Ausgabe 
21.3.1923
 
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kennen zu lernen, fondern daß auch der belglsche Minksfer⸗ präsident und der belgische Außenminister auf der Brüsseler Konferenz bei Poincars mit Nachdruck die Bedenken zur

rache gebracht haben, die Belgien hat, sich weiter in eine Politik

tschleppen zu lassen, die es von England entfernte. Wenn die französische Regierung die moralische Isolierung wagen wolle, so könne das kleine Belgien, dessen Daseinsgrundlage der inter⸗ nationale Friede und die internationale Eintracht sind, sich derselben Gefahr nicht aussetzen. Aufmerksam verfolgt man daher in Belgien den immer stärker werdenden Druck der öffentlichen Weinung Englands auf die dortige Regierung, und es hat den An⸗ schein, als ob in den Kreisen der belgischen Regierung eine festere Haltung Englands gegenüber der französischen Regierung begrüßt wird, weil dadurch die eigene Stellung gegenüber den allzu weit⸗ 2 polftischen Zielen der Regierung Poincaré nur gestärkt

kamm.

w Auch Genosse de Bronchere beschäftigt sich mit dem Beschluß der Brüisseler Konferenz, das Ruhrgebiet erst nach und nach wieder zu räumen, entsprechend den Zahlungen Deutschlands: Das sei keine vernfinftige Lösung des Problems. Die Konferenz habe vergebens eine vermittelnde Lösung gesucht zwischen einer napoleonischen Er⸗ oberungs⸗ ung einer Aufbau⸗Politik; diese Vermittlung gebe es nicht. Das einzig Erfreuliche sei, daß man nunmehr wisse, daß die bel⸗ ische Regierung zum mindesten gewissen Exzessen der Poin⸗ ré⸗Politik Widerstand entgegenzusetzen trachte. Wenn sich die belgische Regierung schon habe zur Ruhrbesetzung ver⸗ leiten lassen, so müsse sie fetzt, um die Situation zu retten, sich ent⸗ schlossen an die beim Einmarsch abgegebenen Erklärungen halten und die logischen Folgerungen daraus ziehen. Die Erfahrung habe ge⸗ zeigt, daß das Ruhrgebiet als Pfand getrogen habe. Die Ausbeutung durch Besetzung habe sich als unmöglich erwiesen. Wolle man aber das besetzte Ruhrgebiet als Druckmittel auf Deutsch⸗ land benutzen, so könne man nur Deutschland und sich selbst tninieren aber niemals aus dieser gemeinsamen Katastrophe Milliarden für Reparationen ziehen. Wolle man also dieses Pfand bis zur Bezahlung behalten, so hieße das, bis zum St. Nimmerleins⸗ tag in Essen bleiben.

Es gäbe also nur einen Ausweg: das schlechte Pfand gegen ein besseres auszutauschen. Man müsse die Gesamtschuld Deutschlands vernünftig berechnen und dafür dann auf dem Wege von Verhandlun⸗ gen zu einem wirklichen, nicht territorialen, sondern wirtschaftlichen Pfand, kommen. Die FormelIm Ruhrggebiet bleiben bis zur voll⸗ ständigen Zahlung müsse geändert werden in: Das Ruhrgebiet ver⸗ lassen, sobald die Bezahlung der Reparationsschuld annehmbar

gatuntiert ist. N g Frankreichs Erfolge.

