übrigen sei das Ministerium
beteuernd auf das
sich auch mit der Frage, ob in der Reichswehr republikanische Gesinnung unterdrückt werde. Reichswehrminister Dr. Geßler stellte fest, daß nach feiner Ueberzeugung die Offiziere ihren Eid ohne Vorbehalt geleistet haben. Im nicht berechtigt, bei seinen Offizieren die Frage zu stellen, ob sie die Republik für die
allerbeste Staatsform hielten, sondern es handele sich darum, daß alle Mann der Republik vorbehaltlos und treu dienen.—
r Geßler ist von einer geradezu sträflichen Naivetät. Da haben die staatlichen Gewalten im alten Deutschland über die Freiheit des politischen Vekenntnisses der Beamten anders, realpolitischer gedacht. So hat die Disziplinar⸗ kammer in Kassel im Jahre 1903 gegen einen Postbeamten auf Dienstentlassung erkannt,„weil der Beruf eines Be— amten erfordert, daß der Beamte die Ordnung, auf der sein Amt als solches beruht,, in die es eingefügt ist,„als sittlich berechtigt anerkennt“. Und weiter heißt es in dem be⸗ treffenden Disziplinarerkenntnis:„... als Beamter ist er um der Tatsache einer die Amtstreue ausschließenden Ge⸗ sinnung(gemeint die den Staat, dem er geschworen hat, ablehnende Gesinnung. Anm. der Red.) willen der Achtung, die sein Beruf erfordert, unwürdig.... Diese Unwürdig⸗ keit schließt insbesondere die Möglichkeit gewissenhafter Er— füllung der Amtspflichten aus. die dem Beamten in der Stellung eines Vorgesetzten erwachsen“. Und der kaiserliche Disziplinarhof in Leipzig hat das Urteil bestäligt und in der Begründung von jedem Beamten„je an seinem Teile eine dienstliche wie außerdienstliche Förderung des Staatsinteresses gefordert“. Wir wollen den früheren Staatsgewalten bei dieser Auffassung der Beamtenpflichten gewiß nicht bis in die letzten Konsequenzen folgen, aber ein Offizier der reyublikanischen Reichswehr, dessen Beruf und Amtspflicht es ist, die republikanische Verfassung mit seinem Leben zu schützen, kann sein Amt nicht erfüllen, wenn er in seiner Gesinnung den republikanischen Staat niht„als sittlich berechtigt“ anerkennt sondern ihn innerlich ablehnt.
* 4 6
Ein Zentrumsurteil über Dr. Becker⸗Hessen.
Unter der Ueberschrift„So wandeln sie, die„starken Männer“ schreibt die Zentrums. Partei ⸗Correspondenz (G. P. C.).
Unter den Parlamentariern, welche dem Kabinett Dr. Wirth wegen seiner„Erfüllungspolitik“ Opposition mach⸗ ten, war einst einer der hartnäckigsten und eigensinnigsten der Führer der Deutschen Volkspartei, Dr. Becker Hessen. Er war in dem Punkte mitunter noch verständ⸗ licher als sein Parteikollege Hugo Stinnes. Es ist schon bekannt, daß Dr. Becker⸗Hessen mit dem Eintritt in das Kabinett Dr. Cuno einen Gesinnungswandel vollzogen hat, Ohne solchen Gesinnungswandel hätte er in ein Ka⸗ binett, das die Politik Dr. Wirths sortsetzen wollte, und obendrein einen Reichsfinanzminister Dr. Hermes ent⸗ hielt, nicht eintreten können. Es ist weiter bekannt ge— worden, daß bei den Vorberatungen für die Vorschläge in Paris Dr. Becker⸗Hessen und Dr. Hermes sehr einträchtig zusammengearbeitet haben. Zu alledem legt nun noch der neue Reichswirlschaftsminister in der Neujahrsnummer g Sparteilichen Zeitung Die Zeit ein offenes Bekennt⸗ nis ab für seine neue Auffassung üher die Forderungen der
tschen Politik in der Reparationsfrage, die im Grund genommen nichts anderes ist, als eine Anerkennung der fa der Politik Dr. Wirths in der Reparations⸗ rage. N Dr. Becker⸗Hessen gehörte zu den sogenannten starken Männern im Reichslbage, die sich der
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Die Sängerin. 5
Novelle von Wilhelm Hauff.
