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Oberhess
Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Nr. 66
Gießen, Dienstag, den 20. März 1923
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18. Jahrgang
Reichspräsident Ebert in Hamm.
Ansprache des Reichspräsidenten.
In einer Versammlung in Hamm in der ungefähr 1500 Delegierte aus allen Schichten des Ruhrgebiets zu einer Aussprache versammelt waren, hielt am Sonntag nach- mittag Reichspräsident Genosse Ebert in Gegenwart der Reichsminister Braun und Becker und der preußi⸗ schen Minister Genossen Sever ing und Siering eine Rede, in der er zunächst auf die Leistungen Deutschlands aus dem Friedensvertrag einging. Dann erklärte der Reichs- präsident, die Urheber am jetzigen Konflikt säßen da, wo man schon seit Jahrhunderten nach der Rheingrenze strebe, wo man die deutschen Stämme und Gebiete wie Negerkolonien mit Gewalt an dos eigene Land schließen wolle, wo man die Ruhrbesetzung schon lange beschlossen hatte, ehe man sich die Ziffern der Kohlen⸗ und Holzlieferungen zurecht gemacht hätte. Dieser Einbruch eines fremden Heeres in ein fried⸗ liches und arbeitsames Gebiet, heuchlerisch der Welt als Ent⸗ jendung einer Ingenieurkommission angekündigt, sei
der leichtfertigste Bruch von Recht und Moral,
den die neuere Geschichte kenne, wirtschaftlich ein Wahnsinn und die krasseste unverhüllteste Acußerung des französischen politischen und wirtschaftlichen Imperialismus. Ohne daß es auch nur einer Aufforderung der Regierung bedurft hätte, hätten sich Arbeiter und Unternehmer des Ruhrgebiets in einigem Widerstand zusammengeschlossen. Das sei das Große an dieser Abwehr, daß sie nicht gefordert oder an ⸗ geordnet wurde. Der Wille des Volkes an der Ruhr habe der Welt gezeigt:
die Macht der Idee ist größer und stärker als die
Idee der Macht.
Zum Schlusse seiner Rede führte der Reichspräsident aus, daß der Gegner noch keine Bereitschaft zeige zu freier und gerechter Verstandigung, zu der die deutsche Regierung immer bereit gewesen und noch bereit sei.
Nach der Rede des Reichspräsidenten sprach noch Reichs⸗ arbeitsminister Dr. Braun, sodann Vertreter der Gewerk⸗ schaften, der Unternehmer und der Wirtschaftsverbände. Beim Verlassen der Versammlung wurde der Reichspräsident von einer vieltausendköpfigen Menge begrüßt. Unter der Menge befanden sich zahlreiche, versammelten Bergleute.
Eine zweite Rede des Reichspräsidenten.
Vor der versammelten Menge dor dem Schützenhaus in Hamm hielt Reichspräsident Genosse Ebert eine zweite Ansprache, in der er die gleichen Gedanken, wie in der am Vormittag vor den Industriellen, Beamten und Arbeitern gehaltenen Rede ausführte Er erklärte, daß die Regierungen des Reiches und Preußens alles tun würden, was in ihren Kraften stehe um die Nöte der Ruhr-Bevölkerung zu lindern und vor allem die Ernährung sicherzustellen. Preistreiberei und Wucher sollten energisch bekämpft werden. Der uns aufgezwungene Abwehrkampf sei gleichzeitig ein Kampf um die Freiheit der Nation und ein Kampf um die Existenz der deutschen Arbeiterschaft. Noch zeige der Gegner keine Bereit ⸗ schaft zum Frieden und zur Verständigung. zu der die deut⸗ sche Regierung immer bereit gewesen und noch immer bereit sei. Die Rede schloß mit einem dreifachen Hoch auf das 3 Volk, die deutsche Republik und das deutsche Vater ⸗ a
K——
Fortführung der Gespräche. ö Eine deutsche Note.
