Ausgabe 
13.2.1923
 
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selagenen Weg geltend. Die Debatte endete mit der Ueber- weisung dieses Teils der Regierungsvorlage und des sozial⸗ demokratischen Antrages an einen Unterausschuß.

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Engrisfe auf das thüringische Kabinett.

Der Sturz der sozialdemokratischen Thüringer Regierung ist abermals mißlungen. In einer zehnstündigen Sitzung des Landtages stand der Antrag der Rechtsparteien zur Aussprache, durch welchen dem Minister Herrmann(Verkehe) und dem Volksbildungsminister Greil das Vertrauen entzogen werden sollte. Die deutschnationale Volkspartei und der Landbund begründeten den Antrag. Die Kom⸗ munisten enthielten sich der Abstimmung. 2

Die Erhöhung der Wohnungsbauabgabe. Der Wohnungsausschuß des Reichstages hat am Sams- tag die Entscheidung über die Höhe der Wohnungsbauabgabe gefällt. Sie beträgt das Dreißigfache der Friedenmiete. Ein Beitrag von 40 Mark pro Kopf der Bevölkerung soll davon an den Ausgleichsfonds abge⸗

liefert werden. 1

Der zweck der kommunistischen, Einheitsfront

Ueber dieHauptprobleme des 4. komumnistischen Weltkon⸗ gresses bringt die Berliner Rote Fahne in ihrer BeilageTaktit und Orgnisation(Nr. 45 vom 23. Dezember 1922) einen Artikel, e e einen Abschnitt über dieEinheitsfront enthält. Dort

ißt es u. a.: 5Das törichte Gerede mancher Genossen, daß wirwirklich bie ewollen müssen ist ein Abgleiten der Linie auf eine sehr schiefe Ebene. Wir wollenwirklich die Einheitsfront, das heißt, wir wollen wirklich kämpfen. Aber wir wissen, daß die (Kämpfe nurwirklich geführt werden können, wenn es uns ge⸗ Klingt, die Massen der Arbeiter hinter die Kommnmnistische Partei 12 bekommen, und daß die Revolution nur siegen kann, wenn an der Spitze der Massen eine Kommunistische Partei steht und nicht eine Koalition der Sozialdemokratischen und der Kommunistischen Partei. In dieser Unklarheit über diewirkliche Einheitsfront 1. en sich die Gefahren der Taktik ab: Die Verwischung des gesichtes der Kommimistischen Partei, das Zurücktreten des End⸗ zieles, die Passivität, die glaubt, Kämpfe seien nur möglich, wenn dergroße Bruder mitmacht, während es gerade umgekehrt richig ist und schließlich als äußerste Konsequenz eine Auffassung: die Einheitspartei als Form der Einheitsfront. 0

Damit ist die kommunistische Heuchelei von der Einheitsfront vollends entlarvt Sie wollen gar nicht gemeinsam mit der Sozigl⸗ demokratie und den Gewerkschaften kämpfen, sondern sie wollen ledig⸗ lich veorsuchen, beiden die Arbeitermassen abspenstig zu machen.

Innerpolitisches.

Der Skandal der Steuerkurse. Die Zwangsanleihe, die schon bei ihrer ersten Beratung unter tätigen Mithilfe des jetzigen Reichswirtschaftsminister Becker⸗ essen als Steuer außerordentlich entwertet worden ist, hat be⸗ kanntlich durch die Ausführungsbestimmungen vom 22. Dezember eine erneute Berschlechterung erfahren. Festgestellt wurde 71 91 daß die Aktienbesitzer nur zu einem Elftel ihres tat⸗ n Vermögens veranlagt werden. Man hat die Durch⸗ schnittskurse früherer Jahre herangeholt, um nur einen möglichst niedrigen Veranlagungskurs zu finden Durch die neuere Entwicklung hat sich dieses Veranlagungs⸗ verfahren gegenüber den Aktionären zu einem regelrechten Steuerskandal ausgewachsen. Schwindelhaft werden die Aktienkurse in die Höhe getrieben, niemand denkt dargn, die Zwangsanleihe ein zuzahlen, ehe nicht die Mark noch mehr ent⸗ wertet ist. Die tatsächliche Belastung des Aktienbesitzes durch die Zwangsanleihe geht aus solgender Gegenftberstellung hervor, in der, wir die jetzt amtlich sestgesetzten Steuerkurse mit den letzten Börsenkursen einiger Papiere vergleichen.