„Kein Umstand ist bei solchen Vorfällen gering, meine liebe Kleine,“ antwortete der Mann der Polizei;„wenn Sie irgend etwas wissen—“
„Ich glaube fast, Signora ist zu diskret und will nicht recht mit der Sprache heraus; als sie den Stich bekam und in meinen Armen ohnmächtig wurde, war ihr letzter Seufzer— Bolnau.“
„Wiek“ rief der Direktor entrüstet,„und das verschwieg man mir bis jetzt? Einen so wichtigen Umstand; haben Sie auch recht gehört— Bolnau?“
„Auf meine Ehre,“ sagte die Kleine und legte die Hand Herz.„Bolnau, sagte sie, und so schmerz⸗ lich, daß ich nicht anders glaube, als so heißt der Mörder; aber bitte, verraten Sie mich nicht!“
Der Direktor hatte den Grundsatz, daß kein Mensch, er sehe so ehrlich aus, als er wolle, zu gut zu einem Verbrechen sei. Der Kommerzienrat Bolnan, und einen anderen wußte er nicht in dieser Stadt, war ihm zwar als ein geordneter
Mann bekannt, aber— hatte man nicht Beispiele, daß ge⸗
rade solche Leute, denen man vor der Welt nichts nachsagen konnte, der Justiz am meisten zu schaffen machen? Konnte er nicht mit diesem Chevalier de Planto unter einer Decke spielen? Er setzte unter diesen Betrachtungen seinen Weg weiter fort, er näteerte sich der Breiten Straße es fiel ihm bei, daß um diese Zeit der Kommerzienrat sich dort zu er⸗ gehen pflegte; er beschloß, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Richtig, dort kam er die Straße herab, er grüßte rechts, er grüßte links, er sprach alle Augenblicke mit einem Bekannten, er lächelte, wenn er weiter ging, vor sich hin, er schien munter und guter Dinge zu sein. Er mochte etwa Joch fünfzig Schritte vom Direktor entfernt sein, als er seiner ansichtig wurde; er erbleichte, er wandte um und wollte in eine Seitenstraße einbiegen.„Ein verdächtiger, sehr verdächtiger Umstand!“ dachte der Direktor, lief ihm nach, rief seinen Namen und brachte ihn zum Stehen. Der Kommerzienrat war ein Bild des Jammers: er brachte in hohlen Tönen ein„Bon jour, Bon jour“ hervor, er schien lächeln zu wollen, aber die Augen gingen ihm über und sein Gesicht verzog sich krampfhaft; seine Knie zitterten, seine Zähne schlugen hörbar aneinander.
„Ei, ei, Sie machen sich recht rar. Habe Sie schon ein paar Tage nicht an meinem Fenster vorbeigehen sehen: Sie
uneingeschränkten
Sympathie selbst der Rechtsstehenden erfreute. Mit dieser Sympathie wird es naturgemäß jetzt vorbei sein. Dr. Becker⸗Hessen bemerkt in seinen Ausführungen, daß„ge⸗ rade bie jetzige Regierung“ ihren Verständigungswillen mit Frankreich oft genung klar ausgesprochen hat. Man könnte fast darin einen Vorwurf gegen das Kabinett Dr. Wirth⸗Rathenau heraushören, wenn dazu eine Veran⸗ lassung vorläge. Jedenfalls bemerkt man an dieser Wendung, wie stolz Tr. Becker-Hessen auf diese Eigenschaft der Ver⸗ ständigungsbereitschaft des neuen Kabinetts ist. Ja, es ist schon manch einer ous einem Saulus ein Paulus geworden, aber nichts für ungut. wie wünschen Dr. Becker⸗Hessen mit seiner neuen Politik, die wir kür weit richtiger halten. als seine alte parlamentarische Politik der Mißtraucusooten gegen Dr. Wirth, guten Ersolg— im neuen Jahre.
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Ist es schon Tollheit, hat es doch Met) ode. Die unerträglichen Lasten der Rheinlandbefatzung.
Die Rheinlandbesatzung beträgt zur Zeit 140 000 Köpfe, ist also rund doppelt so groß, wie die Gesamtstärke der vor dem Kriege im Rheinland befindlichen deutschen Garnisonen(70 000 Köpfe)..
