Ausgabe 
13.3.1923
 
Einzelbild herunterladen

Das wahre Gesicht. Der auch in Deutschland bekannt- elsässische Soz'aldemokrat Grumbach ist am Freitag aus dem Nuhrgebiet zurückgekommen und schreibt im Populaire: Die Lage i st ern st. Dabei denke er aber weniger an die Zwischenfälle, die man in Paris dementiert habe, bevor man eine Unterfuchung eingeleitet hätte, als au den Zustand des Eisenbahnwesens und der Kohlen⸗ förderung, an die Schwierigkeiten, die sich auf dem Gebiet der Ernährung zu zeigen begännen, an die gegenseitige Verärgerung und allgemeine Ungewißheit, die im Ruhrgebiet herrschten, wo alles für produktive Arbeit geschafsen sei und das sich heute in einem Zustand tödlicher Lethargie befinde. Zu einer Havas meldung, bie die Zahl der täglich verkehrenden Personen⸗ üge mit 160 und die der Güterzüge mit 51 angab, bemerlt Grum⸗ e die Zahlen machten besonders dann Eindruck, wenn man wisse, daß im Nuhrgebiet in normalen Zeiten täglich über 1000 Züge verkehrten. Was könnten die französischen Beamten mit dem kompliziertesten Eisenbahnnetz der Belt ansangen. in dem sie ständig das Gespenst der Sabotage vor Augen hätten? Bei jeder neuen Bese zung eines Bahnhofes vergrößern sich die Schwie⸗ 2 Grumbach fragt sich selbst, warum die französischen 0 wohl die Beseßung des Essener Bahnhofs erst am 9. März gemeldet haben, der schon seit 3 Tagen besetzt war. Die Agentur Radio, die sich ganz besonders durch ihren offiziösen Eifer in dieser Angelegenheit bemerkbar mache, glaube feststellen zu können, daß die militärische Besetzung Essens keinen Widerstand ausgelöst habe und daß diese in Essen ungewöhnliche Passivität einen gewissen Ueberdruß der Bevölkerung zu verraten scheine. Dazu meint Grumbach, die Gründe dieser Passivität seien viel⸗ leicht anderer Art und in erster Linie in dem dringenden Appell, sich z Kundgebung zu enthalten, zu suchen, den die deutschen Be⸗ durch gewisse Zwischenfälle veranlaßt, an die Bevölkerung gerichtet hätten. Diese Passivität sei für die ganze augenblickliche Lage im Ruhrgebiet kennzeichnend.

Um die politische Lage. Vor einer stark besuchten Versammlung der Magdeburger Ar⸗ beiterschaft in der gewaltigen neuerbauten städtischen Ausstellungs⸗ halleStadt und Land sprach am Samstag Genosse Wels über die politische und die französische Gewaltpolitik. Er protestierte scharf gegen den brutalen Rechtsbruch der französischen Militaristen, zu dessen Abwehr durch passwwen Widerstand die deutsche Arbeiter⸗ schaft fest entschlossen ist. Sie führt aber diesen Abwehrkampf für sich, für die deutsche Wirtschaft und das Land, das einmal ihr Land wer⸗ den soll. Ein Burgfrieden und eine gemeinsame Abwehrfront mit dem Bürgertum muß solange unmöglich bleiben, wie dieses ihr Porte⸗ monnaie höher stellt als das Reich. Mit Parteien, die den Steuer⸗ betrug begünstigen, dem deutschen Arbeiter alle Lasten aufbürden und ihn dadurch zum Paria der ganzen Welt gemacht haben, ist keine Eln⸗ heitsfront denkbar. Die Sozialdemokratie rückt weit ab von jenen Narren, die da denken und dem Volke glauben machen wollen, die Frenzosen könnten ohne Verhandlungen, vielleicht mit Waffengewalt wi über die Grenze gebracht werden. Wie der Weltkrieg, so muß auch dieser Gewaltakt einmal durch Verhandlungen beendet werden. Die deutsche Regierung muß klipp und klar ihre Verhandlungsbereit⸗ schaft erklären. Cunos Rede im Reichstag ließ diese Klarheit ver⸗ missen. Es hieß darin gleichzeitigDeutschland will verhandeln und 9 mit dem Verhandlungs gerede. Der Außenminister aber hüllt sich völlig in Schweigen. Das ist sehr bedauerlich, weil damit allen Deutungen Tür und Tor geöffnet wird. Das deutsche Volk verlangt Klarheit. Die Profitgier der deutschen Kapftalisten wirkt als innere Gefahr. Der Feind steht im Lande, und trotzdem wird der Ausbeu⸗ lumgsfeldzug fortgesetzt. Die Orbeiterschaft wird dagegen den Kampf aufnehmen, auch, wenn die Franzosen im Lande stehen. Genosse Wels Fantie f. denn sckarf gegen den a 5 er Dr. Becker, der den Lohn auf niedriger Stufe stabilisteren will, ohne aan der Auswucherung des Volkes energisch entgegenzutreten.