Steuerlurs Letzter Börsenkurs

5 Hapag 561 86 000 0 Deutsch⸗Luxemburg 1862 33 000 0 Mannesmann 1396 100 000 0 Deutsche Bank 512 34 000 Schuckert 960 58 000

Zellstoff Waldhoff 755 34 000 Durchschnitt 1209 77 000

Die Aktienbesizer werden also noch nicht einmal ein

Sechzigstel ihres gegenwärtigen Vermögens veranlagen. Ge⸗ zahlt wird auch davon nur ein Bruchteil Das ist das sichtbare Opfer des Vesitzes, das in der Zwangsgnleihe seinen Ausdruck finden sollte!

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland.

Die Arbeitslosenstatistik der Arbeiterfachverbände weist nach dem Reichsarbeitsblatt für den Dezember eine weitere Zunahme der Arbeitslosigkeit nach. Von 6,5 Millionen durch die Erhebung am Stichtage erfaßten Mitgliedern wurden 182 935(im Vormonat 120 271 als arbeitslos gezählt. Demnach stellt sich die Arbeits⸗ losenziffer für den Berichtsmonat auf 2,8(gegen 2,0 im Vor⸗

John Gabriel Borkman.

monat).

Bie Kurzarbettsstatistik der Arbeitersachverbände zeigt eben⸗ alls eine weitere Zunahme der e e e An ber erichterstattung waren 37 Verbände mit 5,6 Mill. durch die Er⸗

hebung erfaßten Mitgliedern beteiligt. Von diesen arbeiteten 402 711(8,7 v. H.] mit verkürzter Arbeitszeit(im Vormonat 7,5 v. H.). Bei Trennung der Gaschlechter ergibt sich für Männer eine Kurzarbeitszisfer von 5,1, bei Frauen eine solche von 18,6. Die Stalsstik der unterstützten Erwerbslosen meldet staxke Er⸗ höhung der Zahlen der Unterstlitzungsempfänger. Am 1. Januar wurden aus Mitieln der öffentlichen Erwerbslosenfürsorge unter⸗ stlitzt 82 427 Vollornerbslose(im Vormonat 42 860 Zunahme 92 v. H.). Davon waren 68 920 Männer(im Vormonat 34426 Zunahme 100 p. H.) und 13507 Frauen(im Vormonat 8431 Zunahme 60 v. H.]. Außerdem wurden 101335 mitunterstützte Famtlienangehörige Vollerwerbsloser gezählt(sog, Zuschlags⸗ empfänger).

Den Zufammenbruch der Wohnungsbautätigkeit behandelt die neueste Rummer der Sozialen Bauwirtschaft. In einem Artikel: Rettet den Wohnungsbau und in mehreren anderen Artikeln weist sie auf die ungeheuren Gefohren hin, die der deutschen Volkswirtschaft und besonders den deutschen Mietern aus dem Zusammenbruch der Wohnungsbautätigkeit drohen. Sie zeigt die notwendigen Maßnahmen zur Verbillfgung des Bauens und erinnert die Regierung, den Reichs⸗ tag und die Parteien an die gewaltige Verantwortung, die sie mit einer weiteren Hinauszögerung entscheidender Maßnahmen gegenüber den wohmmgslosen Mietern und Siedlern, aber auch gegenüber der Arbeiferschaft und ber ganzen deutschen Volkswirtschaft übernehmen. Schon heute sind mossenhaft Bauarbeiter arbeitslos, weil der Bau⸗ stoffwucher die VBaukosten auf eine wahnfinnige Höhe treibt, und weil keine Mittel zur Fortfsihrung des gemeinnützigen Kleinwohnungs⸗ baues mehr vorhanden sind. Während die Lohnausgaben für eine Wohnung von 70 Quadratmeter Wohnfläche von Juli 1914 bis zum 1. Januar 1923 um das 645fache stiegen, kletterten in der gleichen Zeit die Baustoffpreise um das 20öh0fache in die Höhe. Kein Wunder, daß die Wohnuagsbautätigkeit allmählich zum Stilliegen kommt, die Zahl der Wohnungslosen immer mehr anschwillt und die Kleingärt⸗ ner, Siedler und Bodenreformer vergebens auf die Weiterführung des Heimstättenbaues und der Siedlungstätigkeit warten. Es ist höchste Zeit, daß hier praktische Maßnahmen ergriffen werden. Sonst 15 3 Katastrophe auf dem Bau- und Wohnungsmarkt unaus⸗

