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Haus verlauft hat.„Hätt' ich bis jetzt gewartet o,
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liche Unabhängigkeit anzutasten oder auch nur richterliche Entscheidungen zu kritisteren! In der„guten, alten Zeit“ war das bekanntlich anders. Da hat der Herrscher von Gottes Gnaden und umumschränkter Gebjeter über die„Untertanen“, wie Wilhelm II. einer war, auch den Richtern die„Meinung“ gesagt, und die„Unter⸗ tauen“ haben das ohne jeden Widerspruch hingenommen. Der Gegen⸗ satz in der Wertung richterlicher Unabhängigkeit einst und jetzt wird trefflich beleuchtet durch zwei Aeußerungen Wilhelms II. zu richterlichen Entscheidungen. Wir geben sie hier nach einem Berliner Blatt wieder:
„Das Lobe⸗Theater in Breslau wollte Gerhart Hauptmanns „Weber“ aufführen. Die königlich preußische Polizei setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um die Seelen der Breslauer vor dieser tödlichen Infektion zu bewahren. Aber der Theaterdirektor ließ nicht locker. Er ging bis ans Oberverwaltungsgericht. Und— es gab noch Richter in Berlin! Das Oberverwaltungsgericht gab die Erlaubwis zur Aufführung in Breslau. Worauf Wilhelm II. ein offenes Tele⸗ gramm an den Präsidenten des Oberverwalungsgerichts, Perstus, mit folgendem Inhalt richtete:
„Verstehe das Erkenntnis nicht. Spreche Ihnen meine Unzu⸗ friedenheit aus.“. 5 Und die Folge dieser Unzufriedenheit? Beim nächsten Ordens⸗ fest gingen alle Mitglieder des Gerichtshofes leer aus.
Aber Wilhelm II. wußte nicht bloß mit der Peitsche, sondern auch mit Zuckerbrot Richtern gegenüber zu operjeren. Der Oberbürger⸗ meister von Kolberg hatte es für seine Pflicht gehalten, einen städtischen Sral unparteiisch allen Parteien, also auch den Sozjial⸗ demokraten, zur Verfügung zu stellen. Das mußte gerächt werden! Das Disciplinarverfahren gegen den Oberbürgermeister wurde er⸗ öffnet und ging seinen Gang. Und als das Oberverwaltungsgericht gegen den Oberbüpgermeister entschieden hatte, empfing sein Präsi⸗ dent folgendes Telegramm:
Wilhelmshöhe Schloß, den 2. August 1896.
Von ganzem Herzen wünsche ich den Herren vom Gericht Glück zit dem mannhaften und richtigen Urteil in der Kolberger Sache. Möge der klare Spruch auch jaden Schatten eines Zweifels bei meinen Untertzmen beseitigen helfen, wie sie sich der alles negieren⸗ den und alles umstürzen wollenden, daher außerhalb der Gesetze⸗ stehenden gewissenlosen Rotte gegenüber zu verhalten haben, die noch eben den hehren Namen des deutschen Volkes im Ausland mit Kot besudeln halfen und deren Einfluß nur solange währt, als bis der Deutsche sich wie ein Mann zu ihrer Vernichtung züsammen⸗ schart.
Wilhelm J. R.“ *
Ludendorff und die Nationalso:ialisten.
Die bayerischen Rechtsbolschewisten zählen unter ihren Anhängern namentlich auch erhebliche Teile der gebildeten Studentenschaft. So rechnet sich zu ihnen, wie wir zufällig erfuhren, mehr oder weniger auch eine Erlanger, etwa 60 Mitglie⸗ der zählende christliche Verbindung. Einer nationalsozialistischen Felddienstübung um München am 4. März lag die Parole zugrunde: S.. kerl.— Mistfink Losung Cuno. Daraus ermißt man die Hochschätzung der Reichsregierung durch diese Truppe. Unterschrieben war der Parolezettel an erster Stelle mit dem Namen Neubauer. Dieser Neubauer ist der Diener Ludendorffs, den die Roßbach⸗Leute in freundlicher Vertraulichkeit„die kleine Exzellenz“ nennen.
Jugendnot!
