wöten nach wie vor die Amnestze nicht auch auf Mohammedaner
ausgedehnt wissen, weil die hier in Betracht kommenden Vergehen
Landesverrat darstellen. Auch lehnen sie eine Befreiung der christlichen Mind vom Militärdienst unter allen Umständen ab. Sowohl Lord Curzon wie Ismed Pascha begründeten noch einmal in diesen beiden Fragen ihre engegegengesetzten Standpunkte. Schließlich wurde pe! noch einmal an die Unterkommission desteht auf besden Seiten Hoffnung, daß zustande kommen wird. In der Frage der de sich die Türken nach wie vor ab⸗
In Berlin ist am Mittwoch vormittag die Nachricht verbreitet worden, daß die Stadt Memel, die seit dem Inkrafttreten des Frie⸗ densvertrages nicht mehr zum Deutschen Reiche gehört, von litauischen Truppen besetzt worden sei. An Berliner amtlicher Stelle lag gestern abend noch keine offizielle Bestätigung dieser Nachricht vor; dagegen ist bekannt geworden, daß zwei litaufsche Kompagnien mit Zivilisten die Grenze des Memel⸗Gebietes bei Plicken überschritten haben. Die näheren Zusammenhänge sind hier noch unbekannt. 5
Da eine Enlscheidung der Botschafterkonferenz über das end⸗ gültige Schicksal des Memellandes noch nicht getroffen ist, würde ein litamischer Einmarsch auf jeden Fall eine Eigenmächrigkeit bedeuten, die die Alliierten, auf denen die Verantworkung für das Schicksal des Landes ruht, nicht dulden dürften.
Hessen und Nachbargebiete.
Gießen und Umgebung.
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Geschichtstalender.
12. Januar: 1848 Aufstand in Palermo. g 90 Joh. Wedde, sozialist. Schriftsteller, in Hamburg gestorben. 1908 Blutiger Wahlrechtssonntag in Berlin. 1912 Reichstagswahlen; 4% Millionen sozialdemokratische Stimmen, e 1921 Briand wird französischer Ministerpräsident. 1922 Rücktritt Briands. Poincars folgt.
Die hessische Regierungskrise. Die Entscheidung der sozialdemokratischen Fraktion
Im Laufe des Mittwoch haben in Darmstadt zwischen den Fühtern der bisherigen Koalition sehr eingehende Ver⸗ handlungen stattgefunden. Die Sozialdemokratie war bis zum äußersten bemüht, die alte Koalition aufrecht zu er⸗ halten. Diese Bemühungen müssen jetzt als gescheitert gelten. Die sozialdemokratische Landtagsfraktion hat darauf⸗ hin folgende Erklarung den beiden anderen Fraktionen der bisherigen Koalition zur Kenntnis bringen lassen:
Die sozialdemokratische Fraktion konnte sich auch nach den erneuten Verhandlungen nicht zu der Ueberzeugung be⸗ kennen, daß die bisherige Regierungskvalition nicht mehr lebensfähig ist, und daß nur durch eine erweiterte Koalition die Gewähr für eine Stetigleit in der Landespolitik und Staats verwaltung gegeben sei.
Mit Bedauern hat daher die sozialdemokratische Fraktion davon Kenntnis genommen, daß die demokratische Fraktion weder eine Rückkehr des Herrn Henrich in sein Amt als Finanzminister der derzeitigen Regierung noch den Eintritt eines anderen Parzermitglieds in dieses Amt gestatten will.
Die sozialdemokralische Fraktion hat ebenso mit Be⸗
dauern davon Kenntyis genommen, daß die Zentrums⸗ fraktion unbedingt auf eine Erweiterung der Regierung durch Eintritt der Deutschen Volkspartei besteht. Die sozialdemokratische Fraktion ist sich aber der Ver⸗ antwortung bewußt, die diese furchtbare Zeit der höchsten außen⸗ und innenvolitischen Not unseres Landes und Volkes ihr auferlegt. Sie ist deshalb entschlossen, bis zur äußersten Grenze dessen zu gehen, was einer Partei politisch zugemutet werden kann. Die sunoldemokratische Fraktion ist bereit, in der Regierung des Landes irotz schwersten parteipolitischen Bedenken weiter verantwurtlich mitzuarbeiten.