Die„Rheinlandkammission“ soll vertragsgemäß aus 4 Mit⸗ gliedern bestehen, umfaßt aber tatsächlich rund 1300 Köpfe. 5
Die Gesamtausgaben für die Rheinlandbesatzung und die Rheinlandkommission können dis Ende 1922 auf 4%½ Milliarden Goldmarl beziffert werden. Deutschland muß also allein an Be⸗ satzungskosten für die ersten 4 Jahre der Rheinlandbesetzung eine Summe aufbringen, welche die ganze Kriegsentschädigung, die
Frankreich nach 1870/71 an Deutschland zu zahlen hatte, schon jetzt weit übertrifft.
Die Reparationskommission allein erfordert im Jahr einen Aufwand von 36 Milltarden Papiermark, d. h. genon die Hälfte desjenigen Betrages, den Deutschlaud für die Besofdung ämt⸗ licher Reichsbeamten, it Ausnahme der Eisenbahn⸗ und Post⸗ beamten, nach dem Stande von Ende November 1922 jährlich
aufwendet.
Die Kontrollkommissionen verursachten im Oktober 1922, ohne die Heimatgehälter, einen Betrag ven 300 Millionen Mark mo⸗ natlich, oder, auf das Jahr umgerechnet, 3,6 Milliarden Mark. Eine Summe also, die etwa gleich groß ist wie der Gesamtbetrag, der im Reichshaushalt für die Gewährung von Kriegsbeschädig⸗ ten⸗Renten an rund 1,6 Millionen erwerbsbeschränkte deutsche Kriegsbeschädigte im Rechnungsjahr 1922 vorgesehen ist.
Ein einfacher Soldat der Rheinlandbesatzung erhielt nach dem Stande vom Oktober 1922 allein an„Deutschlandzulagen“ neben seiner Heimatlöhnung und neben freier interkunft monatlich auen Vetrag von rund 140 000 Mk., das ist mehr als das da⸗ zalige gesamte Monatsgehalt eines deutschen Generals oder Staatssekretärs und annähernd ebensoviel wie das Oktober⸗ gehalt eines deutschen Reichsministers. 1
Ein englischer Generalpräsident einer der interalltierten Kom⸗ missionen bezieht einschl. seines Heimatgehalts den Betrag von
600 Mek., wozu noch die sehr erheblichen Kosten für die Unterkunft kommen. Ein einsacher eunlescher Soldat erhält, ohne die Unterkunftkosten jährlich 5 022 000 Me. in bar.
Der deutsche Reichskanzler bezieht nach dem Stande vom Dezember 1922, ohne die Aufwandsentschädigung, ein Dienstein⸗ kommen von 2 230 000 Mk., also noch nicht 5 v. H. des gesamten Diensteinkommens, das ein englischer Generalpräsident in Deutschland bezieht.
Ein deutscher Reichsminister bezieht alles in allem einschl. seiner Aufwandsentschädigung ein Nettodiensteinkommen, das noch drei Fünftel des Diensteinkommens eines einfachen engli⸗ schen Soldaten oder Schreibers der Kontrollkommissionen erreicht.
Nothilfe für die V. S. P. Hessens.
Die große Notlage der Ver. Sozd. Partei Hessens veranlaßt das Bezirkssekretarigt, die Spender freiwilliger Beiträge für die Parteikasse, soweit sie nicht Notstandsmarken kaufen, periodisch öffentlich bekannt zu geben.
5. Januar 1923 von Staatspräsident Ulrich erhalten 10 000 Mark. W. Widmann, Bezirkssekretär.
Hesen und Nachbargebiete.
5 5
Gießen und umgebung. 1 —— 9 2*
Geschichts talender.
11. Januar.. 0 1753 Charlotte Buff, das ur der Lotte in Goethes„Werthers Leiben“, in Wetzlar geboren. 7
1784 Erste Aufführung von Schillers„Fiesco“ in Mannheim. 9 1820 Ter Literarhistoriker Friedrich v. Schlegel in Dresden ge⸗ ö 6 storben. i 1919 Planmäßiger Augriff der Regterungstruppen gegen—
Berliner Spartakisten. Rückeroberung des Vorwärts usw. 1
—
Not treibt zum Tod!
Die Frankfurter Zeitung meldet:„In einer eee in Essen wurde mitge⸗ teilt, daß in den letzten Wochen im Ruhrrevier
über hundert Selbstmorde aus Nahrungssorgen verübt worden seien.“ 2 i J 1 Nachrichten über Freitode aus Verzweiflung finden.