5 So liest man heute von der„Verrohung unserer Ju⸗ gend“; die Zeitungen bringen im gerichtlichen Teil Nachrichten über neue Untaten„jugendlicher Verbrecher“; aber den tieferen Ursachen dieser Dinge geht kaum einer der vielen Leser nach. Es ist so viel leichter, sich voll Entsetzen von diesen„Verbrechern“ abzu⸗ wenden, als einzudringen in ihr Schicksal, sich zu fragen:„Wie können 10 1 8 so weit kommen, haben wir denn keine Möglichkeit zu helfen?“ 5
Wer aber tiefer hineingeschaut in das Leben dieser jungen Men⸗
schen, die wir leider als„freche Lümmel“ oder„liederliche Frauen⸗
zimmer“ zu betrachten gewohnt sind, der erkennt, wie notwendig ihr Weg sie dahin führte, wo wir sie mit Schrecken antreffen. Fast stets ist ihr Heim ein dunkles, unsauberes Loch, in dem sie mit zahlreichen
Familiemnitgliedern zusammenleben. Wer unter solchen Bedingungen auswächst, für den gehört schon ein fast übermenschliches Maß von
Cherakterstärke dazu, sest zu bleiben und trotz Hunger, Kälte und den
überall auf der Straße lockenden Genüssen keinen Schritt vom rechten
Weg zu weichen. Wie selten aber kann eine solche Charakterstärke in
solcher Umgebung gedeihen. Meist tragen die Kinder schon bei der“
Geburt die Last unglücklicher Veranlagung und ererbter Krankheiten; und, wenn sie heranwachsen, so verfallen sie mit Notwendigkeit dem Unrecht, dem Verbrechen, aus dem sie sich aus eigener Kraft selten wieder erheben können. Dies trübe Bild bietet dem Sozialisten ja kaum Neues. Wir wissen von der Schuld der Gesellschaft an
der Existenz des Elends, das täglich neue Opfer dem Verbrechen zu⸗
führt. Aber wovon wir noch viel zu wenig wissen, das ist die Pflicht jedes einzelnen, helfend und stützend einzugreifen. Wir dlirfen nicht warten, bis die Gesellschaft sich gewandelt hat.— 9
Worin kann mm die Hilfe bestehen? Nur in bescheidener All⸗ ogsurbeit; darin, daß mam sich nicht stolz abkehrt von dem„ver⸗ lotterten Bengel“, den man täglich sieht, sondern versucht, ihm näher zu kommen, Einfluß auf ihn zu gewinnen, ihn zu festigen. Das ist der einfachste, der natürlichste Weg. Wer prak kische Arbeit sucht, der findet sie reichlich bei den städtischen Jugendämtern. Hier sind die Stellen, wo wirklich der Jugendnot zu Leibe gegangen wird, wo ver⸗ sucht wird, gefährdete Jugendliche vor der völligen Verwahrlosung, vor dem Hinabgleiten in die Sphäre des jungen Verbrechers oder der Fülle der Not, der dringenden Arbeit. Darum, Genossen, und vor allem ihr, Genossinnen, hinein in die Jugendämter, helft mit, junge Menschen zut bewahren; es gibt kein schöneres, aber auch kaum ein schwereres Werk! n
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amten, Lehrern usw. soll für PPP TTT—. eee e e
Hätb ich, hätb ich.
Das ist ja eine verfluchte Geschichte mit diesem„hätt' ich“ mor⸗
gens, mittags und abends, ja noch mitten in der Nacht verfolgt es dich.
