Ausgabe 
19.1.1923
 
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Familie benötigt für ihren normalen Bedarf an Nahrungs⸗ mitteln jährlich mindestens 800 000 Mk.; für ihren Bedarf an Fett allein etwa 250 000 Mk. berechnet nach den amt. lichen Preisunterlagen und einem Dollarstande von 10 000 Mark. Wer unter uns verfügt über ein solches Einkommen? Und wer, der darüber verfügt, kann neben der Nahrung auch noch die Kosten für Bekleidung und Behausung tragen? Drei Viertel unseres Volkes sind heute schon unterernährt, mehr noch werden es demnächst sein. Es mehren sich die Meldungen über Selbstmorde aus Verzweiflung und Hunger. Es mehren sich die Berichte über schwere Erkrankungen an Skorbut, über schwere nervöse Erschöpfungserscheinungen infolge der Unterernährung.

1 Groß ist die Not vor allem der Kinder. Neugeborene werden in Papier gewickelt in die Säuglingsfürsorgestellen gebracht. Denn eine Windel oder ein Hemdchen kosten 800 bis 1000 Mk., ein Einschlagetuch 12004000 Mk., ein Jäckchen 12001800 Mk. Heute noch, und heute schon kann es das Doppelte kosten. Und während die Säuglingssterb⸗ lichkeit während des Krieges bedeutend abgenommen hatte, ist sie seit Mitte 1922 infolge der Unteternährung der stilcenden Mütter und der für viele nicht mehr erschwinglichen Milclpreise wieder gestiegen. Der sechste Teil der Säuglingsheime und die Hälfte der Krippen sind der finanziellen Schwierigkeiten wegen geschlossen. Skrophu⸗ lose, Drüsenerkrankungen, Rachitis haben unter den Schul⸗ kindern erschreckend zugenommen. Knochenerkrankungen, Hornhautgeschwüre, selbst das furchtbare Hungerödem sind keine Seltenheit mehr. Die von den Schulärzten gemeldeten Ziffern über Unterernährung gehen bereits über 50 v. H. durchschnittlich hinaus.Es ist tragisch, als deutsches Kind geboren zu sein, schrieb unlängst der ganz unsentimentale Herausgeber der Daily News, Gardinerdenn es ist in eine Hungerwelt hineingeboren und in ein hartes Leben.

Die schlechte Ernährung, die Wohnungsnot hat die Zahl der Todesfälle an Lungenentzündungen im ersten Quartal 1922 auf 17785 hinaufgetrieben gegenüber 14549 Todesfällen im ersten Quartal 1921. Welche Ernte wird der Tod in diesem ersten Quartal 1923 halten?!

Die Rettung aber kommt uns heute weder ays der

Zurücknahme der französischen Truppen hinter den Rhein noch aus einem langfristigen Moratorium oder aus inter⸗ nationalen Anleihen oder aus der Produktionssteigerung und ähnlichen Maßnahmen wirtschaftlicher Art allein. Die Rettung kann heute noch kommen aus der Erweckung des Willens der Menschheit, Deutschland zu helfen, alles andere ergibt sich daraus von selbst. Wir aber, wir 60 Millionen zermürbter Menschen, zu einem gemeinsamen Schicksal zusammengedrängt, müssen diesen Willen stärken durch Einmütigkeit in der Abwehr neuer und unerhörter Vergewaltigungen. Mit Bajonetten ist auf die Dauer niemand zu gesteigerter Arbeitsleistung a zwingen. Wir sind keine Knechte. Nur cin freies Volk kann wirkliche Werte schaffen und ein freies Deutschland wird freiwillig leisten, was Gewalt und Zwang niemals von ihm erpressen werden. ö

Zum Nachdenken. Ilseichverbrauch. Nach den Berechnungen des Preußischen Sta⸗ uschen 5 ergibt sich folgender Fleischverbrauch(in Kilo⸗

