Ausgabe 
19.2.1923
 
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Zösische Regierung in absehbarer Zeit

Französische Rufe nach Verständigung.

In Frankreich tritt die Frage von Verhandlungen für die Lösung des Ruhrproblems immer mehr in den Vorder- grund. In der Wochenschrift Lopinion sordert z. B. der Chefredakteur des Journce industrielle auf, sich auf die Unterhandlungen vorzubereiten, die bald zwischen Frank⸗ reich und Deutschland beginnen werden und an denen dann alle großen Staaten Europas teilnehmen müßten. Frank- reich dürfte an die Verhandlungen nicht mit engherzigem Egoismus herantreten, es müsse aufrichtig gewillt sein, zur wirtschaftlichen Gesundung Europas beizutragen. Durch dieBeseitigung des schlechten Willens auf deutscher Seite und dieVereitelung der deutschen Revanchevorbereitungen sei nunmehr eine neue Grundlage für den Wiederaufbau Europas geschaffen. Frankreich würde sich sehr schädigen, wenn es nicht selbst Europa aufforderte,gemeinsam das Uebel zu untersuchen und jedem Teil das ihm zukommende Feld zur freien Betätigung zuzuweisen.

Ein Vorschlag Renaudels. Im Pariser Populaire unterbreitet der französische Soztalist Renaudel den deutschen Sozialdemokraten einen Vorschlag, der einen Ausweg aus dem Ruhrkonflikt zeigen soll.

Nach dem Auszuge, den der Vorwärts veröffentlicht, setzt Renaudel auseinander, daß die deutschen Sozialdemokraten mit Recht gegen die Besetzung des Ruhrgebiets protestiert, daß sie

gzugleich aber auch gesagt hätten, die deutsche Regierung dürfe beine Gelegenheit vorübergehen lassen, zu Vechandlungen zu kommen. Zu diesem Zwecke sollte, so fährt Renaudel fort, die deutsche Re⸗

gierung 2 2

5-schon jetzt in eine Diskussion willigen und zwar unter der bindenden Zusicherung von der an⸗ deren Seite, daß bei einem günstigen Abschluß der Verhandlungen das Ruhrgebiet geräumt werde Die deutsche Regkerung musse ober ihren Willen kundgeben,

die Erfüllungspolitik sortzusetzen.

Die französische Regierung ihrerseits müsse formell erklären, daß das einzige Motiv der Ruhrbesetzung sei, die Reparationen durch Pfänder zu sichern und Zahlungen zu erlangen, daß sie nicht an eine verlängerte Vesetzung denke und die Räumung auf jeden Fall ornehme, sobald Deutschland formale Verpflichtungen übernom⸗ men und die Pfänder oderGarantien geliefert habe, die die franzö⸗ sische Regierung für befriedigend erkläre. Sobald die beiden Parteien diesen Standpunkt eingenommen hätten, müßten sie sich dahin einigen, daß das Problem unverzüglich

dem Völkerbund zum Schiedsspruch unterbreitet

werde und daß an die Vereinigten Staaten die Aufforderung er⸗

gehe, sich daran zu beteiligen.

Renaudel erklärt selbst, daß seine Vorschläge nicht als radikal genug angesehen werden können, betont jedoch, sie erlaub⸗ ten, eine Bresche in die Mauer zu legen, die die beiden Regierungen woneinander trenne, und das sei wesentlich.

Der Vorwärts interpretiert den Vorschlag Renaudels dahin,

daß die beiden Regierungen nach seiner Meinung sich zunächst ein⸗

mal über ihre weiteren Verhandlungsziele grundsätzlich einigen sollten in der Weise, daß unter Festsetzung eines durch Garantien

gesicherten Reparationsprogramms die Räunmeng des Ruhrgebiets erfolgen solle. Damit sei offenbar auch gesagt, daß die Räumung sofort und vollständig erfolgen solle, sobald das Reparationspro⸗

