Ausgabe 
19.1.1923
 
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Die Juͤstände in der Neichsw e. ö Der Reichstagsuntersuchungsausschuß für die Reichswehr setzte am Mittwoch an Hand der inzwischen eingetroffenen Akten seine Be⸗ ratungen über die Vorgänge auf der Marineschule in Mürwik fort.

. Der Ausschuß vertrat nach Prilfung der Berichte die Ansicht, daß

tatsächlich gegen rechts nicht mit der Schärfe vorgegangen würde, die

man gegen links beliebte. Man mußte sogar den Eindruck gewinnen,

daß gegen rechts mit großer Zurückhaltung und Duldung verfahren

würde. Aus diesen Umständen könne man sich auch erklären, daß

die staatsfeindlichen Lieder nicht auszurvtten sind. Reichswehr⸗

minister Dr. Geßler erklärte, er verfolge eine klare Linie und gehe

it gleicher Schärfe gegen rechts und links vor. Staatsfeindliche Ge⸗

4 5 die sich im Absingen des Löwenfeld⸗ und Ehrhardt⸗Liedes

außere, würde stets unnachsichtlich mit Verabschiedung und Entlassung

geahndet. Die noch vorliegenden unerledigten Einzelfälle über Mür⸗

wik wurden dem Berichterstatter zur eingehenden Prüfung über⸗

wiesen. In der nächsten Sitzung wird darüber Bericht erstattet

0 0 RNeeichsschulgesetz und Landesstenergesetz.

1 Der Bildungsausschuß des Reichstags vertagte die Entscheidung über das Reichs schulgesetz bis zum Erlaß des Landessteuergesetzes, da liber die Verteilung der Mehrkosten, die den Ländern und Ge⸗

meinden durch dieses Gesetz entstehen, die nach dem Beschluß des Reichsrats zu zwei Dritteln vom Reich erstattet werden sollen, keine Einigung erzielt werden konnte. 5

Der Kampf um das Arbeitszeitgesetz.

In der Vollsitzung des Reichswirtschaftsrates am Mittwoch wurde von Arbeitgeberstelle beantragt, die Beratung des Arbeits⸗ zeitgesetzes, die für Donnerstag vorgesehen war, in Anbetracht der N allgemein politischen Lage zu vertagen, da eine Einigung zwischen 5 Arbeimehmer⸗ und Arbeitgebergruppe des Reichswirtschafts rates über das Arheitszeitgesetz noch nicht erzielt ist. Die Arbeitnehmer⸗ vertreter aller Richtungen widersprechen der Vertagung; eine mög⸗ lichft schnelle Verabschiedung des Arbeitszeitgesetzes sei gerade im Hinblick auf die Vorgänge im Ruhrgebiet durchaus wünschenswert. Da das Richsarbeitsministerium sich mit einer Verschjebung der Be⸗ ratung um zwei bis drei Wochen einverstanden erklärte, sprach sich schließlich doch die Mehrheit des Reichswirtschaftsrates dafür aus, das Arbeitszeitgesetz nochmals dem Sozialpolitischen Ausschuß zu überweisen, damit dort eine Einigung zustandekomme.

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Die Vergewaltigung des Memellandes. Die neue Regierung.

Der litauische Freischärler Simonaitis ist als Militär⸗ diktator in Memel eingetroffen. Die neue Regierung macht sich im Hotel Berliner Hof breit. Das Gebiet ist in vier Militärbezirke eingeteilt worden. Auf den öffentlichen Ge⸗ bäuden wehen die lettischen Fahnen. Die litauischen Banden hatten bei Memel 3 Tote und mehrere Verwundete, die Franzosen 1 Toten, 1 Schwer⸗ und einen Leichtverletzten. Im Memeler Winterhafen traf ein polnisches Kanonenboot ein, auf dem sich der französische Oberst Trousson befinden sollte. Dieses polnische Schiff lein ehemaliger deutscher Minensucher) ist gestern vormittag wieder abgefahren.

Die Memeler Rundschau, das erst vor kurzem ge⸗ gründete Blatt des memelländischen Deutschtums, ist bis zum 20. Februar verboten worden.

