Ausgabe 
16.5.1923
 
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Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

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1 Nr. 110

Gießen, Mittwoch, den 16. Mai 1923

18. Jahrgang

N* Lohnpolitik u. Preispolitik. Prosit und Volksinteresse.

Als die Regierung im Februar die Markstützungsaktion nternahm, forderte sie von der Wirtschaft und von der Ar⸗ iterschaft unterstützende Hilfsmaßnahmen: jene sollten die Preise abbauen, diese keine weiteren Lohnerhöhungen for⸗

Daß die Stabilisierung des Lohnniveaus nur ertrag⸗ sei, wenn tatsächlich ein merkbarer Abbau der reise erfolgen würde, gab die Regierung zu, aber sie stellte dieses Ziel ihrer Markstützungsaktion mit aller Be⸗ immtheit in Aussicht, wenn es nicht von der Lohnseite her verhindert würde. N

Am 6. März erließ die Regierung die bekannte Kund⸗ gebung, in der siemit allem Nachdruck betonte, daß sie den u sbeschrittenen Weg Markstützung und Preisabbauent⸗ scchlossen weiter verfolgen werde. Es sollten aber auchalle an der Regelung der Lohnverhältnisse Beteiligten daraus ie richtige Lehre ziehen. Dieser eindeutigen Aufforderung m die Arbeitgebr hätte es nun allerdings gar nicht bedurft, enn die mit der Ruhraktion sich schnell ausbreitende Wirtschaftskrise gab dem Unternehmertum beim Lohnkampf ohnedies alle Trümpfe in die Hand, und es

rauchte nicht erst ermahnt zu werden, davon skrupellosen brauch zu machen.

Immerhin geftattete die Parole der Regierung den Ar⸗ itgebervertretern, nunmehr für lauteren Patriotismus auszugeben, was alle Welt sonst als schnöde Gewinnsucht und sozialen Unverstand angesehen haben würde. Fortan erschienen sie bei allen Lohnverhandlungen in der Rolle des leidenschaftlichen Vaterlandsfreundes, dem die Gebote der Regierung oberstes und heiligstes Gesetz sind. Sie bestritten ielfach gar nicht die soziale Berechtigung der Arbeiter⸗ orderungen, goben zu, daß in der voraufgegangenen Zeit der Preishausse die Löhne nicht mitgekommen seien, und daß immer noch, trotz der Markstützung, eine Aufwärts⸗ egung der Lebenshaltungskosten zu beobachten sei. Aber Ran darf der Regierung um keinen Preis in en Rücken fallen! Triumphierend konnte die Arbeit⸗ geberzentrale verkünden, daß es mit tatkräftiger Unter⸗ stützung der Regierung, die auch nicht unterlassen habe, den nachgeordneten sozialen Behörden entsprechende Anweisun⸗ gen zu geben, gelungen sei, das Lohnniveau des Februar im März und im April zuhstabilisieren.

Wie aber sah es derweilen auf dem Gebiet der Preise aus? Daß die Preise, soweit sie überhaupt Miene dazu machten, auch nicht entfernt den erwarteten Rückgang zeigten, daß die Lebenshaltungskosten statt des versprochenen Rückganges vielmehr im März eine Steigerung um fast 10 Prozent gegenüber dem Februar aufwiesen und Ende April gegenüber dem Märzniveau eine noch größere Steige⸗ 5 ist hinreichend bekannt. Wie aber stellten sich die maß⸗

