Feil. und Pflegeanstalt zur Beobachtung unter- f
bringen lasseu. Dieie letzte Bestimmung ist sehr wichtig. und sie wird sicher auch eine große Rolle in der Tätsgkeit der Jugend⸗ amtfürsorgerin spielen. denn unter don Fstrsorgezöglingen sind be kanntermaßen eine große Zahl von jugendlichen Psychopathen, d. h. solchen die seelisch nicht gans normal sind. Solche Anormalität besteht nicht nut in Geistesschwächo sondern auch an morallscher Willensschwäche. Wenn wir heute praltisch in der Fürsorge⸗ erziehung leider so geringe Erfolge erzielen— man denke nur daran wie viele Verbrechen von früheren Fürsorgezöglingen aus⸗ geführt werden— so eat dies. T. daran, daß solche abnormen Fürsorgezöglinge einfach mit allen anderen in der gleichen Anstalt 1 vacht und in gleicher Weise behandelt werden. Es ist durchaus nötig, daß die Fürsorgeerziehungsanstalten mehr differen⸗ iert, mehr für verschiedenartige Zöglinge verschiedenartig einge⸗ richtet werden. und krankhaft abnorme Fürsorgezöglinge gehö ven in eine richtige Heilanstalt. Vedauerlich ist ja überhaupt daß Ansdaltserziehung so oft an Stelle der Familienerziehung treten muß. Das ist lader kaum zu ändern, denn die erforderliche An⸗ zahl von Einzelfsamilien die Fürsorgezöglinge in Pflege zu nehmen bereit sind, ist verhältnismäßig gering. Außerdem muß man bei der Auswahl vorsichtig sein. Es kommt auch vor daß Familien. besonders auf dem Lande. die Zöglinge zu sich nehmen, um ihre Körperkraft und ihre Dienste auszunutzen. Die im Reichsjugend⸗ wohlfahrtsgesetz angeordnete Aufsicht über die betreffenden Er⸗ Liehungsanstalten kann dazu helfen, manche in diesen vorhandenen Alten Uebelstände zu beseillgen. Vielleicht wird dann auch ein Teil des Mißtrauens schwinden. das jetzt weite Kreise der Für⸗ torgeersiehung. die immerhin eine Notwendigkeit ist. entgegen⸗
Gegen den Beschlum des Vormundschaftsgerichts auf Fürsorge⸗ erdchung soll dann von verschiedenen Stellen aus Beschwerde möglich sein. Unter Umständen kann das Verfahren auch auf ein Jahr ausgesetzt werden. Ob es sehr erfreulich ist, daß man auch die Frage des religißsen Bekenntnisses in die Bestimmungen über Fütesorgeerziehung hineingetragen hat, darüber kann man recht ve r Mesnumg sein Der Minderfährige soll mindestens bis zum Aufhören der Schulpflicht in einer Familie seines Be⸗ kenntnisses oder eventuell in einer Anstalt seines Bekenntnisses untergeb. werden. Die Erziehung kann auch in der eigenen Familie unter öffentlicher Aufsicht angeordnet werden. Die Für⸗ forgeerziehung endigt spätestens mit Eintritt der Mündigleit. also dem vollendeten 21. Lebensjahre. Endlich kommt nach dem jetzt im duftter Lesung vom Reichstag genehmigten Jugendgerichtsgesetz unter Umständen noch eine Anordnung der Fürsorgeerziehung für jugendliche Kriminelle zwischen 14 und 18 Jahren durch das Jugendgericht in Frage. Die Ausführung der Fürsorgeerziehung vegelt aber auch dann das Jugendwohlfahrtsgesetz. 5 Als Ergänzung der Fürsorgeerziehung sieht das Reichsjugend⸗ wohlfahrtsgesetz noch eine Schutzaufsicht vor wenn diefe aus⸗ reichend erscheint zur Verhütung körperlicher, geistiger oder sitt⸗ licher Verwahrlosung. Sie wird auch durch das Vormundschafts⸗ gericht angeordnet auf Antrag der Eltern, des gesetzlichen Ver⸗ treters oder des Jugendamtes Vei jugendlichen Kriminellen kann sie wieder das Jugendgericht anordnen. Es ist sehr wünschens⸗ wert, daß weitgehend diese Schutzaufsicht an Stelle der Fürsorge⸗ erziehung tritt. Man hat in anderen Ländern, besonders in Amerika, sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Hier wird sich auch gerade wieder eine Aufgabe für Frauen ergeben Die Schlitzaufsicht bestebt in Schutz und Ueberwachung des Minder⸗ jährigen durch einen Helser. Er soll die Erziehungsberochtigten unterstützen, und sie sind verpflichtet, ihm Auskunft zu geben. Sie kann außer einer einzelnen Person auch einer Vereinigung für Jugendhilfe übertragen werden. und es soll auch hierbet auf das religiöse Bekenntnis Rlicksicht genommen werden. Henni Lehmann.
