Ausgabe 
26.3.1923
 
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Mationalsozialistischen Arbeiterpartei anzusehen sei. Unter dem Deckmantel der Vildung einer neuen Reichstagspartei hatten die deutschvölkischen Abgeordneten eine Reihe auf- ne Verbände wieder neu organisiert. Sodann wird be⸗ hauptet. daß die Ziele der Partei auf die Beseitigung des Parlamentarismus auf nicht verfassungsmäßigem Wege ge

richtet seien. In Verfolg dieses Zieles hatte die Partei im

Geheimen umfangreiche Vorbereitungen zu einem natio⸗ nalistischen Putsch getroffen. Der zweite Erlaß, der die Be⸗ kämpfung der Selbstschutzorganisationen betrifft, geht eben⸗ falls von der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei aus und

behauptet, daß in den Kreisen ihrer Anhänger zur angeb⸗

N

lichen Abwehr linksradikaler Arbeiterbataillone militärische

Stoßtrupps gebildet worden wären. Da die Ueberwachung der öffentlichen Sicherheit lediglich der Staatspolizei ob⸗ liegt, so wird diese Ausübung von Straßendienst, Posten⸗

dienst, Saalschutz usw. durch private, Organisationen ver⸗ boten. Sobald eine der Selbstschutzorganisationen den Charakter einer militärischen Organisation trägt, soll gegen diese auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten vom Mai 21. die die Durchführung der Entwaffnung betrifft,

7 strafrechtlich vorgegangen werden.

Der Vorwärts zur Lage.

Im Anschluß an die Freitagsitzung des preußischen

Landtags schreibt der Vorwärts:

In der Presse der Rechten wird Veschwerde darüber

geführt. daß durch die gestrige Erörterung im preußischen Landtag dieEinheitsfront gestört worden fei. Aus dieser Beschwerde ergibt sich ganz von selbst die Frage, wer in Deutschland eineEinheitsfront bilden will mit Leuten, die inmitten der schwersten äußeren Drangsale des Reiches den blutigen Umsturz und die Abschießung mißliebiger Minister vorbereiten. Wer Lust hat, in eine solcheEinheits⸗ front einzurücken, der möge es tun. Er möge es dann aber gefälligst offen und ehrlich tun und sich nicht in einer ver⸗ kappten Brüderschaft betätigen, in der die einen handeln, während die anderen sich mit Entschuldigungen und Be⸗ schönigungen vor sie hinstellen.

Zu der Frage der Stellung der Reichsregierung und linsbesondere des Reichswehrministeriums zu den völkischen Organisationen führt der Vorwärts aus:

Tatsächlich kann festgestellt werden, daß sich die preußi⸗

sche Regierung bei ihrem Vorgehen gegen die völkischen Roßbachbanden in Uebereinstimmung mit der Reichs⸗ regierung befindet, insbesondere auch mit der Stelle, auf die es am meisten ankommt, mit dem Reichswehrmini⸗ sterium. Gerade weil wir an dessen Tätigkeit oft Kritik zu üben genötigt find, halten wir es für eine Pflicht der Loyalität, festzustellen, daß das Reichswehrministerium schon längst vor Roßbach als einem gefährlichen Abenteurer ge⸗ warnt und den Wunsch ausgesprochen hat, daß ihm das Handwerk gelegt werde. Von den Reichswehroffizieren, die an den Versammlungen der Geheimbündler teilnahmen, haben das einige auf Befehl zum Zweck der Ueberwachung getan und sie haben über die Vorgänge Meldung erstattet. Daß gegen andere Reichswehroffiziere, die sich aus anderen Sründen beteiligten, mit größter Schärfe vorgegangen wird, ist ein selbstverständliches Verlangen. Sie Putschisten in Thüringen.

Die thüringische Staatsregierung hat auf Grund ein⸗ gehender Vernehmungen und Untersuchungen festgestellt, daß die in Thüringen verbotene nationalsozialistische Ar⸗ beiterpartei unter der Flagge der deutschvölkischen Freiheits⸗ partei ihre Tätigkeit fortsetzt. In Organisation, Taktik und Endziel ihrer Bestrebungen sind die beiden Parteien völlig übereinstimmend. An ihrem staatsfeindlichen und auf Um⸗

