Ausgabe 
11.1.1923
 
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Naumann, Rumpf, Frau Schenck, Schmahl, Schwieder, Siebert, Wenzel, Winn;.

Kommunistische Partei: Bierau, Haupt, Seng.

Gegen Uhr eröffnete Oberbürgermeister Keller

die Sitzung mit folgender Ansprache:

Meine Dame, Herren! Es ist meine Aufgabe, die bei der Menneh ber Sladtwerordnelen-Versammlung am 19. November vorigen Jahres gewählten Stadtverordneten in ihr Amt einzuführen und uu verpflichten.

Ich begrüße zumächst diejenigen, Stadtverordneten, die bereits früher der Stadtverordneten⸗Versammlung ange ört

und auf Grund ihrer Wiederwahl berufen sind, auch in den ihre Kräfte dem Wohle unserer Stadt zu die Stadtverwaltung von großem Wert, eine Mitarbeiter vorzufinden, die durch mehr⸗ tigkeit mit den schiierigen und vielseitigen Aufgaben

gabe wird es. so bofse ich erordneten bald gelingen, die Kenntnis und Erfahrung zu gewinnen, die zur gedeihlschen Ausübung des. n

. ine Damen und Herren! Sie alle bringen durch Ihre Bereitwilligkeit zur Mitwirkung an den städtischen Geschäften ein großes Opfer und ich erwarte von der Bevölkerung daß sie diese Opferwilligkeit und Verantwortungsfreudigkeit ihrer er⸗ wählten Vertreter dankbar anerkennt. Das Amt eines Stadk⸗ verordneten ist in der heutigen Zeit so schwer, verantwortungsvoll und arbeitsreich, daß ein beträchtliches Maß von Pflichtgefühl und Gemeinsinn erforderlich ist, es zu übernehmen.

Das begormene wird man gebe sich keiner Täuschung hin ein Jahr von nie dagewesener Schwere wer⸗ den. Der Friedens nertrag von Versailles hat nuch nach 3% Jahren dem deutschen Volke keinen Frieden gebracht, sondern Kampf: Kampf gegen Willkür und Gewalt Kampf um den Bestand des Reiches Kampf ums nackte Leben des deutschen Volkes. Von Tag zu Daa vermehrte Not und neues Elend hervor⸗ rufend, drückt der Versailler Vertrag auch auf die Städte, die

an der Front des wirtschaftlichen Lebens auf dem vordersten Posten stehen. Aber Got hat noch keinen Deutschen

verlassen der sich nicht selbst aufgegeben hat. Wer den Blick rückwärts wendet in die Geschichte der deutschen Städte, weiß, daß schon über manche deutsche Stadt im Laufe der Jahrhunderte schweres Unalfick gekommen ist, Krieg und Pestilenz, das Gespeust des Hungers die Not des Feuers und des Wassers, und daß noch immer die Kraft der Städtebürger des Unglücks Herr geworden ist. So glaube ich daß das deutsche Volk auch das gegenwärtige, allerdnas beispiellos harte Schicksal schließlich wird melstern können. Diese Hoffnung muß ich aber an Vorausetzungen kmüpfen. die ich Sie. meine Damen und Herren, bei Ihrer öffentlichen Wirksamkeit sehr zu beachten und zur Richtschnur Ilwes Handelns zu machen bitten möchte.

f Vor allem muß das deutsche Volk. frei von aller Illusion, mit unbeirrtem Blick seine fürchterliche Lage erkennen und mit klarem Wirklichkeitssinn die Tatsachen sich vor Augen halten. Gar manche Selbsttäuschung hat den Gesundungsprozeß verlangsamt.