5 Der Protest des Ententekommissars.

Der Oberkommissar Petisne veröffentlicht folgende Proklamation:Einwohner des Memelgebietes! Ich protestiere noch einmal feierlich im Namen der Alliierten gegen das blutige Attentat auf das Memelgebiet. Ich er⸗ kläre ausdrücklich, daß die alliierten Mächte noch immer die Absicht haben, ihre Autorität über das Gebiet auszuüben. Die Botschafterkonferenz der Entente ist am Mittwoch nach⸗ mittag zur Beratung der Memelfrage zusammengetreten. *

4

Ungünstiger Stand der englisch⸗amerikauischen Schulden verhandlung.

Die englisch⸗amerikanischen Verhandlungen wegen der

Konsolidierung der Kriegsschulden sind auf einem kritischen

Punkt angelangt. Eine Reutermeldung aus Washington

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besägt, daß die Besprechüngen auf nächsten Donnerskag hätten vertagt werden müssen, da sich zwischen der englischen und amerikanischen Kommission eine Einigung nicht habe erzielen lassen. Anderseits meldet der Times⸗Korrespondent aus Washington, daß der englische Schatzkanzler Baldwin sich nach London begeben wolle, um weitere Instruktionen dort vom Kabinett entgegenzunehmen. Es wird streng ver⸗ mieden, von einem endgültigen Scheitern der Verhand- lungen zu sprechen. Der Korrespondent erklärt aber, daß jeder weitere Fortschritt in den Verhandlungen unmöglich sei, da bisher von beiden Seiten das größtmöglichste Ent⸗ gegenkommen bewiesen worden wäre.

Deutscher Reichstag.

Die Bochumer Bluttat. Notgesetz gegen die Not. Berlin, 17. Januar 1923.

Vor Eintritt in die Tagesordnung verliest Präsident Lo ebe ein Telegramm des Salzburger Landtages, der seine Trauer über die neuerliche wider alles Recht erfolgte

Vergewaltigung Deutschlands durch die unter nichtigen und heuchlerischen Vorwänden ver⸗ anlaßte französische Besetzung des Ruhrgebiets zun Ausdruck bringt.

Der Präsident knüpft an die Verlesung dieses Telegramms folgende Worte:

Inzwischen hat die militärische Unterjochung des Ruhrbeckens das erste Menschenleben gefordert und die schwere Verwundung weiterer Landsleute herbefgeflihrt. Das Singen von Liedern, die die Eroberer als gegen sich betrachtet haben, gensigten den fremden Soldaten,

in die Menschenmenge hineinzuschießen

und ihre Hände mit dem Blute des Unschuldigen zu beflecken Das aber kommt auf das Haupt der Männer in Paris(Lebh. Zu⸗ stimmung), die dieses militärische Unternehmen gegen ein wehr⸗ loses, unbewaffnetes Volk begonnen haben. Ich wiederhole bluti⸗ gen Herzens meine Mahnung an die Landsleute im Ruhrgebiet, wir wiederholen aber auch unsere Warnung an die Gewalthaber, die sehen müssen, daß, wenn sie hier nicht bald Halt gebieten, sie einem furchtbaren Ende entgegentreiben, daß die täglich erweiterte Besetzung die Repgratjonen nicht größer macht, aber Haß und Er⸗ bilterung ins Riesengroße steigert.[Lebh. Beifall. Die Mit⸗ glieder hatten diese Worte stehend angehört.) N 5 Auf die Tagesordnung wird noch folgender Initiativantrag etr. ein

Ermächtigungsgesetz

ge setzt: § 1. Die Reichsregierung wird ermächtigt, mit Zustimmung des Reichsrats diejenigen gesetzlichen Maßnahmen anzuordnen,

bie sich zur Abwendung der aus der wirtschaftlichen und sozialen Not für die Allgemeinheit drohenden Gesahren als notwendig erweisen. Die Verordnungen der Reichsregierungen sind dem Reichsrat unverzüglich zur Kenntnis zu bringen und auf dessen Verlangen außer Kraft zu setzen. S 2. Das Gesetz tritt mit dem Tage seiner Verkündung in Kraft.