gebenden Unternehmer vertretungen dazu? aben sie sich der Preiswelle ebenso tapfer und patriotisch begeistert entgegengeworfen, wie sie sich auf die Löhne stürzten? Man findet darüber in der wirtschaftlichen Fach⸗ presse der Unternehmer interessante Aufklärungen, die den bei den Lohnverhandlungen so ostentativ zur Schau ge⸗ tragenen Patriotismus erst in die richtige Beleuchtung rücken. Nachstehend einige Proben aus der Holzwirt⸗ sschaft, die ein ganz besonders geeignetes Objekt für den Preisabbau darstellt. Nach den bon der gegenwärtigen Re⸗ gierung herausgegebenen Richtlinien über die Preisbildung soll für die Inlandserzeugnisse ein Preis berechtigt sein, der der inneren Entwertung der Mark entspricht. Das l Inlandsprodukt Holz, bei dessen Gewinnung auch i unterm Mikroskop nicht eine Spur ausländischer Pro- duktionskosten zu entdecken wäre. hat aber nicht nur die äußere Geldentwertung aufgeholt, sondern der Holzpreis sist, in Gold gerechnet, bis auf das Zwei⸗ und Dreifache der Vorkriegszeit gestiegen. Wenn also überhaupt von der Preisabbauparole eine Wirkung zu erwarten war, dann mußte sie sich beim Holz zeigen, dessen Preis weit über die Hälfte hätte sinken müssen. 5 Nun haben die Merktberichte tatsächlich einen Preis- ückgang von etwa 20 bis 30 Prozent gemeldet. Das war ber keineswegs eine von den Interessenten gewollte irkung der Regierungsaktion, sondern nur das zwangs⸗ läufige Ergebnis einer verheerenden Krise, die e über die holzverarbeitende Industrie hereinbrach nd die Holzverkäufe fast ganz zum Stillstand brachte. Es handelte sich also bei den Marktberichten nur um verhältnis⸗ äßig wenige Notverkäufe, und es wäre ganz ver. ehlt, daraus Schlüsse auf den gegenwärtigen Preisstand iehen zu wollen. Und nun soll gezeigt werden, welche mpfhaften Anstrengungen das Hauptorgan des Holz⸗ handels, der in Berlin erscheinende

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Holzmarkt, machte,!

Sachwerte als Garantien.

Das neue deutsche Angebot.

Die Noten der englischen und der italienischen Re⸗ gierung unterscheiden sich in ihrem wesentlichen Inhalt kaum. Auch ihre Form hat vieles Uebereinstimmende, das der französischen Regierung Rechnung trägt und von ihr gebührend anerkannt wird. In Deutschland gibt es jedoch gewisse Kreise, die insbesondere an dem Ton der englischen Note Anstoß nehmen. Auf uns trifft das nicht zu. Ein Land, das den Krieg verloren hat, muß leider vieles in Kauf nehmen und sich manche Rücksichtslosigkeit gefallen lassen. Insofern verzichten wir darauf, uns mit der negativen Seite der Noten näher zu befassen. Deutschlands Situation erfordert Verhandlungen, wenn wir schließlich nicht alles verlieren wollen, und deshalb scheint es besser, die Blicke auf die Zukunft zu richten, statt über Dinge zu reden, die doch nicht mehr geändert werden können und die bei dem Verhältnis der Alliierten untereinander verständ⸗ lich sind. f

Das Positive an der englischen Note ist die Mit⸗ teilung, daß Lord Eurzon bereit ist, unter gewissen Voraus⸗ setzungen bei den übrigen Alliierten für eine Lösung der Reparationsfrage und damit der Lösung des Ruhrkonflikts zu intervenieren. Wenn er diese Interventionsabsicht an bestimmte Bedingungen knüpft, dann ist das zu verstehen. Dagegen wünscht die englische Note andererseits, daß alle unwesentlichen strittigen Punkte in der neuen deutschen Antwort ausgeschaltet werden. Da sich die Note weder mit der Räumungsfrage, noch mit der Angelegenheit der passiven Resistenz, ebensowenig aber mit der Sicherheitsfrage befaßt, bleibt anzunehmen, daß diese Punkte von England ols vor⸗ läufig unwesentlich betrachtet werden. Eine derartige Auf⸗ fassung von der Taktik, deren sich Deutschland befleißigen soll, scheint uns nicht ganz unberechtigt. Es ist

sicher besser, die Räumung des Ruhrgebiets und die rein politischen Fragen erst am Verhandlungstisch zu erörtern und nicht in einem Notenwechsel fortgesetzt zur Debatte zu stellen. Solange das geschieht, dürfte der schriftliche Ge- dankenaustausch nur schwer, vor allem aber langsam, zu einem Ergebnis führen, dem schließlich Verhandlungen folgen. 0