Neues vom Tage. ö Ein Zwischenfall in Essen. ö

Freitag morgen war einer der Termine, an denen vom Arbeitsamt die Erwerbslosenunterstützungen ausgezahlt. werden. Um 1210 Uhr aber erschien vor dem Arbeitsamt eine Abteilung französischer Kriminalbeamter mit Soldaten. Da die deutschen Beamten annahmen, daß man die Unter⸗ stützungsgelder beschlagnahmen wollte, stellten sie die Aus⸗ zahlung ein und brachten die Gelder in Sicherheit. Nach⸗ mittags zogen nun mehrere Tausend, angeblich Arbeitsloser zum Rathaus, wo sie alle Eingänge besetzten und den Ver⸗ kehr störten. Es wurden hitzige Reden gehalten und u. a. behaupteten die Redner, die Franzosen hätten gar keine Gelder beschlagnahmen wollen. Nachdem es einigen Ver- tretern der Stadtverwaltung gelungen war, das Rathaus zu betreten, entspannen sich Verhandlungen, die zu einem vermittelnden Ergebnis führten.

sturz abzielenden Charakter ist kein Zweifel mehr möglich.

Der Frankfurter Zeitung wird aus Thüringen berichtet: 5

Die Ermittlungen haben einwandfrei den Beweis dafür erbracht, daß die Rechts vadikalen auff den Bürgerkrieg hinar⸗ beiten und daß ein Losschlagen schon für die alle rnächste Zeit geplant war. Die einzelnen Kampforganisationen waren zum großen Teil bereits fertig gerüstet. Organisierte militär i⸗ sche Kampfseinheiten der Natfonalsozialisten wurden in einer größe⸗ ren Anzahl von Städten Thüringens festgestellt, zugleich wurden auch Waffen und nicht geringe Munitionsmengen beschlagnahmt. Weiter⸗ hin haben nachweislich Uebungen, zum Teil unter Leitung von Offipieren, flattgefunden; auch hier ist engster Zufammen⸗ hang mit der Hitlerschen Bewegung erwiesen.

Verhaftungen in Hannover.

Im Laufe des Freitag nahmen Beamte der politischen Abteilung des Berliner Polizeipräsidiums Haussuchungen bei Angehörigen der deutschvölkischen Freiheitspartei vor. Das Ergebnis des dabei beschlagnahmten Materials führte zur Verhaftung des Leiters der deutschvölkischen Ortsgruppe Hannover und Herausgeber der deutschvölkischen Zeitschrift Der Sturm. Quindel, des früheren Hauptmanns Brinkmann und des früheren Majors von Oehme.

Unter französischer Leitung. Drei Deutsche getötet.

In der Nacht vom Mittswoch auf Donnerstag hat sich an der Eisenbahnüberführung bei Hirzenach bei St. Gogr ein schweres Unglück zugetragen. Auf der von den Franzosen verwalteten Strecke war die Schranke nicht geschlossen. Ein von Franzosen geführter Personenzug fuhr in einen großen Möbeltransportwagen, der die nicht beleuchtete Eisenbahn⸗ überführung kreuzte, hinein. Drei Begleiter dieses Trans⸗ portes würden auf der Stelle getötet und mehrere ver⸗ wundet. Nach den Aussagen der Verwundeten hat die Lokomotive des Zuges keine Lichter geführt, sodaß das Herannahen des Zuges nicht rechtzeitig bemerkt werden konnte.

Der verhaftete frauzösische Journalist

Der Intransigeagt bespricht heute den Fall seines Mitarbeiters Labourel, der ohne deutsches Paßvisum von Paris über Berlin nach Polen und Nußtend reisen wollte und der an der deursch⸗pol⸗ nischen Grenze verhaftet wurde. Labourel hatte, wie einer seiner Kameraden in Berlin dem Intransigeam schreibt, aus bloßem Leichasinn die Fahrt ohne deutsches Paßvisum angetreten, da er wußte, daß bei einer Einreise in das Ruhrgebiet keine strenge deut⸗ sche Paßkontrolle slatfinde. Seine Behandlung durch die dentschen Behörden im Osten sei außerordentlich streng gewesen. Er befinde sich nun schon 14 Tage im Gefängnis. Er sei geschlagen worden. Sein Geld im Belrage von 45000 Franks habe man ihm abgenom⸗

men ulw. Der Intransigeant verlangt energische Schrine der ö

Ser Mörder von Smeets ergrisse

Der Täter, der den Anschlag auf Smeels ausführte der sich den Namen Karl Kalbers zugelegt hatte, heißt r 1 Karl Deutzmann. Er wird noch wegen vers ö anderer Strafsachen gesucht. Deutzmann ist von der Kölner Polizei in Köln ergriffen worden und leugnet vorläufig noh. Der Täter wird aber durch die bei der Tat zugegen gz. wesenen Personen ee und überführt.

Lenins Zustand hoffnungslos.

