Ausgabe 
11.4.1923
 
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unmer neue Kfassen zu schaffen.Die Krankenkasse soll doch einen sohialen Alisgleich bilden und ich halte es deshalb nicht für gerecht, daß man dem einzelnen den durch die Geldentwertung entstaudenen Schaden zusügt; denn daß jemand, der 20 Wochen krank ist mit täglich 350 Mark Krankengeld eine Familie ernähren kann, ist unmöglich. Die Reichstagsabgeordneton bitte ich, um Auskunft, an welche Stelle sich ein in solchen Nöten befindlicher Kranker um Unterstützung wenden soll. Andernfalls müßten dem Reichstage Vorschläge gemacht werden dahingehend, daß länger Erkrankte mindestens eine Unterstittzung erhalten, die der Erwerbslosenunter⸗ stützung glesch kommt. Ich glaube mit dieser Gsendung Vielen s dem Herzen gesprochen zu haben. L. S. in L

(Anmerkung d. Red. Wir bemerken dazu, daß die Beiträge, sowie die Unterstützungssätze be! der Ortskrankenkasse auf reichs⸗ gese u Bestimmungen beruhen.) g

Kleine Nachrichten.

Frankfurt a. M. 9. April. Getreidebörse. Bei fester G schäfts 5 wurden bezahlt für je 100 Kilo Weizen Mk. 103 000

107 Roggen Mk. 95 00098 000, Gerste Mk. 77 000 bis 600, Hafer(inländischer) Mk. 78 000.80 000, ausländischer 8400092 000, Mafs(La Plata) Mk. 110 000, Mixed Mk. f 000 Weizenmehl(füddeutsches) Mk. 165 000185 000. Roggen⸗ 5 Mk. 120 000135 600, Kleie Mk. 47 000 50 000, Erbsen Mk. 55 180 600, Biertreber Mk. 50 900. Frankfurt a. M., 9. April. Frankfurter Viehmarkt. Troß der vetmehrten Zufuhr von Vieh machte sich heute eine aber⸗ malige Pireissteigerung auf fast allen Märkten bemerkbar. Es wären aufzetrieben: 165 Ochsen 90 Bullen 816 Färsen und Kühe, 277 Kälber 32 Schafe 1235 Schweine. Es wurden bezahlt für 1 7 0050 Lebendgewscht: Ochsen(vollfleischige) Mk. 270 000 0 N 921 mäßig genährte Mk. 220 000260 000, gering ge⸗

180 000.210 000 Bullen Mk. 190 000245 000, Fersen he(vollfleischigeß Mk. 270 000300 000, mäßig genährte 170 000260 000, gering genährte Mk. 100 000160 00. Kälber

schlier Qualität Mk. 290 000330 000, mittlerer Qualität Mk. 220 000 280 000, geringere Qualitat Mk.., Schafe Mk. 180 000230 000, Schweine unter 80 Kilo Mk. 280 000 310 000, von 80100 Kilo Mk, 320 000350 000, über 100 Kilo Mk. 330 000

Gis 340 000. Der Markt wurde bei lebhaftem Handel geräumt.

Frankfurt a. M., 9. April Internationales Gauner⸗ paar. Die Kriminalpolizei ist augenblicklich auf der Suche nach einem gefährlichen internationalen Gaunerpgar, das in sast allen füddeutschen Kurorten mit reichem Ersolg seine Mitmenschen be⸗

trogen und begaunert hat. Es handelt sich um den 37jährigen

Kailfmann Paul Rußwyl aus Dütseldorf und die 25jährige Herta N aus Essen. Das Paar hat zuletzt in Garmisch einer Kölner Dame ein Paar Perlohrringe im Werte von 20 Millionen Mark abgeschwindelt. Zuletzt hat es seine Tätigleit in Frankfurt aus⸗ geführt. Auf seine Ergreifung hat man eine Belohnung von

5050 auf die Wiedererlangung der Ohrringe eine solche won 500 000 Mark ausgesetzt.