Die Pariser Zeitung Europe Nouvelle schreibt am 10. März A. a.Minister Le Trocquer hat Anfang Februar drei aufsehen⸗ erregende Reisen ins Ruhrgebiet unternommen, von denen seine Umgebung verkündete, sie seien nur der Anfang einer in großem aßstabe unternommenen regelmäßigen Inspektionstätigkeit. Le rocquer hat durch die Nachrichtenbureaus sogar verbreiten lassen, für diese Inspektionsreisen ihm ein Flugzeug zur Verfügung gestellt worden sei. Seitdem ist Herr Le Trocquer aber niemals wieder weder zu Fuß noch zu Roß, weder in einem eigenen noch in einem Militärzug, geschweige denn durch die Luft nach dem Ruhrgebiet gekommen. Was hätte er auch inspizieren sollen? Die VBergwerke? Man hat darauf verzichtet, sie in Betrieb zu nehmen. Die Eisenbahn? Der General Paijot versucht jetzt, sie in Gang zu bringen. Das Ruhrgebiet ist dem Militär überlassen und Hacke und Wasserwage sind durch das Schwert vertrieben. Als der Berg nicht zu Mohamed kam, kam Mohamed zum Berg. Als Le Trocquer nicht Herrn Coste in Essen besuchte, kam Herr Coste nach Paris. Er ist wegen seiner Schweigsamkeit bekannt. In kurzen Worten hat er sich über die Rolle, die man ihn in Essen spielen lasse, beklagt. Er sei nach Essen gegangen, um das Ruhrgebiet zu kontrollieren und in Betrieb zu nehmen. Wenn nichts zu kon⸗ strollieren sei, müsse man in Betrieb nehmen. Man solle ihm die notwendigen Truppen zur Verfügung stellen, dann würde er in ein Bergwerk nach dem anderen eindringen, um die Halden zu leeren. Der Minister aber hat ihm erwidert:Ja, wir zwei würden große Dinge verrichten, wenn man uns handeln ließe. Aber man will nichts mehr von der Betriebnahme wissen. Man ist jetzt für die lockade. Außerdem habe nicht ich etwas über die Soldaten zu ssagen, wenden Sie sich an General Degoutte! Das aber hat Herr Coste nicht getan. Er hat sich wieder auf die Bahn gesetzt und ist mit einem Zuge, ohne in Düsseldorf auszusteigen, nach Essen ge⸗ fahren. Hier im Kaiserhof hat er zusammen mit seinen 40 In⸗ ern seine geistlichen Uebungen wieder in völliger (ĩKlosterstille aufgenommen.

Die Hofen de Unternehmens.

Der französische Finanzminister hat dem Jinanzausschuß der Kammer eine schriftliche Mitteilung über die Kosten der Ruhrbe⸗ saßung überreicht. Darin schätzt er die Kosten für die Monate Januar bis April einschließlich auf 196 Millionen Fran en, von

nen 36 Millionen Franken auch für den Unterhalt der Truppen in den Garnisonen zu zahlen gewesen wären, so daß sich die. Mehr⸗ kosten für die militärische Besetzung nach der amtlichen Berechnung auf 160 Millionen Franken belaufen.

Verbot der Nuhrhilfe. Beschlagnahme von Geldern. Die alliierte Rheinlandkommission hat im altbesetzten Gebiet an die Ortsbehörden nachstehendes Schreiben gesandt: a

Kommission beschlossen hat, im besetzten Gebiet jeden Verein oder Komitee der Ruhrhilfe oder gleichartigen Organi- sationen zu verbieten. Auch die Geldsammlungen, Verkauf von Freimarken, Auszahlungen von Unterstützungen, die im

Zusammenhang mit diesen Organisationen stehen, sind

streng verboten..

Auf Grund dieses Schreibens sind bereits in einer Reihe von Städten Beschlagnahmungen von Geld erfolgt. In Reydt haben die Belgier 100 Millionen der Stadt, 5 Millionen für Erwerbslose, und 68 Millionen von der Reichsbank, welche für die Eisenbahner bestimmt waren, be⸗ schlagnahmt. In München⸗Gladbach sind 10 Millionen be⸗ schlagnahmt worden, die ebenfalls für die Erwerbslosen bestimmt waren. In Hainsberg sind 102 Millionen beschlag⸗ nahmt worden. In Krefeld machen die Belgier die größten Anstrengungen, um festzustellen, wo die Gelder für die Ruhrhilfe und die Erwerbslosenfürsorge niedergelegt sind. Bis jetzt ist es ihnen aber nicht gelungen, irgendwelche Gelder in Krefeld aufzufinden. In Duisburg wurde gestern der Angestellte Remens von der holländischen Rheinschiffer⸗ Organisation von den Velgiern verhaftet, weil er die hollandischen Matrosen, die auf den belgischen und fran⸗ zösischen Schiffen in Arbeit standen, veranlaßt hatte, von den Schiffen herunterzugehen und die Arbeit einzustellen.

Reichsta sabgeordneter Quaatz als Geisel verhaftet.

Aus Essen wird gemeldet, daß Reichstagsabgeordneter Quaatz, Handelskammersyndikus Dr. Volmer und der Direktor des Barmer Bankvereins. Mordan, von den Franzosen verhaftet worden sind. Die Besatzungsbehörde bezeichnet diese Mäßnahme als eine Vergel⸗ tungsmaßregel für die Ermordung eines französischen Postens, die angeblich in der Nacht vom Samstag auf Sonntag erfolgt sein soll.

Der verhaftete Reichstagsabgeordnete Dr. Quaatz, Dr. Volmer, sowie der Direktvor des Barmer Bankvereins Morian sind in das Zuchthaus zu Werden gebracht worden. Die Verhafteten sind als Geiseln festgenommen worden, weil in der Nacht vom Samstag zum Sonntag ein französischer Posten erschossen worden war. Der Täter ist unerkannt entkommen. 0

Auch der Reichs bankdirektor Pechold und sämtliche Leiter der Großbanken in Essen sind verhaftet worden.