Politische uebersicht.

Ein englisch⸗industrieller Vorschlag zum internationalen Schuldenproblem. 5 Von der industriellen Gruppe des englischen Unter⸗ hauses ist neuerdings eine Denkschrift über die Regelung der internationalen Schulden ausgearbeitet worden. Es ist anzu⸗ nehmen, daß die in dieser Denkschrift aufgezeichneten Ge⸗ dankengänge sich bis zu einem gewissen Grade decken mit denen der britischen Regierung, über die Lord Balfour im Oberhaus Andeutungen gemacht hat. Der Plan weist auf die Möglichkeit eines Wirtschaftsbündnisses zwischen England, Rußland, Deutschland und den Vereinigten Staaten hin, dem selbst die stärkste Militärmacht Europas, das jetzt seine Son⸗ denpolitik verfolgende Frankreich, nicht gewachsen sein würde. Das finanzielle Rettungswerk, das noch am leichtesten be gonnen werden könne, wird nun untersucht und zwar unter der Voraussetzung, daß England von Deutschland 920 Mill. Pfund Sterling oder 18,4 Milliarden Goldmark erhält. Es ergibt sich dann, daß Deutschland insgesamt 2 663 Mill. Pfund Sterling, also 53,26 Milliarden Goldmark, zu zahlen hätte. Auf dieser Grundlage hätten nach dem Vorschlag von

den Gläubigermächten an Schulden zu streichen: Großbritan⸗ nien 1 Milliarde 280 Millionen Pfund, die Vereinigten Staaten 1 Milliarde 380 Millionen Pfund, Frankreich 421 Millionen Pfund, die übrigen Mächte 53 Millionen Pfund Sterling. Deutschland soll Garantien für die Fundierung der Schuld geben und vorerst ein Moratorium von wenigstens zwei Jahren erhalten. So groß auch die Opfer sind, die Eng⸗ land zu bringen bereit ist, erscheint es doch schwer denkbar, daß Deutschland in seiner heutigen Lage eine Schuld von 53 Milliarden Goldmark leisten kann. Diese absolute Summe ist fraglos zu hoch. Dagegen verdient der Gedanke einer finanziellen Verständigung volle Anerkennung und es ist denkbar, daß auch nur ein Versuch hierzu eine Entgiftung der außenpolitischen Atmosphäre bringen könnte. Der Vor⸗ schlag, auf einer Weltkonferenz, die aus den vorläufig noch nicht als amtlich bezeichneten englischen Anregungen sich er⸗ gebenden Konsequenzen durchzuberaten, wird und wurde von Deutschland immer geteilt. Nur müßte eine solche Konferenz in Deutschland nicht nur einen gleichberechtigten Partner sehen, sondern auch von dem unbeugsamen Willen zu einer endgültigen Lösung des Weltschulden⸗ und des Reparations⸗ problems getragen sein, und nicht wieder, wie frühere Kon⸗ ferenzen, mit einer Vertagung bis zum nächsten französischen

Gewaltakt enden. 5 2

Die wirtschaftlichen Feruwirkungen der Ruhr.