Nach einer in Helsingfors eingetrofenen Mosk Meldung versichert man in eingeweihten russischen K entgegen den offiziellen Meldungen, daß der 8 Lenins hoffnungslos sei. Sein Ableben könne jeden Augeß⸗ blick eintreten. Keinesfalls bestehe noch eine Aussicht alf seine Rettung. b

französischen Regierung zur Befreiung seines Mitarbeiters.

Sturmszenen in der fraunzösischen Kammer, In der Kammer spielte sich Freitag vormittag eine ungewöhnlich heftige Szene ab, die durch die Kommu gerufen wurhe und in der Poincars seine ganze Ruhe vetlor. Von soziel Antrag gestellt, daß en Budgetszwöl 1 f e

5 der ge Verich volte che 5 5 0 den

Dardel,

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Handlun 5 gegen 8 aus der Zeit vor dem Krieg 1 Lump! 1 der Tribüne zu behaunig

erklärte, daß 5 af. sen. Er habe nur von der tal Sinne ech die Dandel gegen Poi, efdigendes geäußert hätte, er

wieder zurücknehmen. Darauf erklärte der Präsident der Kammer din Zwischeufall für erledigt.

Politische nebersicht. 1

Sachkundige Urteile. Der französifche Kriegsminister Maginot wenigen Stunden ist er zusammen mit dem militärischen Oberbe

Der Deserteur. 2 5

Noman von Roberi Buchanan.

Bei Gott, das war eine interessante Begegnung! be⸗ merkte der Pfarrer.Der General hat Euch doch zweifellos für Euren Liebesdienst belohnt?

Neun Jahre später hat er sich daran erinnert. Der General vergißt nichts! f

Neun Jahre später? Das ist eine lange Wartezeit, Onkel Ewen! Wie hat er sie belohnt?

Wie würden Sie eine Kruste Brot und einen Schluck Wasser mit Schnaps belohnen? So was reicht man ja jedem Bettler vor der Türe, ohne dafür eine Belohnung zu er⸗ warten! Ein General hat an ganz andere Dinge zu denken; übrigens geschah die ganze Geschichte rasch wie im Traum.

Sie müssen aber nicht glauben, daß wir keine Belohnung er⸗ hielten grollte Derval.

Erzähle doch, wie die Sache endete, Vater Rolland weiß es ja noch nicht, drängte Marcelle.

Ja, ja, lassen Sie mich den Schluß hören, ich bin schon sehr neugierig darauf, rief der Pfarrer.

Große Veränderungen waren vor sich gegangen, der kleine Korporal war mittlerweile zum Erbkaiser von Frank⸗ reich erklärt worden, aber Jacques und ich, wir dienten noch immer als gemeine Soldaten. Wir dachten, der General habe uns länest vergessen, was auch kein Wunder gewesen wäre, wenn man bednkt, wie sehr er davon in Anspruch ge⸗ nommen war, die Kronen von den Häuptern der Könige zu

schlagen. DieGroße Armee kampierte vor Boulogne wir zählten das Jahr 1805 und wir Grenadiere standen in der Front. Der Krönungstag war zur allgemeinen Ver⸗ teilung von Verdienstkreuzen und Medaillen bestimmt wor⸗ den. Welch ein Tag! Der Nebel stieg vom Meere auf, wie Rauch aus der Mündung einer Kanone. Auf einer Anhöhe vor der Stadt hatte man einen Thron errichtet den großen eisernen Stuhl des mächtigen Königs Dagobert

unterhalb des Thrones kampierten die Lager derGroßen

Armee und zu Füßen des Thrones brauste das unendliche Meer. Nachdem der Kaiser Platz genommen, klang es aus Tausenden von Kehlen:Vive l'Empereur! Man hätte glauben können, daß die Meereswellen mit ihrem Gebrüll

