Ausgabe 
20.2.1923
 
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Die am vorigen Freitag im Reichstag vom Gen. Dr. Moses gehaltene große Rede hatte folgenden Inhalt: unsere Debatten stehen unter dem Zeichen der Ruh rinvasion, wodurch eine Reihe anderer Probleme unerörtert bleibt. Ich möchte die Welt auf die Gefahren hinweisen, die ihr durch den Zusammenbruch der deutschen Volksgesundheit drohen. Bei uns geht das Hungersterben im wahrsten Sinne des Wortes um. Ueber diese Tatsache täuschen keine Beschönigungen hin⸗ weg. Wir dürfen nicht wieder wie im Kriege dem Volke die Wahr⸗ helt vorenthalten und wir warnen daher die Regierung, die Dinge rosiger erscheinen zu lassen, als sie sind. Der Düsseldorfer Regle⸗ mumgspräsident hat vor einigen Tagen ausdrücklich erklärt, daß ihm die Lebensmittelversorgung größte Sorge mache. Wir mlissen in den Vordergrund unserer Betrachtungen die Menschenökonomie stellen. Von da aus milssen wir auch das Ruhrproblem prüfen. Ich habe schon

b daß im deutschen Volke das Hungersterben umgeht, das langsame Dahinsterben infolge der dauernden Unterernährung.

Hunger ist für uns Aerzte keine staatlich konzesstonlerte Krankheit und darum stirbt auch heute in Deutschland niemand offiziell am Hunger. In Berlin werden 128 900 Kriegesbeschädigte und Altersrentner, 128 000 Kriegs⸗ und Altrentner⸗ Hinterbliebene, 25 000 ee 44 000 Sozialrentner mit weniger als 1500 Mk. Monatseinkommen, 8000 bedürftige Kleinventner und eine ständig wachsende Zahl Erwerbsloser unterstützt. Alle dlese Menschen leiden unter Hunger! Der Milchverbrauch ist in Berlin von täglich 1,4 Millionen Liter in der Vorkriegszeit auf kaum 300 000 Liter zurückgegangen. Der untrügliche Maßstab der Volks⸗ gesundheit, die Tuberkulose, hat wieder den Stand des schrecklichen Kohl rübenwinters 1916/17 erreicht. Selbst der überwundene Skor⸗ but ist wieder in Deutschland vorhanden.

Wir stehen mitten in den Hungerkatastrophen!

Die Folgen der Milchteuerung müssen katastrophal sein. Deutlich geigt sich das bereits an der großen Zahl der rachitischen Kinder,

die im Wachstum zurückbleiben, hungernd und frlerend und ohne

ein Hemd auf dem Leibe in die Schule gehen Die Schulärzte sollten einmal unvermutet die Schulen besuchen, sie würden dann ein ganz anderes Bild von dem Zustand der Gesundheit und der Kleidung unserer Kinder bekommen. Wenn die Revisionen vorher angekün⸗ digt sind, wird das Kind von der Mutter sorgfältig gewaschen und herausgeputzt, sodaß der Arzt kein richtiges Bild von den sozialen

inden bekommt. Unter den Konfirmanden zeigen sich in er⸗ schreckendem Maße Rückgratsverkrümmungen, weil die durch Unterernährung geschwächten Kinder sich nicht mehr gerade Fragen können. In einzelnen Schulen hat sich ergeben, daß

30 Prozent der Kinder verlaust

sind. In Glatz hatten von 842 Kindern 129 kein Hemd und 466 nur ein einziges Hemd. In Sonneberg waren von 1343 Kindern 398 ohne Schuhe; 530 besaßen eine nur sehr mangelhafte Bekleidung. 155 Entbindungsanflalten hat man junge Mütter entlassen, die ihre 8 Säuglinge aus Mangel an Wäsche in Zeitungspapier einwickeln

Die deulsche Hungerkatastrophe vor dem Reichstag.

mußten. Der Herausgeber der Dally News, der in Deutschland Studien gemacht hat, sagt:

Es ist eine Tragit, heute als deutsches Kind geboren zu sein.

