblem zu kommen. Jede Stunde der setzung vermindert unsere Leistungsfähigkeit. Vor aller Welt fre ich, ob Amerika und England in ihrer abwartenden Haltung noch verharren wollen, wenn Frankreich durch eine Zollinie Deutsch⸗ land politisch und wirtschaftlich aufteilt. Wir Sozialdemokraten und alle besonnenen Teile des deutschen Volkes sehen neben der auswärtigen Gefahr auch die stark zersetzenden Elemente der vz nationalistischer Seite genährten faseistischen Bewegung. Ge abe in diesen Tagen müssen wir erkennen, daß der Staat erst durch 1 Demokratie eine nationale Angelegenheit des Volkes geworden sst.

Nach einer zugleich im Namen des Zentrums, der Deu 1 Volkspartei und der Bayerischen Volkspartei abgegebenen 8 klärung tritt Vertagung auf Freitag 2 Uhr ein. a

Die Wohnpolitik der Unternehnet.

Wenn es in der vorigen Woche nicht zu einem großen Metallarbeiterstreik in Berlin gekommen ist, dann danken wir das einzig der besonnenen Taktik der Ortsvei waltung des Deutschen Metallarbeiterverbandes. Auf höhere Weisung hatten die Unternehmer beschlossen, für Januar jede Anpassung an die Teuerung denn von einer Lohnzulage kann in Wirklichkeit längst nicht mehr gesprochen werden abzulehnen. Es bedurfte der zähen Wider⸗ standskraft der Unterhändler der Metallarbeiter und des wiederholten Eingreifens des Reichsarbeitsministers, um die Unternehmer von diesem herausfordernden Standpunkt überhaupt abzubringen. a

Aehnlich wie in der Metallindustrie liegen die Verhält⸗ nisse auch in den anderen Industrien und Handelszweigen. So sträuben sich die Unternehmer im Einzelhandel, die es doch sonst sehr wohl verstehen, sich dem Dollarkurs anzupassen, mindestens wenn er sich nach aufwärts be⸗ wegt, die Löhne der Hilfsarbeiter der Teuerung entsprechend zu erhöhen, obgleich diese Löhne noch in der dritten Januar woche nur 10 000 Mark und darunter die Woche betrugen. Selbst in Industrien, wo das Außenhandelsgeschäft Riesen⸗ gewinne abwirft, wie in der Musikinstrumenten⸗ industrie, sind Arbeitseinstellungen mit knapper Not ver⸗ mieden worden. Die Vertreter der Gewerkschaften ihre Kräfte in endlosen, immer wieder neu beginnen Verhandlungen mit den Unternehmern und vor den Schlich⸗ tungsinstanzen erschöpfen und sind dann oft noch genötigt, das unzulängliche Resultat dieser Verhandlungen vor ih Mitgliedern zu verteidigen, um Wirtschaftskämpfe zu meiden, die allen Teilen Wunden schlagen. Die kurzsich Politik der Unternehmer hat aber schon zu einer au äußerste gespannten Situation geführt, die über kurz oder lang unweigerlich zu Entladungen großen Umfanges, zn Riesenkämpfen führen muß. 5

Unter dem Scheine der Lohnzulagen die Unternehmer im zweiten Halbjahr 1922 den Sturz

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