eiblich.

Gießen und Umgebung.

Die Verhandlungen über die 1 eines KNreisver⸗ bandes zur Verwaltung und Verwendung der Wohnungsbau- abgabe im Kreistag.(Vergl. den Bericht über die Kreistagssitzung in voriger Nummer.) Mit derselben Angelegenheit hatte sich schon ber frühere Kreistag am 3. August 1922 zu befassen gehabt. Auf Grund von Artikel 8 des hessischen Ausführungsgesetzes zum Reichsgesetz über die Wahnungsbauabgabe können die Gemein⸗ den, denen die Verpflichtung zur Erhebung der Zuschläge obliegt, sich zu Verbänden(Kreisverbänden) zusammenschließen. Die Mehrheit der oberhesssischen Gemeinden machte von dieser Zentrali⸗ sierung Gebrauch und schloß sich zu Kreisverbänden zusammen. Auch im Kreise Gießen sollte der Zusammenschluß erfolgen, aber der Antrag des Kreisantes, der die Zustimmung des Kreisaus⸗ schusses gefunden hatte, wurde vom damaligen Kreistag am 3. August 1922 mit 1 Stimmen Mehrheit abgelehnt. Die Mehrheit wurbe durch die deutschnatlonalen und bauernbündlerischen Mit⸗ glieder gebifdet. Verwaltung und Kreisausschuß waren einig, dem neuen Kreistag die Angelegenheit zur nochmgligen Behandlung und Beschlußsassung vorzulegen.

In der dem Antrag beigegebenen Begründung war darauf hingewiesen, daß ein Teil der während des vergangenen Jahres im Kreis begonnenen Wohnungsneubauten nur unter erheblichen Schwierigkeiten zu Ende geführt werden konnte und eine ganze Reihe von Bauherren wegen der katastrophalen Teuerung nicht mehr imstande war, die angefangenen Wohnungen unter Dach und Fach zu bringen. Wenn da die Gemeinden infolge des ablehnen⸗ den Kreistagsbeschlusses lediglich auf die Zuschläge im Gemeinde⸗ bezirk angewiesen waren, konnten sie nichts Nennenswertes mehr zur finanziellen Unterstützung der Bauherren unternehmen. Außerdem gen ährte das Ministerium für Arbeit und Wirtschaft wegen des Nichtzustandekommens des Kreiswohnungsperbandes Landesbeihilfedarlehen nur noch im Rahmen des kapitalisierten Betrage der in der betr. Gemeinde aufgebrachten Wohnungsbau⸗ abgabe. Soll daher die Wohnungsbaupolitik, die im kommenden Rechnungsjahr durch eine wesentlich erhöhte Wohnungsbauabgabe (das Fünfzehnfache des bisherigen Betrages. Die Red.)] gestützt werden soll, nicht gänzlich Schiffbruch erleiden, so ist es unbe⸗ dingt erforderlich, daß die Gemeinden unter Zurückstellung ihrer Sonderinteressen eine Art Notgemeinschaft bilden, daß die Erträge der Wohnungsbaugbgabe nicht zwecklos und verzettelt, in den ein⸗ zelnen Gemeindekassen gufgespeichert, sondern in die Kreiskasse als Verbondskasso abgeliefert wenden, um zwecks Aufnahme von Bank⸗ guthaben, Veschaffung von Baumgteviglien im großen, Verzinsung und Tilgung gewährter Darlehen und bergl. rationell und vollständig ausgenußt werden können.