Es werden dann

kleine Anfragen erledigt, unter denen sich eine der deutschnationalen Fraktion be⸗ findet, die wegen der Aeußerung des Vorsitzenden im Scheide⸗ mann⸗Prozeß anfragt. Senatspräsident Dr. Schmidt hatte be⸗ kanntlich zu dem Angeklagten Oehlschläger gesagt:Muß denn immer gelogen werden? Lügen und Quengeln mag deutschvölkisch sein, niemals aber war es deutsche Art. Ein Regierungsver⸗ veter teilte mit, daß der genaue Wortlaut nicht festzustellen set, dem Sinne nach aber sei die Aeußerung des Vorsitzenden dahin gegangen, daß die auf Unterdrückung der Wahrheit ausgehende Art der Verteidiger des Angeklagten vielleicht den Anschauungen entsprechen möge, die diese im Laufe der Verhandlung zur Recht⸗ fertigung seines Verhaltens als deutschvölkisch ausgegeben habe, daß dieses Verhalten aber mit wirklich deutscher Art nichts zu tun

e.

In zwei Lesungen wird der von allen Parteien eingebrachte

Gesetzentwurf über

Festsetzung der Drtslöhne 5 und des durchschnittlichen Jahresarbeitsverdienstes landwirtk⸗ schaftlicher Arbeiter erledigt. Es werden in Zukunft die Ortslöhne gleichzeitig im ganzen Reiche für Zeiträume sestgesetzt, die der Ar⸗ beitsminister bestimmt. Das gleiche gilt für die Festsetzung der durchschnittlichen Jahresarbeitsverdienste.

Es folgt dann die Beratung des sozialdemokratischen An⸗ trages auf Einsetzung eines 21gliedrigen Untersuchungsausschusses, der untersuchen soll, rr

Wee

Derr.

knwiewelt Produzenten Größ und Kleinbanel die Warenprelf

unbegründet erhöht

Abg. 3 Soz.) begründet den Antrag damit, daß g. Jäckel(Soz.) begründet de rag, tit, roduktions⸗ und 5 e für deutsch Waren nicht ent sernt so gestiegen sind, daß die Anpassung ihrer Preise an den Weltmarktpreis gerechtfertigt wäre. hörten Preissteigerungen die Gewinnsucht der 9

Bildung des Unt Hammer(Dtn.) begrüßt es, da :Die Regierung win Warenpreise der Pr. zenten, Groß⸗ und Kleinhändler mit allen Mitteln entgeg uc f der Antrag nach Htezer Debatte, in der n dieser Fassung wird der Antrag nach kurzer e, in d Abg. Bey(8 Vp.) und Frau Dr. Beumer(Dem.) Antrag zustimmen, während ihn Abg. Koenen(Komm.) und Abg, Wegmann(wild) ablehnen, angenommen. 5 Es folgt dann die 5 . Beratung des Ermächtigungsgesetzes. Abg. Dittmann(Soz.) erklärt, die Unterschrift der sozial⸗ demokratischen Fraktion könne nur durch einen Irrtum des Reichs⸗ tagsbureaus unter den Inttiativantrag gekommen sein. Die so demokratische Fraktion habe ihre Zustimmung dazu nicht geg weil sie sich dagegen wende, daß der Reichstag in dieser kritischen Situation auseinandergehe. 1 Abg. Höllein(Ko.) protestiert gegen den Antrag, der eine umverhüllte Diktatur des Kapitalismus hinaus wolle und Wiederholung des Ausnahmegesetzes von 1914 bedeute. 14 Abg. Ledebour(Wild) lehnt das Ermächtigungsgesetz ab, unter dem die Regierung alles tun könne, was ihr beliebe. ö Abg. v. Gnerard(3tr.): Wir haben den Antrag gest weil wir wünschen, daß in der schwierigen politischen Lage der gierung die notwendigen Mittel an die Hand gegeben werden, schnell Maßnahmen ergreifen zu können. Da von den Sozialdt kraten Widerfpruch erhoben ist, beantrage ich Ueberweisung an Rechtsausschuß und Anberaumung der nächsten Sitzung des nums spätestens am Donnerstag nächster Woche. Vor der Abstimumng über diesen Antrag bezweifelt Abg. L boum die Beschlußfähigkeit des Hauses. Das Bureau stellt Beschlußunfähigkeit fest und Vizeprässdent Dr. Rieser setzt die Sitzung auf Domerskag, den 25. Jamnar, nachmittags 2 Uhr der Maßgabe an, daß der Reichstag erforderlichenfalls auch. einberufen werden kann. Auf der Tagesordnung der nächsten Sitz steht die erste Lesung des Reichs haus halts für 1923.