Das Staatsdepartement in Washington bestätigt, daß der deutsche Botschafter eine Note überreicht hat, die die deutsche Auffassung über die Ruhrfrage dar⸗ legt. Offiziell wird erklärt, daß diese Note keine Auf- forderung zu einer Vermittlung enthalte und daß Deutsch⸗ land die Vereinigten Staaten um keine Antwort ersucht. Man fügt hinzu, daß die amerikanische Regierung keinerlei Schritte unternehmen und auf die Note nicht antworten wird.
Wie der Daily Expreß zu wissen glaubt, befinden sich gegenwärtig Unterhändler der deutschen Re⸗ gierung in den verschiedenen europäischen Hauptstädten, um Propaganda für eine für Deutschland günstige Lösung der Reparationsfrage zu machen. Es schlage die Einberufung einer internationalen Sachverständigen⸗ konferenz vor, um die Zahlungsfähigkeit Deutschlands festzustellen. Einer der bekanntesten deutschen Großindu⸗ striellen habe außerdem in den letzten Tagen in den Londoner Finanz- und Industriekreisen die Sache Deutschlands ver⸗ teidigt. 5
Keine Vermittlung, sondern direkte Vorschläge.
Der Pariser biplomatische Berichterstatter der Agenee Havas erfährt aus autorisierten Kreisen, die französische Regierung bleibe bei ihrer früher eingenommenen Haltung und werbe unter ben gegenwärtigen Umständen jedes Vermittlungsangebot als un⸗ freundliche Handlung betrachten. Sie sei anch enischlossen, Son⸗ dierungsversuche, die seitens mehr oder minber berusener Ver⸗ mittler aus neutralen oder alliierten Ländern etwa bei ihr unter ⸗ nommen würben, nicht zu berücksichtigen. Sie werbe nur unmittel⸗ bare amtliche Vorschläge, die von der deutschen Regierung kämen, in Erwägung ziehen
Ein aubeblicher deutscher Reparationsplan.
Dollar⸗ Schatzanweisungen des Deutschen Reiches
Garantiert von der Reichsbank Schluß der Zeichnung:
Samstag, den 24. März 1923
der beutschen Regierung zur Herbeiführung dieser Verhandlungen beniltzt worden sind, gehen auseinander. Jedenfalls ist es sicher, daß es sich nicht um den Versuch einer Vermittlung handelt, wie in ge⸗ wissen Kreisen verbreitet worden war. Der Daily Expreß schreibt: Eine in London eingetroffene Mitteilung besagt, adß Deutschland in kurzer Zeit die Verhandlungen mit Frankreich wieder eröffnen wird. Versuche nach dieser Richtung sind bereits unternommen worden. Deutschland wird wahrscheinlich eine Note an Frankreich oder an sämtliche Alliierte richten, in die Verhandlungen wieder in Gang zu
Der englische Botschafter in Berlin, Lord b'Abernon, begibt sich nach London, um seiner Regierung Bericht über die Lage zu erstatten. Der Aufenthalt des Botschafters in der englischen Botschaft wird mindestens eine Woche dauern. 0
Philippe Millet, der bei den Verhandlungen in Brilssel zugegen war, berichtet der Prager Presse, man könne das Ergebnis der dorti⸗ gen Besprechungen insofern als einen Wendepunkt betrachten, als die französische und belgische Regierung, sich endgültig von der Theorie abgewandt hätten, als ob es möglich wäre, nach der isoltierten Ruhr⸗ aktion auch Verhandlungen mit Deutschland isoliert zu führen. Man sei übereingekommen, folgendes Verfahren anzuwenden:
Wan ein Einvernehmen zwischen Frankreich und Belgien er⸗
2. eine Verständigung mit den übrigen Alltierten und
8. bam erst gemeinsame Verhandlungen mit Deutschland, Frank⸗ reich und Belgien hätten sich gemeinsam an England mit folgendem Erlaß gewandt: Man hat uns imperialistischer Ziele angeklagt. Wir versichern, daß wir das Ruhrgebiet nicht länger behalten werden, als bis Deutschland sich nicht weigert, zu zahlen. Von diesem Termin an werden wir schrittweise die Räumung beginnen.