Sodann kann der gemeinsamen Not nur begegnet werden durch Einmütigkeit und Geschlossenheit aller Volkskreise so wie wir es in den letzten Wochen bei den herzbewegenden Kundgebungen unserer schwer geprüften deutschen Volksgenossen im besetzten Gebiet erlebt haben. Wenn nach Schiller dem Sänger der Freiheit und Einigkeit, die Weltgeschichte das Weltgericht ist, so wäre allerdings dae deutsche Volk vor der

schichte gerichtet, sofern spätere Geschichtsschreiber feststellen müßten, wie nach dem gemeinsamen Erleben eines gewaltigen

Weltkrieges und unter dem Drucke eines tief ermiedrigenden Friedens vertrages wie da noch immer im deutschen Volke die alte Zwietracht der Parteien der alte Gegensatz der Interessen in

so kleinlicher und gebäffiger Weise fortwirken und die Kräfte lähmen und zersplütern konnte, statt sie zu vereinigen zu kraftvoller Arbeft am Ansbau des gemeinsamen Vaterlandes Darum möchte ich die Stadtverordneten⸗Versammlung dringend ersuchen, bei allen ihren Entschließumgen von diesen Erwägungen sich leiten zu lassen. Es ist niichterne, den unmittelbaren, prakti⸗ schen Bedürfnissen der Bevölkerung zugewandte fachliche Ar⸗ beit, die in diesen Räumen zu leisten ist; die Parteipolitik hat im Reichsparlament und in den Landesparlamenten für rund 1800 Parlamentarier genügend weites Feld zu jedweder Be⸗ tätigung. Wer das Seelenleben des deutschen Volkes genau beob⸗ achtet, namentlich die Wahlmitdiokeit des letzten Jahres richtig wertet merkt deutlich wie im deutschen Volke doch die Erkenntnis zu reifen beginnt daß es etwas Höheres gibt, als die folgerichtig Durchführung des Partefinteresses. Ideen. die über die Partei Hinaus streben nämlich das Gefühl der Zugehörigkeit zum Staatsganzen, die Mitarbeit am Staatswohle, das Gefühl der Verpflichtung gegen das Volksganze das in allen Gliedern lebendige Gefühl der Daseinsberechtigung und der Lebenswerte des eigenen Volkes.

Meine Damen und Herren! Wenn neugewählte kommunale Vertreter zum ersten Male sich versammeln, so ist naturgemäß, daß sie ein lautes und affenes Bekenntnis ablegen zu einer freien, lebensvollen städtischen Selbstverwaltung, der Selbstverwaltung, die dereinst die Städte groß, blühend und stark zu wichtigen Gliedern des Reiches und Staates gemacht hat, der Selbstverwaltung, die auch heute berufen ist. die aufbauen⸗ den Kräfte mit beizutragen, deren das Reich so dringend bedarf. Freilich mfüssen wir da zu unserem Bedauern feststellen, wie ge⸗ rade in den letzten Jahren mit abwegiger Staatsklugheit büro⸗ kratisches und parlamentarisches Zentralisationsstreben die Selbst⸗ werwaltung auf vielen Gebieten einschnürte.

Meine Damen und Herren! Ich schließe damit, daß ich sage: es ist ein schweres, überaus verantwortungsvolles Amt, das Sie heute übernehmen und in den 3 folgenden Jahren zum Wohle unserer Stadt zu verwalten haben werden. Sie können Ihren Aufgaben am besten gerecht werden, wenn Sie sich bei allen Ihren Entschließungen leiten lassen von klarem Wirklichkeitssinn, größter Einmütigkeit, unbeirrter Sachlichkeit, vom Blick auf das gemein⸗ same große Ganze und von dem Bekenntnis zu freier, verant⸗ wortungsbewußter Selbstverwaltung.

Hierauf wurden die neu eingetretenen Mitglieder vom Ober⸗ bürgermeister durch Handschlag verpflichtet, diesenigen, die bisher sschon der Versammlung angehörten, bezogen sich auf ihre frühere Verpflichtung.

Die wenigen Punkte der öffentlichen Sitzung waren hierauf bald erledigt.