2 m.

Pessen und Nachbargebie

Gießen und Umgebung.

Geschichtskalender. 19. Januar.

e.

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Nationalversammlung.

Wachsende Verelendung.

Der Einmarsch Frankreichs ins Ruhrrevier ist nich allein politisch zu bewerten. Mit ihm stehen in engstem Zu sammenhang die schwersten wirtschaftlichen und sozialen Er⸗ schütterungen, die unser zermürbtes und gequältes Volk be drohen: weiterer Währungsverfall, Arbeitslosigkeit, Teue. rung und damit Elend, Kraͤnkheit und Siechtum.

Der Dollar hat nach kurzem Stillstand einen wei Anlauf genommen und steigt unverdrossen. Und da weiten Kreisen schon bisher nicht mehr möglich war, sich auch nur leidlich mit Lebensmitteln zu versorgen, fügt jeder weitere Verfall der Mark zu den Hunderttausenden von Darbenden weitere Zehntausende hinzu. Eine vierköpfig

Der Deserteur.

Noman von Robert Buchanan.

Die Füße des Voglers sind nackt. Diesen Umstand be nützen die Vögel, um mit ihren Schnäbeln nach Gefallen daran zu picken; er antwortet ihnen mit frischem Lachen. Er kennt keine Gefahr. Es ist geradezu aufregend, ihn sich

in dieser gähnenden Leere bewegen zu sehen, die brennende Sonne zu seinen Haupten, das flimmernde Meer zu seinen Füßen. Er ist barhaupt⸗ dichtes, goldig schimmerndes Haar wallt ihm bis zur Schulter hinab, seine Augen haben, selbst wenn sie wie jetzt vor Freude blitzen, den seltsamen, schwärme rischen Blick des Königs der Tiere. Rohan hat die Gestalt eines Herkules, denn ist er nicht ein Gwenfern?. Seit Menschengedenken stehen alle Gwenferns sechs Fuß hoch in

ihrenSabots. Sein Löwenkopf sitzt auf mächtigen Schultern. Das dunkelblaue Hemd, dessen offener Kragen den kräftigen Hals frei läßt, die kurzen, an den Knien mit scharlachroten Bändern abgebundenen Beinkleider, die bunte, um die Hüften geschlungene Schärpe alles trägt nur dazu bei, seine jugendlich⸗männliche Schönheit zu heben. Getreu seinem Berufe, hat er ein erdgraues Netz, das bereits mit Vogeleiern gefüllt ist, von seinem Gürtel herabhängen.

Rohan, Rohan! ruft ihm das Mädchen abermals zu.

Ich komme, Marcelle!

Mit atemloser Spannung beobachtet das Mädchen die affenartige Geschmeidigkeit, mit der er sich am Seil empor arbeitet. In wenigen Augenblicken hat er den vorstehenden Gipfel des Felsens erreicht, umschlingt das Horn mit Händen und Knien und schwingt sich auf den grünen Rasen dicht

8 an die Seite des Mädchens. Er ist für die ihn umgebende 11 Naturschönheit blind und sieht nur das liebliche, dunkle 1 Mädchenantlitz und die leuchtenden Augen, die sich liebevoll . in die seinen versenken.

Warum bist Du nur so waghalsig, Rohan? lispelt sie in ihrem weichen bretonischen Dialekt.Wie, wenn das Seil risse, der Knoten nachgäbe oder Dich ein Schwindel er⸗ faßte? Gildas und Hoäl sagen beide, daß Du töricht bist, denn die St. Gurlans⸗Spitze sei für einen Menschen nicht zu

Zweites Kapitel. Rohan und Marcella.