gramm unter belderseitigem Einvernehmen festgesetzt sei. Die Fsestsetzung dieses Programms sowie der sonstigen Einzelheiten des Ansgleichs solle aber nicht in Separatverhandlungen zwischen utschland und Frankreich, sondern durch den Völkerbund unter de Amerikas erfolgen. Es handle sich also um ein Ziel, an dem vier Partner beteiligt sein sollten: Deutschland, Frankreich, der Völkerbund und Amerika. Was nun die Stellung Deutschlands betrifft, so geht der Vor⸗ wärts davon aus, daß die deutsche Regierung zu der Verhand⸗ gsfrage verschieden nuancierte und verschieden auslegbare Er⸗ lärungen abgegeben habe, die jedoch keine Festlegung in dem Sinne enthielten, daß die Aufnahme von Verhandlungen erst nach a ung der widerrechtlich besetzten Gebiete erfolgen dürfe. Die Schwierigkeiten auf der deutschen Seite wären also die geringsten wenn es erst gelungen wäre, die anderen zu überwinden. Leider aber habe man in Deutschland aus der französischen Presse den Eindruck gewonnen, als ob an den entscheidenden Stellen in Paris die Absicht bestünde, das Ruhrrevier für absehbare Zeit in der Hand zu behalten, als ob es in Paris zurzeit keine Regierung gebe, die bereit wäre, den Vorschlag Renaudels zu erwägen. Der Vorwärts stellt deshalb an Renaudel eine Frage und schweibt: Glaubt Renaudel, daß die französische Regierung bereit ist, den von ihm gewiesenen Weg zu betreten, oder daß eine neue fran⸗

dazu bereit sein wird?

Könnte Renaudel diese Frage bejahen, so würde sich daraus elne außerordentliche Erleichterung der Lage ergeben. Kann er das aber nicht, so wird er auch verstehen, daß die deutsche Sozialdemo⸗ kratie erst dann im Stande sein wird, die deutsche Regierung auf einem bestimmten Weg vorwärtszustoßen, wenn sie die Ueber⸗ zeugung gewonnen haben wird, daß von der anderen Seite her gleich starke Kräfte zum gleichen Ziel wirken. Die deutsche Sozial⸗ demokratie will eine vernünftige Lösung des Reparationsproblems, sie will die Verständigung zwischen dem deutschen und dem fran⸗ zösischen Volk, und sie will die Erreichung dieses Zieles nicht von Prestigefragen abhängig machen. Dieses Ziel wird erreicht sein, wenn der Geist, der unsere französischen Genossen beseelt, auf die Politik Frankreichs maßgebenden Einfluß gewonnen haben wird. Gelingt es Renaudel, die Hindernisse zu überwinden, die sich in Frankreich seinem Vorschlag entgegenstellen, dann werden duch in Deutschland die Hindernisse nicht unüberwindbar sein. DieEroberung von Tortmund.

Am Freitag vormittag marschierten die Franzosen in einer Stärke von zwei Bataillonen Infanterie, einer Schwa⸗ dron Kavallarie und einer Maschinengewehrkompagnie in die Stadt Dortmund ein und umstellten zunächst das Rat⸗ haus. Oberbürgermeister Dr. Eickhoff wurde ohne Angabe von Gründen verhaftet. Auch das Reichsbankgebäude wurde umstellt und der Direktor der Reichsbank gleichfalls festge⸗ nommen. Dann wurde das Landratsgebäude unter gleichen Umständen durchsucht und der stellvertretende Land- rat verhaftet. Schließlich wurde noch Oberbahnhofsinspektor Birkhäuser festgenommen und alle Verhafteten unter starker militärischer Bedeckung abgeführt. Der Magistrat erließ gegen diesen französischen Willküraft sofort einen Protest. Um 5 Uhr trag eine außerordentliche Stadtverordneten⸗ sitzung zusammen, die sich mit der Verhaftung des Ober⸗ bürgermeisters beschäftigte. Zum Protest schlossen sämtliche Geschäfte ihre Läden.

Sturm auf das Essener Polizeipräsidium.