Du stehst ganz normal in der Frühe auf, wanderst zum Wasch⸗ napf, gleich ertön es von den Lippen deiner anderen Hälfte:„Hätt“ ich nur einen halben Zentner von der Seife gekauft..“
Du knurrst, weil es schon wieder losgeht, setzest dich an den
Zichorientisch, um die undefinierbare Brühe zu schlappern, da dringen
menschliche Laute hinter einer Untertasse hervor:„Hätt ich nur ein paar Pfund von der billigen Runlel rübe im Haus 5 Aber du entrinnst mal wieder dem heimtückischen„Hätt“ ich“ in deinen vier Wänden, um es auf der Tram gleich wieder zu hören. Einer bläst dir so einen Duft ins Gesicht. Marke Stinko⸗Miuko von der Insel Verecko. Du wendest dich schaudertnd ab und vernimmst
zur Strafe:„Hätt' ich nur von der Sorte einige Kisten, damals
kosteten sie noch 3) Emmchen, heut zahl ich 300 Mark und sie stinken.“
Im Bureau die gleiche Geschichte. Der Kafslerer schreit es dir, jammert es, flucht und singt es immerzu:„Hätt ich nur Papier, Umschläge, Schrefbbänder gekauft, ich Runkelrübenrasenriesenrosen⸗ rindvieh...“
An einem Vormittag kannst du es so fülnfundfünfzig und mehr⸗ mal hören. Du fllichtest zermürbt in den Sbadtwald. Setzest dich auf eine Bank. Da lispelr es ganz in deiner Nähe:„Hätt' ich nur damals idas Schlafzimmer genommen, dann könnten wir heiraten, aber so...“ Es folgt ein Seufzer, der Nest verweht im Winde. Zwei Sekunden später setzt sich ein alter Herr zu dir. Nachdem er kaum guten Tag sgesagt hat, ohne auch nur vom Wetter 750 1 8 1 930 was er fiir ein Schafskopf gewesen ist, er voriges Jahr seln 1 ee e ich Kamöbböl.“ Da verstimamt jeber Widerspruch. Mich jammert der Mann, mich
1 ljammern sie alle, aber die„Hättiche“ vergessen, daß dieses Uebel ja
Deutscher Neichstag.
Berlin, 16. März.
Die Gesetzentwürse über die Gebühren für Arbeitsbücher und die Verlängerung der Zuckerungsfrist der Weine des Jahrgangs 1922 werden debattelos erledigt.— In zweiter Beratung wird nach kurzer Debatte der Initiativantrag aller Parteien— mit Ausnahme der Homm.— angenommen, wonach die Unterstützungen der Renten⸗ empfänger aus der Invaliden⸗ und Angestelltenversicherung vom 1. März 1923 ab vervierfacht, in den besetzten Gebieten aber verfünf⸗ facht werden. Der Antrag der Kommunisten, eine sechs⸗- bezw. acht⸗ sache Erhöhung vorzunehmen, wurde abgelehnt.— Es folgt dann
die zweite Lesung der Kohlensteuervorlage.
Die Rohlensteuer, die im Betrage von 40 Prozent erhoben wird, soll bis zum 31. März 1924 verlängert werden. Die Ermächtigung des Finanzministers, die Kohlensteuer zu ermäßigen oder zu erhöhen, soll nach den Beschlüssen des Ausschusses auch an die Zustimmung eines Reichstagsausschusses gebunden sein.— Abg. Leopold(Dtn.) be⸗ richet für den Ausschuß, der in einer Entschließung von der Regierung verlangt, eine Nachprüfung der Steuersätze vorzunehmen, ferner den gemeinnützigen charitativen und kirchlichen Anstalten, sowie den min⸗ derbemittelken Volkskreisen den Bezug von Hausbrandkohle zu ver⸗ billigen. Ferner beantragt der Ausschuß die sofortige Einziehung der noch ausstehenden Kohlensteuer. N
Reichssinanzmintster Dr. Hermes erklärt im Namen der Reichsregierung, daß sie sich wirtschaftlichen Notwendigkeiten nicht verschließen wird und bereit ist, einen Beschluß des Reichskohlenrats auf Ermäßigung der Steuersätze als Grundlage für ihre Entschließung zu nehmen. Die Regierung sei sogar bereit, von sich aus die Initia⸗ tive zur Ermäßigung der Kohlensteuer zu ergreifen unter der Vor⸗ aussetzung, daß auch der Bergbau bereit sein wird, in gleicher Weise an der Senkung des Kohlenpreises mitzuwirken.