1 00 den, 8. April. Französisches Grenzver⸗ gehen. Am 28. März ritten nachmittags um etwa 2 Uhr zwei französische Soldaten, darunter ein Unteroffizier, in das unbesetzte Dorf Eschollbrücken hinein. Sie betraten, augenscheinlich in schon betrumkenem Zuftand, die Wirkschaft Hauf, wo sie je ein Glas Bier

id eine Flascke Wem tranken. Auch in der WBirtschoft Pfeiffer Exhielten sie, nachdem sie mit der Schußwaffe gedroht hatten, je ein 7070 ter. Sie verließen später im Galopp das Dorf, rissen dabei zinem harmlos auf der Straße stehenden Landwirt die Mütze vom 1 und gaben 2 Pistolenschüsse w. Bei der Aufregung, in die die kerung hierdurch geriet, hätte es leicht zu Tätlichkesten kommen f m Karfreitag trieben sich ebenfalls 2 berittene franzö⸗

n.

die scharfe Schüsse abgaben. Nauheim(Kr. Gr.⸗Gerau), 7. April. Schießeifer eines französischen Bahnpostens. Bei der am 27. März nach⸗ mittags abgehaltenen Holzversteigerung die nur für hiesige Ein⸗ wohner stattfand, waren 20 bis 30 Leute erschienen, Handwerks⸗ leu n Nauheim. Nachdem 24 Stämme an der Mainzer Straße verkan ef der wollte man sich auf die andere Seite der Eisen⸗ bahn über den unterhalb des äußersten Stellwerks gelegenen . a begeben, um dort noch 7 Stämme zu verkaufen. Daran wo meist Handwerker, beteillgen. Als man

u ett 2 Leute,

rich Gütlich und Jakob Jourdan, blieben liegen, bis

Soldaten im Eberstädter Wald, Abt. Klingsacker⸗Tanne, her⸗

senkrecht auf den Uebergang zukam, konnte man den auf dem Stell⸗ werk befindlichen Posten nach seinem Gewehr greifen sehen. In demselben Augenblick machte der Posten zurückweisende Handbe⸗ wegung, woraus man schloß, daß er das Ueberschreiten des Bahn⸗ körpers auf dem darüber führenden Jußpfad nicht gestatten wolle. Die Leute blieben einen Augenblick stehen und leisteten sogleich der Aufforderung zum Umkehren Folge, als der inzwischen unesl. vom Stellwere heruntergekommene Posten sein Gewehr lud. Die Leute entfernten sich wieder in der Richtung nach der Mainzer Straße, einzelne wollten anscheinend den zwischen dem Hahnschutzstreisen und dem Wald hinführenden Weg entlang nach bem Uebergang Hügelstraße gehen. Der Posten war so schnell wie er herebge⸗ kommen, wieder auf das Stellwerk geeilt und sprach dort heftig anscheinend am Telephon, was die Zurückge enden im Wald noch höcen konnten. Wieder einen Augenblick später sielen zwei scharfe Schüsse kurz nacheinander. Die Leute suchten Deckung hinter Bäumen und durch Hinlegen auf den Boden. Zwei 9 5 ie Wache vom Bahnhof erschien, welcher sie den Sachverhalt klar machten. Diesen zwei Leuten wurde nun von der Wache der Fußübergang über den Bahnkörper freigegeben. Durch einen der beiden Schüsse ist dem Schlosser Phil. Diehl 1. der Rockärmel an der Außenseite aufgeschlitzt worden. Der Postenführer erklärte, der Soldat habe ihm gemeldet, es komme ein ganzes Bataillon Zivil aus dem Walde. Der Posten habe in einem Irrtum gehandelt, das Ueber⸗ schreiten des Bahnkörpers sei nicht verboten. Die Bevölkerung wurde durch das Vorkommnis in begreifliche Erregung versetzt, da, wie sich herausstellte, auch einzelnen Personen der Uebergang schon verwehrt wurde. Nach einer Mitteilung des Kreisdirektors von Groß⸗Gerau an den französischen Kommandanten Haas über die⸗ sen Vorfall, erwiderte dieser lediglich, daß er nicht in der Lage sei, in die Instruktion des französischen Eisenbahnposten einzugreifen. In der Antwort fehlt jedes Wort der Entschuldigung. Gegen diese Vorfälle wurde von den zuständigen Stellen des Reiches und hessi⸗ schen Staates energisch protestiert.