Am Freitag Mittag ist das Polizeipräsidium in Essen von franzö⸗ sischen Truppen umstellt worden. Ein Regierungsrat, zwei Polizei⸗ räte sowie der Kommandeur der Schutzpolizei sind verhaftet worden. Sie wurden gefesselt auf der Wache des Polizeipräsidiums unterge⸗ bracht. Die übrigen Beamten des Polizeipräsidiums mußten auf dem Flur zusammentreten und sich nach Waffen und Papieren durchsuchen lassen; dann wurden sie einzeln entlassen. Der Grund des unerhörten Vorgehens ist wahrscheinlich darin zu suchen, daß am Donnerstag Abend um 10 Uhr im Lokal Zeller⸗Hof in der Turmstraße zwei Franzosen durch Schüsse schwer verletzt wurden. Nach Angabe eines der verletzten Franzosen soll ein Schutzpolizeibeamter die Schüsse ab⸗ gegeben haben. N 5

Infolge dieses Vorgehens der Besatzung gegen die Schutzpolizei und das Polizeipräsidium ist seit Freitag 12 Uhr der Polizeidienst vollständig eingestellt worden, wodurch die Gefahr von Zwischenfällen und Zufammenstößen erheblich gesteigert wird. Die Besatzungsbehörde hat eine Erklärung erlassen, daß durch das Verhalten der Beamten⸗ schaft der Dienst vorläufig unterbrochen sei. Er könne erst wieder auf⸗ genommen, werden, wenn die Beamten sich der Militärbehörde zur Verfügung stellten und deren Befehle ausführten.

Am Abend ist es zu einem neuen Zwischenfall gekommen. Wegen der Kriegsgerichtsurteile gegen die Bürgermeister von Essen und Oberhaufen sammelte sich eine große Menschenmenge an, die von der Besatzung aufgefordert wurde, auseinanderzugehen. Als dies nicht geschah, wurden Schüsse abgegeben. Ob Personen verletzt wurden, konnte noch nicht festgestellt werden. a

Drei Jahre Gefängnis für die Essener und Oberhaufener Bürgermeister.

In der Verhandlung vor dem französischen Kriegsgericht in Essen⸗Bredeney gegen den Oberbürgermeister Havenstein von Oberhausen wurde am Freitag das Urteil gefällt. Es lautet: Havenstein wird wegen Bedrohung der Sicherheit der Besatzungs⸗ truppen zu drei Jahren Gefängnis ohne Sirafaufschub verurteilt. In der Begründung wird ausgeführt, daß Havenstein durch die Absperrung des Lichtes auf dem Oberhausener Bahnhof die Sicherheit der Befatzungstruppen gefährdet habe. Wercer wurde Direktor Bußmonn von den Rheinisch⸗Westfälischen Elelirszitäts⸗ werken wegen Verweigerung einer Reparatur gan der Lichtlestung des Hotels Laiserhof, wo Franzosen einquartiert sind, zu fünf Millionen Mark Geldstrafe verurteilt. Da der Angeklagte sieben Kinder hat, von denen dos jüngste sechs Wochen alt ist, wurden ihm mildernde Umstände zuerkannt. Ferner wurde das Urteil gegen den Essener Bürgermeister Dr. Schäfer versündet. Es lautet auf drei Jahre Gefängnis und fünf Millionen Mark Geldstrafe. Dr. Schäfer hatte sich bekanntlich geweigert, Requisitionsscheine für die Besatzungstruppen zu unterzeichnen. 1

Fliegerpropaganda. N reitag fand in Gelsenkirchen das Begräbnis des ee Hutmacher statt, an dem zich 1 7 samte Bevölkerung von Gelsenkirchen beteiligte. 1 Feier kreuzte ein französtscher Flieger uber der 5 90 N und warf Tausende von Propaganda zugtkättern ab. 5 W vorgestern verhafteten 38 Schutzpolizisten sind 19 nachGelse che wieder zurückgekehrt. 5

