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Bahuhofstraße 23 Fernsprecher 2008.
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Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
2 1 Expedition: Gießen
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0 Die Oberb. Volkszeitung erscheint jeden Werttag vormittag in Gi. Der Abonnementspreis mit den Beilagen„Das Blatt der rau und Ac wirtschaftliche Beilage“ beträgt monatlich 1370.— Mek. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen 1800.— Mk. einschl. Bestellgeld. Einzelnumm. 50.— Mk
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„ Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters. Für den Inseratenseil verantwortlich: R. Slrohwig. Verlag von Hermann Neumann& Cie., sämtlich in Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt G. m. b. H. Offenbach a. M.
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Nr. 35
Gießen, Montag, den 12. Februar 1923
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13. Jahrgang
Der neue Krieg.
Der Kaiser“ Poincaré hat seinen „kleinen Krieg“. Französische Truppen aller Gattun⸗ gen, bis auf die Zähne bewehrt mit Mordwerkzeugen aller Art und modernster Erfindung, mit Tanks und schwerer Artillerie, sind in wehrloses deutsches Land eingebrochen und haben es„erobert“. Für uns, die ruhmreich„Besiegten“, kann diese kriegerische Aktion des raubgierigen französischen Kapitalismus vernichtend werden, trifft sie doch die Haupt⸗ schlagader unseres ganzen wirtschaftlichen Lebens, giert sie doch nach Kohle und Eisen, wenn wir nicht— durchhalten, nicht mit Maschinengewehren und Giftgasen, die hat uns vie Niederlage im Weltkrieg aus den Händen geschlagen, aber mit Einigkeit für Recht und Freiheit!
So ist es in Wahrheit ein Kulturkampf, den wir für uns und für die Welt zu führen haben. Als die großen Kanonen gegen Arbeiter Essens aufgefahren wurden, als die ver— derbendrohenden Mündungen iy der Entfernung von wenigen Metern auf Massen unbewaffneter Menschen ge— richtet wurden, da erscholl angesichts dieser grausigen Wahn⸗ szene unermeßliches Gelächter. In der Tat, gelingt es uns, besonnen durchzuhalten, und das wird freilich wegen des bitteren Hungers und wegen der berechtigten Empörung eine unsäglich schwere Leistung sein, dann werden wir damit vielleicht ein unsterbliches Verdienst für uns in das Buch der Geschichte eintragen: Wir werden den Mili⸗ tarismus lächerlich gemacht haben. Und gerade ein fran⸗ zösisches Sprichwort sagt:„Das Lächerliche tötet“.
Das gegenwärtige Vorgehen Frankreichs am Rhein und an der Ruhr, die Vergewaltigung der Beamten und deren Familien, die Knebelung der Presse, die Abschnürung Deutschlands von seinen Kohlen, der Einbruch in Baden, dies alles ausgeführt durch Militär und Polizei, deren Tätigkeit in dem bösartigsten Terror gipfelt, zugleich aber unter der widerlichsten juristisch⸗moralischen Beschönigung der Reparation, kurzum dieser abscheuliche Krieg im Scheinfrieden unserer Zeit ist deshalb so besonders traurig, weil er tatsächlich nur die eine Wirkung haben kann,
das Verhältnis von Deutschland und Frankreich auf Generationen hinaus zu vergiften, die Hoffnung auf Völker versöhnung auf unabsehbare Zeit zu ver⸗
nichten. Da hören wir nun den ganzen Chorus aller Kriegs-
interessenten und aller Spießbürger der Welt mit Genug⸗
tuung feststellen: Mit der Völkerversöhnung ist es nichts; der Friede auf Erden ist ein Traum. Salt! Ihr Real⸗ politiker und Kleingläubigen, wißt ihr denn ein anderes Rettungsmittel in der Todesgefahr der Kulturmenschheit? Und wenn ihr nur immer auf Vergeltung hofft und Rache Predigt, ist da nicht wirklich der Untergang des Abendlandes nahe und unvermeidlich? d
0 Die berüchtigte Rheinlandkommission, die wir Unter⸗
legenen nach dem Versailler Vertrag mit riesigen Kosten
unterhalten müssen, hat durch eine ihrer schamlosen Ordonnanzen die Dienste der Spitzel und Verräter der deutschen Justiz entzogen, letztere aber und die deutschen Be— hörden überhaupt mit hohen Gefängnis⸗ und Geldstrafen bedroht, wenn sie Deutschland gegen Verräter und Spitzel! schützen wollen. So ist es denn auch ganz begreiflich, wenn die Kommission die Aufführung des„Wilhelm Tell“ in Koblenz verboten hat. Darin steht ja das gefährliche und todernste Wort:„Nein, eine Grenze hat Tyrannen⸗ macht.“
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geschwadern, seinen Giftgasbomben ist
schaft bedroht England
ö Morin kann diese Gewaltpolitik ihre Grenze finden? Durch Englands Einspruch? Wir fürchten: nein. Das stolze England hat Furcht vor
Frankreich. Der französische Uebermilitarismus mit seinen 1 afrikanischen .