Für Abgabe von Matersalien aus dem Durchgangslager an den Theaterbauverein wird beantragt, den dafür ge⸗ schuldeten Vetrag zu erlassen. Dem wird zugestimmt.

Für Einbinden der Grundbuchkarten muß der bereils bewilligte Kredit auf 25 500 Mark erhöht werden. Die Versammlung stimmt dem zu. J

Von den Kosten der Neubauten des Eisenbahner⸗ Heimstätrtenvereins an der Klinikstraße ete. liegt die Schlußabrechnung vor. Danach wird der Stadt noch ein Betrag von 27586 Mark geschuldet, welcher hypothek isch sithergestollt werden soll. Ene Frage des Stadt. Höhn ob nunmehr auch die Tätigkeit der Stadtoerordneten im Vorstand erloschen sei, wird dahin beantwortet, daß dies nicht der Fall sei.

Zur Deckung der Wahlkosten wird die Bewilligung eines vorläufigen Kredits von 250 000 Mark beantragt. Von der Stadt sind die Kosten der Wahl vorläufig vorgelegt worden. Der Krebft wird bewilligt. Damit war die Tagesordnung der öffent⸗ lichen Sitzung erschöpft. In der nichtöffentlichen Sitzung be⸗ schäftigte sich die Versammlung mit der Wahl der Ausschüisse, De putationen usw.

Volkshochschule und Arbeiter.

Die Volkshochschulbewegung, die nach dem Kriege so

stark einsetzte, hat sich in unserm Kulturleben einen festen

Platz erobert. In der von Eugen Diederichs herausgege⸗ benen Monatsschrift Die Tat finden sich eine Anzahl Briefe von Arbeitern, die an Kursen im Volkshochschulheim Deißigacker(bei Meiningen) teilgenommen haben. Sie erzählen, was sie von diesem Besuch der Volkshochschule ge⸗ habt haben und gewähren damit einen tiefen Einblick in die Auswirkung dieser Bestrebungen.

So schreibt z. B. ein Metallarbeiter, daß er seine Ar⸗ beitsstätte verlassen habe,um über alles, was mich bewegte, zu einer größeren Klarheit zu kommen.Dann war ich in Dreißigacker und saß in einem Saal an einem großen Tisch und hörte die Frage:Was wollen Sie alle in Dreißig⸗ acker? Und alle wollten nicht Wissen und Stoff, sondern alle wollten Antwort auf Fragen haben, die aus inneren Nöten gewachsen waren, mit denen der einzelne nicht fertig wurde. Dann folgte das Leben in Dreißigacker. Die Unter⸗ richtsstunden, die Leseabende, die Diskussionen unterein⸗ ander, die Gruppenarbeit, die Hauptparlamentssitzungen, die Wanderungen, das Leben in Dorf und Stadt, die Feier⸗ stunden, die Besuche, das eigene Erarbeiten, das Lesen von Büchern auf eine Einheit gebracht: das rege geistige Leben von Dreißigacker. Welch ein Gegenpol gegen die andere Einheit, aus der ich kam: mechanisierter Arbeits prozeß im Großbetrieb. In diesen beiden Polen liegt für mich das stärkste Erlebnis in dieser Zeit, stark deshalb, weil ich alles messen mußte, was ich dort sah, an meiner sozialisti⸗ schen Weltanschauung.

Ein Bergmann schildert die Wirkung der Volkshoch⸗ schule auf ihn folgendermaßen:Daß ich ein anderer war, zeigte sich sogleich im Kreise unserer Familie. Meine Be⸗ strebungen waren rein kultureller Natur, die unserer Familie wirtschaftlicher, materieller. Obwohl man das eifrige Be⸗ streben zeigte, mich zu verstehen, vermochten sie es nicht. Jede Debatte, die sich über irgendein Thema entwickelte, wurde auf die Sandbank des Materialismus gezogen. So ist es auch an der Arbeitsstätte. Es ist schwer, ein Gespräch zu führen über ein allgemeines kulturelles Thema, weil man hinter allem gleich Parteiinteressen wittert und der übergroße Teil resigniert und pessimistisch ist. Die einzigste Möglichkeit ist, im kleinen Kreise zu wirken. Trotzdem hat sich der Idealismus gefestigt, nur mit dem Unterschied, daß ich jetzt klarer sehe und mit einem unbeugsamen Willen an mir und meinen Mitmenschen arbeite.

