Ausgabe 
23.6.1923
 
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Beilage zur Oberhessischen Volkszeitung Nr. 141

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Gießen, Samstag, den 23. Juni 1923.

Gießen und Umgebung.

Verregneter Sommer.

Sonnenwende, Jahresmitte, und nicht ein al so recht unangenehm brütend heiß war. A erinnen, wie geizt das Wetter dies Jahr Bunt 8 er uns alle eigentlich trüfft's unangenehm, weil et 7 Tebstehn länger still im Zimmer sitzt, gelegentlich mee un Irn Scheußlich: darüber sind wir alle uns einig. ber e da waren auch eim paar andere Tage. Da 5 hinein tte man sich in die Eisenbahn und dampfte in die , im. Zuerst lag verspäteter Reif noch in Gräben und e damm aber stieg die Sonng hoch, und im trutzigen ö 18 8 war's schon scin war. Auch die beiden Störche vom Turm Stadt er weiß wie hoch stiegen sie

dtmauer steckte es an; w nein, fast ohne Flügelschlag schwebten sie dann in

sersausend, und landeten gerade auf ihrem N ü 5 f j est: Messter . Hie und da hoppelten in den Face die 1 1 5 eim paar Hasen, die ihrer Schonzeit sich f 1 der ganzen Eb. 8 5 zeit sich freuten, und über n ene lag ein unablässiges, nie aussetzendes Lerchen⸗ strillern. Das war ein Lied der Freude am Leben, wie es erhabener 1 5 e e kann. überwältigend schön. vet die ee auf die nächsten Taunusberge hinauf. 0 00 alburg wieder aufgebaut, sehr interessant, und 5 mam so schön am alten römischen Grenzwall entlang wandern, zur Kapersburg, die in Trümmern liegt. Alles: ver⸗ (gangene Herclichkeit. einstmals Zeugen eines Weltreiches, Dicaner eines Militarismus Beweis allgemein gültiger Vergäng⸗ llichket. Steigt man zur Wetterau herab, so hat mam manchmal ganz wundervolle Ueberhlicke über Teile dieser gesegneton Ebene, 4 4 von dem gewaltigen Münzenberg beherrscht ist. Man muß doch (lächeln wenn man gelegentlich hört, die Leute, die solche Burgen und Schlösser gebaut hätten. hättenKulturwerte schaffen wollen. Mun, gewiß: das feste, starke, mendlich malerische Mün⸗ zeͤenberg. etwas e 1 die, die es bauten, ec niger an uns als an sich selbst gedacht: sie wollten sicher bewahrt seim und schön wohnen, und so mancher Bauer, der im Frondienst Bausteine zur Burg zu fahren hatte, könnte, wenn er aus dem Grabe aufstehen könnte, erzählen, mit Wieviel Unrecht derartigeKulturwerte geschaffen wurden. Es iind Zeugen einer vergangenen Zeit: und so, wie Rese Zeit in's Meer der Unendlichkeit hinabsank, so wird auch unsere Zeit ein⸗ mal vergangen sein in der kaum anders als damals das Unrecht Triumphe feiert. Gerade an jenem Früshjahrstag, da wir von der Kapersburg herabbamen. hallten die Wälder wieder vom Dröhnen der Glocken aus den hessischen Wetteraudörfern; man läutete im Gedenken an die Not an der Ruhr, und nur in tiefem Mit⸗ gefühl konnten in dieser Morgenstunde die Gedanken wandern zu den so schwer um ihre Arbeit kämpfenden Brüdern dort, zu so manchem Eisenbahner. der ausgewiesen ist und wartet, bis Weib und Kinder nachkommen. zu so manchem Arbeiter, der am Tor einer Fabrif fremde Bafonette findet. Ungeheuerliches geschieht unseren Tagen! 5 Zu all der politischen Not nun trübes Wetter, Regenschauer, Wind, kaum eim Lichtblick. Soll uns denn dies Leben ganz und gar versäuert werden? Es hat sich vieles gegen uns verbündet, und auch die Sonne verliert nun schon wieder ihre Macht, ehe wir sie einmal voll genossen haben Nicht zu ändern! Damit mag sich jeder abfinden, so aut er's kann. Einen Rat aber geb ich dir, lieber Leser, zu solch verregneter Zeit: laß dir's nicht so sehr in deine Seele regnen! Bewahre dir, trotz fast⸗ wachtmäßigen Dollarschwankungen, ein festes Herz: und vor allem: bleib in allem, was dieser verregnete Sommer auch bringen mag, ein fröhlicher Mensch! Das b sich so obenhim freut, wenn's was zu freuen gibt, der dann aber auch die Flügel hängen läßt, wenn irgend was schief geht: son⸗ dern: einer, der über dem Leben steht, dem die Freude aus dem Innern kommt, der darum auch nicht aus dem Gleichgewicht kommt. g Lebensbejahende Menschen wollen wir sein und vielem den aller were der Zeit und trotz so einem elend verregneten Sommer. 5 icht muß wieder werden, nach dfesen dunklen Tagen! Laßt uns nicht fragen, ob wir es sehen. Es wird geschehen! 0 5

