Ausgabe 
27.1.1923
 
Einzelbild herunterladen

ee

Oberhessische Volkszeitung

Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

Die Oberb. Volksseitung erscheint jeden Werktag vormittag in Gießen.

1 Der Abonnementspreis mit den Beilagen, Das Blatt der Frau undLand⸗

Redaktion: Gießen Bilhuboffraße 23 Ferusprecher 2008.

Crpedition: Gießen N Vahubofstraße 23 4 Ferusprether Alb. 1

Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters. Für den Inseratenteil verantwortlich: R. Strohwig. Verlag von Hermann Neumann& Cie., sämtlich in Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt G. m. b. H. Offenbach a. M.

Der Anzeigenpreis beträgt für die Millimeterzeile(35 mm breit) oder deren

Raum lokal 10. Mt, auswärts 15. Mk., die Retlamemillimeterzei

50. Mt. Ber größeren Aufträgen oder Wiederholungen wird entsprechen⸗ der Rabatt gewährt Anzeigen⸗Annahme bis 6 Uhr abends.

wirtschaftliche Beilage beträgt monatlich 780. Mk einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen 780. Mk. einschl. estellgeld. Einzelnumm. 80. Mk

Nr. 22

Gießen, Samstag, den 27. Januar 1923

18. Jahrgang f 5

Carl Ulrich unseren Gruß! 5

Zu feinem 70. Geburtstage!

Des Menschen Leben währet siebzig Jahre.... und werm es Köstlich gewesen ist, dann war es Mühe und Arbeit. Mühe und Arbeit das ist fürwahr der Inhalt eines Menschen⸗ Hebens, wie es unser Carl Ulrich bis an die Stufe des prophe⸗ ichen Lebensalters geführt hat, das er morgen, an seinem siebzigsten Weburtstag erreicht haben wird. J Jym gilt unser wäumster Gruß zu solchem Ehrentage, der auch eein Ehrentag der Partei ist in Hessen und im Reiche. Ihm gilt der danlfrohe Gruß seiner jungen und alten Kampf⸗ wdmenossen von Offenbach und Dieburg. von Stadt und Land. Zwar hat seine Wiege nicht in Offenbach gestanden und auch sseinen Lebensabend friedlich in unserer bampfreichen Arbeiterstadt n verrbingen, wie er es wohl selbst manchmal gewünscht hat, ist ihm wom Wal ten des Schicksals nicht beschieden worden. Aber der größte Teil seiner Lebensarbeit und seines Lebenskampfes war unter den Offenbacher Proletariern und war für sie. Darum bleibt er der ihrige wis in den letzten Sinn des Wortes. Als junger Schlossergeselle kam der am 28. Januar 1853 als Sohn einer Proletavierfamilie in Braunschweig geborene Carl Ulrich

disttplinierten Arbeiterbewegung dasteht Carl Ulrich hat nicht den n geringsten Anteil an solchen Erfolgen. 5 11 55

Aber auch der Stadt und ihrer Bürgerschaft ist das Leben dieses 175 Zugeloffenen gewidmet gewesen. Als erster Arbeitervertreter zog der rote Ulrich im Jahre 1895 in das Offenbacher Stadthaus ein, und er, für den damals im Stadtverordnetensaale nicht einmal ein Stuhl vorhanden gewesen sein soll, er hat in einem unbeschreiblich zähen Kampfe Schritt für Schritt die Sozialdemokratie im Stadt⸗ hause bis zur unbestrittenen Alleinmehrheit vorwärts gebracht. Daß aber trotz dem harten Parteikampfe im Stadthause unsere Kommunal⸗ politik die schönsten Erfolge zeitigte und der Sozialdemobratie in Offenbach eine unter Deutschlands Städten vielleicht einzig dastehende Posttion schuf, das dürfen wir nicht zuletzt dem praktischen Blick des Kommunmalpolitikers Ulrich danken.

Vor allem aber ersteht am siebzigfsten Geburtstag des ersten Staatspräsidenten unseres Volksstaates Hessen vor den geistigen Augen seiner Freunde und seiner Gegner, der Kampf, den derrote

Großherzog seit 1885 als Landtagsabgeordneter im Darmftädter

mittag hin.

uf der Walze nach Offenbach. Und sofort stand er mitten drinnen lr der sogialistischen Arbeiterbewegung unserer Stadt. Hoch gingen damals auch hier die Wellen des Bruderkampfes zwischen Lassal⸗ leanern und Eisenachern. Carl Ulrich stand auf der Seite der letzteren. Bald hatte er wie im Sturme das Vertrauen der Offenbacher Ar⸗ Heiterschaft errungen und als im Jahre 1874 das Offenbacher Abend⸗ Matt, oder wie es damals genannt wurde, die Neue Offenbacher DTages⸗Zeitung von den Sozialdemokraten des Reichstagswahlkreises Ofsenbach⸗Dieburg als ihr Kampforgan ins Leben gerufen wurde, da war es gleich wie eine Selbstverständlichkeit, daß der junge Ulrich die Redaktion übernahm. Und ebenso selbstverständlich war es, daß cer, der niemals, auch in den schwersten Tagen nicht, sich einem Rufe ber Partei entzogen hat, sofort sein Schlosserbündel packte und die Seile mit der Feder vertauschte.