An der Ruhr hat die Arbeiterschaft zum Hauptteil den Ab⸗ wehrkampf zu führen. Hossentlich bleibt das in Deutschland unver⸗ gessen, hoffentlich unterbleibt in Zukunft auch die gewöhnliche An⸗ pöbelung der Arbeiter bei Streiks. Eine große Gefahr ist die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten. Wie glaubt man, Seuchen bekämpfen zu können, die etwa im be⸗ setzten Gebiet ausbrechen? Was das Notgesetz in dieser Beziehung vorschlägt, ist nicht eimnal weiße Salbe. Man hört, daß der Reichs kanzler Dr. Cuno von der medizinischen Fakultät der Breslauer Uniersität zum Ehrendoktor kreiert worden ist. Hätte mir der Doctorandus Cuno diesen Entwurf des Notgesetzes als Vorschlag zur gründlichen Bekämpfung der Unglückszustände vorgelegt, ich hätte ihn als Examinator ohne Gnade durchrasseln lassen. Nach einem Bericht des Matin haben die Mitalteder der Reparations⸗ kommission von Berlin den Eindruck mitgenommen, daß man dort herrlich und in Freuden lebt, daß in den Luxuslokalen, wo die Flasche Sekt 45000, heute 50100 000 Mark kostet, schwer ein Platz zu finden ist. Dieses Schlemmerleben in Deulschland,

an dem nicht nur Ausländer, sondern auch Deutsche betetligt sind, wird im Ausland gegen uns ausgenutzt. Auch die deutsche Presse trägt ein geauttelt Maß von Schald an diesen Zustänben. Nor einigen Wochen feierte der Sho. ⸗pewichtsmeistes; der Borer VBreitensträter seine Hochzeit, bel welcher Gelegenhen ihm die deutsche Presse als nationalen Helben feierte. Der Lokal⸗Anzeiger schrieb sogar:Wir wollen mit dem deutschen Volke die Hochzeit seines blonden Lieblings Hans Breitensträter feiern. Dem Lo⸗ kalanzeiger mag das entsprechen, Holzbock über dem Strich und Holzbock unter dem Strich! Aber auch ein ernstes Blatt, wie der Berliner Börsen-Courier, brachte fast eine Spalte über die Hoch⸗ zeit Breitensträters. Und das dies in einer Zett, wo über die Not der Presse geklagt wird. In München wird genau so gesündigt wie in Berlin. Man liest aufgebauschte sensattonell zugespitzte Be⸗ richte aus dem Ruhrgebiet, ganz nach dem Mustex der Kriegs⸗ berichterstattung. Das Aergste leistet sich die deutsche Aerzteschaft mit ihrem Aufruf:Keine Hilfe für Belgter und Franzosen! Das ist Unt ltur und Barbarei, gegen die wir doch gerade fetzt vor aller Welt protestieren. Die Arbelterschaft des Ruhrgebiets rückt von solcher Kampfmethode weit ab. Sie will keine natlonalistische Verhetzung. Herr Maurenbrecher regt sich in der Deutschen Ztg. darüber auf, daß in den deutschen Schulen noch aer gelehrt wird. Man sollte den Kindern statt der französtschen Grammatik lieber Gewehr und Säbel in die Hand geben! Herr Lebius empfiehlt in der Staatsbürger⸗Zeitung sogar, Pest und Cholera⸗ bazillen unter den Franzosen zu verbreiten. Das ist der Gipfel nationalistischer Hetze! Der Reichskanzler hat gesagt: Wir werden die schwere Zelt nur überwinden, wenn jeder sein Letztes hergibt! Nun, der Worte sind genug gewechselt, die deutsche Arbeiterschaft will endlich Taten sehen.(Lebhafter anhaltender Beifall bet den Soz., die die eindrucksvolle Rede wiederholt durch lebhafte Betsalls⸗ kundgebungen ünterstlitzt hatte.)

Innerpolitisches.

Auf den Spuren der Hakenkreuzler.

Genosse Schmetzer in Offenbach schreibt dem dortigen Parteiblatt über ein kleines Erlebnis von einer Bahnfahrt durch Oberhessen:

Im D.⸗Zug der Strecke Cassel⸗Frankfurt sitzen zwei Haken⸗ kreuzler. Eine Unterhaltung knüpfen sie nicht an, im Gegenteil sie sitzen still jeder in einer Ecke.