Ein Maschinenschlosser hatte besonders den Wunsch, Klarheit über sein Leben zu gewinnen, und er fand in Dreißigacker Erfüllung:Man konnte hier sein Ideal vor der menschlichen Gesellschaft prüfen. Es waren dort Menschen, die uns nicht als willenlose Objekte des Welt⸗ getriebes ansahen, sondern uns zu bewußten Weltgestaltern machen wollten, die uns auch den Sinn des ganzen Welt⸗ getriebes klar machen wollten. Was für ein anderes Ge⸗ fühl ist es, irgend etwas zum Getriebe der Dinge tun zu können. Es ist mir klar geworden, daß jeder Mensch eine Pflicht im Leben zu erfüllen habe, der er sich nicht entziehen darf. Dieser Pflicht will ich mich nicht entziehen, schon um der anderen Menschen willen. Wenn sie mich brauchen, so werde ich da sein, wenn auch hinter dem Ganzen kein Sinn erkennbar wird. Was im Großen keinen Sinn hat, hat es im Kleinen. Die Menschen dort wiesen mich auf Wege, auf denen ich dorthin kommen konnte, wo ich nach ihrer Ansicht hingehörte. Kam mir mein bisheriges Leben als unnützes Zeitumbringen vor, so glaube ich jetzt, die Zeit bewußter umzubringen wie bisher.

Was hier von den Kursen in einem Volkshochschulheim gesagt ist, trifft auf die Volkshochschule im allgemeinen zu und auch die in Gießen, Wetzlar und andern Orten.

Der Petitionsansschuß setzte am Dienstag seine Beratungen über die Gegenstände betr. Feldbereinigung fort. Zu der bereits befür⸗ worteten Vorstellung Heinrich Benner Treis a. Eda. wurde nach der Regierungsantwort die Erledigterklärung beschlossen. Die Re⸗ gierung wird ersucht, die Auszahlung der Entschädigung zu beschleu⸗ nigen. Zu der Vorstellung Wilh. Gerhardt 3 Langd bei Hungen wurde beschlossen, die Regierung zu ersuchen, die Bürgermeisterei zu veranlassen, eine Verständigung im Wege einer Besprechung zwischen dem Petidenten, den Nachbarn und den Berichterstattern zu ver⸗ dem Petitenten, den Nachbarn und den Berichterstattern zu ver⸗ suchen. Der gleiche Beschluß wurde zu der Vorstellung Chr. Karl Hartmann Wwe. Grüningen gefaßt. Die Borstellung Fischer Erben in Lich wurde dem Regierungsvertreter zur gutachtlichen Aeußerung iiberwiesen. Die weiteren Punkte der Tagesordnung wurden teils für erledigt erklärt, teils zurückgestellt, teils auch dem 2. Ausschuß als Material bei der Beratung des Gesetzes über die Abänderung des Feldbereinigungsgesetzes, überwiesen.