Die Frage der Roggensteuer.
„Wer andern eine Grube gräbt,“ Diese Erfahrung machen jetzt die deutschen Grundbesitzer, welche vor etwa Jahresfrist für ühre Pächter die Erfindung der Roggenpacht gemacht 0 Nicht nur daß die Steuerbehörden jetzt auf die hohen Rein⸗ erträge aufmerksam werden, welche nach Ansicht der Verpächter auch heute noch in der Landwirtschast zu erzielen sind, sondern zum J uß ist der oldenburgische Ministerpräsident Tantzen jetzt auf die Idee der Roggensteuer gekommen und hat diese auf einer Zusammenkunft der demokratischen Minister in Braunschweig zur Sprache gebracht. 5
Wir wollen an dieser Stelle den Vorschlag von Tantzen weder ablehnen noch unterstützen, möchten jedoch feststellen, daß die deut⸗ schen Grundbesitzer jetzt mit Bestürzung einsehen, was ihnen einmal blüten kann, wenn eine derartige Noggensteuer zur Tatsache wird.
Der Deutsche Landwirtschaftsrat ist Mitte Feb⸗ ruar zu einer Tagung zusammengekommen und hat sich dort nicht nur mit der Getreideumlage, sondern auch eingehend mit dem Plan der Roggensteuer befaßt. Einmütig wurde die Roggenstener mit einer Begründung abgelehnt, in der es u. a. heißt:„Der Deutsche Landwirsschaftsrat weist den vom oldenburg. Ministerpräsidenten Tantzen stammenden Plan, die gesamten von der Landwirtschaft zu tragenden Steuern durch eine einheitliche Roggenwertnaturalrente zu ersetzen, auf das schärfste zucück.
1. Die Roggensteuer nimmt keine Rücksicht auf die verschiedenen Arten des Betriebes und der Wirtschaft; sie würde eine unabseh⸗ bare, verheerungsvolle Verschuldung verursachen; sie stellt eine überaus schwere ungerechtsertigte Sonderbelastung der Land⸗ wirtschaft dar, sie bedeutet die Verewigung der Zwangs wirtschaft (Umlage) und damit den Uebergang zum Getreidegroßhbandels⸗ monopol, sie muß eine verderbliche Wirkung auf alle Kalkulationen und Zahlungen ausüben, die die Landwirtschaft zu leisten hat.
g(Fortsetzung auf Seite 3.)
Der fascistische Sumpf.
Ein Frankfurter Attentatsplan.
Als in München verschiedene Mitglieder des national⸗ sozialistischen Bundes„Blücher“ wegen Hochverrats ver⸗ haftet wurden, weil sie wegen Einleitung eines national ⸗ sezialistischen Putsches in Bayern mit dem französischen Obersten Richert in Verbindung getreten waren, wurden auch in Frankfurt a. M. fünf Mitglieder des Blücherbundes verhaftet. Ueber die Gründe dazu wird jetzt Näheres be⸗
kann.