die Luft so erschütterten. In demselben Augenblick zerteilte sich der Nebel und die Sonne strahlte in vollster Pracht. Mein Gott, die Banner und Fahnen flatterten, die Bajonette und Schwerter blitzten im Sonnenschein, daß es einen fast blendete. Einen solchen Anblick genießt man nur einmal im Leben. Ich könnte Ihnen die ganze Nacht hindurch von all den Herrlichkeiten erzählen, ohne daß Sie den zehnten Teil all der Wunder jenes Tages erführen. Jetzt will ich Ihnen nur mitteilen, was mir und Jacques passierke. Wir standen, wie ich bereits erwähnt habe, in der Front, als der Kaiser seine Grenadiere musterte. Als er an uns vorbei⸗ schritt, blieb er plötzlich stehen so! nahm eine Prise Schnupftabak aus seiner Westentasche, neigte den Kopf, wie ich Ihnen zeige, auf eine Seite und prüfte unsere Gesichter. Mit einem Male kam es wie eine Erleuchtung über ihn; er trat ganz dicht an uns heran und sagte ach, ich wollte, ich könnte seine Stimme wiedergeben:Ich habe weder Cismone, noch den Geschmack des Schwarzbrotes und des Wassers mit Schnaps vergessen; dann wandte er sich lachend an den Marschall Ney, der neben ihm stand und erzählte ihm rasch ckwas; auch Ney lachte so herzlich, daß seine weißen Zähne sichtbar wurden und nickte uns freundlich zu. Darauf wandte sich der Kaiser wieder an uns, heftete uns mit eigener Hand das Verdienstkreuz an die Brust und begrüßte uns als seine neuesten Korporale. Ich will Ihnen eingestehen, Vater Rolland, daß meine Augen feucht wurden und ich Mühe batte nicht wie ein schwaches Weib aufzuschluchzen; aber ehe wir wieder recht zur Besinnung kamen, war er ver schwunden! g

Derval fuhr sich mit dem Aermel an die Augen. die in Erinnerung an jene Auszeichnung ganz seucht geworden waren und bückte sich über das Feuer, um seine ausge⸗ gangene Pfeise zu entzünden, während die Anwesenden in ehrfurchtsvollem Schweigen verharrten, bis der kleine Curé bemerkte:Der Kaiser scheint ein gutes Gedächtnis zu haben. Man sagt, daß ein guter Schäfer jedes Schäfchen seiner Serde kenne; aber dies ist noch merkwürdiger. Wie viele Jahre waren sei Cismone bis zu jener Begegnung ver⸗ strichen?

Neun!

Und in jenen neun Jahren hatte Napoleon zahllose Schlachten geschlagen, zahllose Gesichter gesehen und zahllose große Gedanken ausgeheckt! Er ist doch ein großer, ein be

deutender Mensch! Haben Sie ihn seither nicht wiederg sehen, mein Korporal? fragte der Pfarrer ernst. 4

Nur noch ein einziges Mal am ersten Dezember, dem Vorabend der glorreichen Schlacht von Austerlitz! en, gegnete Derval mit stolz erhobenem Haupte und bemüllt ganz napoleonisch auf seine Zuhörer herabzublicken. Del Pfarrer fuhr zusammen, Mutter Derval blickte verstohhen auf den Stelzfuß ihres Schwagers, Alain und Jannick wu, den ganz ernst und Mikel Grallon blinzelte neugierig d Marcelle hin, über deren blasses Gesicht ein traurig ⸗stolse⸗ Lächeln huschte.

Wir kauerten, 7080 000 Mann, im Dunkel der Natz! als es plötzlich jemandem einfiel, daß der kleine Korpor gerade vor einem Jahre gekrönt worden war. Wie ein Lauf feuer verbreitete sich die Kunde. Im Nu hatten wir Scheitef; haufen von Reisig und Stroh errichtet und Freudenfen angezündet. In diesem Augenblick sah ich ihn auf einen schneeweißen Schimmel wie ein Gespenst die Front abreile sein Kopf war zwischen die Schultern gesunken, er blick! weder nach rechts noch nach links. Jacques meinte, er sell wie der weiße Tod aus, der dahinreite, um die Russen 8 verschlingen. Armer Jacques! Am nächsten Tag bekam seinen ewigen Urlaub und ich meinen Marschallsstab schloß Derval, mit halb wehmütigen, halb humoristischeß Blicken seinen Stelzfuß streifend.

Und damals haben Sie Napoleon zum letztenmal ge sehen? forschte der Pfarrer teilnehmend. 1

Noch ehe der Korporal antworten konnte, wurde die Til heftig aufgerissen und Sergeant Pipriac stürmte, von seinehn ö gefolgt, totenbleich und außer Atem in di

üche.e

Krähenseeles was ist denn los? fuhr ihn Derval a

Man könnte glauben, der gute Sergeant habe ei G. spenst gesehen! bemerkte der Curs, sich von seinem Plat erhebend. 5 1

Piprige starrte erst den Korporal dann den Pfarker mf entsetzten Blicken an und brachte nur stoßweise und Luft schnappend die Worte hervor:Zum Teufel, fast ff es so! Seht, wie ich noch vor Entsetzen zitkere, ich, Pipri der bisher vor keinem Teufel erschrocken ist. Ei 9 Wasser, Mutter Derval, oder ich ersticke!

(Fortsetzung folgt.)