Der Ruhreinfall muß in seinen Feenwirkungen trotz vorüber⸗ gehender Erleichterung der Wirtschaftskrise in dem einen oder anderen europäischen Land zu einer neuen Stockung der Wirtschaft und zu neuer Arbeitslosigkeit in Europa führen. Es ist deshalb interessant, zu beobachten welche Schutzmaßnahmen gegen Arbeits⸗ losigkeit bisher in den Hauptwirtschaftsgebieten der Welt getroffen worden sind.

In Oester reich verhielt man sich gegenüber der produktiven Erwerbslosenfürsorge lange Zeit abwartend, dann aber zwang das Anschwellen der Arbeitslosenziffer im Jahre 1922 zur Einführung der produktiven Erwerbslosenfürsorge nach deutschem Muster. Die Beihilsen gehen in erster Linie an öffentliche Körperschaften, in Krisenzeiten auch an Privatunternehmungen. Die Löhne müssen so gestaltet werden daß kein Anreiz zur Abwanderung aus anderen Berufen entsteht.

Die Schweiz hat besonders stark auf die Produktiv⸗Gestal⸗ tung der Erwerbslosenfürsorae hingearbeltet. Ausgangspunkt bil⸗ dete die Schaffung eines Arbeitslosen⸗Fonds aus einem Teil der Kriegsgewinnsteuer. Insgesamt sind von 1918 bis Ende Januar 1922 vom Bund 164 Millionen, von Kantonen und Gemeinden 110 Millionen Frances für Arbeitsbeschaffung verausgabt worden, sehr viel mehr als für Arbeitslosenunterstützung.

In Italien hat der Staat für Notstandsarbeiten viele Milliarden Lire cusgegeben. Neuerdings sind die Mittel der Ver⸗ sicherungsanstalten hierfür nutzbar gemacht worden.

In Belgien wurde die Regierung im August 1921 ermäch⸗ tigt, zur Hebung der Ausfuhr den Gegenwert für Ausfuhrgeschäfte unter bestimmten Bedingungen zu gewährleisten. 250 Millionen Francs waren dafür vorgesehen. Die Gewähr beschränkt sich auf 55 v. H. des Rechnungsbetrages und auf drei Jahre. Sie erfolgt in Form einer Gutschrift der Regierung auf den Wechseln die auf den ausländischen Käufer gezogen werden. Der Käuser hat 10 v. H. des Rechnungsbetrages sefort zu bezahlen und für den Rest S chelt 5 teisten. Auch Holland hat das belgische System der Gewährleistung für den Gegenwert bei Ausfuhrgeschästen zur Vermehrung der Arbeitsgelegenheit übernommen.

Sehr umfangreich sind die Maßnahmen produktiver Abhilfe gegen Arbeitslosigkeit in England. Bis zum Herbst 1922 wur⸗ den die Aufwendungen für Notstandsarbeiten auf 50 Millionen Pfund beziffert. Für die Ansiedlung erwerbsloser Kriegstellnehmer sind 14 Millionen Pfund verausgabt worden. Sehr viel geschah für die Umschulung und Anlernung der ehemaligen Heeres⸗ und Marineangehörigen. Im Juni 1922 standen 24000 Frauen in Ausbildung als Hausangestellte Gärtnerinnen und dergleichen. Selbstverstüändlich hat Englend ähnliche Maßnahmen zur Be⸗ lebung der Ausfuhr wie Belgien getroffen und noch weiter aus⸗ gebaut. Bis September 1922 wurden Ausfuhrvorschüsse bis 21 Millionen Pfund bewilligt. Eine Erhöhung der Mittel auf 50 Millionen Pfund ist geplant.

Dänemark hat sich in der Hauptsache dem deutschen Vorbild angepaßt. Auch in Schweden hat sich der produktive Gedanke be⸗ sonders stark durchgesetzt. In der Tschechoslowakei hat die Regierung Ende des vorigen Jahres(bei 200 000 Arbeitslosen und 300 000 Kurzarbeitern) 420 Millionen Kronen für Notstands⸗ arbeiten angesetzt. Der Staat kann zu den Lohnkosten zwei Drittel beistenern.

