Febaktion: Gießen
gühnboffraße 25 scensptecher 2008.
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N 55
Organ für die Interessen des werktätigen Volkes N der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Bahnhosstraße 23 Ferusprecher 2008.
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Nr. 132
Gießen, Mittwoch, den 13. Juni 1923
18. Jahrgang
Grundrente, Hypothekenzinsen, Pachtpreise und Grundsteuern. 104 5 UU. Das werdende neue Bodenrecht, das sich nicht bloß in
zm Artikel 155 der neuen Reichsverfassung ankündi„das belmehr nach sehr deutlichen Anzeichen schon 1 8 auf, Marsche ist und das sich, wenn seine Gegner nicht noch biseiten einlenken, um ihm in friedlichen Vergleichen die Lege zu ebnen, schließlich in Sturmesbraus durchsetzen hifte, weil es eine Lebensnotwendigkeit unseres Volkes ist, llt zahlreiche und tiefgehende Probleme auf, die bei der seugestaltung dieses Rechts gelöst werden müssen. Das uptproblem dürfte sein die Aufhebung der Grundrente, e Heimholung für diejenige Körperschaft, die sie erzeugt it und solche fortgesetzt neuschafft, namlich die Volks⸗ samtheit..
Mit der Bezeichnung„Rente“ belegen wir jede Art von nlommen, das diefenigen, die es beziehen, nicht selbst urbeitet haben, das diesen vielmehr von anderen Volks⸗ len als Geschenk oder als Almosen zugeführt wird. Rente also schlechtweg arbeitsloses Einkommen. Unsere soge⸗ innten„Sozialrentner“(das sind die Kranken, Invaliden ind nicht mehr arbeitsfähigen Alten) beziehen ihre Renten af Grund des Rechtes, das sie sich in ihren gesunden Tagen urch Arbeit und Beitragsleistung erwworben haben, oder s mit ihnen bereits geboren ist(Geburtskrüppel), weil t Mitmenschen sind. Das gleiche trifft zu für unsere hiegsbeschädigten. Die Sozial⸗ und Kriegsbeschädigten⸗ unten werden also die Gesunden immer aufzubringen laden,— oder aber sie müßten diese Rentner dem Hunger⸗ he ausliefern oder sie sonst aus dem Dasein in das Nicht⸗
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kel fließen. In Frage kommen hier besonders die Renten un. Geldkapital; kinsen“. Weiter kommt die sogenannte Boden- oder Fundrente in Betracht. Diese beiden Arten von Renten inen beseitigt werden, ohne daß dadurch die sittlichen Rundlagen eines Volkes oder die Lebensfähigkeit einzelner File des Volkes irgendwie in Frage gestellt wird. Heute en die Verhältnisse sogar so, daß wir uns geradezu ge⸗ ungen sehen, sie zu beseitigen. wenn und soweit überhaupt s möglich ist. Denn wir können anders der großen Uksarmut, die Krieg und Kriegsfolgen über uns verhängt ben, gar nicht mehr Herr werden.
0 bporden, daß wir uns den Luxus. auch ungeheure Geld- d Bodenkapitalrenten hinzugeben, gewissermaßen leisten bunten. Heute hat selbst der geringste Teil einer solchen gente zur Folge, daß sie nur geleistet werden kann auf aten des Hungers, des Siechtums und der Verminderung Arbeitskraft derer, die neue Werte schaffen sollen. d Die Renten, also die arbeitlosen Einkommen von Geld⸗ shitalien aus der Vorkriegszeit sind, infolge der Geldent⸗ ertung, heute großenteils fast restlos vernichtet, und zwar wegen vernichtet, weil diese Kapitalien selbst nahezu auf Nichts ihres Wertes zusammengeschrumpft sind. Sie urden von dem Kriege und dessen Folgen„aufgefressen“. gefressen“ hat sie zu einem Teil der Krieg selbst, zum wern Teil sind sie in das Ausland abgeflossen, und zum kten Teil sind sie den Sachwerteigentümern, die sie in N Vorkriegszeit als Schuldner gellehen hatten,„zuge⸗ dachsen“. In Frage kommen da besonders alle jene Geld⸗ italien, die auf öffentliche Schuldverschreibungen feichs⸗ Staats-, Gemeindeanleihen usw.) gezeichnet, die 5 ausgeliehen in Pfandbriefen und auf urden. Während das gesamte deut⸗ der Vorkriegszeit auf 350 bis 400 itzt wurde, waren damals(in Sparkassen 20 Milliarden, 15 Milliarden. in ländlichen Milliarden, ferner steckten in n, in e 775 3 i Länder 19 Milliarden, also zu⸗ a en immer 3 Hierzu kommen die in der Kriegszeit ur enen Kriegsanleihen und die neuen Gemeinden und anderen politischen i ein angelegtes, festverzins⸗ gesamte Volksvermögen um (Von den zu erwartenden zu schweigen.) Die hier⸗
1. l stadlischen Hypotheken 10 n ebenfalls 15 efen 11 Milliarde
eit etwa nur der vier. wertes gezahlt. Damit
mit Reitpeitschen bearbeitet.
