Ausgabe 
26.5.1923
 
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erhessische Volk

Organ für die Interessen des werktätigen Volkes

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e Nr. 117 Gießen, Samstag, den 26. Mai 1923 f 18. Jahrgang

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Der Verfall der Mark. Der Rücktritt Poincarés

1 8 SeSeit einigen Tagen ist die Stützungsaktion der 80

ahh ge ichs bank für die Mark erledigt. Am Freitag vor cen erreichte der Dol lar mit einer amtlichen Notte. 1. rung von 49 000 denselben Kurs, den er unter dem Ansturm Mag einer hemmungslosen Spekulation am 31. Januar erklommen eber batte. Am Mittwoch war die amtliche Notierung im Mittel et 57 000, also noch wesentlich höher als bei ihrem letzten höch⸗

en sten Stand. Und am Donnerstag war der Stand 54 000 im Durchschnitt. Mit einer rasenden Schnelligkeit wirkt sich die erhand neue Verschlechterung der Mark auf die Warenpreise aus. fabtikatz Sprunghaft klettern die Lebensmittelpreise in die Höhe und Wiwar sind es diesmal nicht nur die Valutawaren wie Fette

wund Margarine, sondern auch die inländischen Getreidepreise,

ein. die nach der Ankündigung der freien Brotgetreidewirtschaft 1 lg sich viel rascher den gestiegenen Weltmarktpreisen anpassen mialwaren als je. Ein Pfund Roggen kostete z. B. an der Berliner b. ung den Börse gestern 840 Mark, ein Pfund Roggenmehl rund 1175 bitte Mark. Damit sind die höchsten Preise, die jemals früher 1 Thperzielt wurden, weit überboten. Die Verteuerung des Ge⸗ Allations Je treides am freien Markt und des Auslands getreides infolge ( Küchenez der schlechten Valuta war mitentscheidend für den Beschluß des Reichskabinetts, den Abgabepreis der Reichsgetreidestelle ern, Huh and damit den Brotpreis vom 4. Juni ab zu verdoppeln. 8 An sich war diese Brotpreiserhöhung schon längst notwendig, att ü wenn das Reich nach seinem früher nach dem Wunsch der Entente aufgestellten Grundsatz, von Verbilligungszuschüssen auge Bewl abzusehen, festgehalten hätte. Jetzt aber machen sich die aten? Folgen der verfehlten Getreidepolitik gleichzeitig mit ausl. benen der Valutaentwertung geltend. Die Folge muß eine neue Minderung der Lebenshaltung der breiten Massen sein. Braugasze Die Entwertung der Mark ist umso katastrophaler, als lungsveis S. die Vorgänge der letzten Zeit die Lehre bestätigt haben, daß ui ndustrie und Handel bei steigendem Dollar sehr I 1600 schnell mit Preiserhöhungen zur Stelle sind, während sie U bei einer Senkung des Dollarkurses nicht die geringste Eile

Dre mit haben. Die Teuerungswelle, die sich jetzt in dem el Lutrist Haushalt aller auf ihren Arbeitsverdienst angewiesenen

1. kemepe Familien so drückend fühlbar macht, ift noch lange nicht art 5 fan hepunkt angelangt, es scheint vielmehr nach der Bewegung lich der Großhandelspreise. daß noch mit einem weiteren Wal Preisauftrieb zu rechnen ist. in Not und Elend bedrohen die breiten Massen in einem Arbeitellte elugenblick, wo innen⸗ und außenpolitische Gründe es doppelt 10 i notwendig machen, daß schwere Erschütterungen vom Volke Lell U abgehalten werden. Wo ist der vielgepriesene Preisabbau ortellhalt bei heute noch zu spüren? Die steigenden Lebenshal⸗ ö Feu een wie sie selbst von sorgfältigst studierter Har Fenz: Statistik nicht aus der Welt geschafft werden können, reden e und Alf eine eindringliche Sprache. Während die breiten Massen 50 Scheel sich immer mehr einschränken müssen, führt die Spekulation us Gg. auf den Aktien⸗ und Warenmärkten wahre Orgien auf und ler Lol. läßt die schwersten Gefahren für eine ruhige Fortentwicklung 7 der Wirtschaft entstehen. l 7770 Daß die Stützungsaktion der Mark in diesem Zeitpunkte ek Me versagen mußte, ist letzten Endes die Schuld der be⸗ lb lien den Klasse, die sich geweigert hat, dem Reiche Ossell⸗ ausreichende Devisenmengen bei seiner Dollaranleihe zur 15, Verfügung zu stellen. Die Reichsregierung trifft der schwere iche Mas Vorwurf, daß sie nicht mit genügender Energie . 5 l- bil dem Treiben der Spekulation entgegengetreten ist, und daß rohe sie sich von dem Rat interessierterSachverständiger hat da⸗ Nahmasc iE zu bestimmen lassen, halbe Maßnahmen zu treffen, wo ein 7 bal tatkräftiges Durchgreifen erforderlich gewesen wäre. Ist es 7. Aule d beute nicht mehr wahr, was man früher so eindringlich be⸗ ter garen tont hat, nämlich daß die Stützungsaktion eine wesentliche 1 8 Torbedingung für das Gelingen des Ruhrkampfes ist? Aal Dann ist es höchste Zeit daß man sich zu Taten aufraßft und daß man denjenigen Leuten, die Devisen kaufen, ob wohl sie noch Devisenvorräte oder Guthaben im Auslande

