Ausgabe 
11.6.1923
 
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gedaktion: Giesen ahnhofstraße 23 spreger 2008.

gessische

an für die Interessen des werktätigen Volkes Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

Ferusprecher 2008.

Gießen, Montag, den 11. Juni 1923

Wochenschau.

Allzulang hat sich die deutsche Rei i übe a . 0 ge Reichsregierung ü 5 was sie tun soll. Mittlerweile ist in e 15 ed ö umversöhnliche Staatsmann in eifriger Tätigkeit gewesen, um seine Stellung im Innern zu befestigen und die deutsche von vornherein zu diskreditieren. Noch in letzter 1

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Stunde wurde verkündet, daß die belgisch⸗französischen Ver⸗ 5 handlungen in Brüssel die Einigkeit in 118 Se 5 Punkte ergeben hätten, nämlich daß vor jeder Prüfung der neuen deutschen Vorschläge, d. h. vor dem Beschreiten des Verhandlungsweges der passive Wider⸗ st and an Ruhr und Rhein aufhören müsse. Daß ö diese längstbekannte Forderung Poincarés gerade jetzt zu einem gemeinsamen Programmpunkt der französischen und belgischen Politik gemacht wird, bedeutet eine Erschwerung der Gesamtlage von größtem Ernst. Endlich, nach langen vier Wochen, ist nunmehr das neue deutsche Angebot erschienen. Deutschland er⸗ kennt nochmals mit feierlichem Nachdruck seine Ver⸗ pflichtung zur Reparation an. Ueber die Höhe und Art der Zahlungen soll nach erneutem Vorschlag der Reichsregierung eine unparuteiische inter- nationale Instanz entscheiden. Es wird also die

1 frage sein, ob Frankreich seinen bisherigen Widerstand gegen diesen Vorschlag zurückzieht, der zuerst von dem amerikani⸗ schen Staatssekretär Hughes gemacht und dann von dem englischen Außenminister Lord Curzon uns empfohlen wor⸗ den war. Wichtiger an dem neuen Memorandum ist die Formulierung von Garantievorschlögen für die, Durchführung der Reparation. Das Angebot der Reichsregierung gliedert sich in drei Teile. Einmal will sie bestimmte Einnahmen des Reiches als Sicher⸗ heit für die Reparations⸗Annuitäten verpfänden: die Zölle Kauf Genußmittel, die Verbrauchsabgaben auf Tabak, Bier, Wein und Zucker, die Erträge des Branntweinmonopols. Sodann will sie die Reichseisen bahnen, deren inanzen zu diesem Zwecke bis zum Jahre 1927 zu sanieren nd, mit einer Pfandhypothek von 10 Milliarden Goldmark

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beutschen Politik der kommenden Jahre werden; hier wird ich die patriotische Steuerwilligkeit der großen deutschen Wirtschaftskreise, des Grundbesitzes, der Industrie und der Großfinanz zu erweisen haben!

Ist nun der gute Wille auf der Gegenseite vorhanden, uf Grund dieses neuen Angebots zu vernü nf tigen

erhandlungen über eine endliche Ordnung ber zerrissenen europäischen Welt zu kommen? das ist unsere und Europas Lebens⸗ und Schicksalsfrage.

Die Ruhraktion Frankreichs war ein politisch kopf⸗ poses Unternehmen. Bis heute ist ihr Ziel in Phrasennebel sberhüllt geblieben, bis heute weiß auch in Frankreich nie⸗ nand genqu, was eigentlich an der Ruhr und mit welchen Nitteln es erreicht werden soll. Nur wenn es der Zweck ses Unternehmens war, Deut chland möglichst nahe an lie Anarchie heranzuführen und es möglichst ganz zu zer⸗ Fümmern, kann die Wahl der Mittel als einigermaßen weckmäßig betrachtet werden. Davon abgesehen war es beder möglich, aus der Ruhraktion eine direkte Befriedigung ler französischen Gläubigerinteressen zu sichern, noch 1 5 ane durchführbare Reparations regelung zugunsten Frank⸗ seichs zu erzwingen und wirklich durchzuführen. 15 N utschnationalen Worta le, . 8 b 1 0 aus womöglich den aktiven Rut auf dem Krriegsschauplatz zu entfachen sucht, sind 5 klichsten Erscheinungen im innerpolitischen 157 5 ge ee dee e e d munis mus, die ihre beste S d fi. be deutschvölkische ee 1 dnisvoller Förderung e e 1 1955 li In diese grün eud 71 840 5 1 0 h a 1 3 Prozeß hinein. Hun⸗ bon Millionen sind aus e. ind ige Subjekte zu kaufen un 0

i der beusschen Reuubhlik du ereichen Wem on, litär in unbeschütztes, friedliches Land ein 9 55 einen Menschen zum Pfand zu nehmen, 1 5

ochmals eroberten Gebiet eine wahre 8 987 0 ichtet, die mit Unterdrückung jeder staats⸗ eiheit Massenausweisungen, Einkerkerungen eitet, so beruft man sich auf den Ver⸗

gierung übereingekommen

Der Meinungsaustausch über die Cuno⸗Note.