Es kommt ein dritter Herr hinzu in Gießen, der die betreffenden Hakenkreuzler an dem Studentenzeschen erkennt. Gegenseitiges Vor⸗ stellen, die Unterhaltung lommt in Gang. Erst ganz leise. Man be⸗ obachtet mich. Ich stelle mich desinteressiert. Die Begeisterung für die gute Sache läßt Vorsichtsmaßregeln außer acht, man wird lauter und ich erfahve das Folgende:

handelt sich um Führer von Sturmtrupps. Sie haben Koffer und Aklentaschen. Letztere gefüllt mit Akten. Ausweis und Briefbogen sind schwarz⸗weiß⸗rot umrahmt. Eine Einigkeit unter den einzelnen Verbindungen, wie Jungdeutscher Orden besteht. Der Tag des Los schlagens wird ein gemeinschaftlicher sein, jedoch kann er noch nicht bestimmt werden. Die erste Aufgabe ist die Beschlagnahme der

rnen. Maschinengewehre, die in genügender Zahl vorhanden sind, wer⸗

den am Eingang aufgestellt, und der Ansturm abgewehrt. Auch Ge⸗

schütze stehen zur Verfügung bezw. werden schnell beschafft.

Wir sind mittlerweilen nach Frankfurt gekommen.

Ich ging zu einem Schutzmann und stellte ihm in kurzen Worten das Erlebte vor. Er verwies mich an den Wachhabenden im Haupt⸗ bahnhof. Dort erklärte ich den ganzen Sachverhalt noch einmal, machte auf die Aktentasche aufmerksam, die doch sicherlich wichtiges Material enthielt. Ein Achselzucken, wir bedauren.

um 11 Uhr 32 Minuten geht der Zug nach München, die Haken⸗ kreuzler ihrem Ziele zuführend.

Es liegt mir fern, einen Appell an die Behörde oder an die Re gierung zu richten. Das ist zwecklos.

Wenn ich es unserer Presse mitteilte, so aus dem Grunde, damit die Arbeiterschaft gewarnt ist. Die Feinde der Republik können nur ihr Handwerk ausliben, well auch Arbeiter sehr leicht Aeuße rungen fallen lassen, die die Hakenkreuzler in ihrem Monarchismus und in ihrem Tun stärken. Es darf der Weisheit letzter Schluß nicht sein, wir müssen den Knüppel nehmen und drauf schlagen. Wer so sagt und denkt, der ist am Ende seines Lateins angelangt, und selbstverständlich reichen feine Gedanken auch nicht aus, darüber nachzudenken, was nachher kommt. Gerade wir an der Grenze, wir müssen uns der Ge⸗ fahr und des Unsinns des Draufschlagens bewußt sein. Das milssen wir den Feinden der Republik überlassen. Für die Arbefterklasse kann es nur eins geben: Nie wieder Krieg! Mögen diese Zeilen dazu bei⸗

n.

Nachrichten über das Auftreten durchreisender Hitler⸗ gardisten in Hessen sind schon mehrfach bekannt geworden, so erst kürzlich aus Lauterbach. Die Arbeiterschaft sei auf der Hut. 5

Aufbauschule.

Die Aufbauschule ist bereits sett zwei Jahren in Hessen wie in den meisten anderen deutschen Ländern in der Entwicklung be griffen, aber sie ist wegen ihrer Neuhett noch nicht so bekannt, wie es angebracht wäre. 1 5 6

Die Aufbauschule ist eine höhere Lehraustalt, die ihre Schsiler zur Hochschulreise, zum Maturum, führt. Sie errelcht ihr Ziel nicht in 9 Jahresklassen, wie die anderen höheren Lehranstalten (Gymnasium, Realgymnasfum, Oberrcalschule), sondern in einem verkürzten Lehrgang von 6 Jahren. Die Schliler werden aufge⸗ nommen nach 7jährigem Besuch der Volksschule. Die Erfahrung hat allerdings gezeigt, daß die meisten erst mit bem 14. Lebens⸗ 11 also nach dem vollständigen Besuch der Volksschule, ein⸗ reten.