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257 93 55 wirklich und rücksichtslos auf den Zahn 1150 0 Das ist bisher nicht geschehen. Man wußte, daß Devisen⸗ 1 f. 5 beigetragen haben, den Kurs

käufe der Schwerindustrie dazu. 8 . 0 ider Mark zu erschüttern. Die neue Devisenordnung ist nun inhard, bon einige geit bekannt und in Gelung. Nüch k bekannt 0 dagegen ist es, daß man auch nur einen einzigen Fall He umfangreicher Devisenkäufe der letzten Zeit einer Unter 0 unselel ie bun g unterzogen hätte. Vielleicht holt man es nach erutelen Les wäre immerhin reichlich pak. aber die Folcnacnn it mn N ring, nachdem man Wochen über Wochen gebraucht hat, um U eine Devisenordnung auszuarbeiten, über die die Spekulation 0

ohne weiteres zur Tagesordnung hinwegging. i Cie Wenn die Sozialdemokratie früher ihre Forderung einer

3 1. iven Währungspolitik erhob, so pflegte man entgegenzu⸗ 5 We balten daß einekünstliche Stabilisterung der Mark un⸗

möglich sei. Heute ist dieser Einwand hinfällig. Die ank. daß trotz unzulänglicher Mittel der

Ein Theatercoup? 8

Eine Niederlage Poincarés im Senat.

Der als Staatsgerichtshof konstituserte Senat des französischen Parlaments hat es mit 30 Stimmen Mehrheit abgelehnt, sich mit der von der Regierung seiner Gerichtsbarkeit überwiesenen An⸗ klage gegen die Kommunisten Cachin und Genossen wegen ihrer Reise nach dem Ruhrgebiet und gegen den deutschen Kommunisten Höllein zu befassen, indem sich der Senat für unzuständig erklärte. Die Regierung ist darauf um 8 Uhr zu einem außerordentlichend Kabinettsrat zusammengetreten, uln über die durch das Votum ge⸗ schaffene Lage und ihre Rückwirkungen auf die Position der Re⸗ gierung zu beraten. In den politischen Kreisen herrschte starke Er⸗

regung. TDemission des Gesamtkabinetts.

Das Ministerium Poincaré ist Donnerstag zurückge⸗ treten. Der um 8 Uhr zusammengetretene außerordentliche Kabinettsrat hat nach einstündiger Beratung beschlossen, dem Präsidenten der Republik die Demission des Gesamt⸗ ministeriums zu unterbreiten. 5

Millerand lehnt die Demission ab.

Das Kabinett, das um 8 Uhr unter dem Vorsitz Poincarés zu⸗ sammengetreten ist, um über den Beschluß des Senats in der An⸗ Ae Cachin und Genossen zu beraten, beschloß, die Demission einz da es in dem Senatsbeschluß ein Mißtrauensvotum erblickt, durch das das Kabinett außerstande gesetzt wird, der kom⸗ munistischen Machenschaften Herr zu werden.