Truppenmassen, seinen weittragenden Ge— schützen, seinen zahlreichen Unterseebooten, seinen Flugzeug⸗ dem benachbarten Handelsvolke jenseits des schmalen Kanals mehr wie un⸗ heimlich, die raffinierte Kriegstechnik modernster Errungen— lebensgefahrlich in seiner Insel⸗ sicherheit. Im Orient triumphiert die gerissene französische Diplomatie über englische Verlegenheiten geegnüber der Türkei. Die Regierungspartei Bonar Laws im englischen Parlament, die aus den konservativen Renten- und Wert— Hapierbesitzern besteht, hat die einzige Sorge, zum Zwecke 0 Ungestörten Zinsengenusses„das Pfund“ stabil zu erhalten, das sofort sinken würde, wenn England in irgend eine kriegerische Verwicklung käme. Also vom offiziellen Eng— land haben wir nichts zu erwarten, mag es ihm noch so un⸗ Hestimmten wirtschaftsimperialistischen Plänen die Hand nach
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5 Hestimmten wirtschaftimperialistischen Plänen die Hand nach dem Lebenszentrum Deutschlands ausstreckt zur Errichtung eines großen Trustes von Eisen 0 pbösischer Führung. Die französischen Industrie⸗
und Kohle unter fran⸗
„Frankreich schlagen.“
Wachsender Terror.— Fest in der Abwehr.
Sie werden nicht kuschen.
In ihrer neuesten Nummer schreibt die Bergarbeiter zeitung:
„Der Wille der Arbeitnehmerschaft, nicht zu kuschen vor den französischen Bajonetten, ist fest und unerschütter⸗ lich. Wie kommen auch gerade wir dazu, den kapitalistisch⸗ militaristischen Lockungen und Versprechungen zu vertrauen, auch wenn sie sich in das Gewand französischer Demokratie hüllen, auch wenn sie uns Hilfe gegen uusere Kapitalisten zusichern? Das Ruhrgebiet ist das Herz Deutschland. Wenn französische Militaristen und Kapitalisten darüber verfügen, wird das Elend des deutschen Volkes größer und größer; in Millionen Hütten wird dann Arbeitslosigkeit und Hunger einkehren, Krankheit und Tod werden noch grausigere Ernte halten, wie sie es jetzt schon unter unserem unter⸗ ernährten Volk tun. Wie kämen wir dazu, dieses Elend zu fördern, um dem französischen Imperialismus seine Ziel zu erleichtern?! Frankreichs Sozialpolitik ist rück⸗ ständiger als die deutsche: Frankreichs Bergleute haben eine dreiviertel Stunde längere Schichtzeit als die deutschen Bergarbeiter: Frankreichs Arbeiterbewegung wird mit brutaler militaristischer Faust niedergehalten. Haben wir Sehnsucht danach, ebenso behandelt zu werden? Wahrscheinlich nicht und auch deshalb haben wir alle Ver⸗ anlassung, an unserem Standpunkt vernünftiger, ent schlossener Abwehr festzuhalten.“
Die Sozialdemokratie in vorderster Kampfstellung. Ein wirtschaftlicher Abwehrplan.