— Abg. Girbig (Soz.): Es wird immer wieder behauptet, die hohen Löhne der Bergarbeiter veranlassen in der Hauptsache die hohen Kohlenpreise, Richtig ist, daß der Lohn der Bergarbeiter gestiegen ist und steigen mußte, aber er ist prozentual in immer geringerem Maße an der Preissteigerung beteiligt. Die Profitsucht der Grubenbesitzer trägt die Hauptschuld an den hohen Kohlenpreisen. Leider können sich diese Herren wieder auf den hohen Preis des Grubenholzes berufen, gegen den die Regierung nichts getan hat. Aus außenpolitischen Gründen sind wir gegen die Herabsetzung der Kohlensteuer, für ihre Verlängerung bis zum April 1924 und gegen jeden Antrag auf ihre Aufhebung. Nach einer Rede des Abg. Koenen (Romm.), der erklärt, seine Partei werde mit den Reden der Sozialdemokraten und den Artikeln des Abg. Gotheim die Kohlen⸗ steuer bekämpfen, wird die Abstimmung fiber 8 1 vorgenommen, die namentlich ist. Unter lebhaften Pfufrufen der Kommunisten wird der 8 1 mit 295 gegen 8 Stimmen angenommen. Zu 8 3 wird auf Antrag der bürgerlichen Parteien beschlossen, daß der Finanzminfster ermächtigt ist, Haldensuchkohle freizulassen. Ein kommunistischer Antrag zu§ 4 auf sofortige Fälligkeit der Kohlen⸗ steuer bei der Lieferung wird abgelehnt und der§ 4 unverändert angenommen.— Bei der Beratung über 8 10, der 40 Prozent des Wertes als Steuer festsetzt, zieht Abg. Janschek(Soz.] auf Grund der Erklärung des Reichsfinanzministers den Antrag seiner Partet auf Ermäßigung der Steuer zurück.§ 10 wird unter Ablehnung des kommunistischen Ermäßigungsantrages unverändert angenom⸗ men. Bei§ 11 wird die Bestimmung, daß der Minister bei Ab⸗ änderung der Steuer die Zustimmung eines Reichstagsausschusses einzuholen hat, gestrichen. Der Minister braucht also nur den Kohlenrat zu hören und bedarf dann noch der Zustimmung des Reichsrates. Ein Antrag der Kommunisten, im§ 22 für Hinter⸗ ziehung der Kohlensteuer Gefängnisstrafen festzusetzen, wird ab⸗ gelehnt. Der Rest der Vorlage findet unveränderte Annahme, wo⸗ rauf der Gesetzentwurf auch in dritter Lesung ohne Debatte mit den Entschließungen des Ausschusses angenommen wird.
Nächste Sitzung: Dienstag 2 Uhr. Vorlage betr. Handel mit Metallen und CEdelsteinen, Postetat.
Gießen und umgebung.
Stodtverordneten⸗Versammlung.
In der Sitzung am Donnerstag stand als erster Gegenstand die Beteiligung der Stadt an der Ruhrspende des Hessischen Waldes zur Beratung. Nach dem Antrag des Finanz⸗Ausschusses botetligt sich die Stadt gemäß der Vereinbarung der Waldbesitzer und Waldarbeiter an der Spende zur Ruhrhilfe in der Höhe von 8 Pro⸗ zent der nach dem 5. Februar zur Auszahlung angewicsenen Holz⸗ hemerlöhne. Der hierfür geforderte Kredit von 1% Millionen Mark wird bewilligt. 1
Der Machtragsvoranschlag für die städtische Betriebsrechmung, der in Einnahme mit 177 163 352 und Ausgabe mit 251 212075 Mk. ab⸗ schlicßßt also mit einem Fehlbetrag von über 74 Millionen Mark, wird genehmigt.— Der Kündigung der Anleihen von 1890 bis 1903 wird zugestüimmt. N
Der Rentnerbund hat um Uebernahme einer Rechnung des Stadt⸗ bautamts von 69 500 Mk. auf die Stadkkasfe ersucht. Die Kosten sind durch Ausfahren der Kartoffeln fiir den Rentnerbund entstanden. Dem Ersuchen wird stattgegeben.
Vom Vogelsberger Höhenklub ist um Erhöhung des Jahvesbei⸗ trags von 500 Mark ersucht worden. Auf Antrag des Finanzaus⸗ schusses wird das Gesuch abgelehnt.— Für Kohlen für das Säug⸗ lings heim werden 1 Million Mark unter der Bedingung bewilligt, daß die Hälfte vom Staat zurlückerstattet wird. N
Die Ruhegehaltsbezüge der städtischen Beamten sollen derart ge⸗ regelt werden, daß den Beamten die nach dem vollendeten 25. Lebens⸗ jahre. im Dienste der Stadt verbrachte Dienstzeit als ruhegehalts⸗ berechtigt anerkannt wird.