Nachdem der Geschäftsführung der Handelskammer Essen be⸗ kannt geworden war, daß die Franzosen den Reichstagsabgeordneten, Geh. Regierungsrat Dr. Quaatz als Geisel festgenommen hatten wurde sie sofort bei dem kommandierenden General Fournier vorstel⸗ lig und wies daraufhin, daß Herr Quaatz seit Oktober v. J. nichts mehr mit der Geschäftsführung der Handelskammer in Essen zu tun habe. Wenn sie den Syndikus der Essener Handelskammer als Geisel nehmen wollen, sollten sie Herrn Quaatz sofort freilassen und sich an den derzeitigen Geschäftsführer Dr. Rechlin, der da und da wohne, halten. Die dargufhin von den Franzosen gestellte Forderung, der betreffende Herr soll sich sofort persönlich stellen, wurde selbstverständ⸗ lich abgelehnt. l

General Fournier hat durch Maueranschlag die Festnahme der Geiseln bekannt gegeben und hierin ausdrücklich erklärt, daß der Mörder des französischen Soldaten unbekannt ist. Die Geiseln wür⸗ den in Freiheit gesetzt, sobald der Urheber der Tat übergeben werde. Falls der Schuldige nicht entdeckt würde, behält sich der General vor, der Stadt Essen eine Geldstrafe aufzuerlegen, deren Höhe noch nicht festgefetzt werden soll.

Die Ursache der Verhaftungen.

Die angestellten Ermittelungen über die Vorgänge in der Nacht vom Samstag auf Sonntag, in deren Verlauf ein französischer Soldat und der 38 jährige Buchdruckereibesitzer Kurt Schulte ermordet worden sind, haben einwandfrei ergeben, daß Schulte ohne jeden Anlaß erschossen worden ist, insbesondere, daß er als Täter bei dem Anschlag gegen die französischen Soldaten keines⸗ wegs in Frage kommen kann. 8

Die in der Nacht vom Samstag auf Sonntag, ungefähr gegen 3% Uhr, alarmierte Feuerwehr zur Herkulesstraße fand Schulte mit einem Schuß in den Hinterkopf auf der Straße liegend. Nach Angabe eines Zeugen sollen drei Franzosen ihn erschossen haben. Die Franzosen hätten sich den Erschossenen angesehen und wären dann eilig fortgegangen. Die Feuerwehr besorgte einen Kranken⸗ wagen, um den anscheinend Toten abzuholen. Inzwischen kam

Ich beehre mich, Ihnen mitzuteilen, daß die hohe

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Soldateutod. 5

Das Eisenbahnungllick bei Friemersheim hat den Fran wie erst 1 wird, viel mehr Opfer gekostet als sie an Nach einwandfreien Mitteilungen blieben 60 Soldaten tot starben infolge ihrer schweren Verletzungen. Außerdem bis jetzt mehr als 50 Pferde erschossen werden.

Politische Uebersicht. Noßbach und Ehrhardt.

Leutnant a. D. Roßbach, der bereits zweimal verhafte aber immer wieder freigelassen wurde, ist am Samstag en. neut sestgenommen worden. In Wannsee, seinem Stamm. quartier, hielt er am Samstag abend eine Versammlung al, die von der Polizei aufgelöst wurde. Er selbst wurde hierba von Beamten der Abteilung 1& des Berliner Polizel. präsidiums in Haft genommen. Die Festnahme stützt sio auf zahllose Vergehen Roßbachs gegen die Republikschuk. gesetze. Daß er Ministermorde plante und ebenfalls mt Neichswehroffizieren und Mannschaften dunkle Pläm schmiedete, dürfte bei seiner Veranlagung kein 9 nehmen. i

Leider ist auch jetzt wieder zu befürchten, daß man schlimmsten aller Verschwörer wieder laufen läßt. 5 gegen Roßbach vorliegende Material ist geradezu erdrücken, erlaubt jedoch aus bestimmten Gründen eine restlose Ben öffentlichung nicht. Wir könnten es daher nicht begr f wenn dieser Mann, der Gesinnungsgenossen zu fortgesetzten Morddrohungen an preußische Minister verleitet und zm Ausführung von Mordtaten selbst Pläne schmiedet, jet zum dritten Male entlassen würde, nur weil der juristisch i-Punkt fehlt. Am Montag haben die Freunde Roßbach bereits bei den zuständigen Stellen ihre Wünsche auf Haft entlassung vorgebracht. Uebrigens schwebt gegen den Ver, hasteten noch ein Verfahren wegen Ermordung zweier Ar beiter während des Kapp⸗Putsches in Mecklenburg.