1913 1921 Rinder. 4842 608 500 325 604 800 2 J ee 76 061 120 58 421 592 Schweide 1125 084 650 613 097 520 Schafe. 29387 26 23427364 Zuscammen 1693 141 496 1029 551 276

Danach ist der Fleischverbrauch, soweit im Inland geschlachtete Tiere in Frage kommen, von 1913 bis 1921 auf 60,81 Prozent des Verbrauches von 1913 zurückgegangen. Setzt man, um für den Ver⸗ bauch an Inkandsfleisch die Kopfquote zu erhalten, die Einwohner⸗ zahlen für 1913 und 1921(nach dem jetzigen Gebietsumfange) mit 36% bezw. 36,1 Millionen ein, so entfällt auf den Kopf der Bevöl⸗ kerung ohne Unterschied von Alter und Geschlecht ein Jahresverbrauch won 46,15 Kilogramm für 1913 und von 28,52 Kilogramm für 1921, also ein Rückgang von 100 auf 61,95.

0 Löhne. Vor dem Kriege verdiente ein Schriftsetzer 36 bis 40 Mark wöchentlich. Das waren 8 ½ bis Dollars. Im Januar 1922 verdsente derselbe Arbeiter nur noch drei Dollars; im Dezember 1922 aber nicht ganz 2 Dollars. Seit Januar 1923 sind die Setzerlöhne etwas gestiegen, sodaß ein Setzer gegenwärtig etwa 2 Dollars in der Woche verdient. Resultat: Ein Setzer verdient zu Anfang des Jahres 1923 etwa den vierten Teil des Lohnes, den er 1914 erhalten hat.

Wahlverein Gießen. Auf die heute abend im Saale des Gewerkschaftshauses stattfindende Generalver⸗ sammlung werden die Parteigenossen nochmals auf⸗ merksam gemacht. Wie aus der mehrfach bekannt gegebenen Tagesordnung hervorgeht, stehen eine Reihe für die Partei⸗ organisation wichtiger Gegenstände zur Beratung und Be schlußfassung, die die Anwesenheit aller Parteigenossen wünschenswert erscheinen lassen.

Die schwarze Schmach. Dieses Thema stand zur Erörte⸗ rung einer öffentlichen Versammlung, die von derLiga für deutsche Kultur am Dienstag abend in den Saal des Café Leib einberufen worden war. Man hatte dazu alle Parteien eingeladen, der Saol war gut besetzt. Ueber den Verlauf der Versammlung geht uns folgender Bericht zu:

Nach kurzen einleitenden Warten des Vorsitzenden sprach als Referent des Abends der Mlnchener Schriftsteller Heinrich Dist ler. Wie elektrische Schläge zuckten von seinen Lippen Fragen, die zu beantworten wir uns vor uns selbst scheuen: Anklagen, die wir so oft unausgesprochen nur mit der Seele zu erheben wagten; Schilderungen voll Jommer, Not, Elend, Bitterkeit, 5 Atemlos lauschende Zuhörerschaft im Sgale! Nur das sastische Gehirn von Franzosen ist imstande, all das auszuklitgeln, was da den Hörern in Ohren und wir zweifeln nicht, auch in die Herzen geschrieen wurde Ausgeklügelt, ausgeführt von denSke⸗ 2 erduldet von unseren Brüdern am Rhein! Nicht im Krieg,

ndern im Frieden denn wir befinden uns mit Frankreich trotz allem im Frieden! Solcher Friede?! Wie lange noch?! Schon über vier Jahre erduldet! Weltfricden?Weltfriedhof! sogt der Mllnchener Kardinalerzbischof Faulhaber! Es ist nicht so schlimm, meinen Nörgler?!Kommt herüber zu uns und saht es euch an! sagt ber Sozialdemokrat Sollmann! Ducken, schlucken, nicht mucken! Erschlitternde Einzelheiten entrollte Distler von Ueberfällen auf heim⸗ kehrende Arbester,lein Alter, kein Ort, keine Stunde, kein Ge⸗ schlecht, kein Stand ist sicher! Er erzählte von Entrechtung und Knechtung durchSleger undSiegerinnen, die allesamt am besten mit dem TitelBewaffnete Schmarotzer! belegt würden. Was ist