Die Verhasteten sind der Leiter und stell vertretende Leiter sowie der Sekretär der Zweigstelle Frankfurt des Bundes, der in München seinen Sitz hat, und zwei Kauf⸗ leute, die ihm angehören und von denen einer im letzten Sommer wegen Diebstahls und Hehlerei zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden ist. Im Februar wandten sich der Bundessekretär Hille und die Kaufleute Metzger und Rullmann an den französischen Verbindungsoffizier in Frankfurt, Kapitän de Pomarede, dem sie den Vorschlag unterbreiteten, dadurch Unruhen zu verursachen, daß sie eine Synagoge in die Luft sprengen. Zu diesem Zweck sollten ihnen die Franzusen Kraftwagen, Handgranaten und Geld⸗ mittel zur Verfügung stellen. Dafür wollte man am 3. März, dem jüdischen Purimfest, das geplante Attentat ausführen. Dem Kapitän trugen die„Blücher“⸗Leute ihren Plan persön⸗ lich vor. Er zeigte sich sehr interessiert und verwies die Leute an einen französischen Spezialkommissar Robert nach Höchst. Auch dort besprachen sie ihre Pläne an Hand von
Skizzen eingehend mit dem Offizier Le Lorraint und dem
Kapitän Achtmann. Für den nächsten Tag wurden sie nach Mainz bestellt, wo die endgültigen Abmachungen über die Ausführungen des Planes getrofsen werden sollten. Als die drei Blücher⸗Bündler sich dort einfanden, wurde ihnen jedoch ein etwas kühler Empfang zuteil. Anscheinend hatten die Franzosen in der Zwischenzeit von der Verhaftung der Münchener Verschwörer des Blücher⸗Bundes Kenntnis er⸗ halten. Das Spiel wurde ihnen zu gefährlich, und sie
schickten daher die drei Verräter nach Frankfurt zurück, wo
dann die Verhaftung erfolgte.
Vor der Fahrt nach Mainz war der Frankfurter Kreis⸗ leiter auf einen Tag nach München gefahren, um mit dem Bundesvorstand das Attentat zu besprechen. Er mußte jedoch unverrichteter Dinge zurückkehren, da seine Münchener Vorgesetzten bereits hinter Schloß und Riegel saßen. Wenige Stunden später wurde auch er in Frankfurt festgenommen; dabei wurden unter den bei ihm beschlagnahmten Papieren auch ein ausführlicher Bericht über die Verhandlungen mit den Franzosen, der für die Münchener Bundesleitung be⸗ stimmt war, vorgefunden. Ein in das Scheidemann Attentat verwickelter Leutnant Heinz gab als letzten Ausweg den Rat, selbst Anzeige bei der Polizei zu erstatten, weil er hoffte, man könne dadurch aus der Falle herauskommen.
Ludendorff gegen Held.