Kleingärten sind bekanntlich nach den Roggen preisen bemessen worden, wie sich diese nach den jeweiligen Notierungen zu einem gewissen Zeitpunkt stellen.

1 i Preußische Pressedienst mitteilt, zu dieser Frage en e e genommen und führt aus, daß er zwar auch eine zu niedrige Pachtfestsetzung für Klein⸗ gärten nicht billige, daß er sich jedoch dem vom Kreisaus⸗ schuß vorgeschlagenen Weg nicht anzuschließen vermag. Hierzu heißt es: 15 5 111 DDDie vom Kreisausschuß gewa) en bolkswirtschaftlich wie soziol weder gerecht 111 Mie 175 paßt auf landwirtschaftliche Grundstücke; a e 1 sind aber keine landwirtschaftlichen Grundstücke 55 5 5 keinen oder nur wenig Roggen N 1 setzungsverfahren kann vielleicht dadurch erleich e 5 daß der Preisfestsetzengsausschuß einen Norma 1 5 nes Kleingartens e e eweiligen Preisstand der 9 ee ssogiale Be;

4 N In den Kreisen der Pächter hat die Festsetzung vielfach Un⸗

d N* eres Es ist von Interesse, welche Stellung

. der preußische Minister für Volkswohlfahrt zu dieser Frage

4 einnimmt. Ein Kreisausschuß hatte diese Berechnungsart

1 des 4 borgeschlagen, um die Pachtpreise auf eine angemessene Höhe

e ie bringen. Der Minister für Volkswohlfahrt hat, wie der ö

Preisberechnung ist

i ö i erechligter Preise darf die 0 55 n e e ares nicht aus den Augen l 5 rd man wohl nur durch organi⸗

rloren werden. Dieser wi wol orischen Zusammenschluß der Kleingärtner,

0 ilden, gerecht werden können. 5 f ee des Erlasses gibt der Minister 115 12 gung Ausdruck, daß die Städte, e 1 00 zu verständnisvoller Mitarbeit 1 15 117 1 2 wenn n,. 95 f ben Stellen erwarten, sondern e t sind Aehnliche Gedanken wie die in dem Er 510 1 druck gebrachten sind in Kiel, Königsberg 1 Pr. 1 künberg i. Schl. bereits in die Tat umgesetzt.