Das ist eine Konzession, die nicht bestritten werden kann.
Die Mordtat von Buer. Frauzösisches Eingeständnis.— Stadt und Be⸗ völkerung unschuldig.
neren Zimmermann und Sparkassenbirektor 11440 aus, die als Geiseln festgehalten wurden, sind teile ls len morben, fieneral Laianelet in Heal
zu einer Revierkonferenz
eröffnete ihnen, bie Untersuchung in der Angelegenheit der Ermor⸗ dung der beiden französischen Offiziere hätte ergeben, daß die Stadt und die Bevölkerung kein Verschulden tresse. Die Spuren führten nach der Schutzpolizei. Die mut⸗ maßlichen Täter seien gefaßt, es handle sich um den Kriminal⸗ polizeibeamten Burchhoff und den Elektromonteur Witters⸗ hagen. Beide seien auf dem Weg zum Gefängnis in Reckling⸗ hausen in der Nähe eines kleinen Wäldchens zwischen Buer und Westerholt bei einem Fluchtversuch von französischen Gendarmen erschossen worden. Die weiteren französischen Ermittlungen seien dadurch sehr erschwert, würden aber fortgesetzt.
Hierzu ist zu bemerken, daß die angegebenen Personen nicht zur Schutzpolizei gehören. Der eine ist Kriminalbeamter, der andere ein Ziviltst. Das Alibi des Herrn Burchoff ist ein⸗ wandfrei festgestellt. Der Kriminalbeamte hat sich am Mordtag dauernd im Stadtteil Buer⸗Erle aufgehalten, der vom Tatort mehrere Kilometer entfernt ist. Nach eidlichen Feststellungen hat der Beamte von abends 9 Uhr bis um 11 Uhr in der Wi Nang in Buer⸗Erle mit mehreren Beamten Skat gespielt. Der
konteur Wittershagen hat von der Mordtat erst am Morgen darauf 9 Wie erinnerlich, wurde der Kriminalbeamte von den Franzosen sestgenommen, weil er von landfremdem Gesindel denunziert worden war, nachdem er ste abends nach dem Verlassen der Wirtschast zur Ruhe gewiesen hatte. Wittershagen wurde ver⸗ haftet, weil er das Unglück hatte, mit Burchhoff in demsesben Hause zu wohnen und dieser sich bei ihm vor den französis Häschern versteckt 47 Es ist unrichtig, wenn die Franzosen behaupten, die beiden seien bei einem Fluchtversuch in einem Wäldchen unweit Buer erschossen worden. Tatsache ist vielmehr, daß beide auf dem Platze hinter dem Rathaus durch Kolbenschläge unb Gewehrschüsse in bestialischer Weise hingemordet worden sind. Die Anwohner des Rathausplatzes bezeugen dies einwandfrei.
Fab eistische Banden im Ruhrgebiet.
Nach der Entwaffnung der Schutzpolizei im Ruhrgebiet machen sich dort nicht nur Einbrecher, sondern auch andere dunkle Elemente sehr lebhaft bemerkbar. So wird aus Velbert mitgeteilt, daß dort faseistische Horden den Schutz der Stadt übernommen haben, was zur Folge hatte, daß auch die Kommunisten ihre Hundertschaften mobil machten. Die Selbstschutzleute, die verzweifelt nach„Stahl⸗ helm“ aussehen, stehen unter Führung des berüchtigten Leutnants Grünscheid. Einmal haben bereits die Kommunisten das Haupt⸗ quartier der Fascisten belagert und es wäre unzweifelhaft zu Blut⸗ vergießen gekommen, wenn nicht der diensttuende Polizeibeamte besonnener Weise die Feuer⸗Alarmstrene in Tätigkeit gesetzt hätte. Es wird mit Bestimmtheit behauptet, daß seit einigen Tagen 15 bis 20 bayerische Fascisten in Velbert ihr Unwesen treiben und daß diesen Leuten Waffenscheine ausgestellt worden sind. Unsere Genossen haben dem Bürgermeister, der offenbar überhaupt nicht gegen diese faseistischen Umtriebe eingeschritten ist, vorgeschlagen, aus der Reihe der organisierten Arbeiter eine Anzahl besonnener älterer Männer herauszunehmen und sie als kommunale Polizei anzustellen..