Mainz, 8. April. Beschlagnahmte Erwerbslosen⸗ gelder. Bei der städtischen Sparkasse nahmen die Franzosen durch ihre Kriminalpolizei eine Haussuchung vor, in deren Verlauf sie Alten und etwa vierzehn Millionen Mark in bar beschlagnahmten, alles Gelder, die an die Erwerbslosen auf Grund der gesetzlichen Fürsorgebestimmungen auszuzahlen waren. Durch die Beschlag⸗

nahme hat nur ein Teil der Erwerbslosen die ihm zustehenden Gelder

erhalten können, sodaß in diesen Kreisen die Erregung eine ganz außerordentlich große ist. Die Stadtverwaltung, bei der bereits eine Kommission der Erwerbslosen aufs dringendste vorstellig geworden ist, hat energisch bei dem Delegierten Protest erhoben. Im Zusam⸗ menhang damit steht auch eine Haussuchung bei dem Kreisamt hier. Die Horcher an der Wand. Ein Kulturdokument aus nachrevolutionärer Zeit.

Ein Chemnitzer Bürger, der als Witwer im Befitz einer kleinen Wohnung ist und seinen Haushalt von seiner Braut führen läßt, hat von der Polizeibehörde einen Trennungsbefehl bekommen, der als Kulturdolument bekannt zu werden verdient:

An Herrn X. N, hier!

Sie unterhalten mit Fräulein 3. ein unsittliches, ärgernis⸗ erregendes Verhältnis

Auf Grund der Bestimmungen in 8 2 unter 1 des Gesetzes A vom 28. Januar 1835, verbunden mit§ 8 des Gesetzes vom 8. März 1879 wird Ihnen aufgegeben, sich dieses unstttlichen, ärgerniserregenden Verkehrs zu enthalten. Insbesondere wird Ihnen untersagt das gegenseitige Besuchen, Besuchs⸗ annehmen, das Wohnen und Nächtigen in einem und demselben Hause sowie jedes Betreten der gegen⸗ seitigen Wohnungen, auch wenn diese ait dritten Per⸗ somen geteilt werden. 5

Für jeden Zuwiderhandlungsfall wird Ihnen eine Strafe von 400 M. Geld, hilsw. vier Tage Haft angebroht.

Zur Vermeidung gleicher Strase haben Sis ferner den gegenwärtigen unstatthaften Zustand des Wohnens in einem und demselben Hause binnen 14 Tagen, von Empfang dieser Ver⸗ fügung gerechnet, durch Trennung zu beseitigen.

Polizeipräsidium. gez. Dr. Schulze, Oberregierungsrat. Ausgefertigt, Chemnitz, am 28. Feb mar 1923. Körnig, Verwaltungsinspektor.