Die Fraktion hat deshalb nichts dagegen einzuwenden, weun ihr Fraktionsgenosse Nlesck in seiner Eigenschaft als Staatspräsident der derzeitigen Regferung wegen deren Wiedervervullständigung mit einer nicht den bisherigen Koalitions parteien angehörenden Persönlichkeit über deren Eintritt in das zur Zeit durch den Rücktritt des Herrn Henrich offene Amt des Finanzministers in Verbindung RN
Ihre Bedingungen über die Garantien, die zur Auf— rechterhaltung ihres Einflusses in der Regierung und zur Schaffung einer möglichst großen Stetigkeit in dieser er— forderlich sind, wird die Fraktion stellen, weun der Staats⸗ präsident über seine Vorverhandlungen mit der außerhalb der bisherigen Koalition stehenden Persünlichkeit wird be⸗ richten können. Die sozialdemokratische Fraktion ist dann zu Verhandlungen über die gegenseitigen Bedingungen und Garantien bereit. a ö
Eine Verantwortung für die Folgen, die sich aus einem Scheitern der Verhandlungen ergeben würden, vermag die sozialdemokratische Fraktion nicht zu übernehmen.
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Wohnungsmangel und Wohnungsbeschasfung
a in Gießen.
Wie aus den Berichten des Wohmungsamtes hervor— geht, waren im vergangenen Jahre die Wohnungsverhält- nisse in unserer Stadt die denkbar ungünstigsten, sie haben sich im Laufe des Jahres sogar erheblich verschlechtert. Die Zahl der Wohnungssuchenden ist erheblich gestiegen, obwohl sich das Wohnungsamt bemühte, durch Beschlagnahme allen entbehrlichen Wohnraum zu erfassen und obgleich eine, wenn auch nur geringe Anzahl Wohnungen neu errichtet wurde. Ihre Zahl beträgt im ganzen 63. Davon erbaute die Stadt Gießen in der Gnauthstraße 38, der hessische Staat in der Senckenbergstraße 12, ferner wurden durch die Betongesell⸗ schaft und die Baukitwerke je 3, durch das Braunsteinberg⸗ werk 5 Wohnungen durch Neubau geschaffen. Die übrigen wurden durch verschiedene Firmen und Private errichtet.— Die Zahl der Wohn ungssuchenden belief sich im Januar vorigen Jahres insgesamt auf 1343, sie war bis November auf 1765 angewachsen. Davon wurden dringend geführt im Jannar 504, im November 549. Von den Woh—
nungsuchenden waren ohne Wohnung im Januar 765, im November sogar 1014. Das Wohnungsangebot war dem— gegenüber gar nicht nennenswert; im ganzen waren im Januar 30, im November nur 12 Wohnungen angeboten. Interessant wäre es zu wissen, wo eigentlich die mehr als 500 neue Wohnungssuchenden im letzten Jahre herkommen; der Zuzug von auswärts muß doch ein ganz erheblicher sein. — Unter diesen Verhältnissen, wo sich Tausende um eine Wohnung reißen, hat das Wohnungsamt und die Woh⸗ nungszuweisungskommission keinen leichten Stand und es ist erklärlich, daß alle möglichen Vorwürfe gegen diese Stellen erhoben werden. Jeder Vernünftige sollte sich aber diese Verhältnisse vor Augen führen, er wird dann begreifen, daß viele Wünsche auf diesem Gebiete beim besten Willen nicht erfüllt werden können.