In der Vorkriegszeit waren wir als Gesamtvolk so reich
Mens chenjagd
in Dortmund.
Optimismus in Paris.— Kabinettsrat in London.
Sechs Personen erschossen und beraubt! Wieder französische Alpenjäger?
Durch den plötzlich über Dortmund verhängten Be⸗ lagerungszustand ist die Bevölkerung völlig überrascht. Die vielen Ausflügler, die am Sonntag früh Dortmund mit der Bahn verlassen, waren ohne jede Ahnung von dem in⸗ zwischen verhängten Belagerungszustand zurückgekehrt und wurden auf der Straße von französischen Patrouillen be⸗ schossen, die eine förmliche Jagd in den Straßen abhielt. Sechs Personen zwischen 20 bis 28 Jahren wurden er⸗ schossen. Von zweien ist durch eidliche Zeugenaussage fest⸗ gestellt, daß sie ohne jeden Anruf niedergeknallt wurden. Nach Ausweispapieren ist gar nicht erst gefragt worden. Die Erschossenen wurden von den Franzosen dorthin ge⸗ schleppt, wo die französischen Offizierstellvertreter erschossen worden sind. Dort fand man sie, die Taschen nach außen gekehrt und aller Wertsachen beraubt. An 60 Einwohner wurden verhaftet. Die Verhafteten wurden geohrfeigt und Nach der Bemerkung eines französischen Kriminalbeamten soll es sich um die Rache der Kompagnie handeln für die erschossenen französischen Offiziere, nicht Unteroffiziere, wie es erst hieß.
Alle diese Vorgänge sind umso entsetzlicher, schreibt die Frkft. Ztg., als nach der bisherigen Untersuchung des Doppelmordes durch die deutsche Polizei alle Anzeichen da⸗ für sprechen, daß die Tat don Franzosen verübt worden ist. Es ist festgestellt, daß unmittelbar, nachdem gegen ein Uhr nachts die beiden Schüsse gefallen waren, zwei Alpenjäger von dem Tatort davoneilten. Die sofort von deutschen, in Kriminalsachen erfahrenen Aerzten vorgenommene Untersuchung der Wunden hat ergeben, daß die Schüsse aus einer Langwaffe, also einem Gewehr oder Karabiner abgegeben worden sind. Endlich wurde festge⸗ stellt, daß es sich um Kupfermantelgeschosse handelt, die be— kanntlich in der französischen Armee eingeführt sind. Die Staatsanwaltschaft Dortmund hat eine vorläufige Be⸗ lohnung von fünf Millionen Mark für Angaben ausgesetzt, die dazu dienen, den oder die Täter zu ermitteln.
Die Franzosen haben mittlerweile weitere Vergeltungs⸗ maßnahmen getroffen, Summe beschlagnahmt, deren Höhe nicht bekannt ist, das Gebäude besetzt und aus dem Stadthaus 70 Millionen her⸗ ausgeholt. Montag vormittag traf in Dortmund, wahr⸗ scheinlich zur Verstärkung der dortigen Besatzung, das Jägerbataillon 159 ein. Da den Vormittag über vor dem Hauptbahnhof einige Kompagnien lagerten, rechnete man mit der Besetzung des Bahnhofes, die Truppe ist aber am Nachmittag wieder abgezogen.