Hohn und

zu tun? Was soll, kann, darf, muß getan werden? Heute gibt es nur

Eines: In voller Einigkeit ein einziger Schrei an die Welt, ein Schrei so laut, daß, wenn Menschenohr ihm nicht hört, des deutschen Herrgotts Ohr ihn sicherlich vernimmt! Aber auch ein stetes Ein⸗ gedenken und Mitfühlen des Schicksals unserer rheini chen Brüder, ein Einspringen für sie, soweit es heute noch möglich ist und ein Warten!

In der darauffolgenden freien Aussprache beleiligten sich die Vertreter der verschiedenen politischen Parteien und zwar sprachen Herr Heß für die Kommunistische Partei, Fer Prof. Krausmüller für die Deutsche Volkspartei, Herr Kresschulrat Fischer für die Demokratische Partei und Herr Prof. Srhard für die Deutschnatio⸗ nale Volkspartei. Sic glle erkannten den hohen Ernst der Stunde an und boten in ihren Ausführungen das seltene Bild vollster Ein⸗ miitigkeit. Die An führungen dieser verschiedenen Redner gipfelten alle in dem einen Satz, daß unser Volk in dieser Schicksalspritfung zusontmenstehen mlisse wie ein Mann, wenn es nicht unreltbar ver⸗ loren sein will. Am Schlusse der Versammlung wurde eine Reso⸗ lution an die Reich regierung, die derselben vollste Unterstützung in allen notwendigen Abwehrmaßnahmen zusicherte, einstimmig ange⸗ nommen. Wir wünschen, daß dieser Geist der Einmütigkeit tief in unserem Volke Wurzel fassen möge, dann wird sich auch unser gutes Recht durchsetzen.

Einen Unterhaltungsabend planen

die Gewerkschaften

Gießens zu Samstag, 3. Februar auf der Liebigshöhe. Mehrere Künstler vom Stadttheater werden dabei mitwirken. Es ist be⸗

en gute, ernste und heitere Dichtungen zum Vortrag zu ringen.

Ein angenehmer Hauswirt. In Grünberg erhielt dieser Tage ein dortiger Einwolzner von dem Hausbesitzer, bei dem er zur Miete wohnt, folgenden Schreibebrief:

5 Fern,

Teile Ihnen mit, daß Sie sich bis 1. Jebruar 1923 einen Zähler fürs Licht beschafsen müssen, wenn nicht, so lasse ich die Leitung in Ihrer Wohnung abschneiden, ferner beträgt das Auf⸗ stellen eines Handwagens im Hofe pro Monat 20 Mark vom 1. Januar 1923, für Lagern von Holz in der Scheuer 50 Mark und die Bohnenstangen über Winter 10 Mk. Das Betreten des Kellers kann nur noch in meinem Bgisein mittags von 121

Uhr geschehen. Das Betreten des Fruchtbodens kann auch nur noch von 12 bis 1 Uhr in meinem Betsein ge⸗ schehen. Das Trocknen von Wäsche auf dem Boden be⸗