Neue Postgebühren⸗Erhöhung. Vom 15. Jammar werden die Portosätze aufs neue gewaltig erhöht. Es gelten danach folgende Sitze: für Postkarten im Orts verkehr 10 Mk., Fern⸗ verkehr 25 Mk, für Briefe im Orts verkehr bis 20 Gr. 20 Ml., über 20 bis 100 Gr. 30 Mk., über 100 Gr. bis 250 Gr. 50 Mk., für Briefe im Fernverkehr bis 20 Gr. 50 Mk., üb. 20 bis 100 Gr. 70 Mk., üb. 100 bis 250 Gr. 90 Mk.(Für nicht⸗ oder unzureichend freigemachte Postkarten u. Briefe wird das doppelte des Fehlbetrages, mindestens aber ein Betrag von 50 Pfg. nach⸗ erhoben.) Für Drucksachen bis 25 Gr. 10 Mk., über 25 Lis 50 Gr. 20 Mk., über 50 bis 100 Gr. 30 Mk., über 100 bis 250 Gr. 50 Mk., über 250 bis 500 Gr. 70 Mk., üb. 500 Gr bis 1 Kilo 90 Mk., über 1 bis 2 Kilo(nur für einzeln versandte, ungeteilte Druckbände zulässig) 180 Mk.; für Ansichtskarten, auf deren Vorderseite Grliße oder ähnliche Höflichkeitsformeln mit höchstens 5 Worten niedergeschrieebn sind, 10 Mk.(Ansichtskarten, die weitergehende schriftliche Mitteflungen enthalten oder bei denen sich Mitteilungen auf der Rlückseite befinden, unterliegen der Postkartengebühr.)

Steuerermäßigung für Kriegsbeschädige. Nach§ 40 des Einkommenstenergesetzes konnten auf Autrag bei den zuständigen Finanzämtern den Kriegsbesschädigten erhöhte Werbungskosten zu⸗ gebilligt werden. Dieses hat nun eine Vereinfachung erfahren. Kriegsbeschädigte von einschließlich 90 Prozent aufwärts kommen unter Vorlage des Steuerbuches sür 1923 und des Rentenbescheids bei den zuständigen Finanzämtern in den Genuß der erhöhten Werbungskosten. Diese erhöhten sich um den Prozentsatz, mit welchem der Autragsteller bei der Versorgungsstelle anerkannt Würde. Zum Vesspiel: Werbungskosten für 1923 12 000 Mark, auerlauntes Leiden 60 Prozent von J 0% Mark== Ta Mark, erhöhte Werbungskosten 19 200 Mark. Eine frühere Verfügung

hatte eine Staffelung vorgesehen und unter den oben angeführten Unterlagen auch eine Verdienstbescheinigung verlangt Dieses ist nun in Wegfall gekommen.

Mehr Kaxrtosselsusel! Amtlich wird geschrieben: Durch Be⸗ kanntmachung des Reichsministers für Ernährung und Landwirt⸗ schaft vom 28. Dezember 1922, deren Veröffentlichung im Reichs⸗ gesetzblatt in diesen Tagen erfolgen wird ist das Brennrecht für Kartoffeln von 20 Prozent auf 60 Prozent des Gesamtbrenurechts erhöht worden. Es steht sest daß die Ernte mindestens 390 Mil⸗ lionen Tonnen beträgt und bereits der versorgungsberechtigten Bevölkerung 5 Millionen Tonnen zugeführt worden sind. Bei diesem Sachverhalt bestehen vom Standpunkt der Versorgung der Bevölberung mit Speisekartoffeln Bedenken nicht mehr. Mir wollen abwarten, ob nicht zur Begründung eines anderen Zweckes bald das Gegenteil behauntet wird. Tatsächlich haben noch sehr. sehr viele Menschen nicht genügend Kartoffeln zum essen. Schnaps dagegen ist schon im Ueberfluß zu haben.

Die Feuerbestattungen haben in der letzten Zeit bedeutend zugenommen. In Dresden fand kurz vor Schluß des alten Jahres in der städtischen Feuerbestattungsanstalt in Dre Tolkewitz die 1000 fte Einäsche rung statt. An Einäsche rungsösen sind zur Zeit zwei vorhanden, ein dritter Ofen kann noch eingebaut werden. Die In⸗ betriebnahme der Feuerbestattungsanstalt erfolgte am 22. Mat 1911. Die Kosten einer Einäscherung sind in Dresden wesentlich niedriger als die einer Erdbestattung.