Englands Zurückhaltung.

Zwischen Paris, London und Brüssel besteht z. Zt. ein Meinungsaustausch über die neue deutsche Note. Allgemein erklärt man in französischen amtlichen Kreisen, daß diesmal eine französisch⸗belgische Antwort und eine gesonderte Mit⸗ teilung der englischen, bezw. italienischen Regierung nicht zu erwarten sei. Aber auch eine gesonderte Antwort wirft auf die Zurückhaltung des neuen englischen Kabinetts ein schlechtes Licht. Die Regierung in London ist entschlossen, vorläufig ihre Stellungnahme zum Inhalt der deutschen Note nicht bekannt zu geben. Warum das geschieht, wird nicht erklärt. Aber es spricht vieles dafür, daß sich England von vornherein die Möglichkeit zu Kompromissen frei halten will, was kaum möglich erscheint, wenn die englische Re⸗ gierung schon jetzt mit ihrer Stellungnahme, die nicht zuungunsten Deutschlands sein dürfte, vor die Oeffentlichkeit tritt. Kompromisse scheinen notwendig, wenn eine gemein⸗ same Antwort möglich sein soll. 1 7

Um den passiven Widerstand.

Frankreich, oder vielmehr Poincars hält nach wie vor an dem Verzicht auf den passiven Widerstand fest, bevor Verhandlungen eintreten. Erst am Freitag wiederholte der französische Minister⸗ präsident vor den vereinigten Senatskommissionen der Finanzen und des Auswärtigen in Bezug auf die deutschen Vorschläge u. a. den wesentlichen Inhalt des Brüsseler Kommuniquss, den er auch jetzt noch aufrecht erhalten will, da die französische und die belgische Re⸗ sei, keinerlei deutschen Vorschläge zu prüfen, wenn in ihnen nicht ein Verzicht auf den passiven Widerstand vorgesehen ist. 5

Hierzu wird uns aus Berlin geschrieben: Wollen wir die Kapitulation vermeiden und bald wieder zu einem befriedigenden Zustand in innen⸗ und außenpolitischer Beziehung kommen, dann werden wir nicht umhin können, die Frage des passiven Widerstandes zu erörtern Es ist erfreulich, daß auch das Berliner Tageblatt inzwischen als erste Berliner Zeitung zu dieser Einsicht gekommen ist, wenn auch nach ihrer Art. In der Samstag⸗Ausgabe beschäftigt sich Theodor Wolff mit diesem Problem. Er sagt dabei u. a.: ö

Wir alle wissen und die Franzosen wissen es vermutlich auch, daß die deutsche Regierung den passiven Widerstand nicht besehlen, sondern höchstens unterstützen konnte und daß wir ihn, solange die französischen Basonette das Ruhrgebiet beherrschen, ebensowenig durch einen Befehl beseitigen können.

Wäre Theodor Wolff über die wahren Verhältnisse im Ruhr⸗ gebiet unterrichtet, dann hätte er diesen Satz, der an sich inhaltlich fast abgeleiert ist, nicht geschrieben. Wir würden ihm empfehlen, sein Studium über den passiven Widerstand im Ruhrgebiet in den Bezirken Bochum und Gelsenkirchen zu machen. Hier hat man nie an eine Kapitulation gedacht. Aber die Verhältnisse waren stärler und haben selbst dort großen Unmut hervorgerufen, wo mit dens Gelde des Reiches gerade nicht sorgfältig umgegangen wird. Sagen wir es doch ganz offen: Wir dürfen eine Erörterung über den passiven Widerstand nicht ablehnen, eine ehrliche, wenn auch schwierige Beilegung des Konflikts ist uns immerhin lieber als eine Kapitulation. ö

Die Einheit des Reiches muß bleiben.