Pariter Stimmungsbild.
Bei der Mitteilung, die Grand St. Aulaire im Auftrage Poin⸗ carés der englischen Regierung gemacht hat, handelte es sich nicht um eine eigentliche Note, sondern um eine mündliche Mitteilung, mit dem Charakter einer Verbalnote. Die französische Regierung ver⸗ langt, das Aufhören des passiven Widerstandes durch Deutschland, vor einer weiteren alliierten Aussprache über die Reparationen, während die englische Regierung verlangt, wie wir aus sehr zuver⸗ lässiger Quelle erfahren, daß zunächst der gegenseitige Standpunkt der Alltierten zu dem ganzen Reparationsproblem geklärt wird, be⸗ vor irgend eine bindende Mitteilung in offizieller Form an Deutsch⸗ land gegeben wird. In den diplomatischen Kreisen in Parjs herrscht, ein gewisser Optimismus, über die weitere Entwicklung der Situ⸗ ation. Die Belgier haben wiederum, wie schon in der ganzen letzten Zeit, einen Vermittlungsvorschlag vorgelegt. Von der englischen Re⸗ gierung ist erneut der Wunsch nach einer Art Obersten Rat geäußert
nämlich bei der Reichsbank eine
worden. Auch in der Frage des passiven Widerstandes scheint mann 1
auf eine mittlere Formel hinzustreben. Eine maßgebende französtsche Persönlichkeit erklärte, es sei selbstverständlich, daß, wenn die deutsche Regierung ihre Verordnungen über den passiven Widerstand zurück⸗ ziehen werden, sich auch„der Charakter der Okkupation ändern wird.“
Von den amerikanischen Blättern erklärt der New⸗Nork Herald, daß Sir Stanley Baldwin wahrscheinlich weiter als sein Vorgänger gehen wird und die Ruhrbesetzung als eine vollendete Tatsache annehmen werde. Die frangzösischen Kreise seien der Auf⸗ fassung, daß es leichter wäre, im Einverstänädnis mit England Deutschland zum Zurückziehen aller im Ruhrgebiet gegen die Okkupationsbehörden erlassenen Vorschriften zu veranlassen, was die Möglichkeit zur Eröffnung von Verhandlungen überhaupt geben werde. In franzöfischen Kreisen dächte man, daß England im Austausch für dieses Zugeständnis von Frankreich verlange, sowohl den englischen wie den französischen Plan vom Januar zu besprechen und auch gleichzeitig das deutsche Angebot in Erörterung zu ziehen, damit alle aufkommenden Gesichtspunkte miteinander verglichen werden können. Die französische Regierung sei über⸗ zeugt, daß aus den Besprechungen der Verbündeten England, einen Plan zur Streichung der europäischen, wenn nicht der alliierten Kriegsschulden hervorbringen werde und da die letzte Note Deutschland den französischen Forderungen, die vor sechs Monaten aufgestellt wurden, in dieser Hinsicht entgegenkomme, erwartet man auch keine besonderen Schwierigkeiten. Die größte Sorge Frank⸗ reichs sei, daß England möglicherweise Deutschland zu der enz zulassen möchte, an der lediglich, dem französtschen Standpunkt zu- folge die Alliierten teilnehmen sollten.. 5
Die französische Note an England.
Aufgabe des passiven Widerstandes und Waffenstillstand im Ruhrgebiet?