An Orten umherzukriechen, die vor ihm noch kein mensch⸗ licher Fuß betreten, Klippen zu erklettern, auf denen man selbst Ziegen und Schafe nur selten sieht geheime Verstecke zu erforschen, die sonst nur Habichten. Raben und schwarzen Bussarden bekannt sind, das bildete die Freude und das Ver⸗ gnügen Rohans eine Leidenschaft, die er mit den be⸗ flügelten, schwimmenden und kletternden Geschöpfen teilte. Er schwamm wie ein Fisch, kletterte wie eine Gemse und seine Freude wäre eine vollkommene gewesen, wenn er auch noch

Klippenkletterer, aber keiner kann sich solch kühler, über alle Angst erhabener Waghalsigkeit rühmen wie Rohan Gwenfern, der Mutige. Fast noch ein Kind, hütete er Schafe und Ziegen zwischen den unwirtlichen Klippen, und die ein⸗ samen Höhlen wiederhallten von den Klängen seiner kleinen Schalmei. Allmählich machte er sich mit jedem Winkel dieser zerklüfeten, furchtbaren Küste bekannt, so daß er, als er zum Jüngling herangewachsen war und seine Kameraden auf ihren Fischzügen weit draußen in der offenen See begleitete, sich seine leidenschaftliche Liebe für die Klippen und Riffe bewahrte. Während andere Burschen in ihrer freien Zeit am Strande herumlungerten, sich in den Wirtshäusern güt⸗ lich taten oder vor der Haustüre ihre Netze flickten, drang Rohan, mit einer brennenden Fackel in der Hand, wie ein Gespenst in stockfinstere Höhlen, wo die Robben ihre Jungen säugen, oder er schwamm nackt zuGurlans Nadel hinaus.

So wuchs in ihm Tag um Tag Jahr um Jahr jene fürchterliche, zähe Liebe fürs Meer. Liebt der Ackersmann nicht auch sein Feld, der Matrose das Schiff, auf dem er die Welt umsegelt? Rohan liebte das Meer mit einer unver⸗ gleichlich tieferen Leidenschaft, und es ist keine Ueber- treibung, zu behaupten, daß er sich elend gefühlt haben würde, wenn er auch nur einige Meilen landeinwärts hätte leben müssen.

An dieser wilden Küste ist allerlei unheimlicher und schauerlicher Aberglaube heimisch. Groteske und schreckliche

erklimmen!

Legenden gehen von Mund zu Mund, darunter eine, welche

etwas mehr als eine bloße Legende ist. Sie erzählt von d Gefahren und Leiden während eines heftigen Seestu und wie in einer Sommernacht der Fischer Raoul Gwenfet sein goldhaariges Söhnchen mit auf den großen Ji nahm. In jener Nacht erhob sich eine heftige, den armen Fischern und Schiffern Tod und Verderben bringende Windsbraut. Sie blies aus vollen Backen und trieb di Fischerboote wie Nußschalen vor sich her auf den berghoh Wellen. Die entsetzten Insassen brüllten in ihrer Angst Verzweiflung, und endlich, als alle Hoffnung verloren f. kniete die Mannschaft dieses Fahrzeugs Seite an Seite der tiefen Dunkelheit nieder und betete inbrünstig zu Unf Lieben Frau von der Sicherheit. Nicht minder inbri als alle anderen betete das Knäblein. Inmitten der tie Dunkelheit des brausenden und stürmischen Meeres leu ein heller Schein, der für einen Augenblick die um das 2 tosenden Gewässer beruhigte. Das unschuldige Kindlein Bord und nur dieses allein sah inmitten des ge nisvollen hellen Scheins und über den Gewässern schwe ganz deutlich dis Gesicht und die Gestalt der Mutter Gott Sei dem wie immer, der Sturm hörte auf und die Flotte war gerettet. Als es zu dämmern begann 8 Fischer des Bootes sich von ihrem Schreck einigermaßen holt hatten, bemerkten sie, daß ein Mann an Bord 0 Das Kind rief nach seinem Vater, aber er antwortete denn der Aermste war in der tiefen Dunkelheit von Sturzwelle weggewaschen worden. Um den verlore Vater jammernd, erzählte das Kind, was es in der Stu des Gebets über den Wassern gesehen habe. Dann war die vaterlose Waise verzweifelnd in die Arme der Mut und hatte seither keinen anderen Vater mehr als das gewaltige, grausame und doch so herrliche Meer! Die Mutter, jetzt eine arme Witwe, wohnte äußersten Ende des Dorfes in einem Steinhäuschen, wi unter der Höhlung einer Klippe stand. Ihr Sohn immer schöner und schöner, je mehr er sich dem Man näherte. Von seinem Gesichte ging ein Leuchten at seine Mutter insgeheim der himmlischen Erscheinn schrieb. N 129

(Fortsetzung folgt.) 5