— Aufkauf und Verkauf von Butter und Käse. Am
Samstag war auf dem Wochenmarkte Butter bei einer An- zahl Händler beschlagnahmt worden, was bei den Be— troffenen, wie auch teflweise im Publikum starke Erregung verursachte. Es handelt sich dabei um Durchführung einer Regierungsverordnung über Aufkauf von Butter und Käse vom 13. Dezember. Vom Kommunalverband wird uns dazu geschrieben: Jeder Landwirt, welcher seine aus der eigenen Wirtschaft gewonnene Butter oder Käse direkt an Private oder auf dem Wochenmarkt absetzen will, kann dies nach wie vor ohne besondere Genehmigung tun. Will er jedoch seine eigenen Erzeugnisse an ein offenes Ladengeschäft absetzen, welches die Ware zum Wiederverkauf erwirbt, so muß der betreffende Geschäftsinhaber im Besitze der vorgeschriebenen Aufkaufserlaubnis sein. Ebenso kann Butter und Käse, soweit sie aus dem preußischen Gebiet stammt, ohne weiteres innerhalb Hessens abgesetzt werden, da in Preußen der Aufkauf dieser Artikel noch ohne besondere Genehmigung gestattet ist. Jedoch dürfte es sich für die betreffenden Händler empfehlen, möglichst Bescheini⸗ gungen mit sich zu führen, durch welche nachgewiesen werden kann, daß die Butter tatsächlich aus Preußen stammt. Einer Genehmigung zum Aufkauf von Butter und Käse bedarf nur derjenige, welcher beim Erzeuger, bei Molkereien, Käsereien oder anderen Milchverarbeitungsgebieten zum Wiederverkauf oder zur gewerbsmäßigen Verarbeitung an⸗ kauft. Der Sinn der Verordnung ist in der Hauptsache der, daß die seit einiger Zeit ganz minimale Frischmilchzufuhr an die Städte und Vedarfsgemeinden zur Versorgung der Säuglinge, Kranken und Altersschwachen wieder besser wird. Durch den regelmäßigen Aufkauf von Butter und Käse auf dem Lande und hauptsächlich auch durch den wilden Auf⸗ kauf, durch welchen diese Artikel größtenteils aus Hessen ausgeführt werden, um dann in den Großstädten an Hotels usw. zu hohen Preisen verkauft zu werden, wird jedoch die Frischmilchzufuhr an die Städte immer mehr gefährdet. Es werden deshalb von der zuständigen Behörde grundsätzlich an solche Händler, welche die Butter und Käse direkt auf dem Lande aufkaufen, keine Aufkaufsgenehmigungen erteilt. — Bedeutsame Neuerung im Kraftwagenbetrieb der Post. Die in den letzten Monaten eingetretene ungeheure Markentwertung und die damit zusammenhängende Verteuerung des Wirtschafts⸗ lebens hat naturgemäß auch den Kraftwagenbetrieb der Post stark in Mitleidenschaft gezogen. Insbesondere sind es die Brennstoff⸗ preise. die. im letzten Halbiahr um etwa das 30fache gestiegen, den Kraftwagenbetrieb unrentabel zu machen drohen. Die Reichspost ist daher seit Monaten bemüht einen Ausweg aus dieser Lage zu finden. Nunmehr ist ein Mittel zur Einschränkung der Kraft⸗ wagen⸗Belisiebskosten gefunden worden. Mit Hilse eines bo⸗ sonderen Vergaseps wird der Kraftwagen mit einem bllligeren Betriebsstoff— mit Schweröl(Gasöl) und selbstverständlich auch mit Petroleum— getrieben. Der vom Industriekonzern Schiele u. Bruchsaler in Baden⸗Baden hergestellte und gemeinschaftlich mit der Post durchgearbeitete Vergaser ermöglicht es schon jetzt, mit 3 Tollen Gasöl und 1 Teil Benzol usw. einwandfrei zu fahren. Was das wixtschaftlich bedeutet, wird jedem klar, der sich ver⸗ gegenwärtigt daß für Leichtöl(Benzol usw.) das Vier⸗ bis Fünf⸗ fache des Gasölpresses gezahlt werden muß. Die Reichspostver⸗ waltung hat bereits eine größere Angahl solcher Schwerölvergaser eingebaut und beabsichtigt, wie wir hören, in kürzester Zeit ihren gesamten Kraftwagen vark. soweit es sich um Wagen mit Ver⸗ brennungsmaschinen handelt auf Oelbetrieb mnzustellen.