Jortgesetz e Diebstähle von Lohngeldern. In Koblenz haben die Franzosen mitten in einer der letzten Nächte bei einem Eisenbahnbeamten eine Haus- suchung abgehalten mit der Erklärung, daß er Lohngelder für die Eisenbahnbeamten und Arbeiter verborgen halte. Desgleichen haben sie in Trier, wo sie bereits vor kurzem mit Sprengwerkzeugen die Tresors der Reichsbank und den Kassenschrank bei der Eisenbahndirektion erbrachen und 1 ihnen Lohngelder für die Eisenbahner in Höhe von 5 Mill. Mk. entnommen hatten, neuerdings ein Auto mit Lohn- geldern für die Eisenbahnbeamten in Höhe von 220 Mill. 8 Mk. weggenommen. g Die Min ister Boelitz und Stingl

im Ruhrgebiet.

reußische Kultusminister Dr. Beelitz weilte am Freitag in esen 5 Veen über Schul⸗ und andere Fragen. Bei seinen Besuch im Industriebezirk war er gestern auch in Bochum um 1 persönlich von der Not der Schulen, die durch die starke Belegung 1 5 Schulgebäude durch die Besatzung eingetreten ist, unmittelbar ein B. 5 zu machen. Der Minister hielt Besprechungen mit der Schulverwal. tung u. Vertretern der Schulen ab. Der Reichspostminister Stingl weilte am 15. und 16. Februar im Ruhrgebiet. Sein Besuch galt den Städten Düsseldorf, Duisburg, Mülheim(Ruhe), Essen, Bochum und Dortmund, wo er die Post⸗ und Telegraphenämter besichtigte. 2

Deutscher Reichstag.

(Donnerstag⸗Sitzung.] Berlin, 15. Februar.

tgesetzten Beratung des Haushalts des Innern be⸗ ab 9 2 A9(Dtn.) e Protest gegen den Ruhreinfall der Franzosen und verükteilt die Politik der sächsischen* Regierung in Bezug auf die Behandlung der Kirche und der Be⸗ am ten. Sächsischer Minister Lipinski weist die Angriffe als unberechtigt zurück. Es sesen nur zwei Bußtage aufgehoben wor⸗ den. Die Regierung schreite nur gegen diejenigen Beamten ein, 0 die zur Mißachtung dieser Regierungsverordnung auffordern und sich gegen die republikanische Staatsform betätigen. Glücklicherweise hätten sich die meisten sächsischen Beamten auf den Boden der 4 publik gestellt, sodaß nicht wie behauptet wird, hunderte Beamte wegen ihrer politischen Gesinnung entfernt werden mußten. Es sei auch nicht wahr, daß Sachsen die schlechteste Polizei habe. Die 5 sächsische Regierung übernehme die volle Garantie für die Aufrechte erhaltung der Ruhe und Sicherheit. Abg. Maretz ki(D. Vp.) erklärte, seine Partei behalte sich vor, zu gegebener Zeit auf ver⸗ 5 fassungsmäßigem Wege eine Aenderung der Staatsform zu er⸗ streben. In dieser Zeit werde der Streit der Monarchtsten um die J Staatssorm zurückgestellt. Die Beamten hätten die Pflicht, dem Staat aufrichtig zu dienen und seine Hoheitszeichen zu achten. Abg. Delius(Dem.) forderte schärfsten Kampf gegen den scham losen Wucher und schleunigste Verabschiedung des Notgesetzes. Abg. Leicht(B. Vp.) sagt, die nationalsozialistische Bewegung sei nicht söderalistisch, sondern zentralisiisch. Abg. Eichhorn (Komm.) lehnte eine nationale Einheitsfront in der Frage der Ruhrbesetzung ab. Die Arbeiter würden im Einklang mit ihren kom munistischen Parteigenossen Frankreichs den französtschen Milt⸗ 5 tarismus abwehren, aber sich nicht als Werkzeug der Nationalisten gebrauchen lassen. Nächste Sitzung: Freitag 2 Uhr. Schluß nach 6 Uhr. f 3 (Freitagssitzung.) f 9 Der durch die neuen Besoldungsaufbesserungen notwendig gewor⸗ dene 11. Nachtragsetat wird unverändert verabschiedet. 0 In der Fortsetzung der zweiten Beratung des Haushalts des Reichsmimisterkums des Innern bemüht sich zunächst Abg. Wulle (Deutschvölk.) dem schwach besetzten Hause das Märchen von dem Dolchstoß der Leute um Severing und Genossen gegen die deutsche Einheitsfront zur Abwehr des Ruhreinfalles glaubhaft zu machen. Abg. Wegmann(Soz.) sagt, in Deutschland herrsche jetzt die Dik⸗ tatur der Bourgebisie und Wulle arbeite mit den von Rußland ein⸗ gewanderten Gegen revolutionären zusammen, die jetzt den Kurfürsten⸗ damm bevölkern. 4 Hierauf ergriff Abg. Moses(Soz.) das Wort zu einer tief schürfenden Rede über die furchtbare Not des deutschen Volkes. Diese