Für bie Gegenwart ist von besonberer ace daß mit den dre een Aufbauschulen in Friedberg, Bensheim und Alzey llerheime( 1 verbunden sind, in denen die

er Wohnung und Kost erhalten können. Die Aufbauschulen hen nämlich an diesen Plätzen durch Umbildung der bis⸗ he. en Lehrersemfnare und übernehmen deren soziale Ein-

richtungen. Daher wird es möglich sein, in den Aufbauschulen die begabten Schüler aus abgelegenen Orten unterzubringen, deren Eltern die Unterhaltungskosten für den Schulbesuch in einer ent⸗ fernteren Stadt nicht bestreiten können. Für minderbemittelte Schüler gewährt der Staat namhafte Zuschlisse, unbemittelten kann freie Wohnung und freie Verköstigung gewährt werden. Die Aufbauschule für Mädchen in Darmstadt ist ohne Internat, wird aber im übrigen behandelt wie die drei erwähnten Anstalten.

In die Aufbauschule werden nur begabte Schliler aufgenommen. Wer sich den Anforderungen nicht gewachsen zeigt, scheidet nach einer Probezeit wieder aus. So dient die Aufbauschule den be⸗ gabten Söhnen und Töchtern des Volkes unter Ausschaltung aller sonstigen Rlicksichten. Wer sich dem Volksschullehrerberuf widmen will, wird sich ihr mit besonderem Interesse zuwenden. Sie steht nämlich als deutsche Oberschule ihre innere Aufgabe in der Be⸗ gründung einer deutschen Bildung. Daher hat sie in Hessen nur eine Fremdsprache, und zwar eine moderne, als Pflichtfach. Doch wird vom 3 Schuljahr ab auch Latein als Wahlfach gelehrt, wo⸗ durch der Zugang zu denjenigen Hochschulstudien erschlossen wird, welche die Kenntnis der alten Sprachen voraussetzen.

Die Aufnahmeprlisung in den hessischen Aufbauschulen findet am 9. und 10. März statt. Da es der größte Verlust eines Volkes ist, größer als alle wirtschaftlichen Vexluste, wenn die geistigen Be⸗ gabungen nicht zur Entfaltung kommen, machen wir alle Eltern, und besonders auch die Lehrer an den Volksschulen, darauf auf⸗ merksam, daß sie die wirklich begabten jungen Leute auf die An⸗ stalten hinlenken.

Gießen und Umgebung. Nuhrhilfe.

Die Organisation zur Durchführung derRuhrhilfe ist nunmehr erfolgt. Der Verwaltungsrat besteht aus 15 Arbeitgeber- und 15 Gewerkschaftsvertretern unter dem paritätischen Vorsitz des Kom.-Rats Dr. Franck und des Genossen Adolf Cohen Gorstand des ADGB.). Die Ge⸗ schaftsführung ruht in den Händen eines engeren Vor- standes von 5 Arbeitgeber- und 5 Gewerkschaftsvertretern unter dem Vorsitz von Dr. Habersbrunner und Adolf Cohen, dem die Geschäftsführer der Zentralarbeits⸗ gemeinschaft und ein Banksachverständiger beigegeben sind.

Der Geschäftsführende Vorstand hat seine Tätigkeit aufgenommen. Die Geschäftsstelle befindet sich Berlin SW. 48, Wilhelmstr. 130 II. Als Zentralstelle für die Zusammenziehung der eingehenden Spenden ist unter der BezeichnungRuhrhilfe beim Girokonto der Reichsbank in Berlin, Niederwallstraße, ein besonderes

Konto eröffnet. Zugleich ist ein Postscheckkonto Ruhrhilfe, Postscheckamt Berlin Nr. 57200 errichtet worden. Alle für dieRuhrhilfe bestimmten

Spenden können also bei jeder Bank, Sparkasse, Genossen⸗ schaft usw. zur Gutschrift auf obiges Konto bei der Reichs. bank, Berlin, oder auf obiges Postscheckkonto eingezahlt werden.