trägt jemals 100 Mk. Die Benutzung des Waschkessels kann nur gegen Bezahlung von 100 Mk. für jedesmal, für die Abnutzung geschehen und für Schäden, die an demselben entstehen, sind vor dem Gebrauch 5000 Mk. bei mir zu hinterlegen, die nach dem Gebrauch bei schadlosem Besund wieder von mir zurückgegeben werden. Hirtmann Koch. Der Herr Koch hat noch eine ganze Reihe Dinge vergessen, ats denen sich noch Geld herausschlagen läßt. Zum Beispiel könnte er für jedesmalige Benutzung der Treppe, des Schornsteins, auch des Abtritts einen Tribut erheben und noch für manches andere noch. Auch für das Hinausschauen zum Fenster könnte er einen Tarif festsetzen. Es gibt doch allerhand Leute! Unfall, Unfallverhütung und Unfallentschädigung. Der 8. Vortrag brachte als Abschluß der einzelne Körperorgane treffenden Unfälle, die durch solche in gewerblichen Betrieben her⸗ vorgerufenen Schüdigungen der männlichen und weiblichen Ge⸗ schlochtsorgane. Alsdann folgte eine Besprechung von Unfällen, die den gesamten Organismus mehr oder weniger in Mitleiden⸗ schaft ziehen und fängere oder kürzere Zert anhaltende Bewußt⸗ losigkeit mit sich bringen Es wurden die Symptome gekennzeichnet, welche die durch Schreck. Aufregung, Schmerz. Blutverlust und Aufenthalt in schbecht gelsifteten und überfüllten Räumen hervor⸗ gerufene Ohnmacht die Berührung von Starckstromleitungen, die Einwirkung des Blitzes auf den Körper, sowie der in schwüler Luft und infolge starfer Wärmestrahlung aus Kesselfeuerungen in Gießereien, Hochösen⸗ und Glashütten⸗Betrieben gelegentlich zu beobachtende Hitzschlag mit sich bringen. Dann folgte gine Ueber⸗ sicht über Wesen Ursachen und Anzeichen der bei direkter oder in⸗ direkter Einwirkung äußerer Gewalt auf den Kopf sich einstellen⸗ den Gehirnerschlütterung. bei der man eine leichte und schwere Form zu unterscheiden hat. In allen diesen Fällen wurde auch der dabei erforderlichen ersten Hilfeleistungen gecacht, die an Licht⸗ bildern vorgeführt wurden. Nächster Vortrag: Dienstag, den 23. Januar Uhr im großen Hörsaale der Universität.

Das Reichswehr⸗Kommando fitr den Behrkreis V gibt folgendes bekannt: Mit Rücksicht auf die ernste Lage, die die frauzösisch⸗belgischen Gewaltmaßnahmen am Niederrhein für unser ganzes Vaterland geschaffen haben, verbiete ich daß im Laufe des Monats Januar von Angehörigen der Division Tanzvergnügungen in öffentlichen oder dem Reiche gehörigen Räumen veranstaltet werden. Ich erwarte weiterhin, daß die Offiziere Unteroffiziere und Mamnschasten ebenso wie die Veamten und Angestellten des Wehrkreises V sich in der nächstliegenden Zeit auch in der Teil⸗ nahme an anderweitjoen Tanzvergnügungen oder öffentlichen Lust⸗ barkeften diefenige Zurückhaltung auferlegen, die der Trauer und dem Ingrimm über die neue schwere Mißhandlung des deutschen Volkes angemessen ist.

Konzertverein Gießen. Nächsten Sonntag. 21. Januar. nachmittags 5 Uhr viertes Konzert in der Neuen Aula von Dr. Rosenthal und Ilfe Helling⸗Rosenthal, welche Lleder und Duette von Cornelius. Vrahms, Wolff. Strauß und Göhler zur Aufführung bringen. Musikfreunde werden auf dieses Konzert besonders aufmerksam gemacht.

Die Freie Turnerschaft Gießen hält morgen. Samstag, abends 8% Uhr im Gewerkschaftshaus ihre Generalversammlung ab. Die Mitglieder werden nochmals besonders darauf hinge⸗ wiesen.

Neue Erhöhung der Strompreise in Sicht. Vom städtischen Elektrizitätswerk werden wir ersucht darauf hinzuweisen. daß infolge der außerurdentlichen Kohlenpreissteigerung und Frachten⸗ erhöhung die Strompreise im Monat Januar nicht unerheblich erhöht werden müssen. Die Erhöhung wird am Ende eines jeden Monats bekanntgegeben.