Wie die Chemnitzer Volksstimme hierzu mitteilt, delt ele Rechtsrat und ehemaliger Offizier der nachbar des auf dem Boden der Republik und des Sozig stehenden Bürgers k. Y. und es reflektiert ein Fre Herrn Rechtsrats in demselben Hause auf die Wohnung freiwilliger Che lebenden Paares. Der Begriff des Aerhe nehmens ist, laut Akten, dadurch gegeben worden, daß der Rich durch Horchen an der Wand an dem Zusammensezn beiden Menschen Anstoß genommen hat. 5 7

Man stelle sich vor, daß die Polizeibehörde ein Dokument nicht an einen armen Teufel, sondern einem reichen Herrn in seiner Villa geschickt hätte, um ihm zu b binnen 14 Tagen seine Mätresse zu entlassen und auch das ge seitige Besuchen einzustellen! Gegen Arbeiter aber glaubt me solche merhörte Herausforderungen erlauben zu können. Arbeiter wagt man es, zwei Menschen, die sich lieb haben, ni das Zufammenwohnen, sondern sogar das gegenseitig suchen selbst in Gegenwart dritter Personen zu verbieten

Das Ministexium des Innern hat mittlerweile auf de drücklichen Protest des Angegriffenen die Verfügung auch 0 zurückgezogen Und das ist das einzig Erfreuliche an der G

Der Mord des griechischen Studenten Papademotrit Grunewald bei Verlin ist aufgeklärt worden. Als Mörder 26 Jahre alte Dyonisos Georgatos aus Athen ermittelt der sich seit zwei Jahren beschäftigungslos umhertrieb En b aus den Fenstern seiner Pension gestürzt und so den Tod gef

Lokale Parteinachrichten. An die Ortsvereine!

Werte Genossen und Genossinnen! Unser Frauenorgm Gleichheit, wird am 1. Mal ds. Js. als internationale Num doppelter Stärke von 24 Seiten herauskommen. Sie wir 0 auf den 1. Mai als Weltfejertag als auch auf die an e Hamburg stattfindende internationale Konferenz eingestest und Beiträge bekannter internationaler Genossinnen e 1 Da die Nummer bereits Mitte April fertiggestellt sein muff nötig, schon jetzt überall eifrige Propaganda dafür zu mache stellungen müssen alsbald bei den Parteibuchhandlungen o Buchhandlung Vorwärts. Berlin SW. 68 Lindenstraße, gegeben werden. Wir empfehlen den Ortsvereinen, die Nn zu einer Verbreitung unseres Frauenorgans zu benützen im Beslellungen baldmöglichst aufzugeben..

Mit Parteigruß W. Widmann. Bezirkssek .

An die Ortsvereine des 6. Unterbezirks(Grünberg

Am Sonntag, den 15. April, nachmittags 2 Uhr fi Grünberg im Lokale Witwe Repp eine

Unterbezirks⸗Konferenz rdnung statt:

75

.

2 2

5 2

2

mit folgender Tageso 1. Jahresbericht. 2. Neuwahl des Vorstandes. 3. Bezirksmaifeier. 5 Zu dieser Konferenz werden die Ortsvereine Grünberg, horn, Lauter, Ettingshausen, Weikartshain, Göbelnrod, 8 Lumda, Beltershain, Stangenrod, Stockhausen und Reinhald ersucht, Vertreter zu entsenden. Kein Ort darf 2 5 N er

* An die Ortsvereine des 7. Unterbezirks( Rabenau]. Sonntag, den 15. April, nachm. 3 Uhr Unterbez sammlung bei Gastwirt Bergen in Allendorf a. d. Oda. ordnung: 1. Bezirksmalfeier, 2. Aussprache über Genosseh 3. Verschiedenes. Alle Ortsvereine mülsen vertreten sen Der Vorstand: H. Schu

Versammlungskalender.

Treis a. da. Volksverein. Samstag den 4 abends 9 Uhr be Gastwirt Amend Versammlung. Tages N Abrechnung des 1 Quartals 1929; die diesjährige Maffeich richt der Gemeinde⸗Vertreter. Sämtliche Genossen milssen Stellẽ sein..

Treis a. Lda. Freie Turnerschaft. Donnerstog 12. April, abends 9 Ühr bei Gastwirt Will Versammlung

5 sämtlscher aktiven. sowie passiven Turner ist wünscht.

Antisemitische Wissenschaft.