Fest steht jedenfalls, daß keine der alliierten Mächte unser letztes Angebot als ausreichend für eine Verhandlungsbasis hält. Verhandeln aber wollen wir und bestimmt auch England und Italien. Deutschland ist der schuldende Teil, und es hat deshalb auch die Pflicht, jetzt weitere Schritte zur Lösung zu machen, ganz abgesehen da⸗ von, daß unsere Gläubiger bestimmte Schritte erwarten. Das Versäumte muß al so nachgeholt werden.

Wir müssen ein neues Angebot an die alliierten

Regierungen richten

und uns hierbei in erster Linie von dem Gedanken leiten lassen: Wie ist die Ruhr auf schnellstem Wege zu befreien? Sicherlich ist es für eine Regierung nicht leicht, ein erhöhtes Angebot zu machen, nachdem sie sich bereits auf 30 Mil⸗ liarden festgelegt hat. Aber wir sind der Auffassung, daß es im Augenblick viel mehr auf die Garantieleistun gen Deutschlands für die notwendigen Anleihen ankommt, als auf eine direkte zahlenmäßige Erhöhung unseres letzten Angebots. 73 N Von der Garantiefrage hängt jetzt alles ab.

Ihre Regelung wird zu Schlußfolgerungen über das be · rechtigen, was Deutschland zu leisten vermag und anbieten kann. Zunächst muß deshalb besonders klargestellt werden: Wer soll in Zukunft die Reparationen zahlen? Der Verfuch der Vorjahre, unsere Nachkriegsverpflichtungen durch die Notenpresse zu erledigen, hat zum Zusammenbruch

um eine wirkliche Senkung der überhohen Holzpreise zu verhindern. 3

Am 8. März druckte der Holzmarkt die Regierungs⸗ kundgebung ab, die den Preisabbau und die Ablehnung weiterer Lohnerhöhungen fordert. Schon am 14. März läßt er sich wie folgt vernehmen: g

Man glaubt begreiflicherweise nicht recht an einen ernstlichen Rückgang der Holzpreise, weil man es gerade für sich nicht gerne glaubt. Man munkelt hin und her, ohne zu einem klaren Schluß zu kommen. Hier kann nur eiserne Ruhe und Kaltblütigkeit helfen, niemals aber Hast und Ueberstür zung, die nur geeignet wären, den ganzen Markt gründlich zu verderben.

Mit banger Sorge sah der Holzmarkt, daß der Holz- handel unter dem Druck der Krise sich hier und da verleiten ließ, seine Preise herabzusetzen. Darum wiederholt er seine Mahnung am 16. März: f

Der zur Zeit wirklich traurigen Situation gegenüber kann man doch mit Befriedigung feststellen, daß die Holz⸗ wirtschaft so gesund dasteht, wie wohl noch nie zuvor. Pflicht für alle, die nicht durch zwingende Verbindlichkeiten zu überstürzten Ver⸗ käufen genötigt sind, ist jetzt, die Ruhe zu bewahren, die Ware zu behalten, die wirk⸗ lich kau sendmal besser ünd begeh rens werter als die Papiermark ist! Unendlich viele sind in der Lage, nach diesem Rezept zu verfahren, ganz Glückliche können sogar die Zeit des Preisrück⸗ ganges zum Zukauf von Ware benutzen, die von dringend Geldbedürftigen verkauft werden muß, und sie entlasten durch ihre Aufnahmebereitschaft zugleich den beun⸗ ruhigten Markt. J