Es scheint uns dringend notwendig, daß von Berlin aus den Bürgermeistern der von der Schutzpolizei entblößten Städte An⸗ weifung gegeben wird, mit aller Strenge gegen sich etwa bemerk⸗ bar machende fascistische Banden vorzugehen.
Proteststreik auf der Grube Concordia.
In Oberhausen ist auf der Grube„Concordia“ der Versuch zur Erfassung von Kohlenvorräten, ähnlich wie auf der Grube „Westerholt“ gemacht worden Ein französischer und italienischer Ingenieur fanden sich in Begleitung einer Infanteriekompagnie auf der Grube ein und teilten zwei Vertretern des Betriebsrates mit, daß sie zur Abholung der Kohlenvorräte gekommen wären. Wenn man ihnen die Kohlen gutwillig ausfolge, würden sie bezahlt werden Falls man die Auslieferung verweigere, würden die Be⸗ satzungsmächte die Kohlen auf dem Requisitionswege sich an⸗ eignen und nicht bezahlen. Die beiden Vertreter des Betriebs⸗ rates überlegten erst einen Augenblick, dann baten sie ihre Ent⸗ scheidung auf Montag verschtieben zu dürfen. Die Ingenieure möchten dann wiederkommen. Das wurde bewilligt und die In⸗ genieure und Soldaten entfernten sich. Die Arbeiter auf dem Grubenplatz sind in einen Proteststreik eingetreten.
Mordanschlag auf den Sonderbündler.
Samstag abend kurz nach sieben Uhr erschien im Bureau des rheinischen Sonderbündlers Smeets in der Luxemburgerstraße 20 in Köln ein Mann im Alter von 25—28 Jahren, in dem Smeets mit seinem Schwager Kaiser und einem Angestellten namens Trier an- wesend war. Der Unbekannte gab sofort, als er die Tür aufmachte, zwei Schüsse ab, die jedoch fehlgingen. Eine dritte Kugel traf Smeets in den Kehlkopf, durchschlug den Nacken und traf den hinter Smeets stehenden Kaiser, der sofort tot war. Die Verletzung Smeets ist so chwerer Natur, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Von dem Täter, der durch ein Glasfenster sprang und entfloh, fehlt sede Spur.
Von zuständiger preußischer Seite wird bestätigt, daß der Schwa⸗ ger von Smeets tot ist und daß Smeets selber hoffnungslos im Krankenhause darniederliegt. Als Täter kommt ein junger Mensch in Betracht, ber einen heruntergekommenen Eindruck macht und etwa 27 Jahre alt ist. Die Mordkommission der Kölner Polizei ist mit der Angelegenheit befaßt und es wird von den zuständigen preußischen Stellen alles zur schnellen Aufklärung des Falles getan. Auf die Er⸗ mittelung und Ergreifung des Täters, der auf Smeets den Anschlag verübt hat, hat der Kölner Regierungspräsident eine Belohnung von 1 Million Mark ausgesetzt. Smeets befürchtete seit langer Zeit schon einen Anschlag und ging deshalb meist in französischer Uniform aus.
Neues vom Tage.
Verhaftung eines deutschen Kommunisten in Paris.
Der kommunistische Reichstagsabgeordnete Höllein ist am Samstag abend, als er in einer Versammlung der Pariser Kommunisten eine Rede gehalten hatte, von der französischen Polizei verhaftet worden, weil er angeblich
keine Einreiseerlaubnis besaß.