Bei denDeutsch⸗Völbischen und Antisemiten ist es eine be⸗ te Art, bedeutende Männer als Zeugen für ihre rückständigen An uungen ausgurusen. Goethe, Schlller alle Dichter und Philosophen von, Bedeutung müssen für diesen Zweck herhalten. 9 muß sich nur wundern daß sie nicht auch noch Lessüng, den Dichter desNathan der Weise für sich reklamieren. Die Hetren machen sich diese Beweisführung sehr leicht; es gibt da in den Werken dieser Männer irgend eine Stelle, die vielleicht krgend einer Person in einem Roman oder Bühnenwerk in den Mund gelegt sich als judenfeindliche Aeußerung des betreffen⸗ dent Verfassers auslegen läßt. Unter Umständen wird die Wahr⸗ heit etwas umgebogen, um den gewollten Zweck zu erreichen. In der neulichen Schöffengerschtsverhandlung las Oberlehrer Dr. Lenz zur Begründung seiner deutschvölkischen antisemitischen Ansichten ein langes Zitat aus Luther vor. Unstreitig war Luther ein be⸗ deubender Mann. Er lebte aber vor 400 Jahren, in der sinsteren Zeit der Ketzer⸗ und Juden verbrennung und konnte selbstverständ⸗ lich vom Geisie seiner Zeit nicht gang unbeeinflußt bleiben. In Bezug auf das Jeudentum hat ei übrigens seine Ansichten mehr⸗ fach geändert. Es ist daher für qinen Lehrer von heute höchst be⸗ denklich Luther als Autorität für antisemitische Ansichten anzn⸗ führen. Die Herren werden aber dabei von keinem Bedenken irgendwelcher Art geplagt, sie zitieren munter drauf los selten ontrolliert ja einer die Zitate nach! Mauchmal geschheht's aber och und da wurden sie schon oft mit ihren Zitaten abgeflihrt. So 1555 4 bezüglich Goethes und Luthers Antlsemitismus ge⸗ schrleben:.

Was würde man wohl von einem Menschen scagen, der Goethes berühmten Osterspahergang imFaust zum Vewejse dafür an⸗ führen wollte daß der Dichter ein Felnd des Naturgenusses und der Freude an der erwachenden Natur im Frühling gewesen sei? Man würde es mit vollem Recht als wahnsinnsges Unterfangen hinftellen, die Verse, die Goethe dort Wagner sprechen läßt:Man steht sich leicht an Wald und Feldern satt, Des Vogels Fittich werd' jch nie bengden usw., und die bestimmt ind kurch den krassen Gegensatz die Vecherrlichung des jungen Frühlings um so kräfticer he'vortreten zu lassen, in dem ange⸗ gebenen Sinne deuten zu wollen. Genau dasselbe tun aber bie Amtisemften, die einzelne Verse oder Prosastellen in den Werken Goethes aus dem Zusammenhang ro ßen um damit den Dichter zu ihrem Gesinnun genossen zu stempeln. Sie zitieren mit Vor⸗ liebe aus demJahrmarktfest zu Plundersweflern die Verse:

Und dieses schlaue Volk sicht einen Weg nur offen, Solange die Ordnung steht, solang hat's nichts zu hoffen. .... Sie haben einen Glauben, Der sie berechtigt die Fremden zu berauben.

Der Jude liebt das Geld und fürchtet die Gefahr.

Er weiß mit leichter Miih und ohne viel zu wagen,

Durch Handel und durch Zins, Geld aus dem Land zu tragen. dDiese Verse drücken keineswegs die Ansicht Goethes aus der Dichter legt sie vielmehr dem Judenhassex Haman, 150 Miulster des Königs Ahasverus, in den Mund, damit dieser durch bestinunt werden soll alle Juden im persischen Reiche zu vernichten. Was der König erwidert, wird natür⸗ lich ünterschlagen: er sagt:

fernlagen Shalespeare und Linné als den Geist bezeichnet hat, der den seinen

Ich weiß das nur zu gut. mein Freund ich bin nicht blind; Doth das tien andere mehr die unbeschesttten sind.