Die Auszahlung der Gehälter an die planmäßig angestellten Be⸗ das nächste Viertelfahr am 25. März er⸗
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sie nicht mir allein trifft. Wären sie damals so schlau gewesen, wären es wohl auch die anderen, entweder die Katastrophe wäre dann über⸗ haupt nicht gekommen, oder der Jumper hätte damals schon 40 000 Mark und die Zigarre 300 Mark gekostet. Dann„hätten sie“ alle Valuta gehamstert, wäre die deutsche Mark schon viel früher Maku⸗ later geworden. Hätten sie alle ihre Schlafzimmer im Herbst bestellt, und so weiter 5
Matt und angegriffen komme ich in die Sitzung des Ausschusses. Eine große Finanzdebatte. Gleich drei Redner hintereinander sagen es dem Verantwortlichen, daß er„hätte tun miissen, dies und jenes.“
Und dies ist das Merkwürdige: Von den anderen verlangt man immer, daß er kein„Hätt' ich“, sondern ein„Hab ich“ gewesen ist. „Hätten Sie eher Wohnungen gebaut, hätten Sie eher die Finanzen 3 hätten Sie...“ Ich lönnte stundenlang reden und schreiben. N
Seclisch zerschunden komme ich wieder heim, setze mich an die Weißkohlsuppe. Schon beim dritten Löffel hör' ich:„Hätt“ i nur e von dem Fett gekauft, wie es noch vierhundert Mark das Pfund 'ostete.“ 1
Da gab ich den Kampf mit den„Hätt ich's“ auf. Aber noch im Schlafzimmer hörte ich es an mein Ohr klingen:
„Hätt' ich nur mehr Bettzeug, lauter Löcher, nicht mehr waschen.“
Weiter wiß ich nichts mehr. Aber ich träumte nachst davon. Ich.
sah alle diese Kriegshetzer und Wucherer, die Schieber und Preisver⸗
teuerer, wie sie alle vor diesen Leuten, die sie um die gewöhnlichsten
Güter des Lebeus betrogen, denen sie oft das Letzte genommen haben, Spießruten laufen mußten. Hei, wie das flutschte.
Am anderen Morgen hörte ich aber wirklich mal was Ver⸗ nünfiges: 1
„Du, heute hab' ich Wäsche.“ 6
Na endlich mal kein„Hätt ich“. Dank für dieses Wort. Der Tag fängt gut an
folgen. Ein von ben Demokraken eingebrachter Antrag will die Ge⸗ hälter wie beim Reiche am 19. März überwiesen wissen. Die Ver⸗ sammlung stimmt dem Antrage des Finanzausschusses zu, der andere 7 8 wird dem Finanz⸗Ausschuß zur weiteren Behandlung über⸗ wiesen.
Wohlfahrtspflege. Vom Finanzausschuß wird eine Aenderun der Satzungen über die offene Armenpflege beantragt wonach 8 11 folgende Fassung erhalten soll:
„Die Beschllisse der Bezirks⸗Versammlung bedürfen der Be⸗ stätigung der mit den Armensachen betrauten Deputation. Diese kann die Bestätigung durchweg oder für einen bestimmten Kreis von Angelegenheiten ihrem Vorsitzenden übertragen. Die Bezlirks⸗ vorsteher berichten in der Deputation über die Beschlüsse ihrer Be⸗ zürks⸗Versammlung. Soweit sie zu Mitgliedern de Deputation ge⸗ wählt sind, haben sie hierbei beschließende, soweit dies nicht der ist, beratende Stimme.“
Beig. Dr. Frey begründet den Antrag und weist dabei auf die Vermehrung der Armenpflege⸗Fälle hin, die im Jahre 1921 auf 2625 gestiegen waren. Dabei wurden viele Unterstützungssachen noch von anderen Stellen behandelt.— Mann erklärt, daß seine Fraktion Bedenken trage, den Bezirksvorstehern die erweiterten Machtbefugnisse zu erteilen. Die Wahlvorschläge seien erfolgt, ohne daß seine Fraktion Gelegenheit hatte, dazu Stellung zu nehmen. Es wäre gut, wenn der Vorschlagsausschuß noch bestände.— Der Oberbürgermeister bemerkt, er sei früher stets dafür eingetreten, daß Frauen und Ar⸗ beiter zur Armenpflege herangezogen wurden. Aber der Vorschlags⸗ ausschuß habe noch nie dazu Vorschläge gemacht. Dr. Frey meint, man solle die Armenvorsteher nicht nach politischen Gesichtspunkten auswählen; es ist sehr schwer, Leute dafür zu finden. Haupt bringt Beschwerdefälle vor.— Dr. Frey erklärt, daß in jeder Sitzung
Schuhe bewilligt würden, aber es reiche nicht. Nachdem noch mehrere Redner zu der Sache gesprochen, Stadtv. Fischer die Angriffe Haupts zurückgewiesen hatte, wurde der Antrag des Finanzaus⸗ schusses gegen wenige Stimmen angenommen.(Schluß folgt.)