Die Vereinigten Staaten haben, ähnlich wie Belgien, besonders die Förderung dex Ausfuhr als Hilfe gegen Arbeits⸗ losigleit betrachtet. Die Staatskonferenz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit im September 1921 hat aber auch Anstoß zu einer Reihe von Notstandsarbeiten gegeben. Auch Canada hat viele Notstandsmaßnahmen durchgeführt. Südamerika(besonders Chile) baut durch Notssa rbeiten seine Häfen aus.

Wir sehen, daß alles in allem der Gedanke der produktiven Erwerbslosenfürsorge international überall durchgedrungen ist.

Das Recht auf Arbeit das die Sozialdemokratie jahrz. 5 gefordert hat. wird allmählich in der ganzen nt. f

8 5 2 8 ausge reitag, den ruar, in Dänema Kindertransport, den Dänemark bis jetzt gesehen hat. Im ge waren es 140 Kinder, von welchen die meisten aus Essen waren. Unser Mitarbeiter empfing die Kinder in Noskilde und begleitet den Transport bis Kopenhagen.

iflung. Wir sind jetzt vor Valby leiner Stat

2 E 2 . 2 2 EN 2 . 8 8 2 2 8 5 2 2 l 8 88

2

28 88 888888

schlossene Halle. Die Tür wurde geöffnet. und die kleinen ele Kinder, die wie versteinert dastanden, wurden sichtbar. Noch n haben wir ein solches Elend gesehen. Dunger leuchtete en ihren Augen. Viele von ihnen fielen fast um vor Müdigkeit ter langen Neise, und jetzt, als die Stunde der Entscheidung sch etzt, de sie nor dem großen Augenblick standen, daß sie Sende der guten Menschen n Täuemark, weiche sie Ar einig ron den schrecklichen Hungerqualen beneien wollten, kem sollten, wurden sie von Gemütsbewegung überfallen, 0 meisten brachen in lautes Weinen aus. Aber nicht nur allein d Kinder, sondern auch viele Erwachsene bekamen Tränen in Auge 5

n. 5 Außer den vielen Dänen, welche die 1 Kinder in Empfang nehmen wollten, war auch der deutsche Gesand

Graf v. Bassewitz und sein Legationssekretär nebst dem Leiter Komitees, der Reichstagsabgeordnete J. P. Nielsen. anwesen

5 8

Der Gesandte begrüßte die Kinder herzlich und tröstete die me 1505 verzweifelnden damit, daß sie doch nun in Dänemark wären, un g1 es wartete ihrer alle gutes Essen und ein warmes Bett. Spä⸗ ben unterhielt sich der Gesandte mit J. P. Nielsen und bat ihn, seine 1 und der Gesandtschaft Dank für das große Werk, welches d E

He u

Dänen an den deutschen unterernährten Kindern erwfesen e 0 welcher in erster Linie P. Nielsen selbst galt. 5 1 1 wenigen Augenblicken waren die 140 Kinder, die den 1200 Ruhrkindern vorausgegangen waren, abgeliefert zu ihren Pflegeeltern. N 1 5 Dem Bericht, den wir dem Kasseler Parteiblatt entnehn braucht man nichts hinzuzufügen. Er zeigt, wie die Dänen, erster Linie unsere dänischen Genossen, über die Landesgrenze hinweg tatkräftige Nächstenliebe zu üben verstehen. *

Der Zusammenbruch der Wohnnungsbautätigkeit.

behandelt die neueste Nummer der Sozialen VBauwirtschaf In einem Artikel:Rettet den Wohnungsbau und in mehreren deren Artikeln weist sie auf die ungeheuren Gefahren hin, die deutschen Volkswirtschaft, besonders den deutschen Mietern von Zusammenbruch der Wohnungsbautätigkett drohen. Sie zeigt die f wendigen Maßnahmen zur Verbilligung des Bauens und erinnert die Regierung, dem Reichstag und die Parteien an die gewaltige Verant⸗

wortung, die sie mit einer weiteren Hinauszögerung 0 ee. f Maßnahmen gegenüber den wohmungslosen und Siedlern, aber auch gegenüber der Arbeiterschaft und der ganzen deutschen