3—— ̃——.
jetzt ungeheuer zahlreich in den Lokalblättern aller Landes⸗ teile, vornehmlich der Städte. In Berlin sprang ein Man
in die Spree, der zum Zeichen der Not vorher mehrere Schüsse auf das Börsengebäude abgab. Diese Verzweiflungs⸗ täten Notleidender sind eine furchtbare Anklage gegen die heutige Wirtschaftsordnung und der auf ihr aufgebauten 0 sozialen Klassenherrschaft. Vielleicht sind es Sozialrentner, 7 Krüppel, Kriegsverstümmelte, Kleinrentner usw., die aus
Verzweiflung als letztes Mittel den Freitod wählen. Diese
Opfer sind für uns alle eine erschütternde Mahnung und ein Ansporn, nun erst recht und doppelt unsere Pflicht im
sozialen Ringen zu tun. Nur die organisierte Gemeinschaft ö aller Schaffenden kann einst die Macht aufbringen, die Wirt⸗
schaftskräfte zu bändigen, sie durch Ueberführung in Gesell⸗
schaftsbesitz zu entfalten, zu steigern und so die Not des ein⸗
zelnen zu einer Angelegenheit der Allgemeinheit machen.
Ist diese Grundlage geschaffen, so ist die Not auch schon be⸗
seitigt und die dauernde Niederhaltung des Elends verbürgt.
Durchgeführter Sozialismus bedeutet die Erlösung aller
Verzweifelnden. Bis dahin muß aber auch gerade für die
am meisten der Not Ausgesetzten schon jetzt mehr getan wer⸗
den, wenn sich die Zahl der Selbstmorde dieser Aermsten
und Bedrücktesten nicht erschreckend vermehren soll.
Das Stadtparlament
der Stadt Gießen, das am 19. Nopember vorigen Jahres neu gewählt wurde, trat am Dienstag zur ersten Sitzung zusammen. Die Versammlung war fast komplett, es fehlten nur zwei Mitglieder, die wegen Krankheit verhindert waren. Die Zusammensetzung der Stadtverordneten⸗Versammlung haben wir kurz nach der Wahl in unserem Blatte angeführt, sie sei nochmals wiederholt. Es gehören ihr an: Stadtver⸗ waltung: Oberbürgermeister Keller, Bürgerm. Kren⸗ 4 zien, Beigeordn. Dr. Seib, Beigeordn. Dr. Frey, Beigeordn. Rosenberg, Beigeordn. Klingspor.
Stadtverordnete: Sozialdemokratische Partei: Beckmann, Diener, Goß, Kiel, Frau Lorenz, Maier, Mann, Frau Martin, Moosdorf, Schmidt, Vetters;
Demokratische Partei: Frau Biermann, Fischer, Höhn, Mayer, Simon; 20
Zentrumspartei: Goerz, Schwab;
Vereiniglte Bürgerliste(Deutsche Volkspartei, Deutsch⸗ nationale Volkspartei, Bürgerverein usw.): Appel, Becker, Dr. Borgmann, Gottmann, Horn, Kirchner, Kling, Krailing, Frau Kramer, Dr. Krausmüller, Löber, Loh, Müller, Frau
scheinen nicht recht wohl zu sein?“ setzte der Direktor mit einem stechenden Blick hinzu.„Sie sind so blaß, fehlt Ihnen etwas?“
„Nein— es ist nur so ein kleines Frösteln— ich war wirklich einige Tage nicht wohl, aber gottlob, es geht mir besser.“
„So? Sie waren nicht wohl?“ fragte jener weiter. „Das hätte ich kaum gedacht; ich glaubte Sie doch noch vor wenigen Tagen auf der Redoute recht munter gesehen zu haben.“
„Ja freilich; aber gleich den folgenden Tag mußte ich mich legen; ich bekam meine Zufälle wieder, aber ich bin jetzt ganz wieder hergestellt.“
„Nun, da werden Sie nicht versäumen, die nächste Redoute zu besuchen; es ist die letzte und soll sehr brillant werden, ich hoffe Sie dort zu sehen; bis dahin adieu, Herr Kommerzienrat!“
10.