Der Deserteur.

Roman von Robert Buchanan.

Sie wurden mit Hochrufen begrüßt und sofort schloß sich ihnen eine Anzahl anderer junger Leute an, Freunde derMakkabäer. Unter diesen ein schmächtiger, düster dreinblickender junger Fischer, den der Korporal bei seinem Namen begrüßte:Guten Morgen. Mikel Grallon!

Mikel dankte höflich und näherte sich Marcelle, die ihm wohl freundlich zunickte, sich aber nicht weiter mit ihm be faßte, denn ihre Gedanken weilten anderswo. Sie blickte ungeduldig die Straße hinauf und hinab in der Hoff nung, eine hohe Gestalt auftauchen zu sehen. Auch der Korporal war auf dem qui vive.

Der Kerl verspätet sich; es ist unerhört, sich an einem solchen Tage zu verschlafen! brummte er.

Die ganze Gesellschaft blieb in der Nähe einer alten kleinen Schenke stehen.

Wen erwarten Sie denn noch? fragte Grallon.

Noch ein Schäflein meiner Herde, entgegnete Onkel Ewen.Sein Name ist auch auf der Liste und doch verspätet er sich.

Wenn Sie Rohan Gwenfern meinen, dürften Sie ver- gebens warten. bemerkte Mikel mit bezeichnendem Lächeln. Ich traf ihn gestern abend und er sagte mir, daß er sehr beschäftigt sei um mitzukommen Sie oder ein anderer seiner Freunde möge für ihn ziehen.

Der Korporal war wie vom Donner gerührt.In be schäftigt, um dem Ruf des Kaisers zu folgen! Zu beschäftigt, um an diesem Tag der Tage seine Mannespflicht zu er füllen! Das ist ja beispiellos! Er schüttelte mißbilligend sein Haupt und konnte nicht daran glauben.

Bei den Gebeinen des heiligen Gildas, das kann nicht wahr sein! brüllte er.Wenn Rohan Dir das sagte, Mikel Grallon, dann hat er Dich einfach zum besten halten wollen. Ich sehe es klar, Jungens, der Spitzbube wollte uns einen Possen spielen und hat sich ollein auf den Weg gemacht. Vorwärts, wir werden ihn an der Urne treffen.

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Alain und Jannick bliesen wieder auf ihren Instru⸗ menten und die ganze Gesellschaft setzte sich in Bewegung. Mareelle sagte nichts, aber sie erinnerte sich plötzlich, daß Rohan ihr schon vor einigen Tagen die Möglichkeit seiner Abwesenheit bei der Verlosung der Namen angedeutet hatte. Falls ich nicht dort sein sollte, ziehe Du oder der Onkel für mich; es ist ja ganz gleich, wer es tut. Sollte das Schicksal gegen mich sein, werde ich mich auch so zufrieden geben. Es war schon spät am Abend und sinster, als er das sagte, so daß sie den furchtbaren Ausdruck in seinem Gesichte nicht hatte sehen können, sonst hätte sie der Ziehung mit noch größerem Vangen entgegengesehen.