Es sind in Gewerkschaftskreisen Fragen laut geworden, ob dieRuhrhilfe einzig für die Opfer im Ruhr⸗ gebiet bestimmt sei. Es heißt in den Richtlinien aus. drücklich:Die Organisation und die Mittel derRuhrhilfe

sollen in weitestem Maße zur Linderung der durch die Be.

setzung und Abschnürung deutschen Gebietes am Rhein und Ruhr, sowohl im besetzten wie im übrigen Reichsgebiet ent- stehenden wirtschaftlichen Not dienen. Das Wirkungs- gebiet wird sich damit auf das gesamte deutsche Reichsgebiet nach Maßgabe der notwendig werdenden Hilfe erstrecken. Es ist sogar anzunehmen, daß außerhalb des eigentlichen Ruhrgebietes, vor allem im altbesetzten Gebiet, die allge⸗ meine Notlage bald dringlicher sein wird, als o der Ruhr selbst.

Welche besonderen Verwendungsformen für die Mitte! derRuhrhilse gewählt werden müssen, muß sich erst aus der Praxis ergeben. Die Notlage wird vermutlich schon sehr bald Mittel für die verschiedensten Zwecke erforderlich machen, besonders für eine großzügige Kinderhilfe(Be⸗ kleidung und Beköstigung, Versendung von Kindern aufs Land und ins Ausland), Fürsorge für Erwerbslose, Er⸗ werbsbeschränkte, Arbeitsunfähige und dergleichen, Für⸗ sorge durch Bereitstellen und Heranschaffung von Lebens- mitteln usw. Daß die Mittel derRuhrhilfe diesen Für⸗ sorgezwecken, unter Ausscheidung von Ver⸗ waltungskosten, restlos nutzbar gemacht werden, da⸗ für bürgt der paritätische Verwaltungsrat und der Vorstand. Aus kommunistischen Kreisen sind natürlich geflissentlich die tollsten Gerüchte verbreitet worden, z. B.: die Mittel sollten der Entschädigung der Fabrikanten dienen, oder es sollten damit die von den Franzosen gegen die Bergwerksbesitzer verhängten Strafen bezahlt werden. Damit wollte man die Fürsorgetätigkeit bei den Arbeitern in Mißkredit bringen. Auf solchen hanebüchenen Unsinn fällt kein vernünftiger Arbeiter hinein. Trotzdem sei noch einmal in aller Form darauf verwiesen, daß die ein⸗ kommenden Spenden in weitestem Maße zur Linde rung der Not in allen deutschen Gauen dienen sollen. Und darum ist die größtmögliche Zentralisation der Sammlungen notwendig. Es muß durch eine gemeinsame Sammlung, die unter streng parftätischer Verwaltung steht, verhindert werden, daß nebenher Samm- lungen laufen, die einen großen Teil der Spenden, zumal des Auslandes, an sich ziehen und deren Verwendung sich indirekt geeagn die Arbeiterbewegung richtet. Dieses sehen die Ortsausschüsse und Gewerkschaftsmitglieder, wie sich zeigt, auch durchaus ein. Nach einigen anfänglichen Schwierigkeften, die hier und dort auftauchten, weil man die Notwendigkeit einer gemeinsamen Aktion nicht erkannte und nicht klar sah, daß für eine paritätische Kontrolle der Gelder Sorge getragen war, münden die Sammlungen und Spenden nunmehr fast überall in dieRuhrhilfe ein.

Belastungsprobe für die Konsumgenossenschaften.