— Die hohen Toten⸗Bestattungskosten drängen überall zu Maß⸗ nahmen von Seiten der Gemeinden. Mehr und mehr kommt man dazu, der schon seit vielen Jahren von der sozialdemokratischen Partei vertretenen Forderung: Uebernahme der Totenbestattung durch die Gemeinde nachzulommen. Tatsächlich sind die Kosten einer Beerdigung für gering Bemittelte nach und nach unerschwinglich geworden. Haupt⸗ posten dabei sind die Kosten für den Sarg, die jetzt nicht unter 30000 Mark betragen, womöglich noch darüber gehen, wenn man auf einigermaßen anständige Ausführung Wert legt. Wo Krematorien am Orte sind, mag es zutreffen, daß Feuerbestattung sich jetzt billiger stellt als Eroͤbestattung, erstere verteuert sich aber, wenn die Leichen erst an einen anderen Ort transportiert werden müssen. Trotzdem stellt sich z. B. in Dresden eine in den einfachsten Formen vollzogene Feuerbestattung auf beinahe 50000 Mark! Derartige Kosten lönnen die wenigsten von einem Todesfall Betroffenen aufbringen, weshalb sich das Eingreifen der Gemeinden notwendig macht.— In Leich⸗ lingen im Kreise Solingen, beschlossen die Stadtverordneten, die Einrichtung einer Begräbnishilfskasse im Umlageverfahren, wobei die Gemeinde Zuschüsse gewähren soll.— Wir halten, wie schon früher ausgeführt, für das richtigste, wenn die Stadt die Toten⸗ bestattung vollständig übernimmt und dafür von jedem Steuerpflich⸗ tigen eine Geblihr erhebt.
— Kriegsblinde Maschinenschreiber. Vom Versorgungsamt wird geschrieben: Eine große Anzahl Kriegs- und Zivilblinder ist in den letzten Jahren für den Beruf als Maschinenschreiber ausgebildet worden und hat dank den Bemifhungen der Amts⸗ stellen der sozialen Kriegsbeschädigten- und Kriegshinterbliebenen⸗ fürsorge lohnende Beschäftigung bei Behörden und in der Privat⸗ industrie gefunden. Allein im Bezirke Hauptfürsorgestelle für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene der Stadt Berlin sind 50 Kriegs- und 8 Zivilblinde in geeigneten Arbeitsstellen unter⸗ gebracht worden. Bei der Ausübung ihrer Tätigkeit benutzen die Blinden besonders für sie geeignete Schreibmaschinen und Diktiexapparate, die häufig ihr Eigentum sind, in der Regel jedoch der zuständigen Hauptfürsorgestelle gehören. Um die erforder⸗ lichen Neubeschaffungen der sich allmählich abnutzenden Apparate zu ermöglichen, hat der Reichsminister der Finanzen für die bei Behörden beschäftigten Blinden die Zahlung einer sogenannten Abnutzungsgebühr gestattet. Sie durfte anfangs bis zu 30 Mark monatlich für jeden Apparat betragen, ist aber in Anbetracht der steigenden Teuerung durch einen neuen Erlaß des Reichsministers der Finanzen auf einen Höchstbetrag bis zu 400 Mark monatlich hingufgesetzt worden. Die Höhe der Abnutzungsgebühr soll sich nach dem Anschaffungspreis der Maschine richten. Der Betrag von 400 Mark kommt somit nur für neuere Appaxate in Frage. Die Abnutzungsgebsihr wird an den Eigentsimer der Schreibhengschsne oder des Diktiecapparates gezahlt, also entweder an den linden
selbst oder an die Hauptfürsorgeslelle, Verfügung gestellt hat.
— Finanz⸗Katastrophe einer Stabtgemeinde. Heute befinden sich ja alle Städte in größten finanziellen Bedrängnissen, was aber aus Flensburg berichtet wird, stellt alles in den Schatten, was bis⸗ her von trostlosen Finanzverhältnissen einer Stadt bekannt geworben ist. Danach hat der Flensburger Maglistrat der Stadtverordneten⸗ versammlung im August 1916 eine Vorlage unterbreltet auf Annahme einer Schweizer Anleihe, die nach zehn Jahren, also im August 1926, mit 123 Franken für je 100 Mk. bei fünfprozentiger Verzinsung rückzahlbar ist. Die Anleihe wurde von den städtischen Kollegien in Höhe von 6 150 000 Franken angenommen. Infolge des Sturzes der deutschen Währung muß die Stadt eine ungeheure Ver⸗ zinsung aufbringen, das Katastrophale aber bei der Sache ist, daß die Schuld Flensburgs an den Schweizer Geldgeber nach dem Stande der deutschen Valuta heute nicht weniger als 8½ Milliarden Mark beträgt. Es ist der Stadt natürlich ganz unmöglich, diese Riesen⸗ schuld zurückzuzahlen, und wenn sie dieselbe etwa auf dem Steuer⸗ wege aufzubringen versuchen würde, dann wäre die gesamte Bürger⸗ schaft Flensburgs mehr als bankerott.