In der Anssprache, an der sich auch ein Vertreter des Ministe⸗ riums für Arbeit und Wirtschaft, Ministerlalrat Klumpp betei⸗ ligte, wurde die Angelegenheit nach mancher Richtung hin geklärt. Die Bauernbündler hielten aber an ihrem Widerstand gegen das g Projekt fest. Das Mitglied Bilrgermeister Müller⸗Bellersheim wandte sich als erster Rechner scharf

arf gegen die Vorlage. Das Land könne die großen Abgaben nicht tragen, die Landwirte seien wirt⸗ schaftlich nicht so gut gestellt, wie man annehme: zur Begründung

Stabitheater Gießen. Schauspiel in 4 Akten von Henrik Ibsen. Unormeßlich war sein Gieren nach höchsten irdeschen Gütern, nach Geld und Gold das ihn zum Beherrscher oder wie er sich ein redete: Wohltäter seiney Mitmenschen machen sollte. Fast war er am Ziele der Bankbirektor John Gabriel Borkman, da stürzten ahn Gerechtigkeit und der Neid cinesFreundes in die Tiefe und stießon ihn aus der Gemeinsehaft der ehrlichen Arbeit. Daß er Millionen ihm anvertrauter Gelder für seine ehrgeizigen Pläne wohl in der selbstbewußten Hoffnung ihres Gelingens unterschlagen und geonfert hatte, büßte er mit mehrjährigem Ge⸗ fängnis. Und weitere 8 Jahre saß er bereits in seinem sres⸗ 0 mlligen Kerker auf dem Gute seiner Schwägerin. Villeicht hätte er hier ein neues Leben beginnen können, wenn er eine Lebusge⸗ flährtin zur Scite gehabt hätte die ihn und feine gewalcgen Pläne verstand. Aber die eine die es vermochte, halle er auch selnem EChcgeiz seinem Geld⸗ und Maͤchthunger geopfert indem ex jenes 1 ihn zärtlich und stark liebende Madchen seinem einflußreichen Freundeabtrat. Statt ihrer heiratete er die kalte, starre Schwester der Geliebin die ihn jet meidet verachtet undfür tot erklärt, Die ihm selbst die Liebe des eingigen Sohnes zu entziehen

bracht.

Auch jetzt noch hält Vorkman sich aufrecht durch seine Men scheuve kachtung und Lebensluige. Unrecht ist ihm geschehen, ist 0 sester Glaube nur einige Tage hätie man ihm Zeit lassen sollen dann wäre er Herrscher und keiner auch nur um einen

Pfennig geschädigt gewesen. Die Menschen würden ihr Unxracht an

John Gabriel Borkman noch elnsohen, ihn um Verzeihung bitten

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und wieder zur Mitarbeit abholen. Acht lauge Jahre wartet er schon auf diesen letzten und großen Sieg; und wenn es an seiner Türe klopft bann nimmt er die Haltung des ehemaligen Bank⸗ direktors und Meußchenherrschers Vorkman an, der Viltstellern mmübig Audienz gewährt. Rur die ge⸗ vy fserse Geliebte erscheint, um sich Borkmaus Sohn zu holen. Um diefen, kommt e zum Kämpfe. Die Mutter hat ihn dazu Aiusze rsehen, die Schande des Vaters nicht zu tilgen; ihre Schwester

Aber sie kommen nicht.