Auf der nach dem Provinzstädtchen führenden Land straße trafen sie mit anderen Gruppen, die dasselbe Ziel verfolgten, zusammen jungenund alten Frauen und Männern, Knaben und Mädchen, welche ihre Brüder zur Urne begleiteten. Als sie an der Kalvarie vorbeikamen, hielten die Musikanten in ihrem Spiel inne; der Korporal nahm die Mütze ab,. Mareelle und ihre Geschwister knieten nieder und sprachen ein kurzes Gebet. Vor der Kirchentüre erwartete sie der Pfarrer. Er streckte seine feisten Hände aus und segnete die ganze Schar. St. Gurlott lag etwa 20 Kilometer von Kromlair entfernt. Die Landstraße zog sich durch eine kahle, von ungeheuren Granitfelsen umringte Gegend hin. Rechts und links nichts als Steinmassen und fußhoher Ginster ein trostloser Anblick, der nicht dazu diente eine frohe Stimmung zu erzeugen. Trotz seines Stelzfußes humpelte Onkel Ewen ganz munter auf dem holperigen Wege vorwärts; aber er war doch herzlich froh, als ein von einem fetten Paar Ochsen gezogener Leiterwagen sie einholte, auf welchem eine Anzahl festtäglich gekleideter Jungfrauen und Burschen saßen und ihm und Marcelle Plätze anboten.

8 Ein echter Calgenhumor beherrschte die kleine Gesell-

schaft während der langen Jahrt. Endlich wurden die Türme 955. b 5 5.

des Städtchens in weiter Ferner sichtbar. Gar manches

Herz begann bei diesem Anblick rascher zu pochen, namentlich

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dasjenige Marcelles, die auf dem ganzen Wege ängstlich nach Rohan ausgeschaut hatte. 0

Seht! rief plötzlich eines der Mädchen,humpelt nicht dort die alte Mutter Goron am Arme ihres Sohnes?

Marcelle bejahte und bat den Wagenlenker anzuhalten. Der junge Goron, ein ärmlich gekleideter Bursche, eine wahre Reckengestalt, trat vor und ersuchte die Gesellschaft, seine erschöpfte Mutter aufzunehmen. Als er die Greisin hinaufhob fiel sie in Ohnmacht. Die Maͤdchen hatten Mühe, sie aus derselben zu erwecken. Sie sprach kein Wort und starrte nur wie geistesabwesend zum Himmel empor die fast unerträgliche Seelenangst und die körperliche Anstrengung schienen die schwache Greisin vollständig gebrochen zu haben. Der Sohn schritt dicht hinter dem Wagen einher, denn sie hielt seine Hand fest und wollte sie nicht loslassen. ö

Endlich bog der Wagen auf den Marktplatz ein, der ein buntes, lebhaftes Bild bot. Wagen reihte sich an Wagen, Bude an Bude, Holzstand an Holzstand; in den letzteren wurden allerlei Erfrischungen seilgehalten. Gruppen von Frauen und Mannern standen umher; hier wurde ein Jüng⸗ ling der eine böse Nummer gezogen, wehklagend umringt dort beglückwünschte man ein altes Mütterlein, deren Sohn b losgekommen war. Am lebßaftesten ging es vor dem Rat⸗ hause zu, einem alten, baufälligen Steingebäude, in welchem die Ziehung bereits begonnen hatte. Aeußerlich vermochte man kein Zeichen der Unzufriedenheit oder des Kummers der Bevölkerung wahrzunehmen. Die Behörde hatte ihr möglichstes getan um dem Städtchen ein festliches Gepräge zu verleihen. Von den meisten Dächern des Marktplatzes flatterten bunte Fahnen, von allen Seiten ertönten Musik⸗ klänge, alte Soldaten gingen don Gruppe zu Gruppe, den Fischern und Bauern Mut zusprechend und allerlei Schnurr⸗ pfeifereien treibend oder lustige Geschichtchen vomkleinen Korporal erzählend. Viele der Burschen, die bei der Urne Der ne in ihrer Verzweiflung bereits über den a 0 n; andere, die erst an die Reihe kommen au, lachten und scherzten laut, um ihre innere Angst zu e die alten Frauen zeigten ihre Verzweiflung

hohlen. Forksetzung folgt.)

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