die Genossen⸗

kamen dann wieder herab, pfellgeschwind nie⸗

soll nicht heißen: einer, der

Die Pachtpreise für die städtischen Grabstücke und

Die Einwohnerzahl Gießens betrug am 1. April dieses Jahres 34884 Personen. Vor dem Kriege, am 1. April 1914, belief sich die Zahl der ortsanwesenden Bevölkerung in unserer Stadt auf 33 268. Militärpersonen sind hierbei außer Berechnung geblieben. Danach beträgt die Bevölke⸗ rungszunahme in den neun Jahren 1616 Personen. Das ist eigentlich nicht viel; man muß sich wundern, daß trotzdem die Wohnungsnot in diesem Maße besteht, wie

es tatsächlich der Fall ist, zumal in den letzten Jahren doch

immerhin eine nicht geringe Zahl von Wohnungen errichtet worden sind. Auf der andern Seite muß in Betracht ge⸗ zogen werden, daß seit mehr als sechs Jahren die abgängig gewordenen Wohnungen nicht ersetzt worden waren, während früher doch jedes Jahr eine ganze Anzahl Wohnhäuser er⸗ stellt wurden. Daher erklärt sich, daß die Wohnungsnot noch immer nicht wesentlich gemildert werden konnte.

Oeffentliche Versammlung. Wie in der gestrigen Nummer angekündigt wurde, findet eine Versammlung am Montag abend im Saale des Gewerkschaftshauses statt, in welcher Genosse Mann über Wohnungsbauabgabe und Wohnungswirtschaft sprechen wird. Auf die Versammlung sei an dieser Stelle nochmals hingewiesen.

Gebührenordnung der Dienstmänner in der Stadt Gießen. Nach einer Bekanntgabe des Polizeiamts sind die Dienstmänner bis auf weiteres berechtigt, von den nach der Gebührenordnung vom September 1920 und Dezember 1922 ihnen zustehenden Gebühren das 10. bezw. das 15fache zu erheben. ö

Kartoffelmangel. Trotz der außerordentlich reichen Kartoffelernte, die im vorigen Jahre glücklicherweise zu verzeichnen war, zeigt sich jetzt Mangel an diesem wichtigsten Nahrungsmittel, der die Preise auf eine ganz unglaubliche Höhe steigen ließ. Für ein Pfund alter Kartoffeln werden jetzt vom Handel Preise verlangt, die über 1500 Mk. hinaus⸗ gehen! Dabei sind schwer Kartoffeln zu bekommen, die Familie, welche sich im Herbst nicht genügend damit ver⸗ sehen hat, kommt in höchst unangenehme Lage, die sich bei Minderbemittellen zur Hungersnot steigern kann. Es ist klar, daß sich dieser Kreise große Erregung bemächtigt hat. Durch die schlechte Witterung wird die Ernte der neuen Kartoffeln verzögert, wodurch die Lage noch verschlimmert wird. Es wird behauptet, daß bei den Bauern keine Kar⸗

toffeln mehr vorhanden seien, weil große Mengen zu Vieh⸗

futter verwendet worden wären. Mag immerhin viel ver⸗ füttert worden sein, so kann der Mangel doch nicht allein dadurch verursacht sein, noch vor wenigen Wochen wurde in landwirtschaftlichen Kreisen darüber beraten, wie man die ungeheueren Mengen Kartoffel der letzten Ernte unter⸗ bringen sollte! Da wird wohl der Verdacht nicht ganz un⸗ begründet sein, daß sie an gewissen Stellen in der Aussicht

auf höhere Preise zurückgehalten werden. Die Behörden

hätten Veranlassung, das festzustellen.

Haltet den Dieb! An dieses Wort muß man unwill⸗ kürlich denken, wenn man die Notiz des Verbandes der Deutschen Obst⸗ und Beerwein⸗Keltereien in Nr. 139 dieser Zeitung las. Er jammert jetzt schon über die hohen Obst⸗ preise, die sie später im Herbst zu zahlen gezwungen seien. Eine gute Obsternte ist in manchen Gegenden zu er⸗ warten und trotzdem sollen jetzt schon hohe Preise gefordert werden. Da wäre es doch das nächstliegende, daß die Obst⸗ weinhersteller einfach diese hohen Preise nicht zahlten, die Hausfrauen würden es ihnen danken. Aber es wird genau so kommen, wie es bisher jedes Jahr war. Die guten Herren werden aus lauter Menschenfreundlichkeit jeden Preis zahlen im Hinblick darauf, daß sie von den Genießern ihres Stoffes nachher doch noch höhere erhalten. Die heutigen Aepfelweinpreise sind der Gradmesser, an dem die Obstverkäufer und Händler den Preis ihres Obstes ablesen. Die Herren Eppelweigeschworene schimpfen wohl hin und wieder über die hohen Preise des teuren Stöffchens, im übrigen aber trinken sie ruhig und gewissenlos weiter. Eine große Gewissenlosigkeit ist es doch allemal, wenn einige