Mit demselben Unrecht versucht man insbesondere aus drei aus dem Zusammenhang gerissenen Stellen inWilhelm Meisters Wanderjahren(2. Buch 2. Kap. und 3. Buch, 9. u. 11. Kap.) die Judenferndschaft Goethes zu beweisen. Eine Stelle im 13. Buche vonDichtung und Wahrheit hat Chamberlain vor 20 Jahren umgefälscht inDuldsamkeit gegen die Juden bedroht die bürgerliche Verfassung. Trotzdem dem Fälscher nachgewiesen wurde, daß an der betr. Stelle das genaue Gegenteil dessen steht, was er behauptet haf Ch seine Fälschung in Deutschl. Ern. und in einer besonderen Flugschrift während des Krieges von neuem wieder auf das Tapet gebracht. Gerade im 13. Buche von D. u. W. bekennt sich ja Goethe ausbdrlscklich als Anhänger des Humanismus und damit der Juden emanzüi⸗ pation. Es ist geradezu lächerlich behaupten zu wollen, daß unsey größter Dichter ein Judenseind gewesen sei, er, der stets⸗ auf das entschiedenste dio Toleranz in Glaubenssachen vertrat und der einst über LessingsNathan solgenden Ausspruch nieder⸗ geschrieben hat:Möge doch die bekannte Erzählung glücklich der⸗ gestellt, das deutsche Publikum auf ewige Zeiten erinnern, daß es nicht nur berufen wind. um zu schauen, sondern auch um zu hören und zu vernehmen! Möge zugleich das darin ausgesprochene gött⸗ liche Duldungs⸗ und Schonungsgefühl der Nation heilig und wert bleiben! Der vertraute Genosse seiner letzten Jahre, F. W. Memec, hat ausdrücklich bekendet, daß G.kein seiner als Natur⸗ und Geschichtsforscher unwürdiges Vorurteil gegen sie(die Juden) haben konnte und er selbst sagt ja in seiner Schrift Meine Religion ausdrücklich:Aber ich hasse die Juden nicht. Was sich in meiner friiheren Jugend als Abscheu gegen die Juden in mir regte war mehr Scheu vor dem Rätsel⸗ haften, vor dem Unschönen. Meine Verachtung, die sich wohl zu regen pflegte war mehr der Reflex der mich umgebenden christlichen Männer und Frauen. Erst später, als ich viele geist⸗ begabte, feinfühlige Männer dieses Stammes kennen lernte, ge, lellte sich Achtung zu der Bewunderung, die ich für das bihelschöpferische Volk hege und für den Dichter, der das hohe Liebessed gesungen. Daß G überhaupt antisemitische Regungen vehßt ja schon daraus hervor, daß er Spinoza neben

am stärksten beinflußt habe,

Aus Martin Luthers Schriften und zwar aus denen seiner späteren Zeit, werden in Fritschs Hdb. einige Stellen ange⸗ führt, die dessen Judengegnerschaft dartun sollen. L. hat oftmals in seinen Schriften und Reden Gelegenheit genommen, sich über die Juden muszusprechen. Als Kind seiner Zeit war er auch voll von ihren Vorurteilen, und so darf es nicht wundernehmen, daß sich manches kräftige Wort gegen die Juden vorfindet. Es ist auch richtig, daß er gegen die Juden die Vorwürfe erhob, sie trieben Wucher, sie fluchten den Christen und bewiesen ihnen alle Tücke und anderes mehr. Ja noch schärfere Urteile sprach er über die Juden aus. Aber diese entstammen seinem Greisenalter, we er durch viele Umstände verbittert war, während er als reifer Mann von vierzig Jahren nur achtungsvoll von den Juden sprach. Er war jedenfalls kein Antisemit im heutigen Sinne! Das konnte er nicht sein, er, dessen ganzes Leben und dessen ganze Lehre vom Alten und Neuen Testa⸗ ment ausging. Gerade die genaue Kenntnis des Alten Testaments diktierten ihm goldene Aussprüche über die Juden, die jede andere Gesumung atmen. nur nicht Judenhaß und Judenfeindschaft! So

*

segt L. einmal:s sind aber die Huden des Geblüts hic Edelsten auf Erden, und so man eine edle Geburt malen welt 5 1 die Juden nehmen, um ihres Berufs, und Er Wi.