Kälte in Aussicht. Nach den Berichten der Wettenwarten steht uns eine Frostpe viode bevor, die starke Kälte bringen wird. Bei den unerschwinglichen Kohlenpreisen bedeutet das ein wahres Unglück. Bisher hatten wir uns über den Winter nicht zu be⸗ klagen; hoffentlich hält die Kälte nicht lange an!

Watzenborn⸗Steinberg. Am Montag, den 15. ds. Mts. fand hier eine Gemeinderats ⸗Sitzung statt. halts⸗ und Lohnerhöhnngen von Gemeind.⸗Angestellten und Arbeitern, wurde auch beschlossen, sttr alle Ortsangehörigen, ab 1. Febr. 1923 Holz für Särge zum Selbstkostenpreis aus dem Gemeindewald zu liesern. Ferner wurde auch beschlossen, die hiesige Jagd welche eine vorzügliche Hasenjagd ist, neu zu verpachten und auszuschreiben. hm.

Rödgen. Gemeinderatssitzung vom Samstag, den 13. Jan. Anwesend waren Bürgermeister Kraushaar. Beigeordneter Stein und die Gemeinderäte W Valsex 10., W. Balser 11., Ph. Balser 5., Hahn, Llickel, Sei Schwalb Wagner Zimmermann. Als erster wum mar die Wahl eines Kontrolleurs vor⸗ Schwalb und Seigg als Stellver

Gewählt Adolf Hahn 1. und Jakob Schmitt 2. Die Schulresuigung wurde wieder an Witwe Heinrich Balser vergeben. Das Instandhalten der Wasserleitung wurde an W. Becker 2. für den geforderten

wurden

Betrag vergeben. Die Wiege⸗ Gebühren bei der Ge⸗ meindewage wurden für Kleinvieh auf 30. Mark und Großdvieh auf 60. Mark erhöht.. Das Reinigen des Bauhauses wurde an Eckhard für 1200 Mark vergeben. Für das Reinigen der Flutgräben wurden nachträglich noch zwei Mark für den laufen⸗ den Meter an Heinrich Valser 6. bewilligt. Zum Schlusse kam noch eine schriftliche Eingabe eines Wohnungsuͤchenden zur Be sprechung. Diefer hatte dem Gemeinderat mehrere Wohnungen im

Neben Ges.

Dorfe schriftlsch mitgetellt. Auf Anfrage des Gemeinbe rats vichel und Balser 5., was denn geschehen sollte, wurde bestimmt es sollten zwei Mitglieder die betressenden Wohnungen besichtigen und sollten dann dem Gemeinderat Bericht darüber erstatten. Da⸗ zu wurden Llickel und Balser 5. bestimmt. Als letzter Punkt wurbe der Beschaffung von Ziegeln für das Umdecken der Gemeinde⸗ Gebäude einstimmia zugestimmt Für die nächste Sitzung kommt. die Leichen⸗Vestattung als erster Punkt auf die Tagesordnung. Kreis Wetzlar. Eine große sozialdemokratische Protestkundgebung fand am Montag abend im Saale desSchsitzengarten in Wetzlar statt. Oberbürgermeister Granzin⸗ Offenbach der erst für einen Vortraa überSogzlaldemokratische Kommunal⸗ politik am gleichen Tage vorgesehen war, sprach über die Folgen der Besetzung des Ruhrgebiets, durch welche die ganze deusche Wirtschaft auf das Empfindlichste gestört wird. Wefteres Elend und schlimmeres hrinat dieter Raub zug für die deutsche Arbeiter⸗ schaft mit sich, denn sicher ist damit zu rechnen daß Arbeitslosigkeit in größtem Umfange eintritt. Granzin erblickte nur in dem inter⸗ nationalen Zufammenschluß der Al beiterschaft das einzige Mittel zur Rettung aus dem Elend. Nur dadurch könne auch der Völkerfriede gesichert werden. Von der Ver sammlung wurde folgende Nesolution einstimmig beschlossen: Die hier versammelte Vereinigte Soziald⸗mokfatische Partei Wetzlars erblickt in dem völker rechtswidrigen Einmarsch der

Franzosen in das Ruhrgebiet ein neues Glied in der Kette imperialistisched Naubpolitik wie sie von den kapftaltstischen

Siegerstaaten betrieben wird.