Man bcachte das ausgezeichnete Rezept für die Stützung zwar nicht der Mark, aber der Preise: wo sich eine Preis⸗ verbilligung zeigt, soll der Holzhandel selber die angebotenen Vestände auflaufen, damit um Himmelswillen nicht die Konsumenten in den Besitz billigeren Holzes kommen. Gott sei Dank ist die Holzwirtschaft gesund genug, um sich das leisten zu können! Das Rezept hat offenbar auch ge⸗ holfen, denn am 20. März schreibt das Blatt mit einem tiefen Aufatmen:

Unsere Mahnung in Nr. 65 hat eine überraschend schnelle und sehr durchgreifende Beachtung gefunden. Am Freitag erschien unser Artikel. am Sonntag und Montag war das Bild in Angebot und Nachfrage schon wie umge⸗ wandelt. 5

Leider zeigen sich in der ehrsamen Standesgenossen⸗ schaft des Holzhandels immer noch einige räudige Schafe, denen das Gefühl dafür abgeht was in dieser Zeit die Ehre

des Standes verlangt. Ihnen redet der Holzmarkt am 21. März nochmals ins Gewissen: 1

Wen die bittere Not zum Verkaufen zwingt, der ver⸗ kaufe in Gottes Namen. Zu Angstverkäufen jedoch liegt absolut keine Veranlassung vor! Wer nur aus Furcht, er könnte später etwa weniger für seine Ware bekommen, zum Verkaufe eilt, der versündigt sich am Ganzen, denn er reißt voreilig das wankende Preisgebilde mit ein.

Am 27. März wiederholt er den eindringlichen Appell an dieStandesehre: 5 0

So wie die Dinge heute nun einmal liegen, bleibt nur eines übrig: mit äußerster Ruhe die Klärung der Lage ab⸗ warten, den Nacken steif halten und auf keinen Fall die Zahl jener Werke, die infolge pekuniärer Sorgen ver⸗ kaufen müssen, durch übereilte Angstangebote vermehren helfen! Noch einmal: Wer nur aus Angst, die Preise könnten noch mehr fallen, anbietet, fällt dem eigenen Stand in den Rücken! Nur jetzt keine Uebereilung oder gar Ueber⸗ stürzung!

Das ist die Begleitmusik zur Markstützungs⸗ und Preisabbauaktion der Regierung! An der Ruhr wird um das Schicksal Deutschlands gekämpft. Auch der Holzmarkt gerät darüber in innere Bewegung und rechnet welches Geschäft dabei wohl für den Holzhandel herauskommen kann. Das Ergebnis dieses Nachdenkens ist keineswegs unbefriedigend, wie er am 19. April verkündet:

Wenn auch das wirtschaftliche Leben im besetzten Ge⸗ biete aufs schwerste geschwächt worden ist, der Holzverbrauch dort vielleicht beträchtlich geringer gewesen sein mag, eins steht fest: der Verbrauch ist von den dort vorhandenen Vor- räten gegangen, diese konnten durch neue Zufuhren nicht er⸗

setzt werden, und sowie einmal diese Ab schnürung des besetzten Gebietes aufhört, wird dieses wie ein Magnet alle verfüg⸗

baren Partien heranziehen. Tritt dieser Augenblick ein und er muß kommen, dann haben wir eine Nachfrage nach Holz zu gewärtigen, die vielleicht größer und vor allen Dingen gesünder ist als irgend eine zuvor. g

Nun mag der Ruhrkampf enden wie er will die Holz⸗ wirtschaft ist gesund und sie wird durch diesen Kampf noch gesunder werden. Diese tröstliche Aussicht wird den Holz⸗ händlern die seelischen Kräfte geben, um dem Ansturm gegen daswankende Preisgebilde nicht nur weiterhin mit Er⸗ folg zu widerstehen, sondern man wird nicht lange darauf

zit warten brauchen zur Gegenoffensive überzugehen.

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