Beziehen sich diese überschwenglichen Worte auch mur Juden des Alten Testaments, so beweisen seine Werke m reden, daß er auch für die Inden seiner Zeit ein warmes Hen end für ihre Fehler ein geschichtliches Verständnis hatte.Wir Haben gber Volk(die Juden) lieb, sagt er in seinenTischreden.Es ga treffliche Männer gehabt. Er sah, wie elend es den Jutz und wie sie unterdrückt und gequält wurden. Deshalb riet er! sollten die Juden nicht so unfreundlich beh md

Wenn er den Juden vorwirft, daß sie Wucher treiben, ü klagt er es andererseits, daß sie von jedem ehrlichen Hand ö Gewerbe ausgeschlossen seien. Gerade der Dr. Martin Luthe, 1517 seine Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg schlug, günstig über die Juden. Im Jahre 1523 damals war 40 Jahre alt! ließ er in Wittenberg ein Buch erscheinen, u er sich gegen die Judenhasser in den kräftigsten Ausdrücken um Der Titel des Buches lautet:Daß Jesus Christus ein gehn Jude sey. In diesem Vuch heißt es u. a.:

Unsere Narren, die Papisten, Bischöfe, Sophisten und die groben Esels haben bisher also mit den Jude fahren, daß, wer ein guter Christ gewesen, hätte wohl p Jude werden. Und wenn ich ein Jude gewesen wäre un solche Tölpel und Knebel den Christenglauben regieren und le gesehen, so wäre ich eher eine Sau geworde ein Ehrist. Denn sie laßen mit den Juden gehende wären es Hunde und nicht Menschen... Darum wäre men und mein Rat, daß man säuberlich mit ihnen ungehe und mn Schrift sie unterrichtet. Will man inhen helfen, so muß man! licher Liebe Gesetz an ihnen üben, sie freundlich annehme, lassen werben und arbeiten, damit sie Ursache und Raum ger bei uns und um uns zu sein. 0

Zu seiner späteren Sinnesänderung über die Juden namentlich Mißerfolge bei, die ihm bei verschiedenen Bekes versuchen widerfahren waren. Es ist aber nicht wahr, was dings die antisemitische Geschichtsklitterung behauptet, daß dg wille über den Wucher der Juden, der auch zu dem aufstamde beigetragen haben soll, das Urteil des Reformatoß das Volk Israel unglünstig beeinflußt habe. Den Wucher, N in seiner abscheulichsten Form, hatte der Reformator schon vol ganz anderer Stelle sich breitmachen sehen. Mit seinen Thee den Ablaß handel wollte er nicht nur den Tetzel treffen, den

krämer, sondern auch den reichen Fugger in Augsburg, 0 sörmliche Ablaßbank gegründet hatte und mit dem Ver Sündenvergehungen und Scligkeitsversprechungen das Geschäft machte. Die Fuggerschen Kaufleute zogen mit predigern geschäftseifrig in den Bistsimern umher, den 5 Gnade gegen Barzahlung zu verkaufen. Der Auspllinderi en deutschen Volkes durch die romischen Ablaßwucherer und ihr pagnons aus den deutschen reichen Kaufhäusern galt se öffentlicher Vorstoß. So oft Luther Gelegenheit hatte, sich 255 2 zu müssen stets traf er auf chri

Fucher, daher au eine ebnet Dan allgemeinen. 9 eee

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