Der Prozeß gegen den Kapitänleutnant a. D. Ehrhard dürfte, wie bereits mitgeteilt, in einigen Wochen beginnen Bekanntlich steht Ehrhardt nicht nur unter der Anklage des Hochverrats, sondern auch des Meineids, da er unter seinem Eid alsEschwege über sich selbst falsche Angaben gemacht hat. In diese Angelegenheit ist auch die Prinzessin v. Hohen. lohe verwickelt, die, wie wir bereits bei der Verhaftung Ehrhardts meldeten, ebenfalls unter ihrem Eide erklärt hal nicht zu wissen, daß der angeblicheEschwege der gefuchte Kapitänleutnant a. D. Ehrhardt ist. Die Unterfuchung hal aber ergeben, daß sie nicht nur Ehrhardt, sondern auch seiner flüchtigen Freunde beherbergt hat. e

Ehrhardt ist übrigens in ein Lazarett überführt worden da seine Gesundheit durch die Untersuchungshaft gelitten und er sich vor einigen Tagen bei einem Sturz die inn Hand gebrochen hat. Diese plötzliche Krankheit scheint uns nach den bei verschiedenen politischen Verbrechen gemachten Erfahrungen hinreichend verdächtig. Ist sie etwa der erste Schritt des Hochverräters auf der Flucht in die golden Freiheit? g 1

Zur Rettung desverratenen Ehrhardt hat die Führ schaft der Deutschvölkischen Freiheitspartei, die Aban v. Graefe, Wulle und Henning, sich jetzt an die Rechts partejen gewandt und ihre Unterstützung für einen Antrag erbeien, in dem der Reichstag die Reichsregierung ersuchen soll, demim Kriege um sein Vaterland hochverdienten Korvettenkapitän a. D. Hermann Ehrhardt sofortige Haft

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Der Deserteur. 5

Roman von Robert Buchanan.

So oft diese und ähnliche Gedanken durch ihr erhitztes Gehirn jagten und sie zwangen. Rohan zu verdammen, reg⸗ ten sich gleichzeitig tief in ihrem Innersten Gewissensbisse, denn bis zu jener verhängnisvollen Begegnung am Kreuze hatte sie noch nie so deutlich empfunden, wie fern ihre Seele und ihre Gedankenwelt derjenigen Rohans stand. Ganze Welten schienen sie zu trennen. Und von jener Stunde an bis zum heutigen Tage regte sich ost eine Stimme in ihrem Her⸗ zen, die ihr bald leise, bald gebieterisch sagte:Du verstehst ihn nicht, wie ihn alle deinesgleichen nicht verstehen! Er steht meilenhoch über Euch! Etwas in seinen Blicken und Worten hatte sie damals verwirrt und sie seine geistige und mora⸗ lische Ueberlegenheit dunkel empfinden lassen. Diese Empfin⸗ dung wollte sich nicht mehr unterdrücken lassen; sie wuchs und ließ die Liebe nicht einschlafen, ja, sie bekleidete Rohan wieder mit jener physischen Kraft die das Weib aus dem Volke bei dem Manne ihrer Wahl sucht und anbetet.

Sie stellte sich ihn lieber als schlecht und verrückt vor, als Erzfeind ihrer Anschauungen und der kaiserlichen Sache, denn als gewöhnlichen Feigling und Angstmeier. Aber ob Feigling oder Chouan oder beides er blieb verschollen, und wenn er lebte, woran die meisten zweifelten, so wußte kein Mensch: wo und wie. Die rote Schnapsnase Pipriacs vermochte weder im Dorfe, noch außerhalb desselben seine Spur zu entdecken. Hunderte von Spionen lauerten darauf, das Blutgeld zu verdienen vergebens. Schließlich ver⸗ breitete sich die Privatansicht des guten Curs allgemein und man nahm an, daß Nohan Gwenfern sich entweder von einer hohen Klippe gestürzt habe oder im Meer ertrunken sei. Als bereits viele Wochen verstrichen waren, begann sogar Mar⸗ celle das Schlimmste zu befürchten und ihre stillen Vorwürfe verwandelten sich in tiefe Trauer: aber sie konnte sich der⸗