„Werde nicht manquieren!“ rief ihm der Kommerzien⸗ rat Bolnau mit jammervollen Mienen nach.„Der hat Ver⸗ dacht!“ sprach er zu sich.„Der weiß etwas von dem Wort der Sängerin. Zwar sie soll swvieder hergestllt sein; aber kann nicht der Verdacht im Herzen dieses Polizisten um sich fressen? Kann er mich nicht aus Argwohn beobachten lassen? Die geheime Polizei wird mich verfolgen; auf allen meinen Schritten und Tritten sehe ich schlaue, fremde Gesichter. Ich darf nichts mehr reden, so wird es rapportiert, gedeutet; ich werde, o Gott im Himmel, ich werde ein unruhiger Kopf, ein gefährliches Individuum; und doch lebte ich still und harmlos wie Wilhelm Tell im vierten Akt!“
So sprach der unglückliche Bolnau bei sich; seine Angst vermehrte sich, als er über die verfängliche Frage wegen der nächsten Redoute nachdachte.„Er meint gewiß, ich werde mich nicht in die Nähe der Sängerin wagen, aus bösem Ge⸗ wissen; aber ich muß hin, ich muß ihm diesen Verdacht be⸗ nehmeni Und doch— wird mich nicht in ihrer Nähe ein Zittern und Beben überfallen, gerade weil er glauben kann, ich werde aus Gewissensbissen und Angst zittern?“ Er quälte sich ab mit diesen Vorstellungen, sie beschäftigten ihn tagelang, er erinnerte sich, daß ein berühmter Schriftsteller in einer Schrift bewiesen habe, daß man Angst vor der Angst haben könne, und dies schien ihm ganz sein Fall zu sein. Aber er fühlte, daß er sich ein Herz fassen und der Gefahr
entgegengehen müsse. Er ließ sich vom Maskenverleiher den
prachtvollen Anzug des Pascha von Janina(dieser spielte zu Beginn der griechischen Freiheitskämpfe am Anfang der zwanziger Jahre eine vielbesprochene Rolle) holen; er zog ihn alle Tage an und übte sich vor einem großen Spiegel, recht unbefangen aus seiner Maske hervorzuschauen. Er machte sich aus seinem Schlafrock eine Puppe und setzte sie auf einen Sessel; sie stellte die Sangerin Bianetti vor. Er ging als Pascha um sie her, näherte sich ihr und sprach:„Es freuet mich unendlich, Sie in so erwünschtem Wohlbefinden zu sehen.“ Am dritten Tage konnte er seine Lektion schon ganz ohne Zittern sagen, daher legte er sich noch Schwereres auf. Er wollte recht artig und unbefangen sein und ihr einen Teller mit Bonbons und Punsch offerieren. Er übte sich mit einem Glas Wasser, das er auf einen Teller setzte. Von Anfang klirrte es schrecklich in seiner zitternden Hand; aber auch diese Schwachheit überwand er, ja er konnte ganz lustig dazu sagen:„Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas weniges Punsch und etliche Bonbons?“ Es ging trefflich; kein Sterblicher sollte ihn beben sehen. Ali Pascha von Janina fühlte Mut in sich, trotz seiner Angst, auf die Redoute zu gehen.
Der Medizinalrat Lange hatte es sich nicht nehmen lassen, die Genesene zum erstenmal wieder unter die Leute zu führen. Sie hatte es ihm gerne zugesagt; hatte er doch durch seine treue Pflege, durch die väterliche Sorgfalt, wo⸗ mit er sich ihrer angenommen, ein Recht auf ihre wärmste Dankbarkeit gewonnen. So kam er mit ihr auf die Redoute, und er schien sich nicht wenig auf den Platz an der Seite des schönen, interessanten Mädchens zugute zu tun. Die Leute in B. sind ein sonderbares Volk. In den ersten Tagen hatte man von den nobelsten Salons bis hinab in die Bierschenken von der Sängerin Uebles gesprochen; als aber Männer von Gewicht sich ihrer annnahmen, als angesehene Damen sich öffentlich für sie erklärten, drehte sich die Fahne nach dem Wind, und die Ber liefen, gerührt über das Schicksal des armen Kindes, in den Straßen umher und starben bald vor Entzücken, daß sie genesen. Als sie in den Saal der Redoute trat, schien alles nur auf sie, als die Königin des Festes, gewartet zu haben; man jubelte und jauchzte, man klatschte in die Hände und rief Bravol, als hätte sie eben die schwersten Rouladen zustande gebracht. Auch dem Medizinal⸗ rat fiel sein Anteil am Beifall zue„Sehet, der ist,“ riefen sie,„das ist ein geschickter Mann, der hat sie gerettet.“ g
(Fortsetzung folgt.) 0 15%