General Ludendorff antwortet in der Münchener Zeitung auf die Angriffe des Führers der Bayerischen Volkspartei, Geheimrat Held, im Regenburger Anzeiger solgendermaßen:„Ich genieße kein Gastrecht in Bayern, sondern ich wohne hier kraft meines Rechtes als Deutscher Als Monarchist und Legitimist nehme ich nicht Stellung gegen das Haus Wittelsbach oder gar gegen sein er⸗ lauchtes Haupt, als überzeugter Christ nicht gegen den Katholizis⸗ mus, als Deutscher nicht gegen Bayern. Ich wende mich nur gegen solche Bestrebungen, die eine Lockerung des Reiches zum Ziele haben oder die sogenannte vorübergehende Trennung Bayerns vom Reich aus irgend einer Ursache herbeiführen wollen, um letzten Endes auf einen Landesverrat unter Fühlungnahme mit Kreisen in Frankreich und der Tschechei hinauszukommen, so wie wir es jetzt folgerichtig in München erleben müssen. Niemand gegenüber habe ich auf das Recht politischer Betätigung verzichtet. Ich vertrete die klare großdeutsche Lösung. Im Regensburger An⸗ zeiger wies ich auf die Tatsache hin, daß sich in Bayern Landes⸗ verräter mit dem doch nicht zufälligen Plan des französischen Oberstleutnants Richert einverstanden erklärt haben, nebst Bayern auch noch einzelne Teile Deutsch-Oesterreichs in den europäischen Völkerbund von Frankreichs Gnaden aufzunehmen. Oberstlentnant Richert wußte, was er anbot Er steht mit den vorstehend ange⸗ führten Bestrebungen im ursprünglichen Zusammenhang. Ich enthalte mich jeder Polemik, weil die Aufmerksamkeit des deut⸗ schen Volles allein auf die Politik der nationalen Würde und des nationalen Widerstandes gegen Frankreich und gegen alle Sa⸗ botage von innen heraus durch Verrat in jeglicher Form ge⸗ richtet sein muß.(gez.) Ludendorff.“
Diese sehr deutliche Erklärung General Ludendorffs gegen die offene und versteckte separatistische Bewegung
der Bayerischen
Volkspartei bestätigt erneut, daß sich in der sogenannten„vater ländischen“ Bewegung in Bayern sehr viel gefährliche und reicf feindliche Elemente betätigen. 5
Haltet den Dieb!
Die Enthüllungen über die hochverräterischen Treib. reien rechtsradikaler Elemente in Bayern und die bevch, stehenden Enthüllungen ihrer preußischen Gesinnung. genossen haben den Deutschnationalen einen solchen Sch 0 in die Glieder gejagt, daß sie nun mit der ihnen eigenen ostelbischen Frechheit versuchen zu retten, was noch zu ret. ist. Man kennt die Art, wie das gemacht wird: Irgend ein Kommunist redet ein unüberlegtes Wort oder gründet 10 Abwehr der faszistischen Banden eine Hundertschaft, ust schon ist die Rote Armee fertig, die innerhalb 24 Stunden dem braven deutschen Bürger den Krieg erklären, blühende Städte in Asche legen und die deutsche Abwehrfront erdol chen wird. Dagegen, daß sich in Bayern und Oberschlesien e Faszisten zu militärischen Organisationen zusammenge⸗ schlossen haben, jede republikanische Versammlung 2„ andersprengen und die Teilnehmer mit dem Revolver e- drohen, Reichsminister niederknallen und jeden Tag eine 0 andern Staatsmann den Tod androhen, dort eine kon munistische Druckerei in Brand legen und hier gegen eine sozialdemokratische ein Handgranaten⸗Attentat verüben, Hotels stürmen und silberne Löfel stehlen, gegen all das und noch vieles andere hat ein so auf die preußische Ordn ing eingeschworenes Blatt wie die Kreuzzeitung natürlich gu nichts einzuwenden. Wenn aber ein paar halbreife Burschen die sich Kommunisten nennen, in irgend einer deutschvö f schen Versammlung Krach machen oder nur während de Versammlung unter dem Absingen der Internationale bor dem Versammlungslokal vorbeiziehen wenn in Stettin ein paar Arbeitslose Krawall machen oder wenn die KPD. dit Abwehr der Faszisten Hundertschaften bilden will, day wird sofort die ganze Staatsgewalt zu mobilisieren versuch, weil hier der Bolschewismus angeblich sein Haupt e um zur zweiten Revolution auszuholen. Für all die„bol schewistischen Vorbereitungen“ wird natürlich der preußisch Minister des Innern verantwortlich gemacht. Insbesof. dere legt man ihm jetzt die recht bedenklichen Zustände, die sich in Oberschlesien herausgebildet haben, zur Last. 10