Die Minister haben sich sofort zum Elysé begeben. Der Präsi⸗ dent der Republik hat die Demission abgelehnt. Ueberraschend kommt aus Paris die Nachricht, daß

Poincarés am Abend desselben Tages, an dem er in der

Kammer bei der Debatte über die Ruhrpolitik wie immer den starken Mann gespielt hat, dem Präsidenten Millerand das Rücktrittsgesuch unterbreitete. Dieser Schritt Poincarés ist allerdings

nur als ein taktisches Manöver

zu werten. Der Präsident der französischen Republik hat es auch abgelehnt, die Demission anzunehmen, so daß vermut⸗ lich alles beim alten bleiben wird. Der Grund für Poincarés Schritt liegt darin, daß sich der Senat wieder einmal nicht als dasselbe unbedingt willfährige Instrument von Poincaré gebrauchen ließ, wie die Kammer des natio⸗ nalistischen Blocks. In der Kammer trumpfte Poincars unter dem Beifall der bürgerlichen Parteien gegen den Genossen Auriol auf, der in der Ruhrpolitik den Standpunkt der Verständigung verfocht. Im Senat wurde das Ansinnen Poincarés, sich als Kommunistenschreck gebrauchen zu lassen, abgelehnt. Die Regierung Poincars wollte den Senat als

Staatsgerichtshof zur Aburteilung über den Kommunisten

Cachin und seine Mitangeklagten, zu denen auch der deut⸗ sche Reichstagsabgeordnete Höllein gehört, zwingen. In Gegenwart von Cachin und der Verteidiger der übrigen Angeklagten trat der Senat am Donnerstag mittag um 2

Uhr unter seinem Präsidenten zusammen, um sich über die Frage der Zuständigkeit schlüssig zu werden. Der Ober⸗ staatsanwalt und sein Vertreter vertraten zunächst die An⸗ klage die auf Gefährdung der Sicherheit des französischen Staates nach außen und innen infolge der von der inter⸗ nationolen kommunistischen Partei gegebenen Direktiven lautet. Die Anklage behauptet, daß sich die Aktionen der französischen Kommunisten und die Ruhrbesetzung richten und bezieht sich vor allem auf eine kommunistische Konferenz die kurz vor dem Einmarsch in Essen stattfand. Doch nach einhalbstündiger geheimer Besprechung erklärte der Senat sich mit 148 gegen 104 Stimmen als unzuständig für die Aburteilung der kom⸗ munistischen Angeklagten. Kein Zweifel, dieser Beschluß des Senats bedeutet für Poincarés, der einen sehr großen Wert auf den Senat als Staatsgerichtshof legte, eine schwere Schlappe. Tatsächlich hat der Kabinettsrat, der so⸗ fort am Abend zusammentrat. den Senatsbeschluß nach einhalbstündiger Beratung als Mißtrauensvotum aufgefaßt und die Demission des gesamten Kabinetts beschlossen.

England und die Grundlagen der Völker⸗ bundspolitik.:

Lord Robert Cecile, der amtliche Verkreter Englands im Völkerbundsrat, der vermutlich auch dem neuen Kabinett Baldwin

über die Grundlagen des Völkerbundsgedankens, in der er die Politik begründet, die er als Vertreter des englischen Volkes in Genf zu führen gedenkt. Der Völberbund solle zu einer moralischen Macht ausgestaltet werden, die dazu berufen sei, als Vertreter der öffentlichen Meinung der Welt auf Frieden und schiedsgerichtliche Lösung der politischen Konflikte hinzuwirken. Neben der negativen

miisse eine posttive Politik der schrittweisen Entwaffnung mit gegen⸗ seitigen Friedensgarantien einhergehen. Es gälte jetzt die Orgami⸗ sation des Völberbundes auf alle Völker auszudehnen und den Mut zu haben, ihm nicht nur kleine Fragen sondern auch Lebensfragen großer Völker zur Erörterung in breiter Oeffentlichkeit unter Auf⸗ sicht der öffentlichen Meinung der Welt zu unterbreiten. Die ameri⸗

brechen gegen Volksrecht und Völkermoral zu brandmarken, sei aller⸗

dings noch nicht erfüllbar. Aber zu einem Verbrechen müßte ge⸗ stempelt werden, wenn ein Volk seine Interessen durch Gewaltan⸗ wendung durchsetzen wolle, bevor seine Ansprüche vor den Richter⸗ stuhl der ösfentlichen Meinung der Welt gebracht worden sind. Bis⸗ her werde die Gewaltpolttik eines Volkes nur verurteilt, wenn es unterlegen sei. Ueber unrechtmäßige Gewaltanwendung eines sieg⸗ reichen Volkes spreche man höchstens im Flüsterton.