Sie bekämpft die Unterdrückung und Ausbeutung in jeder Form, richte sie sich genen ein Volk, eine Klasse, tei. Ge⸗ schlecht oder Rasse Dabei wendet sie sich aber scharf gegen die nattonalistische Krieashetze wie sie von den Reaktionären be⸗ trieben wird zum Schaden unseres Volles. 3

Diesem nationalistischen Taumel sctzen wir die Idee der Völkerversöhnung, dem raubgierigen Imperjalismus die Idee des Sozialismus entgegen.

Nur eine wahrhafte demokratische und fozialistische Politik getragen von der sozialistischen Arbeiterklasse kann der Welt den so notwendigen Frieden geben und einen wirklichen Völker⸗ frühling herbeiführen

Dem gesamten internationalen Proletariat rufen wir zu: Haltet die Augen auf daß nichl eine Drachensaat aufgeht, die Euch und Eure Kinder verschlingt und dabei Europa dem Unter⸗ gang preisgibt.

Die Versammlung war so stark besucht, daß viele keinen Einlaß mehr finden konnten.

Von Nah und Fern.

Frankfurt a. M., 14. Jan. Wucher und Schleichhandel blühen wie nie zuvor, fast noch schlimmer, als kurz nach dem Kriegs⸗ ende. Im Laufe voriger Woche bearbeitete die Wucherpolizei 57 Wucherfälle und 62 Anzeigen wegen Schleichhandels. Trotz scharfer Bestrafungen nehmen Wucher und Schleichhandel immer mehr zu.

Frankfurt a. M., 15. Jan. Salvarsanschieber. Die Schutzpolizei kam größeren Salvarsanschiebungen auf die Spur und verhaftete in der Angelegenheit den Eisendahnbetriebssekretär Albert Jahn, den Fabrikanten Emil Glück aus Bad Homburg v. d. H. und die hier wohnende Chefrau Elifabeth Hildebrandt geb. Molitor.

Frankfurt a. M., 16. Jan. Ein Verbrecherpaar. Die Kriminalpolizei verhaftete den 25fährigen Metzger Albert Hecken aus Essen und den 29jährigen Händler Johann Ahr aus Differken wegen begangener Einbrüche. Die Verbrecher gestanden bereits mehr als 20 schwere Einbrüche in allen süddeutschen Städten ein. Ihre Spezialität war die, daß sie die Rolläden anbohrten, diese hochschoben und dann durch das Eindrücken der Fensterscheiben Zu⸗ tritt zu den Wohnräumen erlangten. Bei ihrer Festnahme waren die beiden im Besttz von gestohlenen Sachen im Werte von mehr als Millionen Mark. In der Hauptsache waren es Pelze und Silbersachen.

Frankfurt a. M., 16. Jan. Die Löhne der städtischen Arbeiter. Wegen der Mehrforderungen der städtischen Ar⸗ beiter fanden in Mainz Verhandlungen statt, bei denen es aber zu keiner Einigung kam. Die Arbeiter verlangen eine Erhöhung des Stundenlohnes um 100 Mark, eine Forderung, die den Stadt⸗ säckel um jährlich mehrere Milliarden neubelasten würde. Die Lohnverhandlungen wurden auf nächsten Donnerstag vertagt.

Franifurt a. M., 16. Jan. Der Mehlpreis. Im Ein⸗ klang mit dem rasenden Aufstieg des Dollarkurses klettert auch der Mehlpreis in die Höhe. Während am Montag der Doppelzentner Weizenmehl noch 74000 Mark ab Mfihle kostete, ist sein Preis bis heute mittag schon auf 80 00082 000 Mark gestiegen. Heute vor einem Jahr bezahlte man für die gleiche Menge 1150 Mark.