Warnung ffir Telephon⸗Inhaber. Von polize licher Seite wird mitgeteilt: Es wurde festgestellt, daß underufene Personen an⸗ geblich im Auftrag des Postamts, sich bei Telephonbesitzern einfin⸗ den, um die Apparate in Ordnung zu bringen. Sie benutzen diesen Trick, um Wohmungen zu etwaigen Diebstählen n. Die Postbeamten und Postarbeiter sind im Besitze einer Legitima⸗ tionskarte, welche sich die Interessenten vorzeigen lassen sollen, um unberufenen Personen das Handwerk zu legen. i

Fahrplan⸗Aenderung. Von Montag, den 15. Jannar 1923 ab erhält Pz. 793 von Langgöns bis Fronhausen folgen⸗ den Fahrplan: Langgöns ab 3.19 nachm., Gr.⸗Linden ab 3.25, Gießen an 3.33, ab 3.30, Lollar ab 3.50, Friedelhausen ab 3.56, Fronhausen (Lahn) an 4.02 nachm., und weiter wie bisher.

Ausverkäufe. Nach der Bekanntmachung des Kreisamts Gießen vom 2. Februar 1910 dürfen Saison⸗ und In ventur⸗ Ausverkäufe nur in der Zeit vom 2. Januar bis 15. Februar und vom 1. Juli bis 15. August jedes Jahres, jedoch nur auf die Dauer von je 14 Tagen abgehalten werden. Ausverkäufe, die außer⸗ halb dieser Zeit stattfinden sollen, sind unter genauer Angabe des Grundes und unter Einreichung eines Verzeschnisses der auszuver⸗ katfenden Waren sieben Tage vor der Ankündigung bei der Han⸗ delskammer Gießen anzuzeigen. Im Zuwiderhandlungsfalle müßten Strafanzeigen erhoben werden.

Gefundenes Fahrrad. In der Nacht zum 8. Januar wurde ein Fahrrad gefunden. Der Eigentümer soll sich auf der Kriminal⸗ abteilung im Polizesamt melden.

Diebstätle. Entwendet wurde aus einer Auslage 1 Paar braune Boxkalfherrenschrürschuhe Größe 42, 1 Paar kaffeebraune wildlederne Damenhalbschuhe zum Schnüren, Größe 38, ein ein⸗ zelner schwarzer Boxkalfschnürschuh, Größe 40.

Eine Auto⸗Spritztour. Hier wurde am Montag ein Chauffeur festgenommen, der mit dem Personenauto seiner Firma, ohner deren Genehmigung, nach Gießen gefahren war und hier Sachen ver⸗ kaufte, die der Firma gehörten.

Lang⸗Göns. Kan inchen⸗ und Geflügelaus⸗ stellung. Am Samstag, den 13. und Sonntag, den 14. Jauuar 1923 hält der Kaninchen⸗ und Geflügel⸗Zuchtverein Lang⸗Gön⸗ eine große Lokal⸗Ausstellung in der geräumigen Turn bo- Prämiierung ab, wozu alle Freunde und Gönner See, Tei eingeladen werden.

Langsdorf. Eine bedeutende En schuft hat, wie verlautet, der hiesige Polizeidiener Bender gemacht. Von Ver⸗ wandten in Amerika erbten er und sein Schwager Bommersheim in Bettenhausen 40 000 Dollar, was nach dem jetzigen Kursstande 8590 Millione... 8macht.

Kreis Schotten.

Gedern. Der am Sonntag hier abgehaltene Kursus der Ge⸗ meindevertreter war von 36 Genossen aus der Unngegend besucht. Genosse Wittig referierte über die Tätigkeit der Gemeindevertreter und fanden seine Ausführungen reichen Beifall. In der an⸗ schließenden Diskusston wurden verschiedene Anfragen gestellt und beantwortet. Von Rednern wurde scharf gegen die Erweiterung der Koalition Stellung genommen. Der nächste Kursus soll nicht wie beabsichtigt am 21. Januar stattfinden, da die Metallarbester an diesem Tage in Hirzenhain Generalversammlung haben, son⸗ dern erst am 28. Januar.