will daß er den aussterbenden Namen ihrer Familfe annehme und fortführe, und der Vater höfft mit den frischen Kräften des Jüng⸗ lings neue Taten volldeingen zu können. Doch der junge Bork⸗ nia kümmert sich nicht um Eltern⸗ und Tanlenliehe. nicht um 0 d Gut und Namen und Ehre, sondern zieht ebenso goistisch und rücksichtslas wie sein Vater, nur weniger gefährlich mit einem um viele Jahre älterem Weibe, von der er schwerlich Gutes lernen mag in die weite Welt 8. John Gabriel aber verläßt in derselbeen Nacht am Arme der von unhahlbarer Krankheit tödlich bedrohten Jugendgeliebten sein Hes. Im beschnesten Walde dort. wp er einst auf sonniger Höhe im Sommer seines Lebens an ihrer Seite saß und den Blick über and und Meer schweifen ließ in ungebändigtem Tatendrang. sinkt er nieder und haucht sein Leben aus. Ueber seiner Leiche ver⸗ föhnen sich die Schwostern.

Dergrose Tag, den wir

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bei der Aufführung am Stabttheater Gießen(9. Februar) erhofften und den nach seitheri Erfahrungen Spielleitung, und Personal verspeach, ten wir leider nich erleben. Die hiesige Darstellung litt an zablreicken, großenteils unnötigen und leicht abänderlichen Miingeln, deren jonng nicht nur im Interesse des Publikums und des Thoaters a stanstalt, sondern auch in demjenigen gercde unserer besten und welversprechenden Künstler liegt.

Als sich der Vorhang hoh lag die vom Dichter gewollte düstre Stimmung über der Szene, doch halb zeigte sich, daß Auguste Marks(als Borlmans Frau Gunhild) und Rose Rubner, auf deren Spiel inabsen wir uns besonders gefreut hatten, der abr die Rolle per Ella Rentheim Fra Borkmaus Ind llingsschwester, übertragen war, ihre Nollon hätten tauschen ilitissen, damit jede der an uh für sich ihr höchstes bietenden Künstlerinnen dicsenge Rolle hätte darstellen dlrsen und meistern können, zu der beide wie geschafsen sind. Rose Rub ner als Frau Borkman wäre ein Ereignis für Gießen und ein sester Punkt sür Ton und Tempo eines echten Jbsen⸗Abends gewesen. Karl Juhnke versagte der Gestalt. die ex verkörperte, das grausig⸗ geuiale das einem Borkmau auf seinem Leidenswege nicht ver⸗ loren gegangen, sondern. wenn auch verzerrt, verblieben ist. Das

wies er auf bie Zwangsbewirtschaftung hin! dle Gemeinden mit Wald

könnten sich selber helfen. Gemeinden in der Nähe Gießens, wie Wieseck, Heuchelheim leisteten nichts flir die Allgemeinheit, sie hätten also auch keinen Anspruch auf Unterstützung durch die Allgemeinheit. Das Wohnungsbauelend könne nur durch Selbsthilse behoben werden. Mitglied Fenchel(Bbd.) sah vor allem in der Bildung des Kreis⸗ verbandes einen Eingriff in das Selhstverwaltungs recht der Gemeine den. Im übrigen waren seine Ausführungen etwas dunkel. Mitglied Bommersheim(Bbb.) bemängelte besonders die hohe Abgabe, 75 vom Hundert des Brandkassewertes sei zu hoch. Von der Linken trat Mitglied Homberger(Soz.) den Ausfführungen des ersten Redners scharf entgegen und verwies die Behauptung von einer Not

lage der Landwirtschaft in das Reich der Märchen. Mital. Benne

(Soz.) betonte gegenüber den Agrariern die große Wohnungsnot in den Orten mit Arbeiterbevölkerung, der unbedingt abgeholfen wer⸗ den mlisse. Auch der Umstand, daß das Baugewerbe ein Schlüssel⸗ gewerbe sei, von dem sopfel andere Gewerbe abhängig seien, ver⸗ lange verstärkte Bautätigkeit. Dem Argument der Agrarier, daß die Industrieorte um Gießen kein Recht auf Hilfe hätten, begegnete

der Vorsitzende mit dem Hinweis, daß durch die Abwanderung vom flachen Lande nach den Städten die kleineren Orte auf dem Lande entlastet worden seien, es sei daher kein Unrecht, wenn sis mm zum Ausgleich zur Mithilfe herangezogen würden.