Tausende auf einen zweifelhaften Genuß nicht verzichten zu

können glauben, während Hunderttausende daheim nichts zu essen haben. Int Ausland betteln wir für unsere hungernden Kinder daheim, während wir hochwertige Nahrungsmittel

durch Vergären auf den Misthaufen werfen, dadurch, daß

unsere lieben Volksgenossen nicht auf ihren Aepfelwein, ihr Bier und ihren Schnaps verzichten können. Das hygienische Museum in Dresden hat rechnerisch festgestellt, daß wir im vergangenen Jahr einundvierzigmal soviel an Nährwerte inn Gärungsgewerbe vernichteten, als wir an Almosen von den amerikanischen Quäkern erhielten. Wer sich jetzt noch nicht auf seine Pflicht besinnt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Jugendfeier auf dem Schiffenberg. Auf die von der Arbeiterjugend des Bezirks Gießen veranstaltete Feier, die am Sonntag nachmittag auf dem Schiffenberg stattfinden soll, sei nochmals aufmerksam gemacht. Sie beginnt Uhr. Neben den Darbietungen der Arbeiterjugend, wie Jugendspiele, Volkstänze und Reigen, werden Rezitationen und Liedervorträge von Arbeiter⸗-Gesangvereinen für ab⸗ wechselnde Unterhaltung sorgen. Im Mittelpunkt der Feier steht die Festrede, die in der historischen Kirche des Schiffen⸗ bergs stattfindet. Hoffentlich gibt es endlich gutes Wetter; aber auch bei weniger günstigem wird zahlreiche Beteiligung erwartet.

Sommeranfang? Daß zu Frühjahrsanfang noch Schnee lag, ist schon öfters vorgekommen, daß man aber zu Sommersanfang noch die Zimmer heizen muß, dessen dürften sich die ältesten Leute nicht erinnern. Ein wirklich skandalöses

Wetter, das in dem Jahre der Not gerade noch gefehlt hat!

Sonntagsdienst der Aerzte und Apotheken am 24. Juni 1923.

Dr. Klewitz, Luwigstraße 1 und Dr. Platz, Alicestraße 25(von

Samstag nachm. 4 Uhr bis Montag vorm. 7 Uhr); Engel⸗Apo⸗

theke(von Samstag abend 7 Uhr bis Montag vorm. 8 Uhr, mir

Nachtdienst in der anschließenden Woche. Diebstähle. Aus einem Lokal wurde ein orangesarbiger Ulster

und von einem Gebäude ein Firmenschild aus Emaille entwendet.

Vor Ankauf wird gewarnt. Sachbienliche Mitteilung nimmt die Kriminal⸗Abteilung entgegen. Allendorf a. Eda. Hier wurde endlich auch eine Freie Turner⸗