Von Nah und Fern.

Frankfurt a. M., 9. Januar. Notstands arbeiten. Für weitere Notstandsarbeiten im Südbecken des Osthafens und für In⸗ standsetzungsarbeiten in städtischen Gebäuden stellte der Magistrat insgesamt 75 Millionen Mark zur Verfügung. J

Frankfurt a. M., 9. Januar. Ein nicht empfehlens⸗ werter Werkmeister. Als er zum fünftenmal mit einem Ge⸗ nossen in eine Schuhfabrik einbrechen wollte, wurde der Werkmeister Michael Kahl überrascht und der Polizei übergeben.

Frankfurt a. M., 9. Jannar. Jugendliche Einbrecher. Drei 16jährige Hilssarbeiter stahlen durch Einbruch aus einer Jigarettensabrik in der Lahnstraße für 500 000 Mark Zigaretten. Sie wurden überrascht und verhaftet.

Frankfurt a. M., 8. Jan. Karnevalverbot. Das Karne⸗ valperbot, das sich auf öffentl. Umzüge, sowie Maskenbälle, Kostüm⸗ feste usw. bezieht, während geschlossene Gesellschaften der e migung bedürfen, ist heute vom Polizeipräsidenten auf die Ankün⸗ digung öffentlicher Karnevalsveranstaltungen an den Anschlagssäulen

ausgedehnt worden. 5 Frankfurt a. M., 9. Januar. Internationale D.⸗Zug⸗ diebe. In Saßnitz verhaftete die Kriminalpolizei ein Frankfurter Paar, das seit langen Monaten den Schrecken aller D.⸗Zugreisenden bildete, namentlich auf den Strecken Frankfurt⸗Basel, Frankfurt⸗ Berlin und verschiedenen norddentschen Linen. In der Wohnung fand man ein nach vielen Millionen wertendes Lager gestohlener Gold⸗ und Silbersachen, Wäsche⸗ und Kleidrngsstücke, sowie mehr als ein Dutzend Koffer. Das Paar wurde während der Fahrt von

Saßnitz nach Stralsund auf frescher Tat überrascht und feste Der Mann war im Besitz eines Ausweises als Eisenbahnkontrolleur, der ihm die Ausführung der Diebstähle wesentlich Erleichterte. Darmstadt, 9. Jan. Die Verhandlung über den Raubmord von Gadernheim wurde heute weitergeführt. Für die Verhandlung sind über 60 Zeugen und ärztliche Sachver⸗ ständige geladen. Der jüngere Jakob Roßmann hat sein Ge nis während der gestrigen Verhandlung derart behauptet. daß er Tat selbst ausgeführt habe, aus freiem Entschluß selbst gehandelt habe. Er schildert die Tat ohne jede Reue mit brutaler Kaltblütig⸗ keit. Bezeichnend für ihn ist, daß er mit 14 Jahren bereits mit dem Gericht wegen Fahrraddiebstahl in Konflikt kam. Er wurde freigesprochen, doch der Zwangserziehumg zugeführt. Im Jabte 1921 wurde er wegen Fahrraddiebstahl angeklagt. Er hat damals seinen Bruder der Anstiftung bezichtfol. Das Verfahren schwebt moch. Der ältere R. war bei der Reichs wehr und gehörte später der Schunn an. Num wollte er seinen Bruder zur Reichswehr mitnehmen und die Mittel aus dem Raubmord gewinnen. Mit dem gerandten Gelde ließ der ältere R. in einer Wirtschaft einen Grammophon spielen. Er wollte damit verräterischen Zufällen vorbeugen. Mit seinen Ge- ständnissen und teilweisem Widerruf hat J. R. öfters gewechselt, doch war dasjenige, nachdem seine Angehörigen den von ihm durchae⸗ schmußgelten Brief an die Gendarwerie abgelfefert hatten, in allen