Wir wollen uns mit dem Geschreibsel der deutschnats nalen Presse nicht länger abgeben. Die nächsten Tae werden so viel Aufklärung bringen, daß auch dem groß mäuligsten Deutschnationalen die Lust zum Schwadronieren vergehen wird. Vor allen Dingen werden wir dann seht klar sehen, wer schuld an den Zuständen in e Weiß man im deutschnationalen Lager nicht, daß die schlesischen Arbeiter sich gegen die Clique ehemaliger O ziere auflehnt. die in den oberschlesischen Betrieben, ge. stützt auf die der Reichswehr gestohlene Waffen, ein Schreckensregiment errichtet hat? Die At,
1
beiterschaft wird überall diese„nationale“ Betätigung de
Bankrotteure von gestern und der Vabanquespieler von heut mit allen Mitteln bekämpfen. 9
Scharfes Zupacken in Thüringen. 0
In Sonneberg ist ein verkappter nationalistischer Klub W aufgelöst worden, da es sich um eine Lesegesellschaft des ch Beobachters, des Organs der auch in Thikringen verbotenen nation sogialistischen Arbeiterpartei, handelt. Eine Persönlichkeit, die beson. ders stark mit rechtsradikaler Betätigung hervortrat, meidet sel einigen Tagen Sonneberg, anscheinend in der Befürchtung, daß maß ihr einige peinliche Fragen vorzulegen gedenkt. Auch an andere! Stellen Thüringens sind bedeutsame Untersuchungsergebnisse zu ven zeichnen. Die Untersuchungen über die neuesten Vorgänge im r radikalen Lager sind indes noch nicht abgeschlossen. zitere Ven, öfsentlichungen müssen daher vorerst unterbleiben, da Verdunkelung
gefahr besteht. Roßbach.
Nach der Meldung einer Berliner Korrespondenz soll Leutnan“ Roßbach angeblich wieder auf frekem Fuße sein. Wie wir erfahren hat der Untersuchungsrichter Roßbach latsächlich wieder entlasen. Dem Eingreifen der zuständigen preußischen Stelle ist es zu danken daß die sofortige Wiederverhaftung Noßbachs erfolgte. Der preuß ist“ Minister des Innern wird noch im Laufe dieser Woche dem preußii, schen Landtag eingehend über die Umtriebe Roßbachs und seiner Cu. ganisationen Mitteilung machen. Wir können schon heute versichern, daß auf Grund des sich im preußischen Ministerium des Innern an gehäuften Materials eine Haftentlassung Roßbachs ein Ding der.
möglichkeit ist.
Der Deserteur.
Roman von Robert Buchanan. Siebzehntes Kapitel. Korporal Derval reitet sein Steckenpferd.
Eines Abends vergrößerte Vater Rolland den Kreis in der Dervalschen Küche. Die Witwe saß wie gewöhnlich spinnend in einer Ecke, an ihrer Seite Marcelle, mit einer Näharbeit beschäftigt. Vor dem Feuerherd stand ein be— quemer, altmodischer Lehnstuhl, in welchem sich's der Geist⸗ liche gütlich sein ließ. Er hatte seine steife Halsbinde ge⸗ lockert damit sein Lieblingsgetränk— Kornbranntwein— leichter hinunterrutschte. Alain und Jannick— nunmehr die alleinigen Vertreter der„Makabäer“— lungerten auf den Bänken herum, während Mikel Grallon sich Marcelle gegen⸗ über aufgepflanzt hatte und keinen Blick von ihr wandte.
Der alte Korporal starrte sinnend ins Feuer und schien die ganze Gesellschaft total vergessen zu haben. Im Geiste verfolgte er den Marsch der„Großen Armee“. Der kleine Curé paffte eine Weile energisch an seiner kurzen Pfeife und wärmte seine erstarrten Füße, denn es herrschte, trotz- dem es Mai war, eine bittere Kälte.
„Korporal Derval! Ihre Gedanken weilen wohl wieder auf dem Kriegsschauplatz und scheinen uns vergessen zu haben?“ bemerkte Rolland lächelnd.