Volkswirischaft übernehmen. Schon heute sind Bauarbeiter massen⸗ haft arbeitslos, weil der Baustoffwucher die Baukosten auf eine wa sinnige Höhe treibt und wefl keine Mittel zur Fortführung des ge⸗ meinnützigen Kleinwohmmgsbaues mehr vorhanden sind. Während die Lohnausgaben für eine Wohvung von 70 Quadratmeter 5

16 da

1328

fläche von Juli 1914 bis zum 1. Ja. uar 1923 um das 64 stiegen, kletterten in der gleichen Zeit die Baustoffpreise um de 20660 fache in die Höhe. Kein Wunder, daß die Wohnungsbautätig⸗ keit allmählich zum Stilliegen kommt, die Zahlen der Wohnungslosen

immer mehr anschwillt und die Kleingärtner. Siedler und Boden⸗

Der Deserteur.

Roman von Robert Buchanan.

Marcelles Augen blitzten zornig und sie hatte eine böse Entgegnung auf den Lippen, die nur durch das Erscheinen Jan Gorons ungesprochen blieb. Er blieb einige Schritte von der Tür entfernt stehen und schien erstaunt, Marcelle zu dieser Stunde und in diesem Wetter zu sehen.

Willkommen. Jannick! rief ihm Marcelle zu. Er trat rasch zu den beiden Mädchen, nickte lächelnd der errötenden Genoveva zu, blickte spähend nach allen Seiten, um sich zu vergewissern, daß kein Lauscher in der Nahe sei, ehe er mit leiser Stimme sagte:Ich habe Nachrichten, Marcelle! Er. befindet sich in unserer Nähe.

Marcelles Lippen ware beinahe ein Freudenschrei ent- schlüpft, wenn Jan nicht warnend ihren Arm berührt hätte: Pst! Komm ins Zimmer herein, denn es regnet stark und wir müssen uns vor Spionen hüten. Erst als sie die Türe hinter sich geschlossen hatten und Mutter Goron, die gerade mit vollen Backen das Feuer blies, gegenüber standen, fuhr er fort:Man hat ihn gestern in Ploubol gesehen, ein Mann erkannte ihn und man hätte ihn fast verhaftet. Er schlug einen Gendarmen nieder und das wird seine Sache noch ver schlimmern. Es gibt keine Rettung mehr für ihn; man wird seiner nur zu bald habhaft werden. Zuletzt hat man ihn in der Richtung von Traonili gesehen.

Marcelle rang verzweifelt die Hände: mein Gott, er ist wahnsinnig, er ist verloren! ich für ihn tun?

Hast Du die Proklamationen gelesen? fragte Jan im Flüstertone.An jeder Straßenecke, vor dem Kirchtor und an Eurer Türe sind welche aufgeklebt. Jedem Hausbewohner

47

Mein Gott, Was kann

ist bei Todesstrafe untersagt, einem Deserteur Obdach zu bieten oder ihm zur Flucht zu verhelfen; ferner heißt es darin, daß jeder Konskribierte, der es unterläßt, sich bei der Behörde zu melden, wie ein Hund niedergeschossen wird ohne Gnade und Barmherzigkeit.

Goron war tief bewegt, denn er war der einzige im Dorfe, der sich rühmen konnte, von RohanFreund genannt zu werden. Die beiden jungen Leute waren sich von Kind heit an sehr zugetan, da ihre Charaftere viele gemeinsame Züge aufwiesen und sie sich auch an Körperkraft miteinander messen konnten. Und wer Goron im stillen beobachtet hätte, wie sein Blick aufleuchtete, als er seinem Bäschen Genoveva freundlich zunickte, hötte sich sagen müssen, daß auch er sein Herz in der gleichen Weise wie Rohan verschenkt habe.