selben nicht hingeben, denn sie hatte ihre Mutter zu trösten, die Hausarbeit zu verrichten, zum Brunnen zu gehen kurz, jede Stunde des Tages war mit Arbeit ausgefüllt. Hätte sie sich ganz ihrem Kummer hingeben können⸗ sie wäre sicherlich zugrunde gegangen; so aber fand sie Trost und Ab⸗ lenkung in ihrer Arbeit. Ihre Wangen wurden wohl von Tag zu Tag bleicher, ihre Augen immer matter, aber ihr Gang blieb fest und sie behielt den Kopf hoch. Nie kam eine Klage über ihre Lippen, sie trug ihren Kummer für sich. Nur wenn sie sich hie und da abends zu Mutter Gwenfern schleichen oder ihren Kopf in den Schoß Genovevas drücken konnte, fand ihre bedrückte Seele durch Tränen Erleichte⸗ rung.

Zu den Sorgen um ihre Brüder und Rohan gesellte sich noch eine neue. Mikel Grallon, den sie nie recht leiden ge⸗ mocht und den sie schon lange im Verdacht hatte, ein Auge auf sie geworfen zu haben, trat jetzt als offener Bewerber um ihre Gunst hervor. Nicht, daß er sie selbst mit seiner Wer⸗ bung belästigte das hätte gegen die Kromlaixer Etikette verstoßen. Diese erforderte, daß der Jüngling, der sich um eine Maid bemüht, zuerst ihren Eltern und Verwandten Höflichkeiten erweise, sich mit ihnen ins Einvernehmen setzte, sich über die Vermögensverhältnisse und die Mitgift der Braut informiere und seine eigene Lage bekanntgebe.

Mikel Grallon war ein wohlhabender Mann und ge⸗ hörte einer wohlhabenden Familie an. Er besaß sein eigenes Boot und war ein äußerst geschickter Fischer; auch gegen seine Person ließ sich absolut nichts einwenden, denn er galt als ein nüchterner, sparsamer und tüchtiger Bursch, war also eine begehrenswerte Partie.

Ein besonders angenehmer Patron war Mikel Grallon dennoch nicht; die schmalen, dünnen Lippen, die kleinen, listigen Augen mit den darüber zusammengewachsenen buschigen Brauen deuteten durchaus nicht auf einen vor⸗ nehmen Charakter hin; der auf den kurzen, breiten Schultern sitzende Kopf war zu klein, um symmetrisch zu sein. Seine

Gesichtszüge glichen eher geschlossenen Blättern als offenen Blüten und trugen nicht den gutmütigen Ausdruck, den den Wind Männern, die viel auf offener See sind, aufzuprägen pflegt. Man bemühte sich vergebens. darin zu lesen, sin bildeten nicht den Spiegel seiner Seele. Auf seinen Lippen schwebte stets ein verbissenes, geheimnisvolles Lächeln. Be⸗ zeichnend für seinen Charakter war die zähe Standhaftigkeit mit der er ein Ziel verfolgte. Was er sich vornahm, das setzte er früher oder später durch, wenn er sich auch nicht immer sehr lauterer Mittel bediente. 5

Marcelle schien nicht sonderlich erbaut, als sie seine Werbung wahrnahm. Obgleich diese anfangs nut aus zwei- bis dreimal wöchentlich abgestatteten Abendbesuchen bestand, während welcher er kanm ein Wort mit ihr wechse be, fühlte sie sich beunruhigt. Jedesmal, wenn er in die K f trat, suchte sie nach einer Ausrede, um sich aus dem Hause entfernen zu können. Gelang ihr das nicht, dann wurde sie stets von einer fieberischen Unruhe erfaßt, denn Mikel Grallon wandte den ganzen Abend kein Auge von ihr u verfolgte jede ihrer Bewegungen mit bewundernden Bli. Jannick, der Grünschnabel, hatte die Sache bald und machte Grallon zur Zielscheibe seines Spottes. Er w nicht einmal durch das Geschenk eines neuen Bandes fir seinen Dudelsack zum Schweigen zu bewegen. Es macht. ihm unendliches Vergnügen, Marcelle zu necken. Zu seine Ueberraschung mußte er aber wahrnehmen, daß sie feine. spöttischen Bemerkungen und Anzüglichkeiten ee früher mit schlagfertiger Entrüstung beimzahlte, sondern site still duldete oder überhaupt nicht beachtete. Eine schwerke Last lag auf ihrem Herzen, eine entsetzliche Anast und. zweiflung. Die Außenwelt schien für sie jedes Interesse der, loren zu haben. Sie lauschte nach einer Stimme aus Meere oder dem Grabe; selbst in ihrem Schlaf lauschte aber die Stimme ließ sich nicht vernehmen.

(Jortsetzung folgt.)