Wir sagen nicht zu viel mit der Feststellung, daß die Sozial⸗ demokratie bei der Organisierung der Abwehr des Einfalls ins Ruhrgebiet längst an erster Stelle steht. Ruht im Ruhrgebiet die Last des Kampfes zunächst auf den Schultern der Arheiter und Beamten, so zeigt auch der Blick in die Werkstatt der Parlamente,“ daß unsere Genossen die stärkste Energie in der Abwehr ent⸗ wickeln. So standen die Verhandlungen des Hauptausschusses des Preußischen Landtages vom Freitag, die sich mit dem Ruhreinfall EEA magnaten, die übrigens in dem früheren Minister⸗ Poincaré vorwärts treiben, zielen auf die Erobe⸗ rung der industriellen Vorh errschaft des Kontinents. Freilich das Kind muß zunächst einen anderen Namen haben. Bestrafung der Deutschlands, für Rückstände in Holz: und Kohlen— lieferungen! Daher vorübergehende Beschlagnahmung der linksrheinischen Wälder und der staatlichen Kohlenberg— werke im Ruhrgebiet, und nur weil die böswillige Berliner Regierung Beamte, Arbeiter und Unternehmer zum passiven Widerstand aufhetzt, müssen die 40 französischen Ingenieure durch eine Eskorte von anfangs 60000 Mann beschützt, muß das Ruhrgebiet durch eine ganze Armee vom unbesetzten Deutschland(und was wird schließlich von diesem gefähr⸗ lichen Lande noch unbesetzt bleiben dürfen?) abgesperrt, müssen die widerspenstigen deutschen Beamten ausgewiesen muß gelegentlich zum warnenden Exempel auf das unruhige Volk geschossen werden, kurzum muß Frankreich unter allen Umständen zu seinem verbürgten und garantierten Kohlen— und Holzdeputat kommen, mögen auch darüber(Recht muß Recht bleiben nach dem Versailler Weldfrieden, wie ihn Poincaré auffaßt) Frauen und Kinder des Sechzigmillionen⸗ Bochevolkes an Kälte und Hunger zu Grund gehen.
Was können und müssen wir gegenüber diesem Wahn— sinn tun? Die Hitlerbanden sind unter dem famosen Ausnahmezustand der bayerischen Regierung, der sich nur gegen die Sozialdemokratie gerichtet hat, noch wilder geworden, sie betrachten es als die erste Pflicht eines jeden treudeutschen Mannes, zunächst die Republik zu stürzen und die sozialistischen und jüdischen Novemberver— brecher zu beseitigen und dann, wahrscheinlich unter Luden⸗ dorffs Diktatur und glorreicher Führung, die Revanche ernsthaft in die Hand zu nehmen.„Siegreich wollen wir Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode. Deutsche Republikaner, deutsche Sozialisten, seid auf der Hut! Die Gefahr in der Ordnungszelle Bayern wird brennend.— In Königsberg i. Pr. und anderen Orten weit vom Schuß sucht nationalistischer Pöbel und unwissendes Volk, stets aufgehetzt von gut genährten und wohlgekleideten Stehkragenpatrioten, französische Kontroll— offiziere in den Hotels zu lynchen.— Die Ko mmun ist en haben in der heutigen Zeit nichts Wichtigeres zu tun, als sich von dem allrussischem Zentralrat der Gewerkschaften aus Moskau 100 000 Goldrubel, nach deutschem Gelde zwei Milliarden Mark überweisen zu lassen, um den Kampf „gegen die eigene Bourgeoise“, d. h. nach kommunistischer Ansicht gegen die deutschen Gewerkschatfen planmäßig zu führen.
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„Verfehlungen“
und seinen Folgen befaßtzen, vor allem im Banne soztaldemokrati⸗ scher Anregungen und Gedanken. Unter der Initiative des Ge⸗ nossen Osterroth verlangten unsere Genossen vom Landtag, dafür zu sorgen, daß das Staatsministerium den Abwehrkampf gegen den französisch⸗belgischen Ruhreinfall mit aller Kraft unterstützt und den ersten wirtschaftlichen Folgen dieses Einfalls begegnet. In Erwartung größerer Arbeitslosigkeit als Folge des ein⸗ tretenden Kohlenmangels sind größere öffentliche Arbeiten wer⸗ bender Natur vorzubereiten und die zur Durchführung notwendi⸗ gen Kredite bereitzustellen. Alle spekulativen Elemente, die sich ohne legalen wirtschaftlichen Zweck am Devisenhandel beteiligen, sind durch wirksame gessetzgeberische und exekutive Maßnahmen auszuschalten. Zur Wiederbelebung der Sparbetriebes und um die berechtigten Zahlungsmittel den Zwecken der Wirtschaft zuzu⸗ leiten, ist die Ausgabe wertbeständiger Anleihen Die 5 Wucherbekämpfung ist zu verschärfen. Die staatlichen Kreditinstitutionen sind ent⸗ sprechend dem enorm gesteigerten Kreditbedarf aller Wirtschafts⸗ kreise zu modernisieren, zusammenzufassen und zu fundieren. Die infolge der Abtretung wichtiger Rohstoffprovinzen und der Ruhr⸗ besetzung enorm gesteigerte Rohstofseinfuhr, insbesondere die Kohleneinfuhr, ist in öffentlicher sdand zusammenzufassen und die Verteilung nach Maßgabe der größeren oder niederen Lebenswichtigkeit der Betriebe für die Gesamtwertschaft zu organi⸗ sieren. Alle wärmewirtschaftlichen Reformbestrebungen sind nach⸗ drücklichst zu unterstützen. Alle die Brennstoffwirtschaft wesentlich belastenden Lichtreklammen sind einstweilen zu verbieten. Genuß⸗ stätten, die als Schlemmerlokale angesprochen werden können, müssen geschlossen werden. Kleine Gewerbebetriebe mit einem unverhältnismäßig großen Brennstofsverbrauch sind in ähnlicher Weise wie in der zweiten Kriegshälfte bis zum Eintritt einer günstigeren Lage auf dem Brennstoffmarkt zusammenzulegen.