Marcelle erbleichte bis an die Lippen, als sie von den Proklamationen hörte, und dabei verschwieg er ihr noch mit⸗ leidig das Schauspiel, das er mit eigenen Augen beobachtet hatte. Mit der Pfeife im Munde, von Pipriac, seinen Gendarmen, sowie von Gildas und Hoel gefolgt, war der alte Korporal fluchend von Straße zu Straße gehumpelt, um mit eigenen Händen die Proklamationen anzukleben.

Marcelle gehörte nicht zu den Mädchen, denen das Herz gleich in die Schuhe sinkt; in ihren Adern floß echtes Soldatenblut; aber diese Nachricht überwaltigte sie so sehr, daß sie auf einen Augenblick das Bewußtsein verlor. Und in dieser kurzen Zeit durchlebte sie noch einmal den glück⸗ lichen Morgen in der Kathedrale von St. Gildas; sie fühlte sich von Rohans kräftigen Armen umschlungen, fühlte seine heißen Küsse und das beseligende Glück, das sie damals durchrieselte; dann wieder sah sie ihren heißgeliebten Rohan mit wildrollenden Augen, den Kasser verfluchend, wie sie

ihn an jenem furchtbaren Abend nach der Konskription ge⸗

reformer vergebens auf die Weiterführung des Heimstättenbaues und 9 der Siedlungstätigkeit warten. 1 gestel

Die Haus⸗ und Grundbsitzer sehen das Heil in der völligfreien? Guten Wohnungsbewirtschaftung. Sie sagen: Wenn die Mieten so hoch ali steigert werden können, daß sich die Kapitalanlage in Häusern wi Ole lohnt, und wenn alle jetzigen Beschränkungen von den Hausbe gequd genommen werden, dann würde auch wieder in großem Umfange ge kauser baut werden. Es bedarf keiner Worte, daß das nur Geflunker ist. Aang Die freie Wohnungswirtschaft würde nur den jetzigen Haus⸗ und une Grundbesitzern den Vorteil scha daß sie ihre Grundstülcke 11

0

sehen. Sie konnte und wollte nicht zugeben, daß Rohan sich 1 aus Feigheit und Furcht verstecke; sie redete sich vielmehr in der! den Glauben, daß er unter dem Zauber eines bösen Mensche 5 wie Arfoll stehe, der ihn zwinge, so unvernünftig zu handeln. an

Als sie die Augen wieder aufschlug, fühlte sie sich so Vale elend und schwach, daß sie sich an den Türpfosten lehnte un Chebn wortlos in den strömenden Regen hinausstarrte. Der herr⸗ lac. liche märchenhafte Traum ihrer jungen Liebe schien durch Tränen und Sorgen weggewischt zu sein. 4 In e

Marcelle, liebe Marcelle, flüsterte Genoveva liebevoll bal und streichelte der Freundin die Handgräme Dich nicht 9 alles wird noch gut werden. N

Marcelle antwortete mit einem schweren Seufzer, den bleiches Gesicht, sonst so ennergisch drückte die hoffnungs Aue loseste Verzweiflung aus. 5*

Er kann noch immer begnadigt werden, tröft Goron,denn der Kaiser braucht dringend solche st Burschen wie Rohan. Wenn er sich nur melden wollte!

Marcelle schwieg noch immer; erst nach einer langen Weile küßte sie Genoveva stumm auf beide Wangen, reichte Goron die Hand und sagte mit fester Stimme:Jetzt ich aber gehen, Mutter wird sonst nicht wissen, wo ich so lange bleibe. Habet Dank und lebt wohl! 5

Wie im Traume schritt sie die lange Dorfstraße 1 Sie sah und hörte nichts spürte auch den Regen nicht, der sie, trotz des langen schwarzen Wettermantels, den sie trug, bis auf die Haut durchnäßte. 8

Tas Meer erhob sich immer höher und brüllte mit de Winde um die Wette. Aber in ihrem Herzen tobte Sturm, der noch heftiger war, als der draußen in der aufaereaten Natur.

Fortsetzung folgt.)