— Das Liter Milch 206 Mark! Nach einer Bekanntmachung des Lebensmittelamtes im hentigen Blatte ist der Kleinverkaufspreis für das Liter Milch auf 206 Marr festgesetzt. Zn Bezug auf die Milch⸗ preise kann man sagen, daß die Redensart„Höher gehts nimmer“ nicht zutrffft. 1
— Für Wanderfreunde. Es ist auch der Arbeiterschaft Gelegen⸗ heit gegeben, in den Godankenkreis der Touristik und des Wanderns einzudringen, wenn sie sich vertraut macht mit den Zielen und Be⸗ strebungen des Arbeiter⸗Touristenvereins„Die Naturfreunde.“ Die Ortsgruppe Gießen dieser proletaxischen Wanderorganisation veranstaltet heute, Freitag, den 12. Januar, abends 8 Uhr im Ge⸗ werkschaftshaus einen Lichtbilderabend, der Gelegenheit geben soll, die Naturfreundebewegung kennen zu lernen. Jedermann ist hierzu freundlichst eingeladen. 6 7.
— Gesährdeter Eisenbahndamm. In der Nähe von der Station Lang⸗Göns war kürzlich durch das anhaltende Regenwetter der Bahndamm ins Rutschen geraten, so daß sich Vorkehrungen nötig machten. An jener Stelle ist das Erdreich stark mit Ton⸗ schichten durchsetzt, die schwer zu befestigen sind. Zu rechter Zeit wurde von einem Bahnwärter die Gefahr entdeckt und zur Meldung gebracht. Dadurch wurde verhütet, daß ein schweres Unglück geschah, wie das unter Umständen hätte geschehen können, wenn etwa ein schwerer Schnellzug die gefährdete Stelle passiert hätte. Wie verlantet, wäre dem Bahnwärter eine Belohnung für seine Aufmerksamkeit ausgehändigt worden. 115 g
Kreis Wetzlar.
— Ueber sozialistische Kommunalpolitik spricht nächsten Mon⸗ tag 15. Januar, abends 8 Uhr, Oberbürgermeister Gran zin⸗ Offenbach in öffentlicher Volksversammlung im Saale des „Schlitzengarten“, Granzin ist als ein guter Kenner kommunal⸗ politischer Verhältnisse bekannt es darf daher zahlreicher Besuch der Versammlung erwartet werden. Uebergll befinden sich Städte und Gemeinden in finanzjellen Schwierigkeiten. die überwunden werden müssen. Dazu bedarf es neuer Einnahmequellen. Die
welche die Maschine zur
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Auffassungen in der Schaffung der Mittel gehen weit auseinander.
Oberbürgermeister Granzin wird unseren sozialistischen Stand⸗ punkt in all diesen Fragen klarstellen. Der in dieser Versamm⸗ lung zu behandelnde Stoff ist also bedeutsam genug für jedermann.
— Versteuerung der Pacht⸗ und Mictverträge. Das Finanz⸗ amt Wegzlar gibt bekannt: Im Monat Jauuar 1923 sind sämtliche nach Tarifstelle 48 1 des Landesstempelgesetzes stempel⸗ pflichtigen Pacht⸗ und Mietveyträge einschließlich der nur mündlich abgeschlossenen welche im Lause des Kalenderjahres 1922 in Geltung gewesen sind, zu versteuern. Hierzu gehören auch schriftliche oder mündliche Verträge über die a möblierter oder unmöblierter Zimmer. Die Versteuerung erfolgt durch die dem Verrächter oder Vermieter obliegende Einreichung eines Pacht⸗ oder Mietverzeichnisses und Einzahlung der Steuer bei einer Finanzkasse oder einem Stempelperteiler. Die Vor⸗ drucke zu den Verzeichnissen werden von diesen Stellen unentgelt⸗ lich verabfolgt. Nicht oder nicht dechtzeitig bewirkte Versteuerung zieht hohe Bestrafung nach sich. Die ebenfalls für den Monat Januar vorgeschriebene Anmeldung und Versteuerung der nach Tarifstelle II: a des obengenannten Gesetzes steuerpflichtigen Auto⸗ maten und mechanischen Musikwerke hat bei den zuständigen Zoll⸗ stellen zu erfolgen. 1 9
Von Nah und Fern.