Der Reichskanzler empfing am Freitag vormittag in Gegen⸗ wart des Reichsministers des Innern und des Reichswirtschafts⸗ minksters Abgeordnete verschiedener Parteien aus den besetzten rheinischen Gebieten. Der Kanzler erklärte u. a., daß alle Gerüchte, wonach die Reichsregierung in der Frage der Zugehörigkeit der Rheinlande zum Reiche und zu Preußen Zugeständnisse machen wollen, durchaus falsch seien. 6

Die Regierung habe im Gegenteil die Entente nicht darüber im Zweifel gelassen, daß eine Diskussion über die Ausgliederung der Rheingebtlete aus dem Verbande des Reiches oder der deutschen Länder für sie nicht in Betracht komme. Die Vertreter der Parteien trugen der Reichsregierung der im passiven Widerstand beharrenden Bevölkerung vor. Die Vertreter aller Parteien erklärten sich mit den Darlegungen des Reichskanzlers über die sogenannte Rheinlandfrage einverstanden. Die Rheinländer würden sich niemals mit den Plänen auf Errich⸗ tung einer rheinischen Republik unter dem Drucke der Entente und unter fremder Kontrolle abfinden. In keiner Partei des Rhein⸗ landes gäbe es in diesen Fragen ein Schwanken oder eine Mei⸗ nungsverschiedenheit. Die Vertreter der Sozialdemokratie fügten diesen Erllärungen besonders scharfe Worte gegen die Pläne einer internationalen Gendarmerie hinzu. Niemals werde sich die rheinssch⸗west⸗

Wünsche

fälische Arbeiterklasse mit einer solchen Milftärdittatur ab⸗ finden.

Auch diese Aeußerungen wurden von den Vertratern der übrigen

Parteien unterstlützt. 0

Der Reichskanzler wird am Samstag in Mlinster mit Ver⸗ 8 1

tretern der Ruhrbevölkerung, am Sonntag in Elberfeld mit Ver⸗

tretern der mittelrheinischen Bevölkerung, am Montag in Sild⸗

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ömenltlon: gießen, 4 f Bahuhoffraße 2

. Oberb. Volkszeitun 1 0 WF e 1 Abonnementspreis 5 55 ben Vela ede d mega vormittag in Gießen. Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters. Der Anzeigenpreis beträgt für die Millimeterzeile(85 mm breit) oder deren 5 chaftliche Beilage beträ b monallich 5800 lg der Frau undLand⸗ Für den Inseratenteil verantwortlich: R. Strohwig. Raum lokal 60. Mk, auswärts 80. Mt., die Reklamemillimeter zeile chdie Post bezog. 5500 Mteinschl Vest 17 8 9 5 einschl. Brin erlohn. Verlag von Hermann Neumann& Cie. sämtlich in Gießen. 900. Mk. Bei größeren Aufträgen oder Wiederholungen wird entsprechen? ö »Bestellgeld. Einzelnumm. 220 et Druck: Verlag ffenbacher Abendblatt G. m. b. H. Offenbach a. M. der Rabatt gewährt Anzeigen-Annahme bis 6 Uhr abends.

18. Jahrgang 4

deutschland mit Vertretern der badischen Bevölkerung und am

Dienstag in Essen mit Vertretern der Fühlung nehmen. f 7 0 Auch im preußischen Landtag wurden am Freitag vom M

nisterpräsidenten und den Rednern der Parteien Erlärungen über die Unantastbarkeit des Rheinlandes abgegeben. Auf Antrag der unterzeichnet von Dr. Leidig(D. V.),

vier Koalitionsparteien, Porsch(Zentrum) und Limbertz(Soz.), wurde beschlossen, die Rede des preußischen

Schreiber⸗Halle(Dem.)

verbreiten.

Der steigende Druck.

Der am Donnerstag morgen besetzte Bahnhof Wattenscheid i wieder geräumt worden, nachdem die Franzosen die Anschlußgleise

den Bahnhöfen einige Stunden festgehalten und dann zurückbefö!

Die ZecheEintracht, Slidbau 2, ist nach Abtransport aller Halden⸗ kohlen durch die Franzosen wieder geräumt worden. Am Fre haben die Belgier die ZecheWilhelmine Viktoria besetzt große Mengen von Putzwolle, Tinte, Schreibpapier, Oele usw., wie auch eine Lokomotive mitgenommen. Als sich die deutschen Arbeiter widersetzten, wurden sie mißhandelt. In Hamborn ist durch die Besatzung der Straßenbahnverkehr stillgelegt worden. Wet

Sabotageakten wurde über die Gemeinde Winz eine Geldstrafe von 100 Millionen verhängt. a

In der Nähe von Gelsenkirchen wurden Deutsche überrascht, die

Pfalz und Rheinhessen

Ministerprästdenten über das Rheinland im ganzen Lande durch Maueranschlag zu

so⸗

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im Begriff waren, die Brücke am fiskalischen Hafen am Rhein⸗Herne⸗ 1

Kanal bei Dellwig zu sprengen.

haftes Gewehrfeuer. Sie verwundeten eine und verhafteten zwei

Personen. Auch hier soll wieder Verrat auf deutscher gespielt haben. f

Die Auffassung in Washington.