— Mahnung zur Zahlung von Steuern und Gebühren. Auf die Bekanntmachung der Stadtkasse Gießen im heutigen Blatte, in welcher die Termine angegeben sind, bis zu welchen die Steue mn usw. bezahlt sein müssen, sei an diefer Stelle hingewiesen.
— Brotpreiserhöhung. Wie aus dem Anzeigenteil zu exsehen ist, tritt demnächst wieder eine neue Erhöhung der Brotpreise ein. Sie ist, wie uns vom Kommunalverband mitgeteilt wird, eine Jolge der gestiegenen Kommunalverbandspreise für Mehl(Erhöhung der Preise für Umlagegetreide]!), sowie auch der erhöhten Kohlenpreise. Letztere haben ihre Ursache darin, daß seit der Absperrung des Ruhrreviers die Zufuhr von Kohlen nach Gießen völlig unter⸗ bunden ist. Die Vorräte sind aufgebraucht und die Bäcker genötigt, Kohlen aus weit entfernten Gebieten zu beziehen, die sich im Preise wesentlich höher stellen, wie seither.
— Ein Eiubrecher⸗Ehepaar. In der Nacht zum Donnerstag wurde von einem hiesigen Chepaar ein Einbruch in eine Lebens⸗ mittelgroßhandlung verübt und über 1 Zentner Rinderfett in ab⸗ gepaßten Formen entwendet. Der Polizei gelang es, die Ehefrau festzunehmen, während der Ehemann flüchtig ging. Der Geschädigte kam wieder in Besitz seines entwendeten Gutes..
— Gegen den Wucher bei Vermittlung von Wohnräumen richtet sich eine Verordnung, die vom Oberbürgermeister im heutigen Blatte bekanntgegeben wird. Danach dürfen Belohnungen für Nachweis von Mieträumen oder Abschluß von N nicht ausgesetzt werden. Diese Bekanntmachung verdient achtung.
br. Wieseck. Wie an dieser Stelle kürzlich mitgeteilt wurde, faßte der hiesige Gemeinderat in seiner letzten Sitzung den Beschluß, dem Sozialen Baubetriebs verband Hessen und Hessen⸗Nafsau mit einem Gesellschafterbeitrag von 1 Million Mark beizutreten Eigentlich sollte man nun annehmen, daß ein Mensch, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, es versteht, daß den Nöten unseres Volkes und den Schäden und en unserer kranken Wirtschaft am besten mit derartigen gemeinnützigen Unternehmungen beizukommen ist, es sei denn, daß man in diesem wirtschaftlichen Chaos im Trüben zu fischen verfucht. Haß und Neid, naives Denten jedem gesunden Fortschritt gegenüber, dema⸗ gogische Rechthaberei und eine Portion Eigenliebe und Dünkel halfen eine Stimmung schaffen, die, durch falsche Auslegungen ab⸗ sichrlich geschürt, in einer Versammlung der Bürger⸗ schaft, die am Mittwoch abend im Krieger'schen Saale stattfand, zur Entladung über die armen 11„Sozis“ des Gemeinderats bommen sollte, doch die Veranstalter hatten die Urteilsfähigkeit ihrer Mitbürger zu niedrig eingeschätzt, es kam etwas anders. Dieser Versammlung war am Sonntag vorher eine Zusammen⸗ kunft der selbständigen Gewerbetreibenden vorausgegangen, über das Ergbnis ist nichts näheres in die Oeffentlichkeit gedrungen. Gleich zu Anfang gabs eine Ueberraschung, als, auf Einladung unserer Genossen, der Geschäftsführer Ege⸗ Frankfurt. Stadt⸗ verordneter Mann- Gießen und Geschäftsführer Brömer⸗ Kinzenbach erschienen, oder, wie der Schreinermeister Kümmel gesdhmackvoll bei Eröffnung der Versammlung erklärte, sich e i n⸗ geschlichen hätten. Aber alles