Die bei den bauernbündlerischen Rednern(die voksparteilichen Mitglieder hüllten sich in Schweigen) zutage getretenen Mißverständ⸗ nisse in Bezug auf den eigentlichen Zweck des Zusammenschlusses ver⸗ anlaßten die bauamtlichen Sachverständigen, Ministerialrat Klumpp

und einen Vertreter des Gießener Bauamtes, noch im einzelnen zu

Zweck darzulegen und die praktische Ausgestaltung im einzelnen zu erläutern. Auf die Selbfthilfe soll selbstverständlich nicht verzichtet, sie soll im Gegenteil gefördert werden; sie hat manches Gute schon jetzt geleistet, aber im wesentlichen mehr, wo die Verhältnisse günfstig lagen, wie in Offenbach. Beim inneren Ausbau der Häuser versagt gewöhnlich die Selbsthilse, falls nicht die betr. Handwerker die Bau⸗ herren sind. Auch beim Selbstbauen müssen in der Regel 50 Prozent der Kosten durch Geldhilfe besckafft werden. Hier soll dann der Kreis⸗ verband eingreifen, dessen Aufgabe in solchen Unterstützungen, aber weiter auch im Austausch von Materialien, rechtzeitiger Beschafufng von solchen, Herstellung von Baunormen, kurz in der Orgaussation der gesamten Bautätigkeit im Kreise bestehen foll, Nicht beabsichtigt ist, aus den Mitteln der Verbandsbasse etwa Häuser zu bauen, die von den Gemeinden aufgebrachten Abgaben können ihnen auch ruhig

zur Verwaltung überlassen werden, sie müssen nur der ge

dem zu begründenden Kreiswohnungsverband, jederzeit zur Ver⸗ fügung stehen, da manchmal zur Beschaffung von Baumaterialjen usw. sofort zugegriffen werden müsse. Auch der Staat wird die Bau⸗ tätigkeit mit allen Mitteln zu fördern suchen, jedem Ktreis soll ein Waggon Zement und das Holz zur Verfügung gestellt werden. In den Kreisen,, in denen der Zusammenschluß der Gemeinden bereits erfolgt ist, hat er segensreich gewirkt.

Man hätte nun annehmen müssen, daß nach diesen Aufklärungen, die keinen Zweifel ließen, daß es sich hier um ein vom ideellen wie rein praktischen Standpunkt aus gemeinnütziges Werk handle, auch die Rechte, Deutschnationale, Bauernbündler und Deutschvolkspartei⸗ ler, die doch sonst immer die Notwendigkeit des Zurücktretens der parteipolitischen Interessen hinter dem Wohle der Gesamthest pre⸗ digen, ihren Widerstand aufgeben und für die Vorlage stimmen wlirde. Aber die nachfolgende geheime Abstimmung bewies, daß alle diesenationalen Herrschaften ihre Sonderinteressen allen anderen Rücksichten voranstellen, daß also mit ihnen eine wirklich gemein⸗ nützige, dem Wohl aller Schichten und Glieder dienende Kulturpolitik nicht zu machen ist, denn die Rechte stimmte geschlossen mitnein, sodaß sich Stümmengleichheit ergab leinschließlich der Stimme des Vorsitzenden, das Mitglied Landgerichtsrat Schudt fehlte bis zuletzt), nämlich 15 gegen 15 Stimmen der Linken, sodaß schlie lich nur die, Stimme des Vorsitzenden, der natürlich mitja ftimmte, die An⸗ nahme der Vorlage ermöglichte.

Die Kreisverwaltung hat also nur mit Unterstützung der ge⸗ samten Linken die Sicherung eines für die Allgemeinheit hochwich⸗ tigen Unternehmens durchseßen können, deshalb werden bei den nächsten Wahlen für die Selbstverwaltungskörper diese Herr⸗ schaften ihre Stimme für die Rechte abgeben!