Zu der bedrohlichen Mirtschaftslage nimmt das Sekretariat des Verbandes sächsischer Konsumvereine Stellung, indem es in seinem Verbandsorgan u. a folgendes an die Mitglieder schrelbt: Nach der nunmehr vollzogenen vollständigen Vesetzung des aller⸗ wichtigsten deutschen Wirtschaftsgebiets, des Ruhrbeckens, durch französtsche Truppen ist Deutschland auf das schwerste bedroht. In diesem allerschwersten Kampfe den das deutsche Volk zu bestehen hat, wäre es nun die eigentliche Aufgabe der Konsumgenossen⸗ schaften den Nachweis ihrer Leistungsfähigkett aufs neue zu er⸗ bringen und wieder wie im Kriege, zu zeigen, welchen besonderen Wert sie für die deutsche Bevölkerung haben. Sehr bald dürften die Tage kommen wo man ihre Kraft Verlangen stellen wird, um die Verbraucher über Wasser zu halten. Westblickende Genossen⸗ schafter haben die Mahnungen die durch die Verbände an sie er⸗ gangen sind befolgt und dafür gesorgt, daß ihre Geschäftsantetle sowohl als auch ihre Reserven der fortschreitenden Zelt und ihrer Entwicklung gemäß erhößt wurden. Viele Genossenschaften vorbildlich gewirkt und diese werden zwesfellos imstande sein, ihren Mitgliederneine starke wirtschaftliche Stütze zu sein. Da⸗ gegen werden es manche Genossenschaften sehr zu fühlen bekommen. daß ste nicht in der vorsorglichen Weise voraussehend auf eine gleiche Stärkung ihrer Betriebsmittel hinwirkten. War bisher schon die Ausrechterhaltung der genossonschaftlichen Betriebe außer⸗ ordentlich schwierig infolge der immerwährend fortschreitenden Geldentwertung, so kann es heute bei den sprunghaften Vorgängen für manche Genossenschasten geradezu zur Unmöglichkett werden, die Vedllrfnisse ihrer Mitglieder im vollen Umfange befriedigen

zu können. Darum noch einmal in letzter Stunde: Sorgt daflür, daß die Geschäftsanteile im einer der gegenwärtigen ldent⸗ wertung entsprechenden Weise sofort erhöht werden. Nur wer

seine Pflicht der Genossenschaft gegenüber erfüllt, wird auch von der Genossenschaft verlangen können, daß sie ihm genossenschaftliche Vorteile im vollen Umfange bletet.

Der Gotteslästerungs⸗Paragrap.

Die Mainzer Strafkammer verurteilte den Redakteur Genossen Hirsch von Gotteslästerung(U) zu 60 000 Mark Geldstrafe. Hirsch hatte das Vaterunser der Militaristen und Monarchisten veröffent- licht, deren Symbol die allein seligmachende Pickelhaube ist. Anzeige wegen diefer Veröffentlichung erfolgte von dem deutsch-evangelischen Kirchenausschusse in Berlin. Dieser deutsch-evangelische Kirchenausschuß, in dem die abge⸗ halfterten Hofprediger und Durchhalte-Feldpröbste seligen Angedenkens maßgebliche Stimmen haben, wird sich des Ruhmes, den er im belagerten Mainz über einen sozial⸗ demokratischen Redakteur aus lauter christlicher Feindesliebe erfocht, recht herzlich freuen. Schade, daß es keine Orden mehr gibt, sonst hätte der Gott, der Eisen wachsen ließ und keine Knechte braucht, sicherlich einen recht schweren nach Berlin geschickt als Trost für den Versuch der Rettung der Ehre Jehovas mit untauglichen Mitteln am untauglichen Objekt. Man kann sicherlich sehr darüber streiten, ob der; artige parodistische Verwendung von Gebeten einer Reli · gionsgemeinschaft besonders geschmackvoll ist. Wir möchten wünschen, daß unsere Zeitungen sich von derartigen Witzen freihalten. Daß die parodistische Verwendung des Vater⸗ unser und zwar ohne damals in kirchlichen Kreisen An- stoß zu erregen während des Krieges bei frumben Deutschnationalen zur Schürung des Hasses und zur Ver- spottung des Engländers und des Zaren sehr beliebt war, kann diese Sorte politischer Satire nicht gerade empfehlens⸗ werter machen. Daß aber Mainzer Staatsanwälte und Richter einem Sozialdemokraten gegenüber in solcher politisch-satirischer Verwendung von Gebeten und Kirchen- sprüchen(in der politischen Satire gegen Napoleon I. war sie ohne den geringsten Anstoß gang und gäbe) eine Gottes- lästerung erblicken, ist nicht aus religiösem Feingefühl zu erklären, sondern weil durch die Spitze jener Sakire das monarchistisch-nationalistische Gefühl sich geärgert fühlte. Da mit der Majestätsbeleidigung nichts mehr anzufangen ist, hat mans eben mit der Gotteslästerung versucht. Gerade um der Religion willen sollten religiöse Kreise mit uns aufs schleunigste eine Revision des Gotteslästerungsparagraphen fordern. Der Landtag wird sich mit dem Mainzer Urteil noch zu befassen haben.

der Mainzer Volkszeitung wegen