Der Korporal erwachte wie aus einem Traume, runzelte die Stirne und tat mehrere kräftige Züge aus seiner Pfeife.
„Finden Sie die Behandlung, die er dem Heiligen Vater zuteil werden ließ, gerechtfertigt?“ fuhr der Geist⸗ liche fort.
Die Blicke aller richteten sich gespannt auf den alten Haudegen; Mutter Derval vermochle einen tiefen Seufzer nicht zu unterdrücken.
„Verzeihen Sie, Monsieur le Curs, aber das verstehen Sie nicht.“ entgegnete Derval mit überlegener Miene.„All das ist ein Abkommen zwischen dem Kaiser und dem Papste! Es gibt viele, die da behaupten, der Kaiser habe den Heiligen Pater in den Kerker gesperrt— bei Wasser und Brot. Das ist Unsinn] Seine Heiligkeit bewohnte einen pröchtigen Palast speiste auf Silber und word wie ein Heiliger geehrt. Sie befinden sich in einem Irrtum, wenn Sie unseren Kaiser für profan halten; das ist er nicht; er fürchtet Gott. Ich, der es Ihnen sagt, weiß es bestimmt. Habe ich es denn nicht mit meinen eigenen Augen gesehen, mit meinen eigenen Ohren gehört? Der Kaiser ist gottesfürchtig, das sag' ich Ihnen, der ich noch nie eine Unwahrheit gesprochen habe. Er ist von Gott gesandt worden als Geißel für die Feinde Frankreichs.“
Mikel Grallon nickte zustimmend und rief begeistert: „Bravo, Onkel Ewen! Er hat die verfluchten Deutschen und Engländer ordentlich tanzen lassen!“
Ohne Mikels Rede zu beachten, fuhr der Korporal zu dem Pfarrer gewendet fort:„Ah, es ist eine große Sache, einen Menschen wie Napoleon zu kennen, mit ihm gesprochen, ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben, wie ich.
Ja, ich, der ich hier sitze, ich habe in seine Adleraugen geblickt,
wie ich jetzt in Ihre Augen blicke; ich habe seinen Atem ge spürt, seine Stimme vernommen, zuerst in Eismone und dann noch zweimal. Ich sehe ihn noch immer und höre sein Stimme so deutlich wie die Ihrige, Vater Rolland! Wie oft höre ich sie im Schlafe und springe auf, um nach meiner Kanone zu sehen, sie zu bedienen. Ich glaube, wenn er ang mein Grab kame und mich riefe, ich würde aus dem ewigen
Schlaf erwachen, um ihm zu folgen.“
Die letzten Worte flüsterte er fast schon, seine Lide senken sich, wie die eines schlafenden Adlers, während. traumverloren in die helle Torfglut blickte, in der er ein gespensterhafte Armee an seinem geistigen Auge vorbei ziehen sah.
Eine Pause trat ein. Um seine heftige Erregung zu be. mänteln, nahm der Korporal eine glühende Torfkohle aus dem Herd und legte sie in seine ausgegangene Pfeife, aus der er dann dichte Dampfwolken in die Luft blies. Nieman! wagte die andächtige Stille zu unterbrechen. Endlich fragte der Pfarrer:„Wie lange ist es her, seit die kleine Affäre in Cis mone stattgefunden hat?“ 5
Die Augen des Alten blitzten auf, ein befriedigt“ Lächeln glitt über seine verwitterten Züge. Bedächtig legt er die brennende Pfeife auf den Kaminsims. stöberte seinem Stelzfuß das Feuer auf, zog, wie in tiefem Sinnen die Stirne kraus, rieb sich die schwieligen Hände und enk gegnete mit einer Donnerstimme, als ob er ein ganzes Regi ment zu kommandieren hätte:„Es war in der Nacht des lf September im Jahre 1796.“ f
aortletzuna forat.