Der Provinzialtag der Propinz Oberhessen trat am Samstag vormittag zu seiner ersten Sitzung zusammen. Sie war nicht von langer Dauer. Es war auch nur die Wahl des Provinzial⸗Ausschusses vorzunehmen und außerdem ein Beschluß bezüglich einer Anleihe zu fassen.

Provinzialdirektor Matthias führte den Vorsitz. Er verlas die eingegangenen Wahlvorschläge, nach dem Gesetz muß auch hier die Wahl nach dem Verhältnissystem erfolgen. Nur zwei Wahl⸗ vorschläge waren eingereicht, derjenige der Sozialdemokratischen und Demokratischen Partei und der des Bauernbundes und Deutschnatio⸗ nalen. Bei der Wahl erhielt letzterer 16 Stimmen, ersterer 14 Stim⸗ men. Auf jeden Wahlvorschlag entfallen demnach vier Mitglieder und vier Ersatzmänner. Danach sind gewählt: vom Wahlvorschlag des Vauernbundes usw.:

1. Hch. Brauer in Ober⸗Ofleiden,

2. Dr. von Helmolt in Nieder⸗Wöllstadt,

3. Otto Schneider, Landwirt in Utphe, 5

4. Ludw. Neuenhagen, Landgerichts rat in Gießen. Ersatzleute: 5

1. Karl Hesse, Landwirt in Otterbach,

2. C. Römheld, Nest ee iin

3. Paul Gisevius, essor in Gießen,

4. Friedrich Freitag, Fabrikant in Butzbach.

grotosk⸗düstere, dem Zuschauer begreiflich zu machen, zugleich Empfindungen des Mitleides in Schwingung zu setzen, blieb dem Künstler bei der Erstaufführung versagt, Hans Frommann als Vorkmans Sohn Erhard und Kitty Franke als dessen Ge⸗ liebte Fanny Wilton boten einheitlich gegossene und durchgeführte Gestalten, nur fiel dem Verichterstatter alsbald eine Eigenheit beider Darsleller namentlich des weiblichen auf die auch in den Wandelgängen während der Pause erörtert wurde: starke Anklänge an Tonfall und Aussprache des Deutschen durch Rüssen, die unsere Sprache zwar restlos beherrschen, den Mutterlaut aber nicht verbergen können. 1

Karl Vol ck und glse Engel boten in den anspruchslosen Rollen des Hilfsschreibers Wilhelm Foldal und seiner ochter Frieba richtig aufgefaßte tadelsfrei gespielte und wirkungsvolle Gestalten. Erwäßnen wir noch das nur wenig Worte sprechende Stubenmädcken bei Frau Borkman(Gisa Iven), das sich dezent der Handlung anpaßte so wäre nur noch der Spielleitung zu gedenken. die so ganz im Gegensatz, zu allem was uns schon an hervorragender Ausstattung und Inszenjerung geboten wurde, leider etwas enttäuschte. 8

Inwieweit die Spfelleitung für die Rollenbesetzung verant- wortlich ist, entzieht sich unfecer Kenntnis. Dex äußere Rahmen kanm wirkungsvoller gestaltet werden, auch die Zimmer müssen an, die Gespenster der Vergangenheit erinnern und die Dämonen des künftigen Schicksals ahnen lassen. Vorzüglich war das Bild des fahlen Winterwaldes im letzten Akt, duster⸗feierlich vom Mond- schein bewacht. Daß der Veleuchtungsapparat für denMond- schein und der ihn bodjenende Beamte fast in der Mitte der Bühne stand, nur kaum verdeckt war und zum mindesten die Er- scheinung einer Fee, wenn nicht gar der Frau Venus aus dem. Hörselberge selbst versprach ist ein Mißgeschick, das nur deiLieb⸗ haber-Bühnen verzeihlich wäre.

Wir sind füberzeugt, daß die angedeutete der Rollen und eine sorafältigere Regie uns das nachste Mal einen vollendetenIbsen bescheren wird Wollen und Lönnen unferer Künftler würden es verbürgen und verdienen! Bt.

Vectauschung