Wie das Journal of Commerce aus Washington erfährt, wird

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die neue deutsche Note in amtlichen Kreisen als ein deutlicher Fort⸗ schritt gegenüber allein angesehen, was Deutschland bisher angeboten a

habe. Man sei der Ansicht, daß der Vorschlag einer Konferenz ge⸗ eignet sei, die Grundlage für Verhandlungen zu bilden, die letzten

Endes in eine Verständigung ausmünden würden. Obwohl berichtet werden könne, daß hohe Regierungskreise der Ansicht seien, daß die

Note einen Hoffnungsstrahl darstelle, bestehe doch kein Anzeichen da⸗ für, daß die Vereinigten Staaten auf der vorgeschlagenen Konferenz vertreten zu sein wifnschten, es sei denn, daß sie von den Alliierten ausdrücklich zur Teilnahme eingeladen würden.*

Andere Blätter haben ähnliche Nachrichten. n e

Die Franzosen eröffneten ein leb⸗

Seite mit-

Die Politik Italiens. 15

In der Freitag⸗Sitzung des Senats ergriff Ministerpräsident 25

Mussollni das Wort zu einer Erklärung, in der er die allgemeine Linie der italienischen Politik darlegte und unter anderem betonte, es sei ein italienisches Interesse ersten Ranges, die friedliche Lösung der europäischen Krise zu beschleunigen. Diese Krise wäre seit dem Versailler Vertrag von der Reparationsfrage beherrscht. Gegenüber

dieser Frage ist die grundsätzliche Stellungnahme Italiens folgende?

1. Deutschland kann und muß den Betrag zahlen, der bereits jetzt im allgemeinen aufgestellt zu sein scheint und der von den

mehr als 100 Milliarden, von denen nach Abschluß des Waffenstill⸗

standes die Rede war, weit entfernt ist. ö

2. Italien kann keine Abänderungen oder auch solche territorialer Art dulden die eine Hegemonie wirtschaftlicher, politischer oder so⸗ gar militärischer Art herbeiführen könnte.

3. Italien will sein Anteil am Opfer tragen, falls das für den Wiederaufbau der europäischen Wirtschaft notwendig sein sollte.

4. Die italienische Regierung beharrt heute mehr denn je und angesichts der letzten deutschen Note auf ihrem Standpunkt, daß die Reparationsfrage und die Frage der europäischen interalliferten Schulden miteinander in engem Zusammenhang stehen und in einem gowissen Sinne voneinander abhängig sind. Es bestehe kein Zweifel darüber, daß die Besetzung des Ruhrgebietes die Reparationskrise wesentlich verschärft habe.

trag von Versailles, der Frankreich zu alledem das Recht geben soll. Auf welche Vertragsklauseln, auf welches Recht, auf welche Moral will man sich berufen, wenn französische Agenten in Offiziersuniform unbesetztes deutsches Gebiet be⸗ setzen, um die Lunte an die deutsche Reichseinheit zu legen?

Aus diesen unerträglichen Zuständen hinaus⸗ zukommen, ist ein Interesse nicht bloß des deutschen, sondern auch des französischen Volkes und der ganzen Welt. Erst spätere Zeiten werden erkennen, daß ein wirklicher sittlicher Heroismus dazu gehörte, wenn weite Kreise des deutschen Volkes, voran die Sozialdemokratie, nie aufhörten,

und fast unmöglich man es ihnen auch machte. Wer aber will die Verantwortung dafür übernehmen und welche Per- spektiven tun sich für die europäische Menschheit auf, wenn diese Politik der Verständigung Schiffbruch erleidet?

Es ist höchste Zeit, an den Verhandlungstisch zu treten mit dem ehrlichen Willen, die Atmosphäre zu ent⸗ giften, die Gegensätze auszugleichen, klare Bahn für ein friedliches Zusammenleben der Völker zu schaffen. Möge der neue Schritt Deutschlands in diesem Geist von der Welt aufgenommen werden!

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