schaft gegründet, die am 12. Mai ins Leben trat. Vorsitzender ist

L. Größer II. Damit ist jedem Arbeiter und Genossen Gelegenheit gegeben, sich im Kreise von Seinesgleichen turnerisch zu betätigen und körperlich auszubilden. Hier besteht noch ein Turnverein, der zum Lahn⸗Dünsberg⸗Bund gehört. Dieser weill zwar umpolitisch sein; als er aber erfuhr, daß die freien Turner in demselben Lokale ihre erste Versammlung abgehalten hatten, in dem er bisher seine Turnstunden abhielt, zog er aus, weil die Leute vom Lahn⸗Düns⸗ berg⸗Bund mitden Roten das Lokal nicht teilen wollten. Das war zwar wenig tolerant, aber den freien Turnern war damit geholfen, sie brauchten nicht lange auf die Lokalsuche zu gehen. Hoffentlich schließt sich die Arbeiterschaft unseres Ortes zahlreich der Freien Turnerschaft an. g 9 Kreis Friedberg⸗Büdingen. 5 Butzbach. Butzbach wird am 23. und 24. Juni ein großes Hei widerfahren! Für 2000 Studenten und jungen sowie ältere Leuten aller Berufe und Stände wird eine

Zeitung an die Einwohnerschaft heißt, gesucht. Wie auch im vorigen Jahre wird man bei der Sonnenwendfejer auf der Burg Münzenberg einen Bamfluch richten gegen die Republik und ein treues Gelöbnis für Errichtung einer Monarchie ablegen.Nur noch wenige Stunden trennen und von einem neuen Deutschland hörte man den Herrn Prof. Werner damals sagen. Ein Jahr ist

nun doch schon vorüber gegangen, ohne daß die Wünsche in Er⸗

füllung gingen. So schnell wie es sich die Herrn gedacht haben, ist die Sache nicht gegangen. Aber der Wahrheit die Ehre rast⸗ los und unermüdlich haben die Deutschwölkischen Hitler und Ge⸗ nossen an ihrem Ziel gearbeitet, der Republik das Wasser abzu⸗ graben und die Errungenschaften der Revolution den Arbeitern aus den Händen zu entwinden. Sie haben es verstanden, die bürgerliche Jugend unter der FlaggeJungdeutscher Orden vor ihren politischen Wagen zu spannen. Es ändert daran auch nichts,

wenn der Herr Dr. Weide versucht, diesen Orden als unpolitisch g 1

hinzustellen. Er schreibt ja selbst in einem Artikel der Butzbache Zeitung:Rechte haben die Ordensmitglieder keine, nur Pflichten. Die Drahtzieher sind eben die Königsmacher und ihr Ziel ist die Konterrevolution herbeizuführen. Die Arbeiterschaft und auch die republikanischen Einwohner von Butzbach und Umgegend können das Manöver am Samstag umd Sonntag beobachten. Sie werden ihre Kräfte nicht in Gegendemonstrationen zerplittern,

sondern die Lehre aus diesem Aufmarsch ziehen, sich zum ge⸗

schlossenen Kampf rüsten. Alles drängt zur Entladung. Wagen es e Herrschaften zum Schlage auszuholen, um die Axt an die Wurzel der Republik zu legen, sollten ste versuchen uns noch mehr zum Paria herabzudrücken, so werden sie uns ge 5 Der Arbeiterschaft empfehlen wir, sich die Geschäfte zu merken, die an diesem Tage die schwarz⸗weiß⸗voten Fahnen heraus hängen, oͤesgleichen das Cafe Taubenheim und das Zigarrengeschäft von Ferdinand Spiegelberger, Weiselerstraße, wo die Listen zur Ein⸗ zeichnung der gegen Gotteslohn zu stellenden Betten offen liegen.

Kleine Nachrichten.