Frankfurt a. M. 10. Jan, Das schlechte Gefängnis⸗ brot. Einer der Sberurfeler Mehlfälscher beschwerte sich dieser Tage, wie man im Kreise der. Gefängnisbeamten erzählt. über das schlechte, ihm in der hiesigen Untersuchungshaft gelieferte
Brot. Ihm wurde bedeutet daß das gelieferte Brot weit besser
sci, als das Brot aus Oberurseler Kommunalmehl. Die Beschwerde soll darauf zurückgezogen worden sein. 2
Frankfurt a. M. 10. Jan. Nächtliche Ueberfälle. In den letzten Nächten wurden im Stadtteil Bockenheim ver⸗ schiedene Uebersälle verübt. In einem Falle wurde ein Post⸗ beamter niedergeschlagen und seiner Wertsachen beraubt.— Dann überfielen morgens gegen vier Uhr zwei Kerle einen zum Dienst gehenden Eisenbahnbeamten der die Aug reifer aber durch einige wuchtige Schläge in die Flucht trieb.— In der Zeppelin⸗Allee versucht einige Romdies die Straßenlaternen für ihre Ueber⸗ sallstätigkeit auszudrehen, wurden aber daran durch eine Schutz⸗ polizeistreife gehindert
Kelsterbach, 9. Januar. Wieder ein schwerer Un⸗ glücksfall. Aus der hiesigen Munitionszerlegungsfabrik ist wieder ein Unglücksfall zu melden; diesmal ein solcher, wie schon so oft, mit tödlichem Ausgang. Die 19 jährige Metzger aus Mainz,
wohnhaft Emmexransstraße, war mit dem Anbohren der Zünder
beschäftigt. Durch Umfallen der Maschine wurde das Unglück herbeigeführt. Der Zünder explodierte, dabei ist die Metzger so unglücklich getroffen worden, daß der Tod nach kurzer Zeit ein⸗ trat. Eine andere jugendliche, ebenfalls aus Mainz stammende Arbeiterin kam mit dem Leben davon, doch wurde auch sie be⸗ deutend verletzt. Das Los der dortigen Arbeiter, hauptsächlich in den Zerlegungswerkstätten, ist ein leichtes. Viele Menschen haben dabei ihr Leben schon eingebüßt, während andere als Krüppel oder als schwer Leidende ein kummervolles Dasein fristen. Wen die Hauptschuld an den vielen Unfällen trifft, ist für den Außen⸗ stehenden schwer zu beurteilen. Hauptaufgabe der Fabrikleitung müßte es sein, in Sicherungs-Maßnahmen die größte Sorgfalt obwalten zu lassen. Daß es immer noch Leute gibt, die in dieser Fabrik Stellung annehmen, kann nur in der großen Not zu suchen sein. Die Mehrbe zahlung an Lohn, die dort geleistet werden soll, kann unmöglich die Triebfeder zur Arbeitsannahme sein. Dann lieber doch einige Mark weniger verdsenen, als sich täglich der Lebensgefahr auszusetzen. 5
Darmstadt, 10. Januar. Ein großer Silberdiebstahl. wurde in der Nacht vom 8. zum 9. d. Mts. in der Parterrewohnung des Hauses Landwehrstraße 14 dahier mittelst Einbruch verübt. Die geraubten Gegenstände(Löffel, Messer und Gabeln) die zum Teile E. B. A. oder E. A. gezeichnet sind, haben einen Wert von etwa 2 Millionen Mark. Ein Hausbewohner, der gegen 12 Uhr nachts heimkehrte, fand die Haustüre unverschlossen vor. Auf der dunklen Treppe bemerkt unter Zurücklassung ihres Hutes(braun mit etwas hellerem Band) durch ein Fenster nach dem Garten flüchtig ging, Für die Wleder⸗ beschaffung der entwendeten Gegenstände und die Ergreifung des Täters ist eine Belohnung von 50 000 Mk. ausgesetzt.
Darmstadt, 10. Jan. Ein poltischer Prozeß. Vor
dem Schöffengericht fand heute ein Prozeß staft, bei dem Reichs⸗ fagsabgeordneter Pfarrer. Korell Beleidigungsklage gegen den verantwortlichen Schriftleiter der Hessischen Lagdeszeitung Darm- stadt erhͤben halte wegen einem Arkikel unter der Ueberschrift:
Vermietung
e er eine Mannsperson, die, als sie angerufen wurde.