Seitdem ist Ulrichs Name untrennbar mit dem Offenbacher Abendblatt in guten und in schlimmen Tagen und der letzteren war die größere Zahl verknüpft geblieben. Darum Treue um Treue!

Aufopferung, Mühe und Kampf als Lebensinhalt unseres Siebzigjährigen, Verfolgungen, Gefängnisstrafen, Beschimpfungen und Schmähungen alles galt der Partei, dem Sozialismus, der Ar⸗ cheiterschaft. Und neben vielen Enttäuschungen gab es auch Tage sstolger Erfolge. Wenn Offenbach heute noch als Stadt der best⸗

Ständehaus so lange geführt hat, bis eben die Zeiten sich erfüllt und die Novembertage von 1918 ihn an die Spitze des Landes geführt hatten. Genosse Ulrich war, wenn wir uns recht erinnern, der erste Sozialdemokrat, der überhaupt in ein deutsches Landesparlament eingezogen ift, zu einer Zeit, als in der Partei noch der heftigste Kampf um die Frage der Mitarbeit in den Einzelparlamenten tobte und praktische Politik bei vielen umserer Geuossen noch fast als Verrat an der Partei angesehen wurde.

Diese seine Tätigkeit im Landtage hat den Namen Ulrichs wie zu einem Symbol der hessischen Sozialdemokratie gemacht. Aber auch im Rate der Gesamtpartei und im Reichstage, dem er als hessischer Vertreter seit 1890 angehört, ift die Stimme Carl Ulrichs stets mit Achtung und Beachtung gehört worden.

So gehört unser Parteiveteran nicht mur den Offenbachern und Hessen, er gehört der gesamten Sozialdemokratie und dem ganzen deutschen Volke an.

Ein ganzer Kerl, ein froher Kämpfer, der seinem Gegner immer entschieden, aber mit Achtung entgegengetreten ist, einer von fenen im Feuer des Sozialistengesetzes geschmiedeten Sozialdemokraten, mit graugebleichten Haaren, aber jung gebliebenem Herzen so steht der Alte heute vor uns. Noch lange möge er uns erhalten bleiben.

Ihm unseren Gruß, dem Freund und Genossen, der stets gewesen ist und bis an sein Ende bleiben wird: der rote Ulrich!

Neue Maßnahmen der Franzosen?

Immer neue Gewalttaten gegen die Bevölkerung.

Wichtige Beratungen in Düsseldorf.

Die Liberté meldet aus Düsseldorf, daß der Minister für öffentliche Arbeiten, Le Trocquer, gestern morgen in Be⸗ gleitung des Generals Weygand und mehrerer höheren Be amten seines Minsteriums in Düsseldorf angekommen ist.

Er begab sich sofort in den Stahlhof, wo er eine lange und

wichtige Konferenz hatte, der auch General Degoutte und Tirard beiwohnten. Die Konferenz zog sich bis in den Nach⸗ Die Beschlüsse werden streng geheim gehalten. Die Liberté glaubt jedoch zu wissen, daß unter den Be⸗ schlüssen Maßnahmen von besonderer Wichtigkeit sind, die ven deutschen Widerstand brechen sollen. Es sind die Maß⸗ nahmen, die 1 Regierungskreise schon seit einigen Tagen in uge gefaßt haben, um jeden Kohlen- transport ins unbefetzte Deutschland zu verhandern. Diese sollen nach dem Blatt bereits heute in Kraft traten. Frankreichs Vorstudien. Wie aus Paris gemeldet wird, hat Poincaré französi⸗ chen Pressevertretern gegenüber geäußert, von der chaffung eines General⸗Kommissariats für das Rheinland und das Ruhrgebiet sei nicht die Rede. General Weigand

unternehme lediglich eine militärische Inspektionsreise und der Arbeitsminister Le Troqueur seiwegen der Störungen

im Eisenbahnverkehr abgereist. Trotz dieser Versicherungen wird in Paris weiter behauptet, daß der General und der Minister beauftragt seien, Vorstudien für den weiteren Ausbau der Besetzung des Ruhrgebiet zu machen und be ondere Vorschläge für die Schaffung einer einheitlichen Leitung auszuarbeiten. Die Meldung, der englische Botschafter in Paris habe el Poincaré gegen die Verhaftung des Landeßfinanz zräsidenten in Köln protestiert, wird im Außenministerium in Paris in Abrede gestellt. Man versichert, Lord Crede gabe nur den Wunsch geäußert daß die englischen

Truppen im Rheinland nicht zu Sanktionsmaßnahmen herangezogen werden, weil in England eine starke Stim⸗ mung für die Abberufung dieser Truppen bestehe.