Darmstadt, 18. Juni. Zwei eigenartige Mordver⸗ suche spielten sich letzte Nacht hier ab. In der Landgraph Philipp⸗ Anlage fand man ein Dienstmädchen in Schreikrämpfen, das angeb⸗ lich von ihrem Liebhaber am Halse gewürgt wurde. Ueber diesen Fall fehlen noch nähere Mitteilungen. Nach 2 Uhr wurde dann abermals ein Mädchen von zwei ermittelten jungen Leuten an der Hochschule mit einer Schnur gewürgt und über ein Geländer ge⸗ worfen. Wie sich bei späterer Vernehmung herausstellte, war das Mädchen mit ihrem Liebhaber in einem hiesigen Gasthaus eingekehrt und beide hatten viel getrunken. Das Mädchen habe mit einem anderen Liebhaber ein Verhältnis angefangen und soll sich dahin geäußert haben, nach Amerika auswandern zu wollen. Dies sei der Grund zur Tat gewesen. Strangulierungsmerkmale fanden sich trotz der Schnur, die dem Mädchen um den Hals lag, nicht. Beide Mädchen befinden sich im hiesigen Frankenhaus und ist weitere Untersuchung im Gange. Die Mordangelegenheit bezüglich des Bankbeamten Fischer soll soweit ihre Aufllärung gefunden haben. daß man in den nächsten Tagen näheres über den seltsamen Mord erfahren wird.

Darmstadt, 21. Junt. Ausgewiesene treffen täglich in großen Mengen hier ein. Sa kam gestern Abend ein Möbelwagen von Groß⸗Gerau hier an, der das notdürftigste Hab und Gut von etwa 500 Personen aus der Binger Gegend in sich barg. Trotz aller erlittener Pein atmen die Leute richtig auf wenn sie unbe⸗ setztes Gebiet betreten, als falle ein Druck.

Friedberg, 21. Juni. Großfeuer. Im nahen Ober mörlen wurden drei Scheunen durch ein Großfeuer zerstört⸗ Das Vieh konnte im letzten Augenblick gerettet werden.

Die neue Aetna⸗Katastrophe.

Nach den letzten Meldungen aus Messina hat sich gestern morgen an dem Krater an der Westseite eine neue Oeffnung gebildet, aus der große glühende Lavamengen, die das Liseciano⸗Tal bedrohen, herausströmen, obwohl Bronte und Adorne noch nicht direkt bedroh sind. In Lawinarzo ist der Lavastrom, der von dichtem Aschenregen begleitet ist, dicht bis an das Dorf herangetreten. Für Linguaglossa hofft man, daß die zwei erloschenene Vulkane von Dong Francisca. die bisher der Stadt als Schutz gedient haben, auch weiter den Feuerstrom abhalten werden. Es ist jetzt möglich, die Größe des Kraters am südüstlichen Abhhange zu schätzen. Der Lavastrom hat dort eine Breite von fünf Achtel Meilen und ergießt sich bis nach

Giarre. Etwas niedriger ergießen sich zwei andere Ströme. Inner⸗

halb einer Viertel Meile ist die Hitze, die der Feuerstrom ver⸗ bereitet, unerträglich. Der Lavastrom macht ein Geräusch, als ob eine Riesenkette in weiter Entfernung rassele. Ab und zu hört man gewaltige Explosionen, die durch das Zerbrechen der Erdkruste ver⸗ ursacht werden. Ueber all diesen Schrecken hängt ein dichter weißer Rauch. Die traurigen Prozessionen der fliehenden Bauern, die nicht wissen, wohin sie sollen, lassen sich mit Worten kaum schildern. Auf kleinen Karren retten sie ihre dürftigen Habseligkeiten und betrachten stumm mit Verachtung die zahlreichen Ausländer, die herbeieilten, um das Unglück anzusehen. Linguaglossa verloren? 1 Aus Mailand wurde gestern noch gemeldet: Durch die sich weiter herabwälzende Lava scheint es leider nicht mehr müglich zu sein, das Städtchen Linguaglossa zu retten. Der Lavastrom ist, nach⸗ dem er den Flecken Catena erreicht und verschüttet hat, bereits in das Städtchen eingedrungen. Die ersten Häuser liegen schon unter der 20 Meter hohen Lavadecke. Die zum Teil zurückgekehrten und mit der Räumung ihrer Wohnungen beschäftigten Bewohner ziehen trostlos ab.

1 7 e Unterkunft gegen Gotteslohn, wie es so schön in einem Inserat der Butzbacher

wappnet finden.