Zeter⸗ und Mordioschreien half nichts, die große Mehrheit der überfüllten Versammlung wollte die Genossen hoͤren. Was die Arrangeure nun eigentlich wollten, ver⸗ riet niemand, es wurde lediglich die Anfrage an unsere Genossen gestellt, wie sie die„ungeheuerliche Verschleuderung von Gemeinde⸗ eigentum“ begründen wollten. Den Reigen eröffnete Genosse Ege, der in klaren, vortrefflichen Ausfsthrungen, oft unterbrochen von stürmischem Beifall, die Ursachen der Gründung und die 3 wendigkeit des Vorhandenseins der Bauhütten darlegte. Er ent⸗ rollte ein klares Bild über den Aufbau und das segensveiche Wir⸗ 0 ken dieser vom Reichsfinanzminister als gemeinnützig anerkannten Vereinigung und zeigte, warum die Bauhütten an ihre Teilnehmer „nur“ 5 Prozent Zinsen zahlen dürfen. Diese Ausführungen wur⸗ den von Genossen Mann an Hand eines reichhaltigen Materials wirkungsvoll ergänzt. Mit: künstlich gesteigerter Err 8. schlug nun der durch seinen Ausspruch;„Entweder bekommen die Wiesecker Schreiner die Sarglieferung für die Gemeinde, oder wir verweigern jede Arbeit für dieselbe“, sattsam bekannte Schrei er⸗ meister, Gemeinde ratsmitglied Kümmel seine geistigen Se to⸗ mortales und machte in Mittelstandsretterei, aber der Karren war bereits verfahren, der Tisch voll betrübter Lohgerber mußte ein Fell nach dem anderen fortschwimmen sehen. Als Vertreter der sogtaldemokratischen Gemeinderatsmitglieder legten nun die Gen. Benner und Dr. Rein ihren Standpunkt in dieser Angelegen⸗ heit dar, bei der übergroßen Mehrheit den besten Eindruck hinter⸗ lassend. Mit großem Pathos war indessen ein Schriftstück(Das „Bureau“ wurde sich erst im Laufe der 0 1 18 „Resolution“„Petition“ zu taufen) verlesen, die an das eise 5 wahrscheinlich, um Einleitung des Verwaltungsstreitverfahrens, weitergegeben werden soll. Ueber den Inhalt erübrigt sich jedes Wort. Es wurde aber sehr eifrig für die Unterschrift ge.. Wichtiges und Unwichtiges wurde noch genug gesprochen 0 13 Herr Schreinermeister Kümmel im kindischen Nachäffen bern Redeweise anderer hervorragendes 1 und es war ohne allen Zweifel: die überwältigende Mehrheit der Versamm N stand hinter dem ominösen Gemeinderatsbeschluß. Am Vorsta tisch: die Gesichter wurden lang und immer länger, ganz beson⸗ ders, als die Aufforderung erging, das Ergebnis der„ sammlung bekannt zu geben. Zunächst verlegenes Räuspern, h 5 loses Zählen und zum Schluß die Weigerung, dem Wunsche nachzi⸗ kommen. Die Zahl war wohl zu blamabel ausgefallen! Schnell und üÜberstürzt wurde die Versammlung geschlossen. Wie sagte einst ein großer Stratege“: Noch so ein Sieg, und ich bin verloren!?
— Rüdgen. Am letzten Sonntag wurde hier für die Ruhrhilfe gesammelt. Dabei wurden von den hiesigen Bauern etwas mehr als 2 Zentner Frucht gespendet. Eine Prachtleistung! Alle Hoch⸗ achtung! Ein recht wohlhabender vom Schützengraben 8 zebkiebener Landwirt setzte aber der bäuerlich⸗christlichen Gobe⸗ steudiglet die Krone auf, indem er— zehn Mark— zei Sollte man da nicht wünschen, daß die Franzosen auch uns nach Rödgen kemmen! Ich wüßte ihnen ein feines“
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