Der Temps bezeichnet als eines der Reiseziele Le Troqueurs und Weigands das Studium der Frage, wie das Währungsproblem im besetzten Gebiet einer Lösung entgegengeführt werden könnte. Eine Reihe von Bankiers begab sich von Paris nach Koblenz und hielt unter dem Vor⸗ sitz des Oberkommadierenden Tirard Besprechungen über die Finanzlage und über die im besetzten Gebiet gegebenen⸗ falls einzuführende Währung ab.

Die Sperrlinie.

Wie der Vorwärts zu melden weiß, soll die Abschnürung des besetzten Gebiets vom übrigen Deutschland zunächst durch starke militärische Maßnahmen auf folgenden Bahn höfen erfolgen: Sinsen, Waltrop Lünen, östlich von Dort⸗ mund, Hörde, Lüttringhausen und Hagen Vorhalle. Diese Sperrlinie bildet einen Halbkreis gegen das Innere Deutsch⸗ lands. Es ist ein Bureau eingerichtet worden, das die Ein⸗ und Ausfuhrerlaubnis erteilen soll.

Die Verkehrslage im Ruhrgebiet.

Donnerstag vormittag ist der Düsseldorfer Hauptbahnhof von Truppen der Vesatzungsbehörde besetzt worden. Um 3 Uhr kamen auf dem Hauptbahnhof die Industriellen aus Mainz auf der Durch⸗ fahrt an. Es war vorgesehen, daß die Inßustriellen in Diisseldorf wegen der Eisenbahnstockungen den Zug verlassen sollten. Aber es hatte sich auch eine ungeheure Menschenmenge angesammelt, sodaß ein Unsteigen der Industriellen unmöglich war. Seit 4 Uhr nachmittags liegt der Hauptbahnhof vollständig verlassen da. Das gesamte Eisen⸗ bahnpersonal ist wegen der Besetzung in den Streik getreten, sodaß jeglicher Verkehr stockt.

Die Eisenbahner, auch im linksrheinischen Gebiet weigern sich, die Truppentransporizuge zu befördern. In Hohenbudberg, einem großen Verschiebebahnhof und ein Haupt⸗Eisenbahnknotenpunkt, liegen Militär⸗Transportzsge still. Aus diesem Grunde haben hier die Bel⸗ gier den Oberbahnhofsinspektor, den Bahnhofsvorsteher und zwei Lo⸗ komotioführer verhaftet wegen der Weigerung des Personals, die

in Hohenbudberg liegenden Truppentrans porte weiterzubefördern. Darauf ist der Betrieb auf dem Bahnhof Hohenbudberg vollstãän⸗ dig eingestellt worden, so daß jetzt sämtliche für den Personen⸗ und Güterverkehr nach Essen in Betracht kommenden Stationen ein⸗ schließlich der großen Verschiebebahnhöfe stilliegen. Durch Pendelver⸗ kehr wird versucht, auf einzelnen Strecken den Personenverkehr durch⸗ zuführen. Der Zugverkehr mit Berlin wird umgeleitet, um die Ver⸗ bindung mit dem Rheinland nicht zu unterbrechen.

Störungen im Postbetrieb.

In Essen wurde am Donnerstag abend um 6 Uhr die Prüfungs⸗ stelle im Hauptpostamt durch die Franzosen beschlagnahmt. Störun⸗ gen im Telephonverkehr können durch deutsche Beamte nicht mehr be⸗ seitigt werden. Von abends 9 Uhr ab ist der Postbetrieb auf dem Amt in Witten a. d. Ruhr stillgelegt. Außer Betrieb sind zur Zeit die Postämter in Hörde, Bochum, Bottrop und Hattingen.

Schüsse in Düsseldorf.

Am Donnerstag fand in den Abendstunden in Düssel⸗ dorf eine große Kundgebung der staatlichen und städtischen Beamten und Arbeiter wegen der Verurteilung und Aus- weisung des Finanzamtspräsidenten statt. Eine zu mehreren Tausenden zählende Menge zog durch die Hauptverkehrs⸗ straßen der Stadt. Die Demonstranten, denen sich viele Hunderte von Spaziergängern anschlossen, trugen Schilder mit den Aufschriften:Es lebe die deutsche Einigkeit!Hoch die deutsche Republik!Wir fordern die Rückkehr unseres Präsidenten!Wir sind Deutsche! usw. Obwohl sich die Menge sehr diszipliniert benahm, indem sie die französischen Soldaten, die unter sie gerieten, unbehelligt ließ, kam es auch bei dieser Demonstration zu Zwischenfällen. Vor dem Breitenbacher Hof, in dem eine große Anzahl französischer Offiziere einquartiert ist, kam es zu großen Ansammlungen. Eine berittene Abteilung ritt mit blanker Waffe vor das Hotel, das sofort geschlossen wurde. Es wurden mehrere Schüsse in die Menge abgefeuert. Nach bisherigen Fest⸗ stellungen wurde niemand verletzt. Die Stimmung in Düsseldorf ist außerordentlich erregt.

Mainzer Volkszeitung verboten.

Unser Mainzer Parteiblatt ist durch folgenden Befehl auf drei Tage verboten worden: Auf Grund der Vollmachten, die ihm durch die

Ordonnanz 97, Artikel 13, übertragen worden sind, sprich⸗