Markkurs längere Zeit hindurch stabil gehalten werden kann, und es ist immerhin bezeichnend, daß Organe, die bisher an der Markentwertung ein großes Interesse hatten, wie die Bergwerkszeitung, verlangen, die Reichsvank solle stärker mit Devisenverkäufen einschreiten. Selbst die Ge⸗ fahr, daß dabei der zusammengeschrumpfte Goldbestand der Reichsbank gänzlich verloren geht, schreckt diese Kreise jetzt nicht mehr. Aber es ist nicht wahr, daß man nur mit Devisenverkäufsen den Markkurs halten kann. Es bedarf da⸗ zu weitgehender Maßnahmen, Maßnahmen, deren Erlaß die Sozialdemokratie seit langem gefordert hat und von denen heute noch gar nichts zu spüren ist. Noch heute können die großen Industriefirmen für 18 Prozent im Jahre von der Reichsbank Geld erhalten, mit dem sie viele Tausende von Prozenten durch Rohstoff⸗Devisen⸗ und Aktienkäufe ver⸗ dienen. Die Einschränkung der Kredite ist längst nicht im genügenden Maße durchgeführt worden. Auch die neue Devisenverordnung bietet der Spekulation zahlreiche Hintertüren. Man kann es ihr nicht verdenken, wenn sie sie gebraucht, wenn von einer Durchführung der Gesetze so wenig befürchtet wird, wie jetzt.

Die deutsche Wirtschaft hat schon zahlreiche Stöße gegen die Währung ausgehalten. Keiner traf sie bisher so schwer wie der jetzige. Tausend mal wiederholen die reaktionären Blätter, daß der Feind im Lande steht. Selten einmal hört man ein mahnendes Wort gegen das Treiben am Devisen⸗

markt, selten eine ernsthafte Forderung zur Bekämpfung der

Auswüchse in der Preisbildung am Warenmarkt, die jetzt die Bevölkerungsschichten mit maßloser Verelendung bedrohen. Im Gegenteil: dieselben Industrien, die in der Besserung der Mark im Februar und März keinen Anlaß dazu sahen, ihre Preise wesentlich herabzusetzen, sind jetzt die ersten, die die Preise erhöhen, nachdem die Mark wieder gefallen ist.

Ueberall triumphieren die Goldpreise; nur die Lohn⸗ empfänger und die auf öffentlicheUnterstützungungewiesenen werden mit schundiger Papiermark abgefunden. Lange Zeit hat sich die Arbeiterschaft mit Rücksicht auf die schweren Ge⸗

fahren, die sie für die Wirtschaft befürchtete, von der Forde.

rung nach Goldlöhnen abhalten lassen. Wenn man die schaft schutzlos den Wirkungen der Markentwertung preis- gegeben ist, wenn dos Kapital seinerseits die Wiederher, stellung stabiler Währungsverhältnisse untergräbt, dann bleibt ihr kein anderes Rettungsmittel mehr, als auch Goldlöhne zu fordern. Eine Regierung, die diese Ge⸗ fahr nicht sieht, darf sich nicht darüber wundern, daß die Objekte ihrer kapitalistischen Politik im Kampf um das Leben die Bedenken, die gegen Goldlöhne sprechen, hintan⸗ stellen. die Löhne zu stabilisieren versucht, aber nicht ein einziger Höchstpreis ist für lebenswichtige Waren bestimmt worden.

dem Versuche, sich dem Allgemeininteresse einzuordnen, noch stärker der Ausbeutung der Sachwertbesitzer ausgeliefert werden.

Es bleibt keine andere Wahl. Mit Versprechungen hat sich die Arbeiterschaft oft genug abfinden lassen. Findet jetzt nicht die Regierung den Mut, wirklich das Aeußerste zur Stabilisierung der Mark aufzubieten, so trägt sie die Ver⸗ antwortung für alle Folgen, die sich daraus ergeben. Denn das muß festgehalten werden: Es war das Kapital, dessen Devisenbesitz von den deutschen Banken auf mehrere Milliarden beziffert wird, und das in der Zeit der höchsten Not des Volkes über dem eigenen Geschäft das Gemein- interesse vergaß.

gegen den Versailler Vertrag

angehören wird, hielt am Donnerstag eine nrogrammatische Rede

Tätigkeit der Verhinderung des Krieges durch den Völkerbund

kanische Forderung, den Krieg schlechthin zu verbieten und als Ver⸗

Waffe der Goldpreise gegen sie anwendet, wenn die Arbeiter

In der Zeit der Markstabilisierung hat man zwar

Es geht nicht an, daß die breiten Massen sich dauernd bei

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