Aus Berlin wird uns telephonisch gemeldet: 5
Die französische Regierung hat Montag in London eine Verbalnote überreichen lassen, in der sie der englischen Re⸗
gierung Mitteilung machte, daß Frankreich es für notwendig
halte, vor Eröffnung von Besprechungen über die Repo⸗ rationsfrage unter den Alliierten an Deutschland eine ge ⸗ 15 meinsame Note zu richten mit der Forderung der Auf⸗ gabe des passiven Widerstandes. Belgien ist ebenfalls dieser Auffassung, doch ist es gleichzeitig bereit, nach Erfüllung dieser Forderung in Verhandlungen einzu⸗ treten auf der Grundlage seiner Bedingungen vom 25. Mai. Zwar ist der englische Standpunkt noch der, daß
eine Aussprache unter den Alliierten stattfinden solle, ö
bevor das Verlangen der Aufgabe des passiven Wider⸗ standes an Deutschland gestellt werde. An sich ist England bereit, der deutschen Regierung einen Waffenstillstand im Ruhrkampf vorzuschlagen; es soll ihr nahegelegt werden, die vom Reichskohlenkommissar erlassenen Verbote, auch gegen Bezahlung keine Kohlen an französische Stellen zu liefern, und die ausdrücklichen Streikbefehle außer Kraft zu setzen. Auf englischer Seite ist man weiter aber der An⸗ sicht, daß ein solcher Waffenstillstand auch Bedingungen über die Räumung des Ruhrgebiets nach Ab⸗ schluß des zu erwartenden Abkommens enthalten müsse. Auch gedenkt man in England die Sicherheitsfrage dahin zu lösen, daß England und Frankreich auf der nächsten Tagung des Völkerbundsrates sich auf einen gemeinsamen allgemeinen Sicherungspakt einjgen und die fran⸗ zösisch⸗deutsche Sicherheit durch einen besonderen Vertrag garantiert wird. f Die deutsche öffentliche Meinung tut gut daran, sich auf dieses Kompromiß vorzubereiten, ganz besonders aber sollte die Reichsregierung sich darauf einstellen. Erst am Montag hat wieder der Reichskanzler in Karlsruhe unverantwort⸗ lich geredet, indem er die Frage des passiven Widerstandes so formulierte: 2 5
kommen wir auf die eigentliche Boden- oder Grundrenten⸗
frage und in Verbindung damit auf die Bodenhypotheken und die Pachtpreise.
Ein besonders handgreifliches Beispiel soll die Lage klar⸗ stellen. Ein Großgrundbesitzer hat im Jahre 1922 von seinem Nachbarn ein Ackerstück zum Preise von 100 000 Goldmark hinzugekauft. Der Verkäufer ließ die 100 000 Mark als Hypotheken darauf stehen und erhielt vom Tage des Eigen. tumsüberganges 4 Prozent Zinsen— 4000 Mark im Jahre. Damit konnte der Verkäufer mitsamt seiner Familie ein gutes, sorgenloses Rentnerleben führen. Heute bekommt er immer noch 4000 Mark, aber in der Form gegenwärtiger
Papiernoten; damit kann er knapp ½ Pfund Margarine bezahlen. Der Käufer vom Jahre 1912 hat das Grundstück
gar nicht selbst in Bewirtschaftung genommen, es vielmehr an kleine Leute weiterverpachtet, und er erhielt in den ersten Jahren 5000 Mark Pacht(50 Heltar je 100 Mark S 5000 Mark), hatte also 1000 Mark Ueberschuß(reine Grund— rente). Denn alle Nebenleistungen für die Ackerstücke ließ er sich noch besonders vergüten. Heute läßt sich der Mann
von seinen Pächtern ler ist noch sehr„rücksichtsvoll“) für den Hektar einen Roggenwertpreis von 10 Zentnern zahlen. Da letzte Zahlung am 1. Oktober 1922 erfolgte und damals der Roggen auf Weltmarktpreis(zeitweise sogar darüber) stand, demnach Voll⸗Goldwährung bedeutete, so erhielt er für den Hektar etwa 820 Goldmark. Das sind zwar 180 Mark weniger als im Jahre 1913. diese machten aber 6586 Millionen Papiermark aus. Sein Hypothekengläubiger er⸗ hielt davon nur 80 Papiermark— eine achttausendstel Gold- mark oder 6 Goldpfennig. Früher: 80 Goldmark! War früher der Reinverdienst des Vervächters pro Hektar nur 20 Goldmark(weil er 80 Mark als Zinsen abgeben mußte), so steigerte sich dieser Verdienst(das ist: die reine Grund⸗ rente) auf 819 Mark und 9976 Pfg.! Immer Goldmark! Wir erkennen daraus, daß die Geldkapitolrente vernichtet, die Grundrente dafür aber zu einer fast unglaublichen Höhe gewachsen ist. Welche Schlußfolgerungen müssen daraus gezogen werden? Das wollen wir in einem zweiten Aufsatz behandeln.