In einem zweiten Antrag Osterroth zum Haushalt der Han⸗ dels- und Gewerbeerzwaltung fordern unsere Genossen 5 die Herabsetzung der teilweise beträchtlich über dem Weltmarkt⸗ wreis stehenden Holzpreise, insbesondere für Grubenholz, Bauholz und Holzarten für gewerb⸗ liche Zwecke. Gewerblichen, genossenschaftlichen und gemeinnützigen Unternehmungen, sozveit sie Gewähr dafür bieten, daß sie Preis⸗ vergünstigungen nicht in gewinnsüchtiger bezw. spekulativer Weise
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anzustreben.
Fürwahr, un ser armes Vaterland ist im tiefstem Elend. Der Barometer steht auf Orkan und Erdbeben. In unsserem feinsten Porzellanladen trampelt ein, Mammutelefant herum, denn die französische gepanzerte Faust ist imstande und gewillt, wenn es nicht gelingen sollte, das Ruhr⸗-Uhrwerk auf französische Zeit umzustellen, es einfach zu zerschmettern. Bei uns aber wollen polttische Narren und Kindsköpfe, Phantasten und Verbrecher unter
den Klängen der Wacht am Rhein die allerteuersten Scheiben einschlagen, die dann der deutsche Steuerzahler
bezahlen muß. g Was tut uns einzig not? Was ist jetzt wirklich die er ste Bürgerpflicht in diesem Höllengraus von Roheit und Sinnlosigkekit, der seinen gähnenden Rachen öffnet und alles in sein trostloses Chaos zu verschlingen droht? Besonnenheit, Besonnenheit und immer wieder Besonnen⸗ heit bei Regierung und Volk! Besonnene Tat gegen⸗ über jedem Feind, heiße er nun Militarismus oder Kapi⸗ talismus oder Nationalismus! Energische Tat gegenüber der furchtbaren Not im Lande! Es gilt, eine Teuerung zu überstehen, die völlig russisch zu werden droht. Es gilt durch⸗ zusetzen, daß das Vermögen endlich seine Steuern zahlt. „Wir müssen zusammen hungern und frieren!“ Es sei! Aber „wir“ muß nunmehr wirklich heißen: alle Deutschen. Wird das möglich sein? Bange Frage! Aber davon hängt die Geduld des arbeitenden und leidenden Volkes, damit steht oder fällt der ganze passive Widerstand, der unsere einzige Waffe in diesem unerhörten Kriege bildet. Das mögen sich unsere Regierenden und Wohlhabenden gesagt sein lassen: Prasserei, Protzerei, egoistische Preistreiberei sind die ver⸗ ruchten Giftstoffe, die auch den ehrlichsten Willen der zur Verteidigung des gemeinsamen Vaterlandes entschlossenen Massen tödlich lähmen. 5 Besonnenheit der westfälischen Arbeiter und der rheinisch-westfälischen Eisenbahner, die Festigkeit aller Be— amten verdient hohe Bewunderung und warme Anerkennung bei dem gesamten deutschen Volke. Möge sich der Dank für dieses mutige, zähe und ruhige Aushalten gegenüber der brutalen Gewalt in weiterer verstärkter„Ruhrhilfe“ betätigen! Der Generalsekretär des französischen Gewerk⸗ schaftsverbandes Jouhaux ruft uns die brüderliche Mahnung zu:„Die dentschen Bergarbeiter haben sich der Drohung der Bajonette nicht zu beugen!“— Einer, der es wissen mußte, und dessen Stimme wohl auch einsichtige Franzosen hören werden, Napoleon hat gesagt, daß im Kampfe zwischen Ideen und Kanonen die Ideen am Ende stets die stärkeren sind. Der Pazifismus muß zur stärksten Waffe der nationalen
Die
Verteidigung werden.