Frankfurt a. M., 10. Jan. Immer neue Einbrüche. Aus der Villa eines Bankiers in Sachsenhausen stahlen Einbrecher in der letzten Nacht fast die gesamten Silbersachen im Werte von etwa 1012 Millionen Mark. Ein Versuch von Einbrechern, die

Villa eines anderen Bankiers im Westend auszuplündern, scheiterte.

Frankfurt a. M., 16. Jan. Verschlechterung des Ar⸗ beiksmarktes. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert sich fortgesetzt. Die Zahl der angemeldeten Arbeitslosen auf dem Arbeitsamt wächst zusehends. Im Gegensaßs hierzu steht die Ver⸗ ringerung der Arbeitsmöglichkeit, da die Zahl der zur Anmeldung kommenden ofsenen Stellen stetig geringer wird. Gegenwärtig be⸗ ziehen nahezu 2000 Personen Arbeitslosenunterstützung gegen 655 um die gleiche Zeit des Vormonats.

Frankfurt a. M., 16. Jan. Ein 50⸗Millionendieb⸗ stahl. Es waren zweifellos Leute vom Fach, die in der Nacht zum Montag im die Gesellschaftsräume eines an der Bockenheimer Land⸗ straße wohnenden Bankier eindrangen und hier das geamte Silber⸗ geschirr im Werte von mehr als 50 Millionen Mark stahlen, daneben aber auch die erreichbaren Iuwelen mitnahmen. Der leichten Arden der Diebe kam der Umstand zu statten, daß die Fußböden mit dicken Teppichen belegt waren, wodurch der Schall außerordentlich abge⸗ dämpft wurde. Unter den Augen einer im Nachbarhause ein⸗ quartierten Sicherheitswache schlugen Samstag nachmittag zwei ver⸗ wegene Diebe in der Eschersheimer Landstraße die Fensterscheiben einer Wohnung ein und stahlen aus den Räumen für etwa J Mil⸗ lionen Mark Kleider und Schmucksachen. Als die beiden Diebe später mit zwei Koffern aus dem Hause kamen, wurden sie zwar von den Bewachumgsmannschaften gesehen, diese aber unterließen es, die Leute anzuhalten.

Frankfurt a. M., 17. Januar. Frankfurter Getreide⸗ börfe. tBei außerordentlich rasch steigenden Preisen, die im Einklang mit der Markentwertung stehen wurden heute bezahlt Roggen Mk. 50 000

für je 100 Kilo Meisen Mk 60 90065 000. bis 55 000, Gerste Hafer(inkänd scher) Mk. 34 00040 000. Mais(La Plata und Mixed! Weizenmehl(südd.) Mk. 90 000

93 000 Mk. 75 00080 000, Kleie Mk. 20 000 28 000. Frankfurt a. M., 17 Jennar. Die Höhe der Diebes⸗ frechheit. Fuhr da am Dienstag mittag vor dem Laden der Nassauischen Möbelvertriebsgesellschaft ein Möbelwagen vor. Die Jnfassen öffneten kurzerhand dle Tliren es sei bemerkt daß es Mittagspause war und holten aus dem Laden vor allem Unb⸗ likum ein ganzes vollständlges Hervenzimmer heraus. luden es auf den Wagen und führen davon. Als das Personal später die Räume betrat, mußte es die Entdeckung machen, daß das deste Herrenzimmed im Werte don eing 1 Millionen Mark glatt ge. stohlen wroden war Von den, stemalen Dieben die an scheinend mit einem in der Firma angestellten jungen Mann unter einer Decke stockten fehlt bis fest jede Spur. Auch der Verbleib der Möbel ist bisher unbekaunt. Frankfurt a. M. 17 Jauuar. Der Hauptausschuß dos Nassauischen

bis Roggenmehl

bis

Städte-

Nassauischer trie? am

tag. Städtetages